{"id":2282,"date":"2009-03-01T19:21:25","date_gmt":"2009-03-01T18:21:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=2282"},"modified":"2009-03-01T19:21:25","modified_gmt":"2009-03-01T18:21:25","slug":"jakob-arjouni-der-heilige-eddy","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=2282","title":{"rendered":"Homophobie in der Hauptstadt"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/der_heilige_eddy_200.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Der heilige Eddy\"><strong>Jakob Arjouni: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der heilige Eddy<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Krimis mag er nicht, der Jakob Arjouni. So steht es jedenfalls in der kleinen Gegen\u00fcberstellung <a href=\"http:\/\/www.diogenes.ch\/leser\/autoren\/download\/52\/web_download\">&rarr; \u00e2\u20ac\u0153Mag ich \/ Mag ich nicht\u00e2\u20ac\u0153<\/a>, die der Diogenes-Verlag auf seiner Internetseite anbietet. Dabei ist Arjouni vor allem durch seine vier Kayankaya-Krimis bei uns bekannt geworden. Der letzte mit dem Titel \u00e2\u20ac\u0153Kismet\u00e2\u20ac\u0153 erschien 2001,  danach wandte sich der Autor, mit einer Ausnahme, von der Genre-Literatur ab. Keine Krimis mehr von dem Mann, der mit seiner Figur des Privatdetektivs Kemal Kayankaya schon lange vor der Multi-Kulti-Welle gekonnt mit den Missverst\u00e4ndnissen und Vorurteilen zwischen Deutschen und T\u00fcrken aufr\u00e4umte. Sein aktueller Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Der heilige Eddy\u00e2\u20ac\u0153<\/span> kehrt zumindest etwas zur\u00fcck zu den Anf\u00e4ngen von Jakob Arjouni. Krimi-Slapstik soll es sein, eine Roman, der den Witz und den Charme einer Billy-Wilder-Kom\u00f6die verspr\u00fcht. Behauptet jedenfalls der Klappentext. Von Charme und Witz konnte ich nicht viel entdecken in diesem Roman. Fast h\u00e4tte ich ihn unter \u00e2\u20ac\u0153belanglose Unterhaltung\u00e2\u20ac\u0153 abgetan \u00e2\u20ac\u201c w\u00e4re da nicht eine latente Homophobie, die sich vor allem in der zweiten H\u00e4lfte des Buches ins Unertr\u00e4gliche steigert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Geschichte um den Gelegenheitsverbrecher Eddy Stein beginnt harmlos. Der Trickbetr\u00fcger  ist  \u00fcber vierzig, hat angegraute Haare und Denkerstirnfalten. Er sieht aus wie irgendwas zwischen Museumsmitarbeiter, Feuilletonredakteur und Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler. Er lebt in einer Mietwohnung im linksalternativen Kreuzberg, seinem Stadtteil, in dem er seinem kriminellen Job nie nach gehen w\u00fcrde. Seine Betrugsopfer findet er vielmehr unter den Touristen im Berliner Hauptbahnhof.  Ein inszenierter Sturz \u00fcber eine Bananenschale und schon ist er im Gespr\u00e4ch mit seinem gutbetuchten Opfer, das nach der Begegnung mit Eddy um einige tausend Euro \u00e4rmer sein wird. Mit seinen Gaunereien finanziert er seine Leidenschaft: Eddy ist Stra\u00dfenmusiker und zusammen mit seinem Kumpel Arkadi tr\u00e4umt er von der gro\u00dfen Karriere. Bis hierher also brave Biederkeit, sowohl in der Geschichte wie auch im Erz\u00e4hlstil. <\/p>\n<p>Wie immer in dieser Art von lustigen Krimikrachern braucht&#8217;s eine dramatische Wendung. Die tritt ein, als Horst \u00e2\u20ac\u0153Hotte\u00e2\u20ac\u0153 K\u00f6nig in Eddys Hausflur steht. K\u00f6nig ist der meistgehasste Mann Berlins, hat in den USA mit Bratw\u00fcrsten Millionen gescheffelt, ist vor kurzem zur\u00fcck nach Berlin gekommen, um die maroden Deo-Werke in Tempelhof aufzukaufen, nur um sie kurze Zeit sp\u00e4ter an einen chinesischen Investor wieder zu verschachern. Die 8.000 Angestellten werden ihre Jobs verlieren und die Berliner Volksseele ist erz\u00fcrnt \u00fcber den Heuschreckenkapitalisten. Dessen Tochter Romy ist als neue Mieterin in Eddys Nachbarwohnung eingezogen und nun steht ihr Vater im Hausflur. Doch Romy \u00f6ffnet ihre Wohnungst\u00fcr nicht. Es kommt zum Streit zwischen Eddy und Hotte, bei dem letzterer t\u00f6dlich st\u00fcrzt. Ein Unfall, doch Eddy scheut als Kleinkrimineller die Polizei. Auf kuriose Weise entledigt er sich schlie\u00dflich der Leiche.<\/p>\n<p><strong>Stammtischniveau<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst scheint es gut f\u00fcr Eddy zu laufen: Die Polizei findet zwar nach ein paar Tagen den toten K\u00f6nig, doch Eddy hat es offenbar geschafft, alle Spuren zu ihm gr\u00fcndlich zu verwischen. Dann jedoch greift die Boulevardpresse den Fall auf und feiert den mutmasslichen \u00e2\u20ac\u0153K\u00f6nigsm\u00f6rder\u00e2\u20ac\u0153 als Volksheld. Je nach politischer Gef\u00fchlslage wird der T\u00e4ter zum Berliner Che Guevara oder zum kranken Faschoschwein stilisiert. Eddy indes besch\u00e4ftigt sich immer mehr mit der reizenden Tochter seines Opfers. Ausgerechnet beim Leichenschmaus nimmt Eddy Kontakt zu Romy auf \u00e2\u20ac\u201c und verliebt sich. Man k\u00f6nnte das als reichlich banale und glatte Krimikitschkom\u00f6die abtun, h\u00e4tte Arjouni nicht die Figur des schwulen Reporters und Klatschkolumnisten Fabian Braake eingef\u00fchrt. Der macht, wie es sich f\u00fcr einen Boulevardschmierfink geh\u00f6rt, der Familie des toten Bratwurstmillion\u00e4rs das Leben zur H\u00f6lle. Eddy kennt die \u00e2\u20ac\u0153Giftschwuchtel\u00e2\u20ac\u0153 aus fr\u00fcheren Zeiten, als sie noch gemeinsam in einer Band spielten. Und da seine neue Geliebte Romy unter den Anfeindungen des Journalisten leidet, dreht Eddy den Spie\u00df kurzerhand um. Mit dem entsprechenden Happy-End.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich soll und muss es miese schwule Figuren in Krimis geben. Nat\u00fcrlich darf man sich \u00fcber all die Klischees lustig machen \u00e2\u20ac\u201c das ist unter anderem das Wesen einer Kom\u00f6die. Aber es kommt immer auf den Kontext an und in Arjounis Roman ist der nichts anderes als h\u00f6chst schwulenfeindlich. Denn w\u00e4hrend alle Figuren zumindest ein paar Sympathipunkte vom Autor mitbekommen haben \u00e2\u20ac\u201c selbst der Heuschreckenkapitalist Hotte, der weinend vor der Wohnungst\u00fcr seiner Tochter steht \u00e2\u20ac\u201c ist die schwule Figur Fabian Braake der Unmensch schlechthin. Ein widerlicher Schmarotzer, ein ekelhafter Schreiberling und ein ehemaliger Stricher, der es mit Ellenbogen (und man will sich nicht vorstellen womit sonst noch) nach oben gebracht hat. Spielte Arjouni in seinen fr\u00fcheren Kayankaya-Krimis durchaus geschickt mit Vorurteilen, auch und gerade in dieser Art von Macho-Krimi-Welt, entpuppt er sich hier als homophober Autor mit dem Drang zur billigen Schwarz-Wei\u00df-Malerei. Das ist nicht lustig und es ist auch nicht unterhaltend. Jakob Arjouni ist mit seinem Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Der heilige Eddy\u00e2\u20ac\u0153<\/span> auf Stammtischniveau ankommen. Bedauerlich. <\/p>\n<blockquote><p><strong><br \/>\nJakob Arjouni: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der heilige Eddy<\/span><\/strong>. &#8211; Z\u00fcrich : Diogenes, 2009<br \/>\nISBN 978-3-257-86181-5<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3257066856\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3257066856\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3257066856\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3257066856\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krimis mag er nicht, der Jakob Arjouni. 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Behauptet jedenfalls der Klappentext. Von Charme und Witz konnte ich nicht viel entdecken in diesem Roman. 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