{"id":2094,"date":"2009-01-23T11:21:44","date_gmt":"2009-01-23T10:21:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=2094"},"modified":"2009-01-23T11:21:44","modified_gmt":"2009-01-23T10:21:44","slug":"das-suhrkamp-syndrom","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=2094","title":{"rendered":"Das Suhrkamp-Syndrom"},"content":{"rendered":"<p>Am 29.12.2008 vermeldete das <a href=\"http:\/\/www.boersenblatt.net\/298093\/\">&rarr; B\u00f6rsenblatt<\/a>, dass der Suhrkamp-Verlag in seinem Fr\u00fchjahrs- und Sommerprogramm seiner Taschenbuchreihe  eine &#8222;Krimi-Reihe&#8220; starten will. Erscheinen sollen die bislang sechs geplanten Titel im Mai, Juni, August und September 2009. In interessierten <a href=\"http:\/\/krimileser.wordpress.com\/2008\/12\/30\/neuer-krimiverlag\/\">&rarr; Krimikreisen<\/a> fand diese Nachricht eine wohlwollende Aufnahme und im Gegensatz zu so manchem Kritiker kannten man dort einige der Autorinnen und Autoren, die demn\u00e4chst bei Suhrkamp erscheinen sollen. So weit, so gut. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man dar\u00fcber streiten, ob es sich tats\u00e4chlich um eine &#8222;Reihe&#8220; im bibliographischen Sinne handelt, denn davon ist in der <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/_download\/Vorschauen\/st_1_2009.pdf\">&rarr; Suhrkamp-Vorschau (PDF-Dokument)<\/a> nichts zu erkennen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nJedenfalls fand auch der Kritiker Tobias Gohlis es wert, diese Ank\u00fcndigung am 08.01.2009 in seinem <a href=\"http:\/\/blogs.arte.tv\/Krimitagebuch\/post\/60781\">&rarr; Blog<\/a> zu vermelden. Er nahm dies sogar zum Anlass, eine uralte Diskussion \u00fcber &#8222;literarische Krimis&#8220; vom Zaun brechen zu wollen &#8211; mit sehr m\u00e4\u00dfigem Erfolg. Schlie\u00dflich wurde das schon hundertmal durchgekaut und seine arg b\u00fcrokratischen Vorstellungen, wie den Krimikritik zu funktionieren habe, die er hier <a href=\"http:\/\/blogs.arte.tv\/Krimitagebuch\/post\/61988\">&rarr; dokumentiert<\/a> hat, stie\u00dfen auf die kluge Gegenwehr unter anderem von dpr und Herr Linder.<\/p>\n<p>Nun lenkten gestern die <a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/aktuell.html\">&rarr; Alligatorpapiere<\/a> die Aufmerksamkeit auf einen noch <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/04\/KA-Mittelstueck\">&rarr; l\u00e4ngeren Artikel<\/a> von Tobias Gohlis, der am 15.01.2009 in der ZEIT erschienen ist. Wohlgemerkt vier Monate bevor die ersten Titel der neuen &#8222;Krimi-Reihe&#8220; \u00fcberhaupt in den Buchhandlungen liegen. Unter der knackigen \u00dcberschrift &#8222;Unternehmen Mimikry&#8220; wird da also die &#8222;Reihe&#8220; vorgestellt, \u00fcber die man inhaltlich als Kritiker eigentlich noch gar nichts schreiben kann, weil es n\u00e4mlich eine Sperrfrist bis Mai f\u00fcr die entsprechenden Titel gibt. Was also soll man da schreiben?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst l\u00e4sst Gohlis einen Verleger zu Wort kommen, dessen Begeisterung \u00fcber neue Konkurrenz sich in Grenzen h\u00e4lt. W\u00e4re es nicht sch\u00f6n, wenn ein Verleger mal sagen w\u00fcrde: &#8222;Fein, Konkurrenz belebt das Gesch\u00e4ft&#8220;. Statt dessen die \u00fcblichen Spitzfindigkeiten (Suhrkamp geht es schlecht, jetzt m\u00fcssen die auch noch in Krimi machen) und ein trotzig nachgeworfenes &#8222;Gl\u00fcckauf!&#8220;. Es folgt ein langer und langweiliger Absatz, wie sie bei den Suhrkamps zu Krimis gekommen sind und warum sie das machen. Dann folgt eine Feststellung, die angesichts der Sperrfrist reichlich merkw\u00fcrdig wirkt:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Das, was da dem Gewohnheitskrimileser untergeschoben wird, hat es in sich. Tats\u00e4chlich ist keiner der sechs Autoren der ersten Staffel dem deutschen Publikum bekannt. Alle sind erstmals aus dem D\u00e4nischen und Spanischen, Englischen und Italienischen \u00fcbersetzt, und die Schaupl\u00e4tze liegen in Kopenhagen, Polen, Australien und Kalifornien.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Was ist das bitte f\u00fcr eine Logik? Nur weil man die Autorinnen und Autoren in Deutschland noch nicht kennt, hat es diese &#8222;Reihe&#8220; in sich? Wer hingegen mal in die Vorschau guckt, der ahnt, was die Suhrkamps da dem geneigten &#8222;Gewohnheitskrimileser&#8220; (wer ist das?) verkaufen wollen: <em>&#8222;F\u00fcr Leser von Jan Seghers&#8220;<\/em>, <em>&#8222;F\u00fcr Leser von Michael Dibdin, Donna Leon und Nicolas Remin&#8220;<\/em>, &#8222;<em>F\u00fcr Leser von Stieg Larsson und Sj\u00f6wall\/Wahl\u00f6\u00f6<\/em>&#8220; oder <em>&#8222;Ein Krimi mit Witz, Herz und Spannung&#8220;<\/em> lassen vermuten (und nichts anderes ist zur Zeit m\u00f6glich), dass hier weitgehend Durchschnittskrimis angeboten werden. Wohlgemerkt eine Vermutung &#8211; wie die einzelnen Titel wirklich sind, kann erst beurteilt werden, wenn man sie kennt und \u00f6ffentlich dar\u00fcber schreiben kann. <\/p>\n<p>Ebenso stutzig wird man, wenn Gohlis folgende Erkenntnis formuliert:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Ob fr\u00fch, ob sp\u00e4t \u00e2\u20ac\u201c Suhrkamps Aktion Mimikry ist ein ernsthafter Einstieg ins systematische Krimigesch\u00e4ft und schl\u00e4gt eine weitere, enorme Bresche in die Chinesische Mauer zwischen E (\u00bbernster\u00ab) und U (\u00bbunterhaltender\u00ab) Literatur. Die \u00fcbrigens, so sieht es Wolfgang Balk, Leiter des Deutschen Taschenbuchverlags, am heftigsten noch im Feuilleton verteidigt wird.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das k\u00f6nnte man ja fast schon als Ansatz zur Selbstkritik sehen, die aber bei Gohlis v\u00f6llig verpufft. Wer vor ein paar Tagen noch gefordert hat &#8222;selbst allgemeinverst\u00e4ndliche und durchschlagende Definitionen &#8222;guter&#8220; Krimis zu erarbeiten&#8220;, der richtet &#8211; ob er will oder nicht &#8211; neue &#8222;chinesische Mauern&#8220; auf. Ganz davon abgesehen, dass den &#8222;Gewohnheitskrimileser&#8220; das Feuilleton eh&#8216; nicht interessiert. <\/p>\n<p>Besonders bedenklich bleibt aber der Schlussatz, mit dem Gohlis sich als Kritiker eigentlich disqualifiziert:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Wenn Suhrkamps Projekt scheitert, k\u00f6nnte das ein R\u00fcckschlag f\u00fcr die anspruchsvolle Kriminalliteratur sein, die es keineswegs so leicht hat, wie der Krimiboom glauben l\u00e4sst.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Als ob Suhrkamp der erste Verlag ist, der sich nun an &#8222;anspruchsvolle&#8220; Kriminalliteratur versucht. DuMont oder Nymphenburger sind zwei der Verlage, die damit im letzten Jahrzehnt grandios gescheitert sind. Mal ganz davon abgesehen, dass fast alle gro\u00dfen Verlagsh\u00e4user ihre Krimireihen in den 1990er Jahren eingestellt haben. Ob nun ausgerechnet Suhrkamp der Heilsbringer ist, zudem Gohlis den Verlag hier hochstilisiert, wage ich zu bezweifeln. Ebenso zweifelhaft ist dieser Artikel, dessen Ziel es vermutlich ist, vier Monate vor Ver\u00f6ffentlichung medienwirksam \u00fcber Phantome zu spekulieren. Warten wir doch einfach ab, wie &#8222;anspruchsvoll&#8220; diese &#8222;M\u00f6chtegern-Reihe&#8220; bei Suhrkamp wird. Urteile sind fr\u00fchstens im Mai m\u00f6glich. Wenn allerdings ein Verlag noch nicht einmal den Mut aufbringt, einer expliziten Krimi-Reihe einen eigenen Titel zu geben und sie lieber im allgemeinen Taschenbuchprogramm versteckt, dann sollte man &#8211; gerade als Krimiexperte &#8211; sehr misstrauisch sein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29.12.2008 vermeldete das <a href=\"http:\/\/www.boersenblatt.net\/298093\/\">&rarr; B\u00f6rsenblatt<\/a>, dass der Suhrkamp-Verlag in seinem Fr\u00fchjahrs- und Sommerprogramm seiner Taschenbuchreihe  eine &#8222;Krimi-Reihe&#8220; starten will. Erscheinen sollen die bislang sechs geplanten Titel im Mai, Juni, August und September 2009. In interessierten <a href=\"http:\/\/krimileser.wordpress.com\/2008\/12\/30\/neuer-krimiverlag\/\">&rarr; Krimikreisen<\/a> fand diese Nachricht eine wohlwollende Aufnahme und im Gegensatz zu so manchem Kritiker kannten man dort einige der Autorinnen und Autoren, die demn\u00e4chst bei Suhrkamp erscheinen sollen. So weit, so gut. 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