{"id":1277,"date":"2008-10-19T22:43:11","date_gmt":"2008-10-19T20:43:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=1277"},"modified":"2008-10-19T22:43:11","modified_gmt":"2008-10-19T20:43:11","slug":"von-der-femme-fatal-zum-flittchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=1277","title":{"rendered":"Von der Femme fatal zum Flittchen"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/true_crime_detective_magazine_cover.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"True Crime Detective Magazine\"><strong>Eric Godtland: <span style=\"font-variant: small-caps;\">True Crime Detective Magazines 1924 \u00e2\u20ac\u201c 1969<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Ob sensationsl\u00fcsterne Nacherz\u00e4hlung m\u00f6glichst blutiger Verbrechen in so genannten Crime-Dokus oder beh\u00e4bige \u00d6ffentlichkeitsfahndung der Polizei \u00e0 la \u00e2\u20ac\u0153Aktenzeichen XY\u00e2\u20ac\u009d &#8211; \u00e2\u20ac\u0153wahre\u00e2\u20ac\u009d Verbrechen sind im deutschen Fernsehen echte Hingucker. Gemeinsam sind diesen Sendungen  ihre fr\u00fchen Vorg\u00e4nger. Die US-amerikanischen True Crime Detectives Magazine bedienten bereits in den 1920er Jahren die Sensationslust ihrer Leser. Selbst diese Magazine \u00fcber \u00e2\u20ac\u0153wahre\u00e2\u20ac\u009d Verbrechen haben ihre Vorl\u00e4ufer, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zur\u00fcckreichen. Der Taschen-Verlag hat jetzt einen eindrucksvollen Bildband vorgelegt, in dem auf \u00fcber 330 Seiten der Optik der True Crime Detective Magazines gehuldigt wird.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Die Berichterstattung \u00fcber \u00e2\u20ac\u0153wahre\u00e2\u20ac\u009d Verbrechen hat ein aufkl\u00e4rerisches und erzieherisches  Moment \u00e2\u20ac\u201c so sieht es jedenfalls Eric Godtland in seinem Begleittext. Schlie\u00dflich seien es wahre Verbrechen  gewesen, die die ungebildeten Schichten zum Kauf von Zeitungen animiert haben und die sie dazu bewegten, Lesen zu lernen. Dabei gilt die <span style=\"font-variant: small-caps;\">National Police Gazette<\/span> als die Mutter dieser True Crime Magazine in den USA. 1845 erstmals erschienen, berichtete sie ausf\u00fchrlich \u00fcber Sexualdelikte, Gewalt und all dem anderen Abschaum der Gro\u00dfstadt. Entscheidend f\u00fcr den Erfolg dieser Hefte waren schon damals die entsprechende Optik. \u00e2\u20ac\u0153<em>Wenn sie nicht lesen k\u00f6nnen, gebt ihnen reichlich Bilder\u00e2\u20ac\u009d <\/em> soll Richard K. Fox, der 1876 die <span style=\"font-variant: small-caps;\">Gazette<\/span> \u00fcbernahm, gesagt haben. Freilich kamen die True Crime Detective Magazine erst in den 1920er Jahren auf, durchschritten in den 1930er Jahren ihr  \u00e2\u20ac\u0153goldenes Zeitalter\u00e2\u20ac\u009d, um schlie\u00dflich in den 1980er Jahren den Niedergang zu erleben. <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/george_gross_original.jpg\" style=\"float: left; margin-right: 5px;\" alt=\"George Gross Original\">Erfolgreich seien diese Magazine mit ihren bunten Covern vor allem deshalb geworden, weil sie schon fr\u00fch alles unter einen Hut brachten, was wir auch von heutigen Reality-Formaten kennen. Die Magazine streiften das menschliche Laster, <em>\u00e2\u20ac\u0153aber nie lang genug, um sich selbst die Finger allzu schmutzig zu machen\u00e2\u20ac\u009d<\/em>. Godtlands Fazit: <em>\u00e2\u20ac\u0153Ehe es irgendwann entartete, bot das Detective-Genre eine sichere Warte, von der aus man das menschliche Drama betrachten konnte.\u00e2\u20ac\u009d<\/em> Dabei muss man festhalten, dass der Begriff \u00e2\u20ac\u0153Detective Magazin\u00e2\u20ac\u009d eher irref\u00fchrend ist. Detektive oder Polizisten erschienen selten in den Heften. Der Leser selbst wird hier zum Ermittler oder zumindest zum Begleiter des Ermittlers. <\/p>\n<p>Jahrzehnt f\u00fcr Jahrzehnt durchschreitet Godtland eine beachtliche Bildergalerie von Heftcovern. Ausgangspunkt f\u00fcr seine historischen Bildbetrachtungen ist das Magazin <span style=\"font-variant: small-caps;\">True Detective Mystery<\/span>, dass 1924 erstmals bei Macfadden ver\u00f6ffentlicht wurde. Enthielten diese fr\u00fchen Magazine teilweise noch  fiktive Geschichten, dr\u00e4ngten die \u00e2\u20ac\u0153realen\u00e2\u20ac\u009d Verbrechen die Fiktion immer mehr zur\u00fcck. Die Motive dieser fr\u00fchen Hefte erscheinen heterogen: psychopathisch erscheinende M\u00e4nner, \u00e4ngstlich dreinschauende Frauen oder h\u00e4sslich aussehende Gangster zieren die Cover. In den 1930er Jahren kamen dann Bilder von realen Verbrechern wie Al Capone dazu. Frauen blieben  zun\u00e4chst  in ihrer Opferrolle, werden von M\u00e4nnern bedroht, festgehalten oder gew\u00fcrgt. Sie schauen erschreckt und ver\u00e4ngstigt den Leser an. Eine entscheidende Wende erf\u00e4hrt die Darstellung von Frauen  in den 1940er Jahren. Immer \u00f6fter ziert eine Femme fatal die Cover, lasziv r\u00e4keln sich die Damen mehr oder weniger leicht bekleidet auf den Heften. Besonders beliebt: Der rauchende und aufreizende Vamp. Frauenbilder zwischen weiblichem Selbstbewusstsein \u00e2\u20ac\u201c immerhin sorgten die Frauen in den Kriegsjahren daf\u00fcr, dass Fabriken und Firmen daheim weiter liefen, w\u00e4hrend die M\u00e4nner an der Front starben \u00e2\u20ac\u201c und Objekt sexueller Begierde der m\u00e4nnlichen Betrachter. <\/p>\n<p><strong>Eine Bildergeschichte von Sex, Gewalt und Tod<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/startling_detective_cover.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Startling Detective\"> Der Fall der \u00e2\u20ac\u0153schwarzen Dahlie\u00e2\u20ac\u009d im Januar 1947 sorgte nach Kriegsende f\u00fcr eine Neubelebung des Detective-Genres. Der brutale Mord an Elizabeth Short, einem Starlett aus Hollywood, schlug sich nicht nur in den Schlagzeilen der Tageszeitungen nieder. Die Story hatte auch reichlich von der Kombination zu bieten, die, nachdem die Kriegsschrecken allm\u00e4hlich verblassten, wieder die Leser ansprach: Sex und Gewalt. Der sexuelle Aspekt dr\u00e4ngte sich schlie\u00dflich in den 1950er Jahren immer mehr in den Vordergrund: Aus Vamps wurden Schlampen, aus der Femme fatal das Flittchen, das die M\u00e4nner \u00fcbers Ohr haut und hintergeht. Immer \u00f6fter prangten zudem Fotos statt gemalter Bilder auf den Titelseiten der Magazine. Eine Entwicklung, die sich in den 1960er Jahren fortsetzte, als die Hefte mit der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Konkurrenz des Fernsehens zu k\u00e4mpfen hatten. Doch die cleveren Verleger der True Crime Detective Magazine fanden eine L\u00fccke, die das Fernsehen \u00e2\u20ac\u201c zumindest damals &#8211; nicht ausf\u00fcllen konnte: schl\u00fcpfrige Geschichten und Lustmorde, die im TV nicht bis ins Detail gezeigt werden durften \u00e2\u20ac\u201c in den True Crime Magazine fanden sie statt. Die Berichterstattung \u00fcber Kriminalf\u00e4lle wandelte sich zu einer schauerlichen Beschreibung von Sex und Gewalt. <\/p>\n<p>Der eigentlich Abstieg jedoch begann in den 1980er Jahren. Marc Gerald, einst Autor f\u00fcr das Magazin <span style=\"font-variant: small-caps;\">True Detective<\/span> und ehemaliger Mitarbeiter bei der Sendung <span style=\"font-variant: small-caps;\">America&#8217;s Most Wanted<\/span> f\u00fchrt den Grund auf, der zum Ende der meisten True Crime Detective Magazine: das fehlende Geld aufgrund von zur\u00fcckgehenden Leserzahlen und mangelnder Qualit\u00e4t bei den Texten. Traditionsreiche Verlage wurden geschluckt oder mussten schlie\u00dfen. Damit ist man als Leser des Bildbandes zwar bei dem Ende der Zeitschriften angelangt, l\u00e4ngst aber noch nicht am Ende des Buches. Umfangreiche Listen informieren \u00fcber die Grafiker, Autoren und Verlage, die f\u00fcr so viele Jahre das Bild des \u00e2\u20ac\u0153wahren\u00e2\u20ac\u009d Verbrechens in den entsprechenden Magazinen pr\u00e4gten.<\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/line_up_detective_cover.jpg\" style=\"float: left; margin-right: 5px;\" alt=\"Line Up Detective\">Eric Godtland und die Herausgeberin Diane Hanson haben nicht nur eine umfangreiche Sammlung der Cover von True Crime Detective Magazines zusammengetragen, gekonnt zusammengestellt und attraktiv aufbereitet. Sie setzen die Bilder auch immer in den historischen Kontext der US-amerikanischen Geschichte, insbesondere der Kriminalgeschichte. Der Band bietet mehr, als nur bunte Bilder: Es ist eine spannende Ikonographie eines wichtigen Teils der popul\u00e4ren Kultur in den USA. Ein Land, in dem Gewalt, Kriminalit\u00e4t und die Verfolgung der Verbrecher eine so gro\u00dfe Rolle spielen, ist es wichtig zu schauen, wie diese \u00e2\u20ac\u0153realen\u00e2\u20ac\u009d Verbrechen verarbeitet und inszeniert werden. Und zwar nicht nur in der fiktiven Kriminalliteratur, sondern auch und gerade in der non-fiktionalen Darstellung. Wie wird Wirklichkeit publikumsgerecht verfremdet? Wie werden M\u00f6rder und Opfer dargestellt, welche \u00e4sthetischen Formen werden genutzt? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, sollte in diesen Bildband schauen, der in den klugen Texten von Godtland und in den faszinierenden Bildern der Magazine eine amerikanische Geschichte von Sex, Gewalt, Tod und Moral erz\u00e4hlt. Eine Geschichte, die mal zwiesp\u00e4ltig, mal grell, mal oberfl\u00e4chlich, aber manchmal auch sehr hintergr\u00fcndig ist. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Eric Godtland: <span style=\"font-variant: small-caps;\">True Crime Detective Magazines 1924 \u00e2\u20ac\u201c 1969<\/span><\/strong> \/ by Eric Godtland. Edited by Diane Hanson. &#8211; Hong Kong [u.a.] : Taschen, 2008<br \/>\nISBN 978-3-8228-2559-4<\/p>\n<p>Mehr Bilder gibt es unter <a href=\"http:\/\/www.taschen.com\/pages\/de\/catalogue\/popculture\/all\/03817\/facts.true_crime_detective_magazines.htm\">&rarr; www.taschen.com<\/a><\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/382282559X\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=382282559X\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=382282559X\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=382282559X\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/true_crime_detective_magazine_cover_klein.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"True Crime Detective Magazine\"><strong>Eric Godtland: <span style=\"font-variant: small-caps;\">True Crime Detective Magazines 1924 \u00e2\u20ac\u201c 1969<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Ob sensationsl\u00fcsterne Nacherz\u00e4hlung m\u00f6glichst blutiger Verbrechen in so genannten Crime-Dokus oder beh\u00e4bige \u00d6ffentlichkeitsfahndung der Polizei a la \u00e2\u20ac\u0153Aktenzeichen XY\u00e2\u20ac\u009d &#8211; \u00e2\u20ac\u0153wahre\u00e2\u20ac\u009d Verbrechen sind im deutschen Fernsehen echte Hingucker. 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