{"id":154,"date":"2005-06-12T20:12:53","date_gmt":"2005-06-12T18:12:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=154"},"modified":"2005-06-12T20:12:53","modified_gmt":"2005-06-12T18:12:53","slug":"literarischer-exorzismus-mit-hohem-ekelfaktor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=154","title":{"rendered":"Literarischer Exorzismus mit hohem Ekelfaktor"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/bilder\/1974.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"David Peace: 1974\" \/><strong>David Peace: 1974<\/strong><\/p>\n<p>David Peace schreibt sich die Seele aus dem Leib &#8211; so mein erster Eindruck nach der Lekt\u00fcre seines Roman \u00e2\u20ac\u017e1974&#8243;, der den Auftakt zum \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartett&#8220;, einer Chronik Englands in den 1970er und 1980er Jahren, bildet. Der Ekelfaktor bei diesem literarischen Exorzismus geht an die Grenze des Lesers: Wohl keine K\u00f6rperfl\u00fcssigkeit, die nicht in diesem Buch flie\u00dft. Es wird gerotzt, geblutet, gebrochen, gepi\u00dft, geschissen und abgespritzt. Dazu scheu\u00dfliche Morde und Selbstmorde &#8211; \u00e2\u20ac\u017e1974&#8243; ist keine verkitschte Englandidylle sondern harter Stoff. Die Story, die w\u00e4hrend weniger Tage im Dezember 1974 im kalten Yorkshire spielt, klingt zun\u00e4chst nach einer simplen Serienkillerstory: Edward Dunford will als neuer Gerichtsreporter bei der \u00e2\u20ac\u017eEvening Post&#8220; \u00fcber das Verschwinden der kleinen Clare Kemplay berichten. Nicht nur sein verha\u00dfter Reporterkollege und Rivale Jack Whitehead f\u00e4hrt ihm dabei in die Parade. Auch die Polizei macht Dunford mit ein paar Faustschl\u00e4gen klar, dass er seine Nase nicht zu tief in schmutzige Angelegenheiten stecken soll. <\/p>\n<p>Die Leiche der kleinen Clare wird kurze Zeit sp\u00e4ter gefunden, an ihr befestigt die abgeschnittenen Fl\u00fcgel eines Schwans. Trotz der Einsch\u00fcchterungsversuche sucht Dunford weiter, findet einen m\u00f6glichen Zusammenhang zwischen der ermordeten Clare und zwei weiteren, verschwundenen M\u00e4dchen, st\u00f6\u00dft dank seines Kollegen Barry auf eine dubiose Verbindung zum Bau neuer H\u00e4user und Machenschaften der \u00f6rtlichen Honoratioren. Nur kurze Zeit sp\u00e4ter ist auch Barry tot, angeblich ein Autounfall, gek\u00f6pft durch eine Glasscheibe auf einem vor ihm fahrenden Transporter. Dunford steigert sich immer mehr in seine Story rein: Was als normaler, tragischer Fall eines verschwundenen und ermordeten M\u00e4dchen begann, wird f\u00fcr ihn zu einer Obsession. Am Ende wird es mehr Tote geben und Dunford bleibt mehrfach verpr\u00fcgelt, misshandelt und ausgebeutet ohne jegliche Hoffnung auf das, was Wahrheit genannt wird, zur\u00fcck. Trostlosigkeit, wohin ich schaue.<\/p>\n<p><strong>Heftig, heftig, heftig<\/strong><\/p>\n<p>Bemerkenswert an Peaces Roman sind Tempo, Erz\u00e4hlperspektive und Figurenzeichnung. Der Autor beherrscht eine literarische Taktgeschwindigkeit, wie ich sie selten in Romanen gefunden habe. 145 Stundenkilometer war die Schusskraft des Fussballers Peter Lorimer, wie am Anfang des Buches erw\u00e4hnt, und mit gleicher Geschwindigkeit hetzt Peace seinen Reporter Dunford durch die Geschichte. Knappe S\u00e4tze, heftige Dialoge, manchmal nur ein Schlagwort &#8211; und doch wei\u00df man als Leser zu jeder Zeit, worum es gerade geht. Nur, dass es beim Fussball in der Regel ums Fair Play geht &#8211; das allerdings fehlt g\u00e4nzlich bei Peace. Gerechtigkeit &#8211; vergi\u00df es! Unvermittelt bekommt man den n\u00e4chsten Brocken Schleim vor die F\u00fcsse gespuckt, pl\u00f6tzlich spritzt das Blut oder die Hirnmasse eines Selbstm\u00f6rders klebt an der Wand. Nicht gerade lecker. Das man es trotzdem mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit liest, liegt eben auch an dem Sog, an der Taktgeschwindigkeit, die Peace durch seine Prosa aufbaut. Es geht Peace auch nicht um billigen Splatter, sondern sein Roman ist eine Studie \u00fcber die englische Gesellschaft, mit ihren Zeitungs- und Radioexzessen, mit ihrer dudelnden Pop- und Rockmusik und mit dem unterk\u00fchlten Umgang der Menschen untereinander. <\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Erz\u00e4hlperspektive hat Peace die wohl einzig m\u00f6gliche Wahl getroffen: Er l\u00e4sst die Geschichte von seinem Reporter Dunford aus der Ich-Perspektive erz\u00e4hlen. Auch hier geht er an Grenzen, denn wirklich sympathisch ist Zeilenschinder Dunford nicht. Er strapaziert mit seinem Zwiespalt aus Unterw\u00fcrfigkeit und Aufm\u00fcpfigkeit, mit seinen Egotrips und Reporterexzessen die Geduld des Lesers. In manchen Momenten g\u00f6nnt man ihm durchaus die Schl\u00e4ge in die Fresse, um sie gleich wieder zu bedauern, weil man wei\u00df, dass er einer der Wenigen ist, die sich \u00fcberhaupt an so etwas wie Gerechtigkeit wagen &#8211; wirklich gut ist er aber auch nicht. Generell sind die Peace\u00e2\u20ac\u2122 Figuren zum gr\u00f6\u00dften Teil neutral bis unsympathisch und ungreifbar. Wirklich freundliche Menschen scheint es in der H\u00f6lle Yorkshires im Dezember 1974 nicht zu geben. Der Roman ist ein furchtbarer Alptraum, widerlich und saugut zugleich. In diesem Monat w\u00e4hlte die <a href=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=144\">Jury der Krimiwelt den Roman auf Rang 1<\/a> ihrer Liste. Mit Recht, denn \u00e2\u20ac\u017e1974&#8243; ist englische Kriminalliteratur, wie sie auch sein kann: Brutal, ekelerregend, anstrengend und wichtig. Wie oben schon geschrieben,, ein literarischer Exorzismus mit dem Ziel, das B\u00f6se &#8211; wenn schon nicht aus- so doch aufzutreiben. Ich warte auf die Fortsetzung der Serie. <\/p>\n<blockquote><p><strong>David Peace: 1974<\/strong> \/ Aus dem Englischen von Peter Torberg. &#8211; M\u00fcnchen : Liebeskind, 2005<br \/>\nISBN 3-935890-29-X<\/p>\n<p>Originalausgabe: David Peace: Nineteen Seventy Four. &#8211; London : Serpent\u00e2\u20ac\u2122s Tail, 1999<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrende Links: <\/strong> <a href=\"http:\/\/www.crimetime.co.uk\/features\/davidpeace.php\">&rarr; David Peace \u00fcber sein &#8222;Red Riding Quartet&#8220;  in der Crime Time (engl.)<\/a><\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3293003524\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3293003524\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3293003524\" target=\"_blank\">\u00bb buch24.de<\/a>\n<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Peace: 1974 David Peace schreibt sich die Seele aus dem Leib &#8211; so mein erster Eindruck nach der Lekt\u00fcre seines Roman \u00e2\u20ac\u017e1974&#8243;, der den Auftakt zum \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartett&#8220;, einer Chronik Englands in den 1970er und 1980er Jahren, bildet. 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