{"id":1038,"date":"2008-07-07T13:56:00","date_gmt":"2008-07-07T11:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=1038"},"modified":"2008-07-07T13:56:00","modified_gmt":"2008-07-07T11:56:00","slug":"henning-mankell-der-chinese","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=1038","title":{"rendered":"Platzpatrone: Gef\u00e4hrliches Vakuum"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/der_chinese_mankell.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Der Chinese von Henning Mankell\"><strong>Henning Mankell: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der Chinese<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Einen neuen Roman von Henning Mankell zu rezensieren lohne sich eigentlich nicht \u00e2\u20ac\u201c diese Meinung vertreten einige Kritiker. Schlie\u00dflich hat <a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/auslese\/superkurt.htm\">&rarr; Jan Christian Schmidt<\/a> schon vor einigen Jahren festgestellt, dass Mankells Prosa \u00e2\u20ac\u0153furztrocken\u00e2\u20ac\u0153 und die Plots \u00e2\u20ac\u0153bis zur Schmerzgrenze unplausibel\u00e2\u20ac\u0153 seien. Es handle sich bei Mankells B\u00fcchern um nichts anderes als \u00e2\u20ac\u0153Trivialliteratur f\u00fcr sozial-romantische Bedenkentr\u00e4ger&#8230; \u00e2\u20ac\u0153. Obwohl dieses \u00e2\u20ac\u201c aus meiner Sicht richtige \u00e2\u20ac\u201c Urteil schon 2001 gef\u00e4llt wurde, trifft es auch weitgehend f\u00fcr die nachfolgend erschienen Kriminalromane des Schweden zu. Warum also sollte man sich Gedanken \u00fcber sein neuestes Werk mit dem Titel <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Der Chinese\u00e2\u20ac\u0153<\/span> machen? Der Grund liegt in der fatalen Wirkung, die das Werk von Henning Mankell auf die Wahrnehmung von Kriminalliteratur hierzulande leider und immer noch hat. Entscheidender ist aber das Schweigen \u00fcber dieses Buch.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Da schreibt ein 60-j\u00e4hriger Autor \u00fcber ein Massaker in einem schwedischen Kaff und zieht diesen Massenmord bedeutungsschwanger auf die gro\u00dfe globale und geschichtliche Ebene. Der Mord an 19 Menschen, darunter ein Kind, als vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt einer zwangsl\u00e4ufigen Entwicklung, die schon vor \u00fcber einem Jahrhundert mit der Ausbeutung von chinesischen Sklaven beim Bau der Eisenbahn in den USA sowie bei der Unterdr\u00fcckung des chinesischen Landvolkes durch die Mandarine begonnen hat. Mit der \u00fcblichen Unglaubw\u00fcrdigkeit l\u00e4sst Mankell seine Protagonistin, die Richterin Birgitta Roslin, Nachforschungen anstellen, die sie von Schweden bis nach Peking f\u00fchren. Grund f\u00fcr ihre Recherche, die vom Autor mit jenem diffusen Gef\u00fchl von permanenter Beunruhigung begleitet wird, sind die Pflegeeltern ihrer Mutter. Denn sie sind unter den Opfern des Massakers. <\/p>\n<p>Ein von Roslin zuf\u00e4llig gefundenes Tagebuch schafft  die d\u00fcrftige Verbindung zum chinesischen Erz\u00e4hlstrang, der im Jahre 1863 mit drei Br\u00fcdern beginnt, die der Armut ihres Dorfes entfliehen wollen, ins gro\u00dfst\u00e4dtische Kanton gelangen und dort von H\u00e4schern gekidnappt und anschlie\u00dfend als Sklaven in die USA verschifft werden. Nur einer der drei Br\u00fcder kann nach Jahren wieder chinesischen Boden betreten. Er ist der Vorfahre der Geschwister Hong Qui und Ya Ru, die im heutigen, modernen China leben. Hong Qui ist eine hohe Beamtin und Kader der kommunistischen Partei Chinas. Sie ist als Traditionalistin eng der Lehre Maos verhaftet. Ihr Bruder Ya Ru hingegen ist einer dieser jungen M\u00e4nner, denen nach der wirtschaftlichen \u00d6ffnung Chinas jegliche moralische, philosophische oder religi\u00f6se Orientierung abhanden gekommen ist. In ihm personalisiert sich der Raubtierkapitalismus chinesischer Pr\u00e4gung \u00e2\u20ac\u201c weil weder Mao noch Moral eine Grenze setzten. Entsprechend verfechtet Ya Ru, wie uns Mankell in einer unendlich langweiligen Abhandlung erkl\u00e4rt, einen modernen Kolonialismus. <\/p>\n<p>Millionen von chinesischen Bauern sollen nach Simbabwe und ins benachbarte Mosambik umgesiedelt werden, um so die sozialen Spannungen im chinesischen Mutterland unter Kontrolle zu bekommen. Damit schafft Mankell auch gleich den Bogen zu Afrika und der \u00e2\u20ac\u201c aus westlicher Sicht \u00e2\u20ac\u201c unheilvollen oder bedrohlichen Zusammenarbeit zwischen China und vielen L\u00e4ndern Afrikas. In Mosambik erf\u00fcllt sich dann auch das Schicksal der Chinesin Hong Qui, die w\u00e4hrend einer Reise von ihrem Bruder heimt\u00fcckisch ermordet wird. Doch Hong Qui, die auch Birgitta Roslin w\u00e4hrend ihres Peking-Aufenthalts kennen gelernt hatte, hat Nachrichten an ihre Nachwelt hinterlassen. Das blutige Schicksal der Familie endet schlie\u00dflich in London, wo der Sohn Hong Quis Rache f\u00fcr den Tod seiner Mutter nimmt. <\/p>\n<p><strong>Ein Schlag ins Gesicht<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es um die Auswirkung von Politik auf die einfachen Menschen geht, wenn die Folgen von Machtmissbrauch, Korruption und Krieg dargestellt werden sollen, die sie auf normale B\u00fcrger haben, dann bedarf es des gro\u00dfen Epos, in dem Familiengeschichte mit historischen Ereignissen verwoben wird \u00e2\u20ac\u201c und leider scheitern Schriftsteller oft daran. Henning Mankell setzt allerdings noch etwas darauf: Eine unverhohlene und gr\u00e4sslich belehrende politische Botschaft, die er penetrant in seine hochgequirlte Geschichte mischt: Es lebe der humane Maoismus. Was vom Verlag als \u00e2\u20ac\u0153internationaler Thriller\u00e2\u20ac\u0153 verkauft wird, ist im Grunde eine staubtrockene politische Streitschrift, die zudem \u00e2\u20ac\u201c wie \u00fcblich bei Mankell \u00e2\u20ac\u201c in einem grauenvoll schlechtem Stil verfasst wurde, der im besten Falle l\u00e4cherlich wirkt, im schlimmsten Fall ein Schlag ins Gesicht jedes Lesers ist, der von einem Roman einen guten, einen passenden oder doch zumindest grammatikalisch richtigen Stil erwartet. Was Autor, \u00dcbersetzer und Lektorat hier abliefern (einige Beispiele aus den ersten Kapiteln finden sich <a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/1026\/schwedischer-schwurbel.html\">&rarr; hier<\/a>, es sind keine Einzelf\u00e4lle) ist eine Frechheit, f\u00fcr die jeder Leser sein Geld zur\u00fcck verlangen sollte. <\/p>\n<p>Wie aber reagiert das deutsche Feuilleton auf diesen gedruckten M\u00fcll? In der <span style=\"font-variant: small-caps;\"><a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/kultur_und_medien\/literatur\/?em_cnt=1351879\">&rarr; Frankfurter Rundschau<\/a><\/span> wird der Roman mit der hohlen Phrase \u00e2\u20ac\u0153Mehr als ein Krimi\u00e2\u20ac\u0153 angepriesen. In der <span style=\"font-variant: small-caps;\"><a href=\"http:\/\/www.buecher.de\/shop\/K-M\/Mankell-Henning\/Der-Chinese\/products_products\/content\/prod_id\/23320269\/\">&rarr; S\u00fcddeutschen Zeitung<\/a><\/span> kritisiert Martin Bauer \u00e2\u20ac\u201c  Mitarbeiter am Hamburger Instituts f\u00fcr Sozialforschung (!) &#8211;  immerhin die politische Botschaft des Romans, geht aber kaum auf stilistische und erz\u00e4hlerische Elemente ein. Ein &#8222;Glanzst\u00fcck&#8220; deutscher Krimikritik ist die Meinung von Kerstin Strecker in der <span style=\"font-variant: small-caps;\"><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/welt_print\/article2052550\/Das_tote_Dorf.html\">&rarr; Welt<\/a><\/span>. Dort darf man dann solche Aussagen lesen: <em>\u00e2\u20ac\u0153Mankells B\u00fccher sind immer auch sozialkritisch, und<\/em> <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der Chinese<\/span><em> bildet da, schon ob des Themas, keine Ausnahme. Allein die Schilderung der f\u00fcnfst\u00fcndigen Rede eines hohen chinesischen Parteifunktion\u00e4rs zum Engagement seiner Regierung in Afrika und die \u00dcberwachung der Richter Birgitta bei ihrem Besuch in Peking sind beklemmend zu lesen.\u00e2\u20ac\u0153<\/em> &#8211; Wirklich beklemmend ist es, wie es ein Romanautor schafft \u00fcber so viele Seiten langweilige Propaganda zu schreiben.<\/p>\n<p>Angesichts solcher Kritiker-Dummheit wundert es nicht, dass <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der Chinese<\/span> schon seit einigen Wochen auf den oberen R\u00e4ngen der <span style=\"font-variant: small-caps;\">SPIEGEL<\/span>-Bestsellerliste vertreten ist. Wenn literarischer M\u00fcll den Segen des Feuilletons bekommt, greift man gerne zu \u00e2\u20ac\u201c und wacht nach der Lekt\u00fcre mit einem Lesekater auf. Schlimmer jedoch das beredete Schweigen all jener gro\u00dfen Krimikritiker, die es nat\u00fcrlich nicht n\u00f6tig haben, sich irgendwie zu diesem Machwerk zu \u00e4u\u00dfern. Warum auch? Das Argument, Zeitungen, Magazine, Radio- und TV-Sender bevorzugen eben positive Kritiken und haben halt nicht soviel Platz, ist schnell bei der Hand. Dabei ist dies das D\u00e4mlichste, was ein ernsthafter Kritiker von sich geben kann. Verschweigen <span style=\"font-variant: small-caps;\">Welt<\/span>, <span style=\"font-variant: small-caps;\">Zeit<\/span> oder <span style=\"font-variant: small-caps;\">Deutschlandradio Kultur<\/span> demn\u00e4chst auch jegliche Katastrophen, weil es keine \u00e2\u20ac\u0153guten\u00e2\u20ac\u0153 Nachrichten sind? Die Nichtreaktion auf diesen Dreck zeigt vor allem auch, wie beschr\u00e4nkt der Horizont der deutschsprachigen Krimikritik ist. <\/p>\n<p>Nicht zu vergessen, dass sich ein solches Vakuum von mehr oder minder gewieften PR-K\u00fcnstlern schnell f\u00fcllen l\u00e4sst: Zum Beispiel mit der Einsch\u00e4tzung, wenn es im Kriminalroman um Politik gehe, dann sei das irgendwie gut und wertvoll, gar realistisch. Das ist dann ernsthafte Literatur, weil sie sich mit wichtigen und komplexen Dingen besch\u00e4ftigt. Man k\u00f6nne ja anderer Meinung als Herr Mankell sein, aber es g\u00e4be doch Denkanst\u00f6\u00dfe zum Zustand der Welt. Das ist bequem. So bequem, dass man sich mit den realen Gegebenheiten in China, in Simbabwe oder in Schweden nicht weiter besch\u00e4ftigen muss. Es gibt ja Henning Mankell \u00e2\u20ac\u201c der nebenbei ganz geschickt das Interesse an den bevorstehenden Olympischen Spielen in Peking ausschlachtet. Von seiner Verkl\u00e4rung des Machthabers Robert Mugabe, die sich ebenfalls in diesem Roman findet, ganz zu schweigen. Ich finde so etwas nur widerlich. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Henning Mankell: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der Chinese<\/span> <\/strong>\/ Roman. &#8211; Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. &#8211; Wien : Zsolnay, 2008<br \/>\nISBN 978-3-552-05436-3<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Henning Mankell: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Kinesen<\/span><\/strong>. &#8211; Stockholm : Leopard, 2008<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3552054367\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3552054367\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3552054367\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3552054367\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/der_chinese_mankell_klein.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Der Chinese von Henning Mankell\"><br \/>\n<strong>Henning Mankell: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der Chinese<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Einen neues Buch von Henning Mankell zu rezensieren lohne sich eigentlich nicht \u00e2\u20ac\u201c diese Meinung vertreten einige Kritiker. Schlie\u00dflich hat Jan Christian Schmidt schon vor einigen Jahren festgestellt, dass Mankells Prosa \u00e2\u20ac\u0153furztrocken\u00e2\u20ac\u0153 und die Plots \u00e2\u20ac\u0153bis zur Schmerzgrenze unplausibel\u00e2\u20ac\u0153 seien. Es handle sich bei Mankells B\u00fcchern um nichts anderes als \u00e2\u20ac\u0153Trivialliteratur f\u00fcr sozial-romantische Bedenkentr\u00e4ger&#8230; \u00e2\u20ac\u0153. Obwohl dieses \u00e2\u20ac\u201c aus meiner Sicht richtige \u00e2\u20ac\u201c Urteil schon 2001 gef\u00e4llt wurde, trifft es auch weitgehend f\u00fcr die nachfolgend erschienen Kriminalromane des Schweden zu. Warum also sollte man sich Gedanken \u00fcber sein neuestes Werk mit dem Titel \u00e2\u20ac\u0153Der Chinese\u00e2\u20ac\u0153 machen? 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