{"id":147,"date":"2005-05-30T21:43:55","date_gmt":"2005-05-30T19:43:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=147"},"modified":"2005-05-30T21:43:55","modified_gmt":"2005-05-30T19:43:55","slug":"stumpfe-zeichnungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=147","title":{"rendered":"Stumpfe Zeichnungen"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/bilder\/saer_ermittlungen.jpg\" align=\"right\" hspace=\"5\" alt=\"Ermittlungen\" \/><strong>Juan Jos\u00e9 Saer: Ermittlungen<\/strong><\/p>\n<p>Es mag Luxus sein, einen Kriminalroman gleich mit zwei L\u00f6sungen zu beenden. Ob der Autor Juan Jos\u00e9 Saer sich und seinen Lesern diesen Luxus gerne geg\u00f6nnt hat, vermag ich nicht zu sagen, auch nicht, wieviel Anstrengung ihn dieses Doppelende gekostet haben mag. Klar ist aber, dass beide L\u00f6sungen plausibel und logisch sind und mich dennoch etwas ratlos zur\u00fcck gelassen haben. Nur einer der Schachz\u00fcge, die der geb\u00fcrtige Argentinier in seinem Roman \u00e2\u20ac\u017eErmittlungen&#8220; auff\u00e4hrt. Saer, als Sohn syrischer Einwanderer 1937 geboren und seit 1968 in Paris lebend, erz\u00e4hlt n\u00e4mlich gleich drei Geschichten auf einmal. <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst eine Mordgeschichte, die in Paris angesiedelt ist. Ein Serienm\u00f6rder hat in nur neun Monaten 27 \u00e4ltere und alleinstehende Frauen brutal ermordet. Kommissar Morvan soll den T\u00e4ter zur Strecke bringen. Eine wahre Geschichte, anhand von Statistiken belegt, wie uns der zun\u00e4chst namenlose Erz\u00e4hler versichert. Dieser Erz\u00e4hler entpuppt sich nach einigen Seiten als Pich\u00f3n, laut Klappentext eine Hommage an den amerikanischen Autor Thomas Pynchon (u.a. \u00e2\u20ac\u017eV&#8220;, \u00e2\u20ac\u017eDie Enden der Parabel&#8220;, \u00e2\u20ac\u017eVineland&#8220; ). Pinch\u00f3n besucht zwei Freunde in seiner alten argentinischen Heimat und berichtet ihnen bei einem gemeinsamen Essen von eben diesem angeblich wahren Kriminalfall von dr\u00fcben, aus dem alten Paris. Die dritte Erz\u00e4hlebene bildet ein unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden gefundenes Typoskript aus dem Nachla\u00df des Dichters Washington Noriega (ja, die Anspielung auf den Diktator aus Panama ist gegeben), das den Titel \u00e2\u20ac\u017eIn den griechischen Zelten&#8220; tr\u00e4gt und w\u00e4hrend des trojanischen Krieges spielt. Jenes Typoskript, das der Leser nur durch die Gespr\u00e4che von Pinch\u00f3n und seinen beiden Freunden kennenlernt, scheint wie eine Verdichtung dessen, was die Freunde diskutieren: Was ist Wahrheit, was Fiktion? Diese Frage gipfelt dann in so wundersch\u00f6nen Phrasen wie der folgenden, die sich auf die Soldaten in Troja bezieht:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00e2\u20ac\u017eDer Alte Soldat besitzt die Wahrheit der Erfahrung und der Junge Soldat die Wahrheit der Fiktion. Sie sind niemals identisch, doch obwohl sie einen unterschiedlichen Rang einnehmen, m\u00fcssen sie sich nicht immer widersprechen.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Niemals identisch, doch nicht immer widerspr\u00fcchlich zeigen sich also Erfahrung und Fiktion. Der Fall des Serienm\u00f6rders in Paris scheint dieser Behauptung recht zugeben. Auch hier gibt es die Wahrheit der Erfahrung, die einen  &#8211; wahrhaftigen &#8211; T\u00e4ter pr\u00e4sentiert und die Wahrheit der Fiktion, die einen anderen T\u00e4ter, der es auch h\u00e4tte seien k\u00f6nnen, am Ende aufzeigt. Mit der L\u00f6sung l\u00e4sst Saer seinen Leser allein zur\u00fcck. Gro\u00dfe Lust, diesem R\u00e4tsel nach zu gehen, versp\u00fcrte ich nach dem Zuklappen des Buches jedoch nicht. Zu qu\u00e4lend war die Lekt\u00fcre, zu konstruiert die elendig langen S\u00e4tze, die Saer seinen Lesern zumutet. W\u00e4hrend der Verlag den hierzulande unbekannten Autor schon als Nachfolger von Jorge Luis Borges und Julio Cort\u00e1zar feiert, fragte ich mich ernsthaft, ob der gute alte Borges &#8211; Patron aller Bibliothekare &#8211; sich nicht im Grab umdrehte ob dieses Vergleiches. Da,  wo Borges eine \u00fcberbordende Phantasie an den Tag legte, wo wunderbar plastische, fast dreidimensionale, surreale R\u00e4ume entstanden (\u00e2\u20ac\u017eDie Bibliothek von Babel&#8220; ist f\u00fcr mich immer noch so etwas wie ein heiliger Text), gibt es bei Saer leider nur flache, stumpfe  Zeichnungen. Die sind recht h\u00fcbsch, zierlich und zeugen von einer gewissen Begabung, verf\u00fcgen aber l\u00e4ngst nicht \u00fcber die Tiefe eines Jorge Louis Borges. <\/p>\n<p>Trotz seines Doppelendes ein eher durchschnittlicher Text aus Lateinamerika also, der dennoch angeblich weit \u00fcber das Genre des Kriminalromans hinaus weist. Nur wohin? Eine Antwort habe ich nicht gefunden &#8211; genauso, wie ich bis jetzt immer noch nicht wei\u00df, wer den nun der wahre Killer in Paris war. Aber damit kann ich ganz gut leben und lese lieber Jorge Louis Borges. Der ist hierzulande leider auch schon fast vergessen. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Juan Jos\u00e9 Saer: Ermittlungen<\/strong> \/ Aus dem Spanischen von Hanna Grzimek. &#8211; K\u00f6ln : DuMont, 2005<br \/>\nISBN 3-8321-7906-2<br \/>\nOriginalausgabe: Juan Jos\u00e9 Saer: La Pesquisa. &#8211; Buenos Aires : Compa\u00f1a Editora Espasa Calpe Argentina SA \/ Seix Barral, 1994<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3832179062\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3832179062\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3832179062\" target=\"_blank\">\u00bb buch24.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juan Jos\u00e9 Saer: Ermittlungen Es mag Luxus sein, einen Kriminalroman gleich mit zwei L\u00f6sungen zu beenden. 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