{"id":1046,"date":"2008-07-15T07:06:38","date_gmt":"2008-07-15T05:06:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=1046"},"modified":"2008-07-15T07:06:38","modified_gmt":"2008-07-15T05:06:38","slug":"krimirezensionen-fur-blogs-die-kunst-des-schauens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=1046","title":{"rendered":"Krimirezensionen f\u00fcr Blogs: Die Kunst des Beobachtens"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img style=\"width: 338px; height: 250px;\" src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/ap_25340_svair_hitzacker03_2_beobachtung.jpg\" alt=\"Svair\"><br \/>Bildquelle: <a style=\"text-decoration: none;\" href=\"http:\/\/www.aboutpixel.de\" target=\"_blank\">aboutpixel.de<\/a> \/ <a style=\"text-decoration: none;\" href=\"http:\/\/www.aboutpixel.de\/index.php4?toppage=imagedetails&#038;image_id=25340\" target=\"_blank\">blick nach vorn<\/a> &copy; <a style=\"text-decoration: none;\" href=\"http:\/\/www.aboutpixel.de\/index.php4?toppage=imagebank&#038;subpage=member&#038;user_id=64\" target=\"_blank\">svair<\/a><\/div>\n<p>Beginnen wir mit einer der sieben Tods\u00fcnden: <em>Invidia <\/em>\u00e2\u20ac\u201c der Neid. Ein beliebtes Mordmotiv in Krimis. Bei mir ist es sogar blanker Neid. Da geht vor Jahren einer daher und nennt sein \u00e2\u20ac\u201c zugegeben sehr gutes &#8211; Blog <a href=\"http:\/\/hinternet.de\/weblog\/index.php\">&rarr; &#8222;Watching the Detectives&#8220;<\/a>. Ein Blog, in dem Dieter Paul Rudolph und seine Mitstreiter die, wenn man den Namen w\u00f6rtlich nimmt, &#8222;Detektive beobachten&#8220;. Damit liefert er schon im Namen seines Blogs einen entscheidenden Hinweis auf die T\u00e4tigkeit eines Rezensenten: Er beobachtet. Er beobachtet kritisch. Als Krimirezensent beobachtet er kritisch die Detektive. Dieser schlichte Satz gibt vor, welche drei wichtigen Eigenschaften einen Krimirezensenten ausmachen: Er beobachtet, er ist kritisch und er hat sich auf den Gegenstand seiner kritischen Beobachtung mehr oder weniger festgelegt \u00e2\u20ac\u201c die Detektive, die wir hier einmal stellvertretend f\u00fcr die Kriminalromane ansehen wollen. Das diese Beobachtung &#8222;kritisch&#8220; zu erfolgen hat, steht nat\u00fcrlich nicht im Titel. Dennoch erschlie\u00dft sie sich daraus \u00e2\u20ac\u201c aber dazu in der n\u00e4chsten Folge mehr.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nBleiben wir erst einmal bei dem Begriff Beobachtung. Wenn wir einen Roman lesen, beobachten wir. Wir beobachten, wie Figuren sich in einem Roman verhalten. Wir beobachten, wie sie f\u00fchlen, wie sie denken. Wir beobachten Landschaften, wir beobachten das Wetter, wir beobachten all die Dinge, Personen und Ereignisse, die ein Autor in seinem Roman beschreibt. Das tun wir beim Lesen ganz automatisch. Gleichzeitig tun wir etwas, was auch der Autor als Grundlage f\u00fcr sein Buch getan hat. Beobachten. Ein Autor, der zum Beispiel eine Szene in einem Pariser Stra\u00dfencaf\u00e9 beschreiben will, ist bei seiner Beschreibung in der Regel im Vorteil, wenn er selbst schon einmal in einem Pariser Stra\u00dfencaf\u00e8 gesessen hat und \u00e2\u20ac\u201c beobachtet hat. Wie verhalten sich die Kellner? Wie eng sind die St\u00fchle? Wie schmeckt der Kaffee? Wie laut ist der Verkehr drumherum? M\u00fcssen wir also auch als Leser schon mal am Boulevard St. Germain ein caf\u00e9 au lait getrunken haben? Nicht unbedingt, aber nat\u00fcrlich hilft Lebenserfahrung, all das, was wir schon einmal selbst erlebt, gesehen, gerochen und gef\u00fchlt haben, bei der sp\u00e4teren Beurteilung. Zugleich kann uns dies aber auch die Beobachtung des Romans erschweren. Wir vergleichen unsere Beobachtungen mit denen des Autors und diese werden durchaus voneinander abweichen \u00e2\u20ac\u201c beide sind jedoch &#8222;richtig&#8220;. Wichtig ist, dass wir beobachten.<\/p>\n<p>Wenn wir ein kritischer Leser werden wollen, dann beobachten wir nicht nur, <em>was<\/em> uns der Autor erz\u00e4hlt, wir beobachten auch <em>wie<\/em> er es erz\u00e4hlt. Wie sind zum Beispiel seine S\u00e4tze gebaut? Schreibt er lange oder kurze S\u00e4tze? Benutzt er viele Adjektive oder meidet er sie? Bildet er grammatisch vollst\u00e4ndige S\u00e4tze oder verk\u00fcrzt er sie? Bevorzugt er Dialoge oder indirekte Rede? Schreibt er umgangssprachlich, benutzt er viele Fremdw\u00f6rter? Dabei nehmen wir dies auch zun\u00e4chst einmal nur wahr. Wir beobachten seinen Stil, seine Grammatik, seine Sprache. Fast automatisch beginnen wir dann aber, diese Beobachtungen auch gleich zu werten: Die S\u00e4tze sind viel zu lang. Die Sprache ist holprig. Die Dialoge sind k\u00fcnstlich, so spricht doch kein Mensch. Und auch inhaltlich beginnen wir zu werten: So wie er den Boulevard St. Germain beschreibt, habe ich ihn bei meiner Paris-Reise nicht erlebt. Mit einer kritischen Bewertung hat dies allerdings noch gar nichts zu tun. Wir sind hier an einer ersten heiklen Stelle angekommen: Was ganz automatisch eine positive oder negative Wertung hervorruft, ist nichts anderes als ein erster Eindruck. Dieser kann t\u00e4uschen. Lange S\u00e4tze? \u00e2\u20ac\u201c Vielleicht entpuppen sie sich im Laufe der Erz\u00e4hlung als sinnvoll, vielleicht benutzt der Autor dies als Stilmittel. K\u00fcnstliche Dialoge? Vielleicht reden seine Figuren bewusst k\u00fcnstlich und dies wird an einer sp\u00e4teren Stelle aufgel\u00f6st. Und war es nicht September, als ich im Caf\u00e9 in Paris gesessen habe, der Roman aber spielt im Fr\u00fchling vor f\u00fcnf Jahren? Wir sollten also nicht nur beobachten, was der Autor beschreibt, wir sollten nicht nur beobachten, wie er es beschreibt, wir sollten auch beobachten, wie wir w\u00e4hrend des Lesens darauf reagieren. Wie gleichen wir unsere Erfahrungen und Erwartungen an den Text mit dem Text ab?  Darin besteht eine erste, wichtige Voraussetzung, wenn wir ein kritischer Leser werden wollen: Wir beobachten den Inhalt des Textes, die Form des Textes und wir beobachten uns selbst als Leser. All das ist Arbeit. Wer aber will schon beim Lesen eines Kriminalromans arbeiten?<\/p>\n<p>Es gibt das bequeme Lesen: Wir folgen einfach dem, was uns der Autor erz\u00e4hlt. Wir tauchen ein in eine Geschichte, wir k\u00f6nnen das Buch gar nicht aus der Hand legen, wir sind gespannt. \u00e2\u20ac\u0153Ein spannender Krimi\u00e2\u20ac\u0153 lautet dann oft das Urteil eines \u00e2\u20ac\u0153passiven\u00e2\u20ac\u0153 Lesers. Daran ist nichts verwerflich, es ist nur keine Kritik. Es ist eine Meinung, die wir bei Internetbuchh\u00e4ndlern, bei Krimi-Portalen und auch in einigen Blogs lesen k\u00f6nnen. Kritik hingegen ben\u00f6tigt ein fundiertes Urteil, eine Begr\u00fcndung und die F\u00e4higkeit, Kriminalromane einzuordnen \u00e2\u20ac\u201c und zwar innerhalb des eigentlichen Textes des Kriminalromans, in Bezug zu anderen Kriminalromanen, Romanen oder anderen Texten und in das gesellschaftliche, historische und soziale Umfeld, in dem dieser Roman ver\u00f6ffentlicht wurde. Eine anspruchsvolle T\u00e4tigkeit, die vieles voraussetzt. Dazu muss man nicht Literatur studiert haben \u00e2\u20ac\u201c eine gute Beobachtungsgabe ist da zun\u00e4chst einmal viel entscheidender. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Solange wir kein guter, aufmerksamer und wacher Beobachter werden, k\u00f6nnen wir auch kein guter Kritiker werden. <\/strong>\n<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>\u00dcbung<\/strong><\/p>\n<p>Genaues, aufmerksames und waches Beobachten ist also die erste Voraussetzung f\u00fcr eine gute Kritik. Das Sch\u00f6ne: Beobachten kann man lernen. Bevor wir das Beobachten an Kriminalromanen ausprobieren, sollten wir es an tagt\u00e4glichen Erfahrungen \u00fcben.  Als praktische \u00dcbung setze Dich einfach irgendwo hin, in ein Caf\u00e8, in die U-Bahn, an den Strand. Beobachte und schreibe diese Beobachtungen auf. Tue dies immer wieder, in unterschiedlichen Situationen und in unterschiedlicher Umgebung. Beschreibe die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone Deiner Stadt w\u00e4hrend eines Samstagvormittags und w\u00e4hrend der sp\u00e4ten Abendstunden an einem Mittwoch. Schreibe Deine Beobachtungen immer wieder auf, zum Beispiel in ein Tagebuch oder \u00e2\u20ac\u201c wenn Du magst \u00e2\u20ac\u201c in ein Blog. Schreibe regelm\u00e4\u00dfig von verschiedenen Situationen und Orten. Suche Pl\u00e4tze auf, die Du sonst nie besuchst. Schau auf  Pl\u00e4tzen vorbei, die Du besonders magst. Nimm Dir entsprechend Zeit dazu. Beobachte eine Stra\u00dfe \u00fcber eine ganze Stunde hinweg. Wichtig ist, dass Du alles was Du siehst, f\u00fchlst, riechst oder schmeckst, aufschreibst. Tue das, was auch ein Autor tun k\u00f6nnte, wenn er f\u00fcr ein neues Buch recherchiert. Lerne, zu beobachten und das Beobachtete aufzuschreiben. <\/p>\n<p>In der n\u00e4chsten Folge in der kommenden Woche wollen wir mit diesen Beobachtungen arbeiten und schon einmal erste Blicke auf den Begriff \u00e2\u20ac\u0153Kritik\u00e2\u20ac\u0153 werfen. Und wir kl\u00e4ren die Frage, warum der Blogtitel \u00e2\u20ac\u0153Watching the Detectives\u00e2\u20ac\u0153 eine kritische Einstellung enth\u00e4lt. <\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> <em>Diese Doku-Soap erhebt nicht den Anspruch, eine Kritikerausbildung zu sein oder ein Literaturstudium zu ersetzen. Sie ist \u00e2\u20ac\u0153ergebnisoffen\u00e2\u20ac\u0153 und ziellos. Sie ist staubtrocken und \u00f6de, damit k\u00fcnftige Krimirezensenten gleich merken, was sie in ihrem Traumberuf erwartet. F\u00fcr eventuelle Sch\u00e4den ist der Autor nicht haftbar zu machen. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beginnen wir mit einer der sieben Tods\u00fcnden: <em>Invidia <\/em>\u00e2\u20ac\u201c der Neid. 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