{"id":115,"date":"2005-04-19T15:00:21","date_gmt":"2005-04-19T13:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=115"},"modified":"2005-04-19T15:00:21","modified_gmt":"2005-04-19T13:00:21","slug":"geschichtsstunde-mit-einer-deutschen-autorin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=115","title":{"rendered":"Geschichtsstunde mit einer deutschen Autorin"},"content":{"rendered":"<p>Wer h\u00e4tte es gedacht: Nach fast einenhalb Monaten Reaktionszeit findet sich ein <a href=\"http:\/\/f27.parsimony.net\/forum66304\/messages\/10728.htm\" target=\"_blank\">entr\u00fcsteter Kommentar von Silvia Kaffke<\/a>, Mitstreiterin am Romanprojekt Hotel Terminus, \u00fcber das ich mehrfach berichtet habe, unter anderem am <a href=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=84\">10. M\u00e4rz 2005<\/a>. Bislang herrschte Schweigen, nur Marcus Starck, Autor im fernen Australien, der nicht an diesem umstrittenen Projekt beteiligt war, \u00e4u\u00dferte sich <a href=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=86#comments\">hier dazu<\/a>. <\/p>\n<p>Der Kommentar von Silvia Kaffke &#8211; ein wahrlich trauriges Beispiel von Geschichtswahrnehmung &#8211; kann man bei <a href=\"http:\/\/f27.parsimony.net\/forum66304\/messages\/10728.htm\" target=\"_blank\">Toms Krimitreff <\/a>nachlesen. Meine Erwiderung folgt hier &#8211; oder wahlweise <a href=\"http:\/\/f27.parsimony.net\/forum66304\/messages\/10737.htm\" target=\"_blank\">dort. <\/a><\/p>\n<hr noshade style=\"width:300px; color:#000080; height:3px; text-align:center; border:1px solid black;\"\/>\n<blockquote><p>Hallo Silvia,<\/p>\n<p>immerhin, nach fast eineinhalb Monaten eine Reaktion von einer der beteiligten Autorinnen. Nun, wenn ich mich so gewaltig irre \u00e2\u20ac\u201c warum wurde mein \u00e2\u20ac\u017eIrrtum\u00e2\u20ac\u0153 nicht schon fr\u00fcher aufgekl\u00e4rt? Warum gab es keine Reaktion, weder vom Verlag noch von den beteiligten Autor\/innen? <\/p>\n<p>Da w\u00e4hlt Ihr bewusst einen Titel, der zweideutig ist. Einerseits der Begriff \u00e2\u20ac\u017eTerminus\u00e2\u20ac\u0153, der laut Silvia \u00e2\u20ac\u017ewohl den wenigsten gel\u00e4ufig ist\u00e2\u20ac\u0153, als Begriff f\u00fcr \u00e2\u20ac\u017eEndbahnhof\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017eEndg\u00fcltigkeit\u00e2\u20ac\u0153. Wenn die Leser doch so dumm sind, warum kl\u00e4rt Ihr sie dar\u00fcber dann nicht auf? <\/p>\n<p>Andererseits der Namen \u00e2\u20ac\u017eHotel Terminus\u00e2\u20ac\u0153, der historisch belastet ist \u00e2\u20ac\u201c ob einem das nun gef\u00e4llt oder nicht. Nat\u00fcrlich, das Hotel im Roman von \u00e2\u20ac\u017e12 preisgekr\u00f6nten Krimi-Autoren\u00e2\u20ac\u0153 hat nichts mit der Folterkammer des Klaus Barbie in Lyon zu tun. <strong> Die kennt n\u00e4mlich heute kaum noch einer. <\/strong> Woran liegt das? Weil der Film von Marcel Oph\u00fcls nun auch schon seit ein paar Jahren im Archiv einstaubt? Weil wir Deutschen angeblich st\u00e4ndig mit unserem \u00e2\u20ac\u017eMea Culpa\u00e2\u20ac\u0153 besch\u00e4ftigt sind? Wohl kaum, dann w\u00fcrde dieser Hotelname vielleicht auch bis in die Chefetagen der deutschen und ausl\u00e4ndischen Hotels vorgedrungen sein und dort w\u00fcrde man sich vielleicht \u00fcberlegen, ob man ein Hotel \u00e2\u20ac\u201c aufgrund der Begriffsdefinition und als historisch belasteter Name \u00e2\u20ac\u201c wirklich so nennen w\u00fcrden. Aber es geht hier nicht um Kritik an Hotels \u00e2\u20ac\u201c es geht mir, wer h\u00e4tte es gedacht, um Kriminalliteratur. <\/p>\n<p><em>\u00e2\u20ac\u017eWenn es Leute Leute gibt, die sich an Klaus Barbies Untaten erinnert f\u00fchlen &#8211; gut, das soll nicht vergessen werden. Aber wieder mit unserem typischen deutschen Mea Culpa, ein Buch, das so hei\u00dft, nichts mit Lyon zu tun hat und m\u00f6glicherweise unterh\u00e4lt und deshalb gaaaanz gaaanz b\u00f6se ist, nicht zu lesen, ist doch einfach hirnrissig.\u00e2\u20ac\u0153 schreibt Silvia.<\/em><\/p>\n<p>Eine, milde formuliert, eigenwillige und in meinen Augen flache historische Wahrnehmung. Mir kommen schon die ersten S\u00e4tze Eures Romans widerlich vor. Ein Bezug zum Schlachthof von Barbie wird zwar nicht hergestellt, dennoch wird dieser Name benutzt. Wozu? Nur weil \u00e2\u20ac\u017eEndstation\u00e2\u20ac\u0153 so passend sein soll? Dann kann man das Ding auch \u00e2\u20ac\u017eHotel Endstation\u00e2\u20ac\u0153 nennen. Die Leser\/innen, denen der Begriff \u00e2\u20ac\u017eTerminus\u00e2\u20ac\u0153 ja so wenig gel\u00e4ufig ist, w\u00fcrden dass dann auch vielleicht eher verstehen &#8211; und was Ihr damit gemeint habt. <\/p>\n<p>Wie m\u00f6gen aber die zitierten Anfangsworte Eurer platten Krimigeschichte in den Ohren der Opfer bzw. ihrer Nachfahren klingen? Wie m\u00f6gen sich die Menschen gef\u00fchlt haben, die in dieser Endstation jeglicher Menschlichkeit zu Tode gekommen sind? Wie lustig mag das sein? Welche Gewichtung legt Ihr zwischen einem harmlosen Krimi, der in einer abgewrackten Kaschemme in irgendeiner deutschen Gro\u00dfstadt spielt, und den Qualen der Menschen, die Barbie zur Folter- und Schlachtbank f\u00fchrte? Und was, liebe Silvia, ist daran verkehrt, daran zu erinnern und ein Bewusstsein daf\u00fcr zu entwickeln? <\/p>\n<p>Richard von Weizs\u00e4cker hat in seiner <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/parlament\/geschichte\/parlhist\/dok26.html\" target=\"_blank\">viel beachteten Rede am 8. Mai 1985<\/a> gesagt:<br \/>\n<em><strong>\u00e2\u20ac\u017eBei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich f\u00fcr das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich f\u00fcr das, was in der Geschichte daraus wird.\u00e2\u20ac\u0153 <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Angesichts zunehmender, rechtsextremer Tendenzen, einer st\u00e4ndigen Verdr\u00e4ngung dessen, was w\u00e4hrend des Nationalsozialismus geschah, eines wachsenden Widerstandes gegen die Erinnerung, eine Forderung, die in meinen Augen notwendiger und aktueller denn je ist. Ich nehme sie ernst. Offenbar auch einige Deiner Kollegen, denn erst vor einigen Monaten hat <a href=\"http:\/\/www.horsteckert.de\" target=\"_blank\">Horst Eckert<\/a> (er geh\u00f6rt auch zu den Autoren des \u00e2\u20ac\u017eHotel Terminus\u00e2\u20ac\u0153-Romans) in seiner Rede <a href=\"http:\/\/www.das-syndikat.com\/gens.htm\" target=\"_blank\">\u00e2\u20ac\u017eKrimis in Deutschland: Tendenzen\u00e2\u20ac\u0153 <\/a>Folgendes gesagt:<\/p>\n<p><em><strong>\u00e2\u20ac\u017eWo ich in Deutschland noch Nachholbedarf sehe, ist vor allem die Aufarbeitung der j\u00fcngeren Geschichte, n\u00e4mlich der Nazizeit und der DDR-Diktatur. Da liegt ein literarischer Quell besonderer Dramatik noch weitgehend brach \u00e2\u20ac\u201c vielleicht, weil bislang der n\u00f6tige Abstand und die Unbefangenheit fehlte, um aus solchen Stoffen Spannungsliteratur zu machen.\u00e2\u20ac\u0153<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich mag dem Mann gerne Recht geben, nur frage ich mich, wie weit diese Unbefangenheit gehen darf? Abgesehen davon, ob man eine solche Besch\u00e4ftigung im Genre Krimi so fordern kann, aber das ist eine andere Frage. In meinen Augen darf die Unbefangenheit zumindest nicht soweit gehen, wie Ihr mit der Namenswahl f\u00fcr das Hotel in Eurem Roman gegangen seid, weil die Relationen \u00e2\u20ac\u201c hier die Qualen der Barbie-Opfer, dort typisch klischeehafte Randexistenzen, die in jedem zweiten deutschen Krimi auftauchen &#8211; einfach nicht stimmen. Wie schon gesagt, niemand w\u00fcrde einen harmlosen Krimi in einem fiktiven Hotel Auschwitz spielen lassen \u00e2\u20ac\u201c das ist schlicht geschmacklos. <\/p>\n<p>Noch entsetzlicher wird dies alles, wenn man zum Beispiel den Anfang des letzten Kapitel von J\u00fcrgen Alberts liest, wo er sich in plumpen und beliebten Antiamerikanismus ergeht \u00e2\u20ac\u201c vor dem Hintergrund der historischen Tatsachen (wer hat uns vom Nationalsozialismus befreit?, Na, wer wars? &#8211; Richtig: Die Amis, die Russen, die Franzosen und die Engl\u00e4nder) zusammen mit dieser geschmacklosen Namenswahl ist dies in meinen Augen einfach nur dumm und d\u00e4mlich! Ich habe auch meine Probleme mit Herrn Bush und seiner Sicht der Welt, aber so einfach, wie es im Roman geschildert wird, ist es nicht. Dumpfbackiges \u00e2\u20ac\u017eGegen-Amerika\u00e2\u20ac\u0153 mag sich in Zeiten wie diesen gut verkaufen.<\/p>\n<p>Entlarvend geradezu Deine Bemerkung, dass \u00e2\u20ac\u017ewir hoffen\u00e2\u20ac\u0153 (jawohl, Eure Majest\u00e4t) das Buch halte sich nun in der Diskussion \u00e2\u20ac\u201c obwohl es gar nicht beabsichtigt war. Einerseits habt Ihr angeblich dar\u00fcber diskutiert, andererseits nicht gehofft, es komme zu einer Diskussion au\u00dferhalb Eures erlauchten Autor\/innenkreises dazu? Bitte, was hast Du \u00e2\u20ac\u201c &#8218;tschuldigung Ihr &#8211; f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis und f\u00fcr eine Wahrnehmnung von Euren Leser\/innen? Ihr diskutiert dar\u00fcber, hofft aber, dass dies die Leser nicht tun? Merkw\u00fcrdig. <\/p>\n<p>Zum Schluss noch eine Bemerkung zum Thema \u00e2\u20ac\u017ebashen\u00e2\u20ac\u0153: In Zukunft w\u00fcrde ich es vorziehen, wenn Du von Kritik sprichst. \u00e2\u20ac\u017eTo bash\u00e2\u20ac\u0153 kann zwar als heftige Kritik verstanden werden, aber das Wort hat \u00e2\u20ac\u201c zweideutig, zweideutig \u00e2\u20ac\u201c auch die Bedeutung, dass man jemanden schl\u00e4gt oder verpr\u00fcgelt. Da Ihr ja offenbar Schwierigkeiten mit Zweideutigkeiten habt, m\u00f6chte ich nur klarstellen: Als friedliebender Mensch schlage ich niemanden und ich schlage auch keine B\u00fccher, noch halte ich jemanden davon ab, Euren Quatsch zu lesen. Ich sage lediglich, was ich dar\u00fcber denke \u00e2\u20ac\u201c weil ich Kriminalliteratur nicht als Einbahnstra\u00dfe verstehe. <\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe<br \/>\nLudger <\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer h\u00e4tte es gedacht: Nach fast einenhalb Monaten Reaktionszeit findet sich ein entr\u00fcsteter Kommentar von Silvia Kaffke, Mitstreiterin am Romanprojekt Hotel Terminus, \u00fcber das ich mehrfach berichtet habe, unter anderem am 10. M\u00e4rz 2005. 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