{"id":125,"date":"2005-04-28T14:04:47","date_gmt":"2005-04-28T12:04:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=125"},"modified":"2005-04-28T14:04:47","modified_gmt":"2005-04-28T12:04:47","slug":"entzauberter-heimatroman","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=125","title":{"rendered":"Entzauberter Heimatroman"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/bilder\/pilzekrieg.jpg\"  align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Pilzekrieg\" \/>Die <a href=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=123#comments\">Diskussion um die &#8222;Schlechten Zeiten&#8220; des Kriminalromans <\/a>haben mich an eine Besprechung erinnert, die ich vor gut zwei Jahren geschrieben habe. Es ging um <a href=\"http:\/\/www.roger-m-fiedler.de\/\" target=\"_blank\">Roger M. Fiedlers<\/a> Roman &#8222;Pilzekrieg&#8220; &#8211; in meinen Augen ein sch\u00f6nes Beispiel, wie ein Autor die &#8222;Heimatisierung&#8220; des deutschen Krimis gekonnt auf die Schippe nimmt. Der Roman erschien kurz vor der Criminale im Westerwald und war alles andere als Werbung f\u00fcr die Region. Im Sauerland ist man leider noch nicht soweit, daher ein kurzer R\u00fcckblick<\/p>\n<blockquote><p>Der Heimatroman hat in deutschen Landen eine lange, oftmals auch zweifelhafte Tradition. In Form des Regional-Krimis feiert er seit den 90er Jahren eine fr\u00f6hliche Wiederauferstehung. Selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde sich kaum ein Autor dieses Subgenres in der N\u00e4he jener unseligen Blut- und Bodenliteratur sehen, die Heimatdichter wie etwa Hans Grimm (&#8222;Volk ohne Raum&#8220;, 1926) auf dem Gewissen haben. Nein, viele Regio-Krimis geben sich lieber links und erz\u00e4hlen harmlose, kriminelle Geschichten aus der Nachbarschaft. <\/p>\n<p>Dennoch sind sie oft nicht gefeit vor Verkl\u00e4rung heimatlicher Gef\u00fchle. Distanz ist in diesem Subgenre, das so sehr von der N\u00e4he lebt, nicht immer gegeben. Angebliche Charakteristika von Land und Leuten werden nur selten ironisch gebrochen. Anders bei Roger M. Fiedler. Ihm ist mit seinem &#8222;Pilzekrieg&#8220; etwas gelungen, was nur wenige Regio-Schreiber zu Stande bringen: Die Entzauberung des Heimatromans. <\/p>\n<p>Fiedlers Krimi kommt sprachlich modern daher: Mit wechselnden Perspektiven und in vielen Br\u00fcchen erz\u00e4hlt der Autor die Geschichte vom dicken Einzelg\u00e4nger Knooth, der sich wegen einer Magenoperation in den Westerwald begibt. Doch statt in die Klinik zu gehen, fl\u00fcchtet sich Knooth aus Angst vor der Operation in den Wald und \u00fcbernachtet dort in freier Natur. Fiedler beschreibt seinen Knooth mit viel Innenschau und Reflexionen. \u00c4hnlich verf\u00e4hrt er auch mit seinem zweiten Helden, dem pensionierten Postbeamten Backes, seines Zeichens leidenschaftlicher Pilzesammler. Voller Zorn muss Backes feststellen, dass ihm ein Unbekannter seine geliebten Morcheln vor der Nase wegschnappt. <\/p>\n<p><strong>Lug und Betrug <\/strong><\/p>\n<p>Auch sonst geschehen merkw\u00fcrdige Dinge im Wald: Knooth trifft auf den mysteri\u00f6sen &#8222;Kreuzemaler&#8220;, der die Wegbeschreibungen nachzeichnet. Schlie\u00dflich finden Waldarbeiter eine grausam entstellte Leiche. Unvermittelt sieht sich Knooth mit einem Kriminalfall konfrontiert, dessen L\u00f6sung auch mit ihm und seiner Familie zu tun hat und dessen Wurzeln bis zu einer Hexenverbrennung reichen. Eine Hexenverbrennung, die noch gar nicht so lange zur\u00fcckliegt. <\/p>\n<p>Fiedler fasziniert durch sein Spiel mit Mythen. Der Wald &#8211; deutscher Mythos schlechthin &#8211; als Schauplatz von abscheulichen Verbrechen ist von ihm geschickt gew\u00e4hlt. Die eingearbeiteten Zitate aus historischen Dokumenten, zum Teil bissig kommentiert, sorgen f\u00fcr einen vorgeblich realistischen Hintergrund, sind aber Teil des grandios angelegten Lug und Betrugs, mit dem Fiedler seine Leser geschickt auf falsche F\u00e4hrten lockt. Hexenjagd, Okkultismus, verwunschene Orte &#8211; all das wird von Fiedler als Vorwand angelegt, hinter dem sich handfeste Interessen und pers\u00f6nliche Schuld verbergen lassen. Im Laufe der Erz\u00e4hlung l\u00e4sst Fiedler diese Idylle durch seinen kautzigen Knooth demaskieren, ohne dass er ihn dabei zum uneigenn\u00fctzigen Helden stilisiert. Knooth geht es letztlich um seine eigene Haut und seinen dicken Bauch. <\/p>\n<p>Durchzogen ist der Roman von einer dumpfen, aufgeheizten Sommerstimmung, die alles andere als Werbung f\u00fcr den Westerwald ist. Nein, &#8222;Pilzekrieg&#8220; eignet sich nicht als billige Heimatliteratur noch als Literaturtipp vom \u00f6rtlichen Fremdenverkehrsamt. Es ist eine aufkl\u00e4rerische Abrechnung mit Land und Leuten &#8211; spitzfindig, klug und sehr lesenswert. <\/p>\n<p>Fiedler, Roger M.: Pilzekrieg. &#8211; Hamburg : Rotbuch Verlag, 2003<br \/>\nISBN 3-434-54043-1 <\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion um die &#8222;Schlechten Zeiten&#8220; des Kriminalromans haben mich an eine Besprechung erinnert, die ich vor gut zwei Jahren geschrieben habe. Es ging um Roger M. Fiedlers Roman &#8222;Pilzekrieg&#8220; &#8211; in meinen Augen ein sch\u00f6nes Beispiel, wie ein Autor die &#8222;Heimatisierung&#8220; des deutschen Krimis gekonnt auf die Schippe nimmt. 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