{"id":168,"date":"2005-06-26T14:23:08","date_gmt":"2005-06-26T12:23:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=168"},"modified":"2005-06-26T14:23:08","modified_gmt":"2005-06-26T12:23:08","slug":"ein-vergessener-klassiker-charles-brockden-brown","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=168","title":{"rendered":"Ein vergessener Klassiker &#8211; Charles Brockden Brown"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/charles_brockden_brown.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Charles Brockden Brown\" \/>M\u00f6chte man als Leser eine Zeitreise zu den Anf\u00e4ngen der Kriminalliteratur unternehmen, m\u00f6chte man Vorl\u00e4ufer und Vordenker des literarischen Verbrechens kennenlernen, dann richtet sich der Blick oft zun\u00e4chst nach Gro\u00dfbritannien. Dabei lohnt es sich durchaus auch einen Blick auf die USA zu werfen. Leider wird dieser Blick etwas verstellt, denn bis auf die ganz gro\u00dfen Klassiker wie Edgar Allan Poe liegen die Werke anderer, ebenfalls wichtiger Autoren kaum in deutscher \u00dcbersetzung vor. Ein trauriges Beispiel ist Charles Brockden Brown, ein Urvater der amerikanischen Literatur \u00fcberhaupt und Wegbereiter des psychologischen Kriminalromans. Von seinen vier Hauptwerken sind zur Zeit keine deutschen \u00dcbersetzungen lieferbar. F\u00fcr September dieses Jahres ist immerhin ein g\u00fcnstiger Sammelband mit den Romanen \u00e2\u20ac\u017eWieland oder Die Verwandlung&#8220; und \u00e2\u20ac\u017eArthur Mervyn oder die Pest in Philadelphia&#8220; im <a href=\"http:\/\/www.area-verlag.de\/\" target=\"_blank\">&rarr; Area Verlag <\/a>angek\u00fcndigt. <\/p>\n<p>Wer Brown schon jetzt kennenlernen m\u00f6chte, braucht nicht bis zum Herbst zu warten. Der kleine <a href=\"http:\/\/www.achilla-presse.de\/\" target=\"_blank\">&rarr; Verlag Achilla Presse<\/a> hat sich des Autors angenommen und das Fragment \u00e2\u20ac\u017eAus den Erinnerungen von Carwin dem Bauchredner&#8220; erstmals in einer deutschen \u00dcbersetzung vorlegt. Diese literarische Ruine entstand im letzten Lebensjahrzehnt des Autors. Charles Brockden Brown, der am 17. Januar 1771 in Philadelphia geboren wurde, stammt aus einer strenggl\u00e4ubigen Qu\u00e4ker-Familie. Von seinen religi\u00f6sen Eltern zu einer juristischen Ausbildung angehalten, wurde Brown Assistent eines Rechtsanwalts. Dennoch bet\u00e4tigte er sich immer wieder auch als Dichter. Brown gilt als der erste amerikanische Schriftsteller, der es schaffte, von seinen B\u00fcchern zu leben. Sein Leben, von zahlreichen Krankheiten \u00fcberschattet, war auch gepr\u00e4gt von den Folgen des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs. So engagierte er sich in verschiedenen Literatur- und Debattierclubs und \u00e4u\u00dferte sich zu aktuellen, politischen Fragen. Er schrieb Essays f\u00fcr Zeitschriften und wurde Mitglied des \u00e2\u20ac\u017eFriendly Clubs&#8220;, dessen Zeitschrift er als Herausgeber betreute. <\/p>\n<p><strong>Die vier Hauptwerke<\/strong><\/p>\n<p>Daneben schrieb er sechs Romane, von denen vier als Hauptwerke angesehen werden: <\/p>\n<ul>\n<li>\u00e2\u20ac\u017eWieland, or the Transformation. An American Tale&#8220; &#8211; 1798 (dt. \u00e2\u20ac\u017eWieland oder die Verwandlung. Eine amerikanische Erz\u00e4hlung, erstmals 1973)<\/li>\n<li>\u00e2\u20ac\u017eOrmond, or the Secet Witness &#8211; 1799 (keine deutsche \u00dcbersetzung bekannt)<\/li>\n<li>\u00e2\u20ac\u017eEdgar Huntly, or: Memories of a Sleep-Walker &#8211; 1799\/1800 (Eine fr\u00fchere Version hatte den Titel \u00e2\u20ac\u017eSky-Walk, or the Man Who Was Unknown to Himself. dt.: \u00e2\u20ac\u017eEdgar Huntly oder Der Nachtwandler&#8220;, anonyme \u00dcbersetzung erstmals 1857)\n<\/li>\n<li>\u00e2\u20ac\u017eArthur Mervyn, or: Memoirs of the Year 1793 &#8211; 1799\/1800 (dt.: \u00e2\u20ac\u017eArthur Marvyn oder die Pest in Philadelphia&#8220;, anonyme \u00dcbersetzung erstmals 1858)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein Hauptmotiv, das sich durch das recht abwechslungsreiche Werk von Brown zieht, ist der Schrecken, der jedoch nicht, wie in so manchen englischen Schauerromanen einen \u00fcbersinnlichen Ursprung hat, sondern der empirisch und rational nachgewiesen werden kann. Todesf\u00e4lle durch eine Epidemie, religi\u00f6ser Wahn, der zur Selbstverbrennung f\u00fchrt oder die Verf\u00fchrung durch einen Bauchredner sind nur einige der Facetten. Dabei ist ganz entscheidend, dass Brown seinen Blick auf die Psyche seiner Figuren richtet. Der Schrecken kommt nicht aus Deutschland, sondern aus der Seele &#8211; so lautet die oft zitierte Aussage von Edgar Allen Poe, der sich dabei auch auf sein Vorbild Charles Brockden Brown bezieht. Auch Nathaniel Hawthorne und Herman Melville wurden von Brown beeinflusst. Er selbst, der die deutsche Sprache beherrschte, bekam wiederum Anregungen bei der Lekt\u00fcre deutsche Autoren wie Goethe, Schiller oder Kotzebue. <\/p>\n<p><strong>Dunkle F\u00e4rbungen und reale Begebenheiten <\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/arthur_mervyn.jpg\" align=\"right\" hspace=\"5\"  alt=\"Arthur Mervyn\" \/> Auff\u00e4llig weiterhin, das Brown ein Autor ist, der sich in seinen Texten auf reale Begebenheiten und Ereignisse bezieht &#8211; etwa die Fleckfieberepidemie im Jahre 1793 in Philadelphia &#8211; diese aber nicht als Kolportage in seine Romane einbaut, sondern sie als Metaphern und Bilder f\u00fcr seine Erz\u00e4hlung nutzt. Somit gilt Brown zu Recht als ein moderner Erz\u00e4hler, der mit starken Symbolen arbeitete. Wenn \u00fcberhaupt wird das Werk Browns hierzulande sehr verk\u00fcrzt als Schreckens- oder Horrorliteratur wahrgenommen. Doch seine eleganten und eindringlichen psychologischen Zeichnungen, seine oft pessimistischen Figuren, die durchaus Noir-F\u00e4rbungen aufweisen, sowie sein n\u00fcchterner Erz\u00e4hlstil k\u00f6nnen durchaus als Wegbereiter des modernen Kriminalromans gesehen werden. Charles Bockden Brown starb am 22. Februar 1810 an Tuberkulose. <\/p>\n<p>Ein fr\u00fches Vorbild f\u00fcr Kriminalerz\u00e4hlungen ist auch das Fragment \u00e2\u20ac\u017eAus den Erinnerungen von Carwin dem Bauchredner&#8220; . Es ist die in Ich-Form erz\u00e4hlte Geschichte von Carwin, einem Bauernsohn, der das einfache Landleben seiner Eltern und seines Bruders satt hat. Als wissbegieriger junger Mann ist er froh, als seine Tante in Philadelphia in aufnimmt und er dem b\u00e4uerlichen Leben in Pennsylvania den R\u00fccken kehren kann. Drei Jahre lebt er unbeschwert im Haus seiner Tante. Er entdeckt seine F\u00e4higkeit, Stimmen zu imitieren und diese auch als Bauchredner einzusetzen. Eine Macht, mit der er andere beeinflussen und verwirren kann. Schlie\u00dflich stirbt seine Tante. Fest hatte er mit der Erbschaft seiner Tante gerechnet, doch die Haush\u00e4lterin soll laut Testament &#8211; dessen Rechtm\u00e4\u00dfigkeit er anzweifelt &#8211; alles erben. Mitten in den \u00dcberlegungen, wie er dennoch an das Geld seiner Tante kommen k\u00f6nnte, trifft Carwin auf den mysteri\u00f6sen Ludloe. Dieser will ihn f\u00fcr eine Geheimgesellschaft anwerben und mit ihm fremde Inseln kolonisieren. Immer st\u00e4rker ger\u00e4t Carwin in die Abh\u00e4ngigkeit von Ludloe, der schlie\u00dflich in das Innerste seines Z\u00f6glings schauen kann. Carwin ist zu einer Marionette Ludloes geworden. Dann bricht das Fragment ab.<\/p>\n<p><strong>Vom T\u00e4ter zum Opfer<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/erinnerungen_carwin.JPG\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Carwin\" \/>Die Figur des Bauchredners Carwin taucht bereits in Browns Roman \u00e2\u20ac\u017eWieland oder Die Verwandlung&#8220; auf. Dort zerst\u00f6rt Carwin die Harmonie zwischen den Geschwistern Clara und Wieland sowie Claras Geliebten Pleyel. Carwins Einfl\u00fcsterungen f\u00fchren dazu, das Wieland in einem religi\u00f6sen Wahn Clara t\u00f6tet und sich schlie\u00dflich selbst umbringt. In dem Fragment hingegen wird Carwin selbst zu einem Abh\u00e4ngigen und Getriebenen, seine Verwandlung von T\u00e4ter zum Opfer zeichnet sich ab. Dies ist durchaus spannend zu lesen. Gerade Browns psychologische Beschreibungen heben die Erz\u00e4hlung hervor. Allein: Als Einstieg f\u00fcr das Werk von Charles Brockden Brown ist \u00e2\u20ac\u017eAus den Erinnerungen von Carwin dem Bauchredner&#8220; nicht geeignet. So l\u00f6blich es ist, dass dieses Fragment nun vorliegt, dringlicher ist eine Neuausgabe der vier Hauptwerke Browns in deutscher Sprache. In den USA ist zwischen 1977 und 1987 eine <a href=\"http:\/\/dept.kent.edu\/ibewebsite\/brockden.html\" target=\"_blank\">&rarr; sechsb\u00e4ndige, kritische Neuausgabe<\/a> erschienen. Vielleicht schafft sie ja den Sprung \u00fcber den Atlantik in einer guten \u00dcbersetzung. Charles Brockden Brown h\u00e4tte es verdient. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Charles Brockden Brown: Aus den Erinnerungen von Carwin dem Bauchredner<\/strong> : Ein Fragment \/ Aus dem Amerikanischen \u00fcbersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann. &#8211; Stollhamm-Butjadingen : Achilla Presse, 2005<br \/>\nISBN 3-928398-87-3<br \/>\nAmerikanischer Originaltitel: Memoirs of Carwin the biloquist. A Fragment.<br \/>\nBestellungen \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.achilla-presse.de\/\" target=\"_blank\">&rarr; Verlag Achilla Presse<\/a> oder in ausgesuchten Buchhandlungen.<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrende Links:<\/strong><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www3.babson.edu\/faculty\/sites\/cbb\/\" target=\"_blank\"> Charles Brockden Brown Society (engl.)<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.nagasaki-gaigo.ac.jp\/ishikawa\/amlit\/b\/brown19ro.htm\" target=\"_blank\">Umfangreiche Linkliste (engl.)<\/a><br \/>\n&rarr;<a href=\"http:\/\/dept.kent.edu\/ibewebsite\/brockden.html\" target=\"_blank\"> Informationen zur amerikanischen Neuausgabe (engl.)<\/a><\/p>\n<p><strong>E-Texte als PDF-Dokumente bei BlackMask<\/strong><br \/>\n&rarr;  <a href=\"http:\/\/www.blackmask.com\/books61c\/mervyn.pdf\">Arthur Mervyn<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.blackmask.com\/books61c\/edgarhuntly.pdf\">Edgar Huntley<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.blackmask.com\/acrobook\/moctb.pdf\">Memoirs of Carwin the Biloquist<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.blackmask.com\/books61c\/ormond.pdf\">Ormond<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.blackmask.com\/acrobook\/welnd.pdf\">Wieland<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00f6chte man als Leser eine Zeitreise zu den Anf\u00e4ngen der Kriminalliteratur unternehmen, m\u00f6chte man Vorl\u00e4ufer und Vordenker des literarischen Verbrechens kennenlernen, dann richtet sich der Blick oft zun\u00e4chst nach Gro\u00dfbritannien. 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