{"id":2052,"date":"2005-01-01T16:47:16","date_gmt":"2005-01-01T15:47:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=2052"},"modified":"2005-01-01T16:47:16","modified_gmt":"2005-01-01T15:47:16","slug":"patricia-highsmith-das-zittern-des-faelschers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=2052","title":{"rendered":"Aus dem Archiv: Tatwaffe Schreibmaschine"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/das_zittern_des_faelschers_200.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Das Zittern des F\u00e4lschers von Patrica Highsmith\"><br \/>\n<strong>Patricia Highsmith: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Das Zittern des F\u00e4lschers<\/span><\/strong><br \/>\nF\u00fcr Patricia Highsmith war <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Das Zittern des F\u00e4lschers&#8220;<\/span>  ein \u00e2\u20ac\u017erichtiger Roman&#8220;, Schriftstellerkollege Graham Green sah darin ihr bestes Buch. Dabei ist <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Das Zittern des F\u00e4lschers&#8220;<\/span> untypisch f\u00fcr die Autorin. Es ist kein Kriminalroman sondern die vielschichtige Erz\u00e4hlung eines Kulturschocks sowie eine Parabel \u00fcber die Universalit\u00e4t von Moral.<\/p>\n<p>Im Zentrum steht der amerikanische Autor Howard Ingham, der sich auf einer Reise in Tunesien befindet. Ungeduldig wartet er in einem kleinen K\u00fcstenort auf Nachricht von seiner Freundin Ina und auf das Eintreffen von John Castlewood. F\u00fcr Castlewood, einem Kameramann, will Ingham in Tunesien ein Drehbuch schreiben. Der geplante Film soll die Liebesgeschichte einer Frau und zweier M\u00e4nner erz\u00e4hlen. Doch der Film wird nie gedreht: Ingham erh\u00e4lt durch einen Bekannten die etwas wirre Mitteilung, dass sich Castlewood das Leben genommen hat.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer Schriftsteller k\u00f6nnte nun abreisen, doch irgend etwas scheint ihn in Tunesien zu halten. Vielleicht ist es die Entfernung zur Heimat, die ihm Auftrieb f\u00fcr einen neuen Roman gibt. Er arbeitet an seinem neuen Buch, das den Titel <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Das Zittern des F\u00e4lschers&#8220;<\/span> tragen soll. Der Roman macht gute Fortschritte und der Schriftsteller lernt in dieser fremden, arabischen Welt zwei M\u00e4nner kennen.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst der Amerikaner Adams, der f\u00fcr einen Radiosender antikommunistische Propaganda schreibt, die heimlich in Russland gesendet wird. Adams ist ein strenger Vertreter von amerikanischer Weltanschauung und amerikanischem Lebensstil, was ihm bei Ingham den Spitznamen \u00e2\u20ac\u017eWulst&#8220; einbringt. Wirklich sympathisch ist ihm der relig\u00f6se Adams nicht, doch als Ingham schwer erkrankt, rettet ihm Adams das Leben.<\/p>\n<p>Wesentlich sympathischer ist Ingham sein zweiter Bekannter, der D\u00e4ne Jensen. Er ist ein homosexueller K\u00fcnstler, der mit seinem Sch\u00e4ferhund ein spartanisch eingerichtet Haus bewohnt. W\u00e4hrend Adams deutlich Abstand zur arabischen Lebensweise h\u00e4lt, scheint sich Jensen seiner Umgebung angepasst zu haben. Erst als sein Hund verschwindet, erwachen auch bei ihm Ressentiments gegen\u00fcber Arabern.<\/p>\n<p>Nach einigen Wochen erh\u00e4lt Ingham eindlich einen Brief von seiner Freundin Ina. Darin gesteht sie ihm, dass sie mit dem verstorbenen Castlewood eine kurze Aff\u00e4re hatte und dieser sich in Inghams Wohnung umgebracht hat. F\u00fcr den entt\u00e4uschten Schriftsteller ein Grund mehr, in Tunesien zu bleiben. Schlie\u00dflich ereignet sich ein Ungl\u00fcck, dessen unklarer Ausgang Ingham nicht mehr los l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Negation der Moral<\/strong><\/p>\n<p>Eines Nachts steht pl\u00f6tzlich ein Mann in seinem Bungalow. Obwohl er nur einen Schatten erkennt, vermutet Ingham, dass es sich bei dem ungebetenen Besucher um Abdullah, einen Dieb, handelt. Erschreckt wirft er dem Einbrecher seine Schreibmaschine an den Kopf. Mit einem Schrei geht der Getroffene zu Boden. Der verwirrte Ingham h\u00f6rt noch, wie das Opfer weg geschleift wird. Als Abdullah in den n\u00e4chsten Tagen verschwunden bleibt, wachsen Inghams Zweifel: Hat er den Einbrecher ermordet?<\/p>\n<p>In seiner Verzweiflung beichtet er seinem Freund Jesen den Vorfall &#8211; doch der kann darin nichts Verwerfliches sehen. Schlie\u00dflich ist nicht klar, ob der Getroffene wirklich tot ist und letztlich handelt es sich in Jensens Augen um Selbstverteidigung, bei der vielleicht ein Ganove, ein schlechter Mensch, zu Tode gekommen ist. Auch die arabischen Hausangestellten schweigen \u00fcber den Vorfall, der schlecht f\u00fcr\u00e2\u20ac\u2122s Gesch\u00e4ft sein k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Adams hingegen, dem nur Ger\u00fcchte zu Ohren gekommen sind, ahnt, dass etwas Inghams Gewissen belastet. Immer st\u00e4rker bedr\u00e4ngt er seinen Bekannten, doch Ingham verweigert ihm ein Gest\u00e4ndnis. Er tischt ihm L\u00fcgen auf, die immer mehr zur Belastung werden, als seine Freundin Ina in Tunesien eintrifft. <\/p>\n<p>Mit stilistischer Virtuosit\u00e4t und kunstvoller Dramaturgie erz\u00e4hlt Patricia Highsmith die Geschichte vom Aufeinandertreffen zweier Kulturen: W\u00e4hrend Adams die amerikanische Lebensart propagiert, n\u00e4hert sich Ingham langsam dem arabischen Lebensgef\u00fchl an. Eindrucksvoll ist dabei die Konstruktion des Romans: Inghams t\u00e4tlicher Angriff mit der Schreibmaschine ist wie ein Gravitationspunkt, auf den zun\u00e4chst die Geschichte zu l\u00e4uft. Als dieser Punkt erreicht ist, str\u00f6mt in h\u00f6chster Komplexit\u00e4t der Erz\u00e4hlfluss davon weg und behandelt philosophische, kulturelle und zwischenmenschliche Probleme.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit moralische Ma\u00dfst\u00e4be in eine fremde Kultur \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Ingham durchlebt einen schmerzhaften Prozess der Ver\u00e4nderung und erkennt, dass westliche Werte nicht einfach auf die orientalische Kultur \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>In letzter Konsequenz negiert Highsmith die Universalit\u00e4t von moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben. Ein Menschenleben scheint im Orient einen anderen Wert zu haben als im Westen. Doch wie vertragen sich die hohen moralischen Anspr\u00fcche etwa mit dem Vietnam-Krieg der USA? All dies thematisiert Highsmith mit hoher Symbolkraft in ihrem Buch. Sie selbst hat einmal gesagt, dass die Moral sie nicht interessiere. Die Natur, so Highsmith, kenne auch keine Werte. Eine \u00dcberzeugung, die nicht bei jedem auf Zustimmung sto\u00dfen d\u00fcrfte &#8211; doch ihr faszinierender Roman scheint ihr auf beklemmende Weise Recht zu geben. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Highsmith, Patricia: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Das Zittern des F\u00e4lschers<\/span><\/strong> \/ Aus dem Amerikanischen von Dirk von Gunsteren. Mit einem Nachwort von Paul Ingendaay. &#8211; Z\u00fcrich : Diogenes, 2002<br \/>\nISBN 3-257-06413-6 <\/p>\n<p>Original: <strong>Highsmith, Patricia: <span style=\"font-variant: small-caps;\">The Tremor of Forgery<\/span><\/strong>. &#8211; London : Heinemann, 1969<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3257234139\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3257234139\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3257234139\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3257234139\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese Besprechung erschien bereits im Juli 2002 auf www.der-buecherfreund.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patricia Highsmith: Das Zittern des F\u00e4lschers F\u00fcr Patricia Highsmith war &#8222;Das Zittern des F\u00e4lschers&#8220; ein \u00e2\u20ac\u017erichtiger Roman&#8220;, Schriftstellerkollege Graham Green sah darin ihr bestes Buch. 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