{"id":1380,"date":"2008-11-27T20:36:33","date_gmt":"2008-11-27T19:36:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=1380"},"modified":"2008-11-27T20:36:33","modified_gmt":"2008-11-27T19:36:33","slug":"dagmar-scharsich-der-gruene-chinese","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=1380","title":{"rendered":"Jenseits der literarischen Luftschl\u00f6sser"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/der_gruene_chinese.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px; \" alt=\"Der gr\u00fcne Chinese\"><strong>Dagmar Scharsich: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der gr\u00fcne Chinese<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Nach und nach entdeckt die Kriminalliteratur ihrer Wurzeln, besinnt sich auf ihre Geschichte. Autorinnen und Autoren wie Christie, Doyle oder Poe tauchten schon immer in Krimis \u00fcber Krimis auf, sei es durch direkte oder indirekte Werkzitate, sei es durch mehr oder weniger gelungene Anspielungen auf die realen Personen der Autorinnen und Autoren. Hardboiled und Noir erleben derzeit die x-te  fr\u00f6hliche Wiedergeburt, was man durchaus skeptisch sehen kann. Der deutsche Krimi, dessen Tradition l\u00e4ngst noch noch nicht aufgearbeitet und erschlossen ist, hinkt wie so oft hinterher. Um so sch\u00f6ner ist es, dass sich jetzt eine Autorin der deutschen Groschenromane angenommen hat. Nicht als literaturwissenschaftliche Abhandlung, nicht als soziologische Studie \u00fcber das Leseverhalten des Publikums &#8211; sondern als spannender Krimi im Krimi, der sich ganz nebenbei auch mit der Problematik von Dichtung und Wahrheit in der Kriminalliteratur besch\u00e4ftigt. Die Rede ist von Dagmar Scharsich, die mit \u00e2\u20ac\u0153Der gr\u00fcne Chinese\u00e2\u20ac\u0153 ihren dritten Krimi vorgelegt hat. Was als skurrile Geschichte einer jungen Antiquarin im heutigen Berlin beginnt, entwickelt sich bald zu einem fesselnden Verschw\u00f6rungsthriller im Gewand eines angeblichen Tagebuchs &#8211;  verfasst zur Zeit von Kaiser Wilhelm II. &#8211; und spielt haupts\u00e4chlich ebenfalls in Berlin.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEin altes Manuskript, wie k\u00f6nnte es anders sein, ist der Dreh- und Angelpunkt von Scharsichs Mischung aus historischem und gegenw\u00e4rtigem Krimi. Am Anfang steht Marie Baer, die ein Antiquariat in Berlin-Mitte betreibt und vor allem von neugierigen Touristen lebt. Ihre Wohnung teilt sie mit ihrem liebenswerten Opa Willi, von dem sie das Antiquariat \u00fcbernommen hat. Dann gibt es da noch Fritz, Autoverk\u00e4ufer und k\u00fcnftige Ex-Freund von Marie, denn eine gl\u00fcckliche Beziehung sieht wohl anders aus. In puncto M\u00e4nner wird sich einiges \u00e4ndern, genau wie in Maries Berufsalltag. Der bekommt neuen Schwung, als eine Dame, von Marie kurzerhand mit dem Titel \u00e2\u20ac\u0153Miss Portierszwiebel\u00e2\u20ac\u0153 belegt, vier Groschenheftchen in ihrem Antiquariat vorbei bringt. <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Baronesse Wanda von Brannburg. Deutschlands Meister Detectivin\u00e2\u20ac\u0153<\/span> lautet der Titel der Serie, von der die Gro\u00dfmama von Miss Portierszwiebel noch viel mehr daheim haben soll. In Maries Antiquarinnen-Herz geht die Sonne auf. Als jene Gro\u00dfmama, die auf den sch\u00f6nen Namen Rose von Reventlow h\u00f6rt, jedoch beginnt die restlichen Groschenhefte der M\u00fcllabfuhr zu \u00fcbergeben, schl\u00e4gt Miss Portierszwiebel \u00e2\u20ac\u201c mit b\u00fcrgerlichem Namen Gesine \u00e2\u20ac\u201c Alarm. Zusammen mit Marie will sie ihre Gro\u00dfmutter davon \u00fcberzeugen, diese Hefte doch der jungen Antiquarin zu \u00fcberlassen. Nach einigen Verwicklungen schafft Marie es tats\u00e4chlich die P\u00e4ckchen mit den gesammelten \u00e2\u20ac\u0153Criminal-Novellen aller L\u00e4nder\u00e2\u20ac\u0153 vor dem Rei\u00dfwolf zu bewahren. W\u00e4hrend Maries Opa \u00fcber den Schund den Kopf sch\u00fcttelt, freut sich Marie auf gute Gesch\u00e4fte mit den begehrten Sammlerobjekten. Ausgerechnet Opa Willi ist es dann aber, der auf dem Einwickelpapier der Heftp\u00e4ckchen eine S\u00fctterlin-Handschrift entziffert. Die B\u00f6gen, in die der Schund die Jahre \u00fcberdauert hat, stammen offenbar aus einem alten Tagebuch, gef\u00fchrt von der Baronesse Wendeline Sophie von Branndenburg, kurz Wanda genannt. Marie und Opa Willi werden zu kriminalistischen Lesern. <\/p>\n<p>Die junge Wanda f\u00fchrt im Jahre 1909 das beh\u00fctete Leben einer wohlhabenden Adeligen. Ihre jugendliche Aufs\u00e4ssigkeit und Neugier beschert ihr allerdings den ein oder anderen Konflikt mit ihrer Mutter. Wesentlich mehr Verst\u00e4ndnis findet sie bei ihrer Tante Emmy und ihrem Onkel Gustav. Um so gr\u00f6\u00dfer ist der Schreck, als Wanda eines Tages in das Schloss ihrer Verwandten gebeten wird. Emmy und Gustav sind kurzfristig verreist, wollen ihre Nichte aber in den n\u00e4chsten Tagen im Schloss treffen. In der folgenden Nacht, die Wanda im Schloss verbringt, dringen Einbrecher in das Anwesen und jagen es mit Sprengstoff in die Luft. Wanda kann zusammen mit einigen Angestellten und Justus Hansen, dem Privatsekret\u00e4r von Onkel Gustav, fliehen. Justus und Wanda finden Unterschlupf in der Berliner Stadtwohnung von Emmy und Gustav. Die allerdings sind wie vom Erdboden verschwunden. Daf\u00fcr gibt es offenbar immer mehr dubiose Gestalten, die sich f\u00fcr die Forschungsarbeit von Onkel Gustav, der als Professor und Wissenschaftler an der Universit\u00e4t arbeitete, und f\u00fcr die Arbeit von Tante Emmy, die Artikel f\u00fcr die Zeitung \u00e2\u20ac\u0153Die Zukunft\u00e2\u20ac\u0153 verfasste und mit so fortschrittlichen Pers\u00f6nlichkeiten wie Bertha von Suttner verkehrte, interessieren. Ungebetene G\u00e4ste durchw\u00fchlen die Stadtwohnung und vernichten eine  Laboreinrichtung des Professors. Schlie\u00dflich spricht ein merkw\u00fcrdiger Zeichner und \u00e2\u20ac\u0153Criminalreporter\u00e2\u20ac\u0153 bei Wanda und Justus vor. Er behauptet, Emmy und Gustav seien tot und ihre Leichen w\u00fcrden in Hamburg liegen. Wanda und Justus machen sich auf den Weg an die Elbe und bringen sich durch ihre Nachforschungen selbst in Gefahr.<\/p>\n<p><strong>Feine Fabulierlust<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber all diesen Ereignissen schwebt im wahrsten Sinne des Wortes ein Zeppelin. W\u00e4hrend Wanda und Justus sich um ihre Verwandten sorgen, dreht zum ersten Mal das Luftschiff des Grafens am Himmel von Berlin seine Runden. Schon bald stellt sich heraus, dass es Verbindungen zwischen diesem Luftschiff und Emmy sowie Gustav gibt. Denn Emmy hat nach dem schrecklichen Ungl\u00fcck eines Zeppelins in Echterdingen eine Entdeckung gemacht, die solche Ungl\u00fccke in Zukunft verhindern k\u00f6nnten. Und auch Gustav hat bei seiner Forschungsarbeit etwas zu Tage gef\u00f6rdert, was die noch junge Luftschifffahrt sicherer machen k\u00f6nnte. Doch genau dieses Wissen k\u00f6nnte ihnen zum Verh\u00e4ngnis geworden sein.<\/p>\n<p>Dagmar Scharsich verzichtet auf das \u00fcbliche Make-up, das so manche historische Kriminalromane reichlich auflegen, um m\u00f6gliche Anachronismen zu \u00fcbert\u00fcnchen. Sie gesteht in einer Nachbemerkung sogar, bestimmte reale Ereignisse zeitlich auf wenige Tage im August und September 1909 verdichtet zu haben, obwohl sie in Wirklichkeit viel sp\u00e4ter geschehen sind. Schon hier zeigt sich deutlich, das geschichtliche Fakten bei historischen Romanen zwar wichtig sind, der literarischen Erz\u00e4hlung aber untergeordnet werden k\u00f6nnen und sogar m\u00fcssen. Bei Scharsich hat sich das in der Tat gelohnt, denn ihre fein gesponnene Doppelgeschichte von Marie und Wanda lebt von einer dichten Dramaturgie, einer schn\u00f6rkellosen und leuchtenden Sprache und von ihren herrlich menschlichen Figuren. Sie treiben die Geschichten an, ihnen folgt man als Leser gerne \u00e2\u20ac\u201c sowohl in das wilhelminische wie auch in das heutige Berlin. <\/p>\n<p>Durch die kluge und gekonnte Verwebung von Heute und Gestern schafft es Dagmar Scharsich au\u00dferdem, eine spannungsgeladene Gratwanderung zwischen Fakten und Fiktion zu schaffen, an der es vielen historischen Kriminalromanen mangelt. W\u00e4hrend Marie Wandas Geschichte f\u00fcr eine wahre Begebenheit h\u00e4lt (und eisern f\u00fcr ihre These streitet), zeigt sich ihr Opa Willi davon \u00fcberzeugt, dass Wandas Geschichte nichts anderes als ein unvollendetes Manuskript f\u00fcr einen Roman darstellt. Den Leser durch andere, fiktive Leser zu einer Geschichte zu leiten ist nicht unbedingt neu, aber ein kluger und effektiver Trick aus dem Zauberkasten einer guten Schriftstellerin. Mehr noch: Scharsich schafft es sogar dadurch eine wundervolle, milde Ironie in jene uns\u00e4gliche Diskussion \u00fcber Wirklichkeit und Literatur zu bringen. Statt aufw\u00e4ndig recherchierte Details in die Breite zu walzen \u00e2\u20ac\u201c was historische Kriminalromane oft zu staubtrockenem Geschichtsuntericht verkommen l\u00e4sst \u00e2\u20ac\u201c f\u00fcllt sie ihre Erz\u00e4hlung, die in der Wirklichkeit geerdet ist, ihre Bl\u00fcten aber dank der feinen und farbenfrohen Fabulierlust der Autorin zu lesenswerter Fiktion treiben l\u00e4sst, mit Leben. Eine Fiktion, die es jenseits so mancher literarischer Luftschl\u00f6sser schafft, der wilhelminischen Epoche und der brodelnden Stadt Berlin mit ihrem Fortschrittsglauben und ihren Hinterh\u00f6fen, mit ihrer Kriegstreiberei und ihren preu\u00dfischen Tugenden, ihrer Moral und ihrer Machtbessenheit eine neue und nicht ideologisch besetzte Facette abzugewinnen. Dagmar Scharsich zeigt einmal mehr, dass sie eine Autorin ist, die nicht nur ihren eigenen und originellen Stil gefunden hat, sondern die sich vor allem einem verpflichtet f\u00fchlt: Der Wahrheit ihrer Erz\u00e4hlung. Das ist wunderbar und leider viel zu selten anzutreffen im deutschen Kriminalroman. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Dagmar Scharsich: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der gr\u00fcne Chinese<\/span><\/strong>. &#8211; Hamburg : Argument Verlag, 2008<br \/>\nISBN 978-3-86754-180-0<br \/>\n(Ariadne Krimi; 1180)<\/p>\n<p><strong>Link<\/strong><br \/>\nInternetseite zum Buch mit vielen Hintergrundinformationen, zus\u00e4tzlichen Texten und historischen Fotos: <a href=\"http:\/\/www.dergruenechinese.de\/\">www.dergruenechinese.de<\/a> <\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3867541809\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3867541809\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3867541809\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3867541809\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/der_gruene_chinese_100.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px; \" alt=\"Der gr\u00fcne Chinese\"><strong>Dagmar Scharsich: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der gr\u00fcne Chinese<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Nach und nach entdeckt die Kriminalliteratur ihrer Wurzeln, besinnt sich auf ihre Geschichte. Autorinnen und Autoren wie Christie, Doyle oder Poe tauchten schon immer in Krimis \u00fcber Krimis auf, sei es durch direkte oder indirekte Werkzitate, sei es durch mehr oder weniger gelungene Anspielungen auf die realen Personen der Autorinnen und Autoren. Hardboiled und Noir erleben derzeit die x-te  fr\u00f6hliche Wiedergeburt, was man durchaus skeptisch sehen kann. Der deutsche Krimi, dessen Tradition l\u00e4ngst noch noch nicht aufgearbeitet und erschlossen ist, hinkt wie so oft hinterher. Um so sch\u00f6ner ist es, dass sich jetzt eine Autorin der deutschen Groschenromane angenommen hat. Nicht als literaturwissenschaftliche Abhandlung, nicht als soziologische Studie \u00fcber das Leseverhalten des Publikums &#8211; sondern als spannender Krimi im Krimi, der sich ganz nebenbei auch mit der Problematik von Dichtung und Wahrheit in der Kriminalliteratur besch\u00e4ftigt. 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