{"id":103,"date":"2005-04-05T13:22:54","date_gmt":"2005-04-05T11:22:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=103"},"modified":"2005-04-05T13:22:54","modified_gmt":"2005-04-05T11:22:54","slug":"schulerfragen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=103","title":{"rendered":"Sch\u00fclerfragen"},"content":{"rendered":"<p>In der achten Lektion der wunderbaren <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/04\/crime-school-lektion-8.php\" target=\"_blank\">Crime-School<\/a> geht es erneut um die Beck-Romane von Sj\u00f6wall \/ Walh\u00f6\u00f6. Lehrer dpr stellt fest: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Das Konzept der Sj\u00f6wall \/ Walh\u00f6\u00f6 \u00e2\u20ac\u201c Romane ist zun\u00e4chst unabh\u00e4ngig vom \u00e2\u20ac\u017eGenre\u00e2\u20ac\u0153 Krimi zu sehen. Bei der Frage der Umsetzung allerdings (und nur darum kann es in einer Kritik gehen; \u00e2\u20ac\u017eIdeen\u00e2\u20ac\u0153 oder \u00e2\u20ac\u017eBotschaften\u00e2\u20ac\u0153 sind erst einmal nichts weiter als Treibstoff f\u00fcr die Literaturproduktion. Allein betrachtet sind sie nichts wert. Jeder Idiot kann \u00e2\u20ac\u017etolle Ideen\u00e2\u20ac\u0153 haben.) zeigt sich, wie unverzichtbar die Genrewahl ist. Sie schafft Schnittstellen zum Leser (und sei es nur, um diesen bei der Stange zu halten, weil es \u00e2\u20ac\u017eso spannend!\u00e2\u20ac\u0153 ist) und formt die Spannungsb\u00f6gen.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>\nMich erinnert dies an manche Argumente in Kritiken zu Kriminalromanen, in denen es hei\u00dft, ein guter Kriminalroman <strong>funktioniere<\/strong> auch nur als Kriminalroman &#8211; die Wahl des Genre ist also unabdingbar. Geschichten, Ideen, Botschaften, die sich eben nur als Krimi &#8222;verkaufen&#8220; lassen.<\/p>\n<p>Immer wieder betont dpr auch, dass ein Text mit dem Leser kommuniziert. Nur: Wollen Leser das wirklich? Ohne eine Bewertung vornehmen zu wollen: Sind Krimileser wirklich an Kommunikation, an Ideen, an Botschaften interessiert? Lieben sie nicht mehr den kurzen Kick, die Spannung, die Entspannung, das Abschweifen in andere, fremde, exotische Welten? Warum wird der Soziokrimi oftmals mit spitzen Fingern gelesen? Andererseits: Wie passt da ein Ph\u00e4nomen wie Hennig Mankell rein, der ja durchaus (grauenvoll schlecht verpackt) Botschaften \u00fcber den Zustand der schwedischen Gesellschaft r\u00fcberbringen m\u00f6chte und damit bislang Erfolg hatte. St\u00f6\u00dft Kriminalliteratur hier nicht an ihre Grenzen &#8211; denn was kann ein Text (ob er nun gut oder schlecht ist) wirklich an Botschaften transportieren oder gar &#8222;bewegen&#8220;?<\/p>\n<p>Ein Punkt, der f\u00fcr den Kriminalroman spricht, ist in meinen Augen der immer wieder formulierte Denkansatz, Kriminalliteratur bl\u00fche nur in Demokratien, in offenen Gesellschaften. Kriminalliteratur also im doppelten Sinne als Funktionsliteratur: Spannung f\u00fcr den Leser auf der einen Seite, damit er an der Geschichte, an den Botschaften dran bleibt, Kritik an gesellschaftlichen Zust\u00e4nden oder geschichtlichen Ereignissen auf der anderen Seite. Gerade hier muss sich der kriminallistische Text beweisen: offene oder geschickt versteckte Gesellschaftkritik (zwischen den Zeilen), die einen Kriminalroman brisant werden l\u00e4sst. M\u00f6glich erscheint dies eben nur in offenen Gesellschaften.<\/p>\n<p> Liegt hier die Zukunft des geliebten Genres? Verleiht ihm dies Gewicht? Weg von schn\u00f6den Morden nur um des Morden willens, als reiner Nervenkitzel, hin zu einer \u00c4sthetik des Aufbegehrens, des Widerstands, des Untergr\u00fcndigen, des Nonkonformen? Abschiednehmen von den starren Formen, Vorgaben und Regeln (Mord &#8211; Aufkl\u00e4rung &#8211; T\u00e4ter)  hin zu Experimenten? Irgendwann habe ich mal geschrieben, dass sich viele Autoren im Gewitter der postmodernen Beliebigkeit und des &#8222;Alles-ist-m\u00f6glich&#8220; Halt in eben diesen festen Formen der Kriminalliteratur erhoffen. Ein Trugschluss?<\/p>\n<p>Gleichzeitig f\u00fchrt aber die \u00dcberfrachtung mit &#8222;Botschaft&#8220; zur Langeweile. Wo bleiben da die Massen von Lesern, die nach ihrem Tagwerk einfach nur abschalten m\u00f6chten? Muss man nicht die Anspr\u00fcche herunterschrauben, liegt es an einer guten (wie auch immer gearteten) Mischung zwischen Botschaft\/Idee und Spannung? Auch wird der 130. Krimi zum Thema Kindesmissbrauch niemanden den Atem rauben &#8211; weil diese Themen oftmals ausgelatscht und ausgelaugt sind &#8211; es sei denn, der Leser empfindet bei der Lekt\u00fcre Spannung.<\/p>\n<p>Dazu kommt ein deutlich ver\u00e4ndertes Medienverhalten als noch vor 20 oder 30 Jahren, als Sj\u00f6wall \/ Walh\u00f6\u00f6 ihren Martin Beck auf Verbrecherjad schickten. Alle Welt st\u00f6hnt \u00fcber Reiz\u00fcberflutung, TV, Radio, Internet und dann auch noch B\u00fccher &#8211; wie soll man das alles schaffen? Spricht dies etwa f\u00fcr die Brutalisierung der immer noch beliebten Serienm\u00f6rder (je grausamer, desto besser). Kriegt man die Leser nur zu fassen, wenn man sich die abstrusesten und widerlichsten Taten ausdenkt und diese detailliert beschreibt? Oder setzt doch auch eine R\u00fcckbesinnung ein: auf psychologische Elemente des Kriminallromans, den Sinnfragen, die uns ja doch alle irgendwie bewegen und eben auch auf politische Gegebenheiten. Kriminalliteratur als Hilfe in Lebensfragen, als Orientierungshilfe? Kriminalliteratur als Versuchsanordnung (wie es Anne Chaplet nennt) zwischenmenschlicher Beziehungen und Konflikte? Kommen also vielleicht die Esoterik-Krimis? <\/p>\n<p>Ernsthafte Fragen oder doch nur Phrasen? Zweifel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der achten Lektion der wunderbaren Crime-School geht es erneut um die Beck-Romane von Sj\u00f6wall \/ Walh\u00f6\u00f6. Lehrer dpr stellt fest: &#8222;Das Konzept der Sj\u00f6wall \/ Walh\u00f6\u00f6 \u00e2\u20ac\u201c Romane ist zun\u00e4chst unabh\u00e4ngig vom \u00e2\u20ac\u017eGenre\u00e2\u20ac\u0153 Krimi zu sehen. 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