{"id":222,"date":"2005-08-19T16:24:25","date_gmt":"2005-08-19T14:24:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=222"},"modified":"2005-08-19T16:24:25","modified_gmt":"2005-08-19T14:24:25","slug":"leonie-swann-glennkill","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=222","title":{"rendered":"Platzpatrone &#8211; Folge 1: Voll bel\u00e4mmert"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/glennkill_warnung_klein.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Glennkill - Warnung!\" \/><br \/>\n<em><strong>Leonie Swann: Glennkill<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Selbstmarginalisierung des deutschen Krimis schreitet munter voran. Als Leser\/in hat man sich an die Masse von belanglosen Regionalkrimis, Serienkillerthriller oder historischen Schmonzetten schon gew\u00f6hnt. Es gibt aber immer wieder besondere Tiefpunkte im Schaffen deutscher Krimischreiber\/innen, die eine entsprechende W\u00fcrdigung unbedingt verdienen. <\/p>\n<p>Ganz tief unten in der Motten- und Klischeekiste hat der einstmals renommierte Goldmann-Verlag gekramt oder kramen lassen. Es ist jener Verlag, der im letzten Jahrhundert noch mit einer eigenen Krimireihe gl\u00e4nzte, in der sich das Who-is-Who der Krimischreiber ein Stelldichein gaben. Doch die Zeiten \u00e4ndern sich, Qualit\u00e4t ist nur hinderlich und deshalb wirft Goldmann in diesem Sommer den ersten Schafskrimi aus deutschen Landen auf den Markt. \u00e2\u20ac\u017eGlennkill\u00e2\u20ac\u0153 hei\u00dft der, spielt selbstverst\u00e4ndlich nicht in heimischen Landen sondern auf den \u00e2\u20ac\u017egr\u00fcnen Wiesen\u00e2\u20ac\u0153 Irlands und verbrochen hat ihn eine junge Frau, die sich wohlweislich hinter dem Pseudonym Leonie Swann versteckt. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Glaubt man den Lobpreisungen des Verlags, dann ist ein Schafskrimi mal ganz was Neues, was Frisches, ja, was Einzigartiges in der Krimilandschaft! Endlich gibt es mal tierische Ermittler, die nicht vermenschlicht werden, dazu gleich Schafe, die \u00fcblicherweise als dumm abgestempelt werden. Autorin Swann sprudelt vor Originalit\u00e4t und Witz, denn sie l\u00e4sst ihre irischen Schafe den Mord an ihrem Hirten George aufkl\u00e4ren. Nat\u00fcrlich haben die Viecher furchtbar einfallsreiche Namen: Das kl\u00fcgste Schaf der Herde, dass zugleich alle Ermittlungsf\u00e4den zusammenf\u00fchrt, hei\u00dft Miss Maple, das schwarze Schaf der Herde hei\u00dft Othello und der geheimnisvolle Widder, der unvermutet nach langer Abwesenheit wieder auftaucht, h\u00f6rt auf den Namen Melmoth. <\/p>\n<p>Kurzes Bildungsintermezzo: Na, wer waren die Vorbilder? Richtig, auf Agatha Christies Miss Marple tippt wohl jeder, Othello mag man auch noch in Richtung Shakespeare verorten, nur Melmoth, der den Beinamen, \u00e2\u20ac\u017eder Wanderer\u00e2\u20ac\u0153 tr\u00e4gt, k\u00f6nnte schwierig werden. Als literarische Schablone d\u00fcrfte hier \u00e2\u20ac\u017eMelmoth, der Wanderer\u00e2\u20ac\u0153 von Charles Maturin gedient haben, ein Schauerroman aus dem Jahre 1820. Eben, mal richtig was Frisches, sagte ich ja bereits. <\/p>\n<p>Auf \u00fcber 370 Seiten langweilt Leonie Swann ihre Leser\/innen mit Schilderungen \u00fcber das Schafsleben \u00e2\u20ac\u201c das vor allem aus Schlafen und Fressen besteht &#8211;  und den scharfen Schafsbeobachtungen. Die Viecher nehmen die  Menschen, die mit dem toten Sch\u00e4fer George zu tun hatten, ins Visier. Viel verstehen die Schafe nat\u00fcrlich nicht von dem, was die Menschen da so treiben. Sie wissen zwar was Antibiotika sind, aber mit dem Wort \u00e2\u20ac\u017eGras\u00e2\u20ac\u0153 verbinden die wolligen Vierbeiner nat\u00fcrlich nur ihr Futter und nicht das, was manche Menschen sich darunter vorstellen: Ein rauschhaftes Vergn\u00fcgen. Wieder so ein origineller Einfall von Frau Swann! Woher sollten die Schafe auch wissen, was Gras ist, schlie\u00dflich hat George zu Lebzeiten ihnen nur aus Liebesromanen vorgelesen \u00e2\u20ac\u201c da tauchen in der Regel keine Kiffer auf. Ab und zu war bei der Lekt\u00fcre \u00fcbrigens auch ein Krimi dabei. Deshalb glauben die Viecher in eitler Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, den Mordfall selbst kl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. \u00e2\u20ac\u017eGerechtigkeit\u00e2\u20ac\u0153 bl\u00f6ken sie \u00fcber die Wiesen. Am Ende wird sich dann herausstellen, das George gar nicht ermordet wurde.<\/p>\n<p><strong>\u00dcppige Stilbl\u00fcten auf irischen Wiesen<\/strong><\/p>\n<p>Aber vor diesem fulminanten Schluss hat Frau Swann eben 370 Seiten Sprachwitz und Einfallsreichtum gesetzt. Da liest man dann so S\u00e4tze wie diesen: <\/p>\n<blockquote><p><em>&raquo;Sie standen zwischen dem wasserblauen Himmel und dem himmelblauen Meer an der Steilk\u00fcste, wo man das Blut nicht riechen konnte, und f\u00fchlten sich verantwortlich.&laquo;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Hahaha, ich lach mich tot! Ist das nicht&#8230; ich meine&#8230; na, das ist doch sensationell! Sie verstehen doch \u00e2\u20ac\u017ewasserblauer Himmel\u00e2\u20ac\u0153 und \u00e2\u20ac\u017ehimmelblaues Meer\u00e2\u20ac\u0153 \u00e2\u20ac\u201c da muss man ja auch erst mal drauf kommen. Wahnsinn! Dazu immer wieder diese hochmoderne Erz\u00e4hlweise, Subjekt-Objekt-Pr\u00e4dikat, oder auch mal Subjekt-Pr\u00e4dikat-Objekt. Ganz verwegen! Oder auch diese spr\u00fchenden Dialoge: <\/p>\n<blockquote><p><em>&raquo;  \u00e2\u20ac\u0153Ein Ding?\u00e2\u20ac\u0153 platze Mopple heraus.<br \/>\n\u00e2\u20ac\u017eEin Ding?\u00e2\u20ac\u0153 hauchte Cordelia.<br \/>\n\u00e2\u20ac\u017eWas ist ein Ding?\u00e2\u20ac\u0153, fragte ein Lamm. \u00e2\u20ac\u017eKann ich auch so ein Ding fressen? Tut es weh?\u00e2\u20ac\u0153 Seine Mutter schwieg verlegen. &laquo;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Schweigen m\u00f6chte man auch \u00fcber die h\u00fcbschen Stilbl\u00fcten, die auf Irlands gr\u00fcnen Wiesen \u00fcppig gedeihen und die man im Goldmann-Lektorat unter Naturschutz gestellt hat. So l\u00e4sst zum Beispiel Frau Swann regelm\u00e4\u00dfig ihre Schafsherde \u00e2\u20ac\u017eauseinanderspritzen\u00e2\u20ac\u0153. Ist wahrscheinlich so ein Frau-Mutter-Natur-Ding, dass ich Dussel nicht verstanden habe. Auseinander spritzende Schafe mag ich mir allerdings auch nicht so gerne vorstellen. <\/p>\n<p>Fazit:  Dieser Roman ist hochgradiger Biom\u00fcll und geh\u00f6rt schleunigst auf den Komposthaufen.<\/p>\n<p>Schlussbemerkung:  Ich wei\u00df nicht, wor\u00fcber ich mehr entsetzt seien soll. Dass dieser Roman \u00fcberhaupt das Licht der Buchhandlungen erblickt \u00e2\u20ac\u201c dazu auch noch im Hardcover \u00e2\u20ac\u201c oder dar\u00fcber, dass zwei gestandene Kritiker &#8211; <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/kritik\/407209\/\">&rarr; Kolja Mensing im Deutschlandradio <\/a>und <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/data\/2005\/08\/11\/758144.html\">&rarr; Ulrich Baron in der \u00e2\u20ac\u017eWelt\u00e2\u20ac\u0153 <\/a>\u00e2\u20ac\u201c diesen tierischen Bl\u00f6dsinn auch noch loben? Sind die Beiden bel\u00e4mmert? W\u00e4hrend Baron den albernen Versuch unternimmt, \u00e2\u20ac\u017eGlennkill\u00e2\u20ac\u0153 in eine Tradition der literarischen Tierromane zu stellen, entbl\u00f6det sich Mensing am Schluss seiner Besprechung nicht festzustellen: \u00e2\u20ac\u017eDerart belesene Schafe gab es noch nie!\u00e2\u20ac\u0153 <\/p>\n<blockquote><p><strong>Leonie Swann: Glennkill <\/strong>: Ein Schafskrimi. \u00e2\u20ac\u201c M\u00fcnchen : Goldmann, 2005<br \/>\nISBN 3-442-30129-7<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonie Swann: Glennkill Die Selbstmarginalisierung des deutschen Krimis schreitet munter voran. Als Leser\/in hat man sich an die Masse von belanglosen Regionalkrimis, Serienkillerthriller oder historischen Schmonzetten schon gew\u00f6hnt. Es gibt aber immer wieder besondere Tiefpunkte im Schaffen deutscher Krimischreiber\/innen, die eine entsprechende W\u00fcrdigung unbedingt verdienen. 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