{"id":188,"date":"2005-07-10T20:26:50","date_gmt":"2005-07-10T18:26:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=188"},"modified":"2005-07-10T20:26:50","modified_gmt":"2005-07-10T18:26:50","slug":"die-qual-mit-der-moral","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=188","title":{"rendered":"Die Qual mit der Moral"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/geissel_der_niedertracht_01.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Gei\u00dfel der Niedertracht\" \/><br \/>\n<strong>Pincus Jacob Wolfson: Gei\u00dfel der Niedertracht<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Kriminalromane, die (bislang) nur Eingeweihte und wirkliche Fans kennen. \u00e2\u20ac\u017eBodies are dust&#8220; des us-amerikanischen Autors Pincus Jacob Wolfson ist so ein Krimi. Schaut man sich ein wenig im Internet um, dann wird klar: Dies muss &#8211; nach Worten einiger Kenner &#8211; ein Klassiker des Polizeiromans sein. Die 1931 erschienene Originalausgabe ist fast nicht zu bekommen (selbst das Exemplar der Library of Congress scheint einem Langfinger zum Opfer gefallen zu sein &#8211; es wird vermisst). Auch an die sp\u00e4rlichen Nachdrucke ist kaum heran zu kommen. In Frankreich hingegen, soviel kann man dem <a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/features\/maas\/wolfson.htm\">&rarr; Vorwort von Silke Buttgereit<\/a> in der ersten deutschen Ausgabe des Romans entnehmen, ist der Roman zum Klassiker des Polizei-Noir-Roman avanciert. Er diente als Vorlage f\u00fcr den Film \u00e2\u20ac\u017ePolice&#8220; (1985, deutscher Titel \u00e2\u20ac\u017eDer Bulle von Paris) mit G\u00e9rard Depardieu und Sophie Marceau in den Hauptrollen. Klingt alles sehr wichtig&#8230;.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Richtig neugierig wird man, wenn man das &#8211; leider mehr ver- als erkl\u00e4rende &#8211; Vorwort von Silke Buttgereit weiter liest. Bibel &#038; Noir-Roman &#8211; na, wenn das mal keine lesenswerte Kombination ist: Der gute Wolfson soll n\u00e4mlich f\u00fcr seine todtraurige Polizistengeschichte ein biblisches Vorbild gew\u00e4hlt haben. Es ist die Geschichte von K\u00f6nig David der einem anderen Mann, dem Hethiter Uriel, die Frau ausspannt. David schickt Uriel bewusst in den Krieg wo Uriel, wie von David beabsichtigt, stirbt. David heiratet Batseba, doch ihr Sohn, den sie bekommen, wird als Strafe Gottes schwer krank und stirbt (Nachzulesen in 2. Buch Samuel, 11. und 12. Kapitel). Dieses biblische Beispiel von Schuld und S\u00fchne transportiert Wolfson in den modernen Moloch New York zur Zeit der Prohibition. <\/p>\n<p>David wird hier von dem korrupten und egoistischen Inspektor Buck Safiotte gegeben, der beste Verbindungen zur New Yorker Unterwelt unterh\u00e4lt. Er kontrolliert die Speakeasys<sup><a href=\"#1\"><font -size=\"-2\">1<\/font><\/a><\/sup>  und Bordelle in seinem Bezirk. Das Schmiergeld, das er bekommt, legt er bei dem Bankier Tinevelli an. Dieser dreht krumme Gesch\u00e4fte und als seine Bank vor der Zahlungsunf\u00e4higkeit steht, nimmt er sich das Leben. Inspektor Safiotte hat es mittlerweile auf die Frau seines Untergebenen Jig, ein Jude, abgesehen. Zun\u00e4chst l\u00e4sst er Jig die Frau des Bankiers besch\u00fctzen, um so freie Bahn bei Beth, Jigs Frau zu haben. Buck und Beth verlieben sich. Buck schickt Jig zu einem Gangster ins Hotel, dieser erschie\u00dft Jig (wie von Buck erwartet). Endlich hat Buck die M\u00f6glichkeit, Beth zu heiraten, die mittlerweile schwanger von ihm ist. Schlie\u00dflich bringt Beth ein M\u00e4dchen zu Welt, das aber, kaum ein Jahr alt, j\u00e4mmerlich an einer Hirnhautentz\u00fcndung stirbt. <\/p>\n<p><strong>Christlicher Kitsch oder knallharter Noir?<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/bodies_are_dust.jpg\" align=\"right\" hspace=\"5\" alt=\"Umschlag der Originalausgabe von 1931\" \/>Bis zu diesem traurigen H\u00f6he- und Endpunkt scheucht Wolfson seine Leser durch einen Alptraum: Schmierige und geschmierte Polizisten, \u00c4rzte, die sich mit Nutten herumtreiben, Kindersch\u00e4nder, Spieler, Drogens\u00fcchtige, dazu  detaillierte Schilderungen einer Blinddarmoperation oder von Beths Niederkunft, sowie die n\u00fcchterne Beschreibung, wie Buck mit seiner Pistole einem der Hinterm\u00e4nner des Bankskandals das Hirn wegpustet. Alles in einer trockenen und spr\u00f6den Sprache beschrieben, soweit man dies anhand der \u00dcbersetzung beurteilen kann. <\/p>\n<p>Liest man \u00e2\u20ac\u017eGei\u00dfel der Niedertracht&#8220; als Polizeiroman, so d\u00fcrfte man entt\u00e4uscht sein. Im Laufe der Erz\u00e4hlung blendet Wolfson immer mehr den Polizeihintergrund aus und l\u00e4sst daf\u00fcr das Schuld-und-S\u00fchne-Drama des Menschen Buck Safiotte in den Vordergrund treten. So entsteht der Eindruck, die Spelunken, die kleinen und gro\u00dfen Gangster und das korrupte Polizeiwesen seien nur Hintergrund f\u00fcr ein menschliches Drama. Von Gott fehlt im New York der 20er Jahre allerdings jede Spur.<\/p>\n<p>Die Strafe, in der biblischen Vorlage von Gott verh\u00e4ngt, trifft Buck ohne Gnade und Ausweg. W\u00e4hrend die biblische Geschichte noch einen guten Verlauf nimmt (David und Batseba bekommen ein weiteres Kind), endet Wolfsons Roman mit dem Tod des Kindes. Was bleibt, dass sind \u00e2\u20ac\u017eJazz und Tr\u00e4nen und Tod&#8220;. Hierin liegt die eigentliche Wucht und Schlagkraft des Romans: Die gerechte Strafe f\u00fcr amoralisches Verhalten, ohne Erbarmen, ohne Hoffnung, ohne Mitleid. Die Welt ist ein d\u00fcsterer und ungerechter Ort. Wolfsons Kunst besteht darin, einen hoch moralischen Noir-Roman mit sehr amoralischen Figuren geschrieben zu haben. Das k\u00f6nnte ihn zu einem Klassiker machen &#8211; bliebe nicht das ungute Gef\u00fchl, dieser Roman lie\u00dfe sich auch als Lehrbeispiel im Religionsunterricht benutzen. Ist das nun moderne Erz\u00e4hlkunst oder rigoroser Katechismus? Beschreibung des nackten Gro\u00dfstadtelends oder christliche Unterweisung der strengeren Art? Ich bin skeptisch. Grausame Geschichten aus der Bibel kannte ich schon als Kind zur Gen\u00fcge. <\/p>\n<blockquote><p><strong>P[incus] J[acob] Wolfson: Gei\u00dfel der Niedertracht <\/strong>\/ \u00dcbersetzt aus dem Amerikanischen von Conny L\u00f6sch und Angelika M\u00fcller. &#8211; Berlin : Maas, 2005<br \/>\n(Pulp Master; 16)<br \/>\nISBN 3-929010-57-7<\/p>\n<p>Originaltitel: <strong>P[incus] J[acob] Wolfson : Bodies are dust<\/strong>. &#8211; New York : Vanguard Press, 1931<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3929010577\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3929010577\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3929010577\" target=\"_blank\">\u00bb buch24.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n<p><a name=\"1\"><\/a>1. Das sind die Kneipen, die w\u00e4hrend der Prohibition verbotenerweise Alkohol ausschenkten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pincus Jacob Wolfson: Gei\u00dfel der Niedertracht Es gibt Kriminalromane, die (bislang) nur Eingeweihte und wirkliche Fans kennen. \u00e2\u20ac\u017eBodies are dust&#8220; des us-amerikanischen Autors Pincus Jacob Wolfson ist so ein Krimi. Schaut man sich ein wenig im Internet um, dann wird klar: Dies muss &#8211; nach Worten einiger Kenner &#8211; ein Klassiker des Polizeiromans sein. Die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188"}],"collection":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=188"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}