{"id":231,"date":"2005-08-28T16:50:27","date_gmt":"2005-08-28T14:50:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=231"},"modified":"2005-08-28T16:50:27","modified_gmt":"2005-08-28T14:50:27","slug":"ein-passabler-lugner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=231","title":{"rendered":"Ein passabler L\u00fcgner"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/der_geniale_mister_fletcher.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Der geniale Mister Fletcher\" \/><strong><em>Craig Clevenger: Der geniale Mister Fletcher<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Wenn ein neuer Autor auf der Bildfl\u00e4che des Literaturbetriebs erscheint, dann sind Verlage und leider oft auch  Kritiker schnell dabei, ihm das Etikett \u00e2\u20ac\u017eKult&#8220; anzuheften. Ein gut geschriebenes Buch reicht heute nicht mehr, nein es muss gleich \u00e2\u20ac\u017eKult&#8220; oder doch zumindest \u00e2\u20ac\u017ekultverd\u00e4chtig&#8220; sein. Man muss halt m\u00f6glichst laut schreien, um im schnelllebigen und kreischenden Lit-Biz geh\u00f6rt und wahrgenommen zu werden. Letztlich hilft es aber weder Verlegern noch den Lesern, einen Autor und seinen ersten Roman durch solche Etiketten in ein richtiges Licht zu stellen. Der direkte Blick auf St\u00e4rken und Schw\u00e4chen eines Erstlings wird lieber vernebelt, anstatt sich ernsthaft damit auseinander zu setzten. Eines der vielen Beispiele, die mir da einfallen, ist der Deb\u00fctroman \u00e2\u20ac\u017eDer geniale Mister Fletcher&#8220; des Texaners Craig Clevenger. Erschienen ist die deutsche \u00dcbersetzung im Fr\u00fchjahr 2005 und ein Beleg daf\u00fcr, das Erstlingsromane eben durchaus St\u00e4rken und Schw\u00e4chen aufweisen k\u00f6nnen und diese bitte auch haben d\u00fcrfen. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In diesem Fall tr\u00e4gt zur Vernebelung schon der deutsche Titel bei. \u00e2\u20ac\u017eThe Contortionist\u00e2\u20ac\u2122s Handbook&#8220; hei\u00dft der Roman im Original, was man als \u00e2\u20ac\u017eDas Handbuch des Schlangenmenschen&#8220; \u00fcbersetzen k\u00f6nnte. Das allerdings ist kein verkaufsf\u00f6rdernder Titel, zu tr\u00e4ge, zu wissenschaftlich (Handbuch), vielleicht auch zu absto\u00dfend (Schlangenmensch). Also nennt man den Roman \u00e2\u20ac\u017eDer geniale Mister Fletcher&#8220;, womit gleich Erinnerungen an den \u00e2\u20ac\u017etalentierten Mister Ripley&#8220; wach gerufen werden sollen. \u00c4hnlichkeiten sind aber kaum vorhanden, bis auf die Tatsache, dass Patricia Highsmiths Tom Ripley ein genialer F\u00e4lscher und Verwandlungsk\u00fcnstler ist. Gleiches gilt f\u00fcr Daniel Fletcher, Ich-Erz\u00e4hler und Hauptfigur in Clevengers Roman. Daniel, der eigentlich als John Dolan Vincent jr. geboren wurde, blickt als junger Mann auf eine leidliche Karriere als Urkundenf\u00e4lscher zur\u00fcck. Doch w\u00e4hrend Ripley stilvoll und gediegen seine Verwandlungen durchf\u00fchrt, fl\u00fcchtet Daniel, alias John, hektisch von einer elenden Existenz in die n\u00e4chste. Innerhalb von drei Jahren hat er sechsmal den Namen gewechselt.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie  Ripley nimmt Daniel Rei\u00dfaus vor seiner kriminellen Vergangenheit, wenn gleich diese nicht aus Mord und Totschlag besteht. Im Besprechungszimmer eines Psychologen lernt der Leser Daniel kennen. Er leidet in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden an schweren Migr\u00e4neanf\u00e4llen, wirft dann verbotene Drogen und illegal beschaffte Medikamente ein, um sein Leiden zu mildern. Jedesmal katapultiert er sich in eine Ohnmacht, wird bewusstlos ins Krankenhaus eingewiesen und muss sich psychologischen Tests unterziehen, die nachweisen sollen, dass er den Drogen- und Medikamentencocktail nicht aus Selbstmordabsichten genommen hat. W\u00e4hrend eines solchen Testgespr\u00e4chs blickt Daniel zur\u00fcck auf seine traurige Verbrecherbiografie: Zerr\u00fcttete Familienverh\u00e4ltnisse, der Vater Alkoholiker und vermutlich straff\u00e4llig, die Mutter an Krebs erkrankt. Dazu eine k\u00f6rperliche Abnormit\u00e4t, die dem jungen Daniel viel Spott einbringt: An seiner linken Hand hat er sechs Finger.<\/p>\n<p><strong>Gescheiterter Balanceakt <\/strong><\/p>\n<p>Es folgen erster Diebstahl von Platten und Musikkassetten in einem Laden, erste F\u00e4lschungen von Rezepten f\u00fcr Medikamente, erste Bekanntschaft mit dem Gesetz und schlie\u00dflich zwei Jahre Gef\u00e4ngnis. Daniel ger\u00e4t, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft, auf die schiefe Bahn. Als er nach zwei Jahren Haft entlassen wird, rufen ihm die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter zu \u00e2\u20ac\u017eAuf baldiges Wiedersehen!&#8220; &#8211; doch er wei\u00df, dass er diese H\u00f6lle nicht mehr erleben will. Er wechselt seine Identit\u00e4ten und geht dabei klug und analytisch vor. Die Wahl eines neuen Namens will gut \u00fcberlegt sein: Daniel durchsucht alte Telefonb\u00fccher, alte Fotos und Todesanzeigen. Mit neuem Namen ausgestattet, nimmt er schmutzige Jobs von einer Firma an, die gef\u00e4lschte Dokumente f\u00fcr ihre illegal eingeschleusten Mitarbeiter braucht. Schlie\u00dflich verliebt er sich in Keara. Doch aus sie ist auf der Flucht.<\/p>\n<p>In einer stakkatoartigen Prosa l\u00e4sst Craig Clevenger Daniel seine Geschichte erz\u00e4hlen. R\u00fcckblenden und das Gespr\u00e4ch mit dem Psychologen bilden dabei zwei Erz\u00e4hlebenen. Das ist klug gedacht, doch leider schafft es Clevenger nicht, die Spannung zu halten. W\u00e4hrend sich Daniels Gespr\u00e4ch mit dem Psychologen schnell zu einem aufregenden Wortwechsel entwickelt, bei dem Clevenger ganz nebenbei psychologische Tricks ausplaudert, f\u00e4llt die Lesespannung deutlich ab, sobald sich Daniel wieder an seine verkorkste Jugend und seine Verbrecherkarriere erinnert. Der Autor balanciert zwischen fesselndem \u00e2\u20ac\u017eHow to catch him&#8220;, einem eher tristen Wechselspiel der Maskerade und tragischem Entwicklungsroman, streift dabei aber zu oft sentimentale und kitschige T\u00f6ne. Sowohl das Motiv der st\u00e4ndig wechselnden Identit\u00e4ten wie auch der Blick auf eine amerikanische Familie wirken unausgewogen und k\u00fcnstlich. Dieses Manko k\u00f6nnen die wunderbaren und raffiniert getexteten Wortgefechte, die sich Daniel, alias John, mit seinem Psychologen liefert, leider nicht wett machen. <\/p>\n<p>Mit Kultstatus hat dies wenig zu tun, noch weniger ist Mister Fletcher ein moderner Mister Ripley. Dennoch hat Craig Clevenger echtes Potential, wie es im Kritikerdeutsch hei\u00dft. Ja, der Autor kann sich entwickeln, auf sein neues Buch \u00e2\u20ac\u017eDermaphoria&#8220;, das im Oktober in den USA erscheinen soll, bin ich gespannt. Vielleicht hilft es dem Autor auch wegzukommen vom Image des Migr\u00e4neexperten. Denn &#8211; Kuriosum am Rande &#8211; in den USA wurde Clevenger von migr\u00e4negeplagten Menschen schon als Koryph\u00e4e f\u00fcr diese Krankheit gefeiert. Dabei leidet Mister Clevenger gl\u00fccklicherweise nicht an Migr\u00e4ne. Das einzige, was dem scheuen Autor Kopfschmerzen bereiten d\u00fcrfte, sind die Auswirkungen des Lit-Biz und Leser, die den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit nicht begreifen k\u00f6nnen. Ein Autor darf  &#8211; im Gegensatz zu Verlagen und Kritikern &#8211; schlie\u00dflich l\u00fcgen. Craig Clevenger ist auf dem Weg, ein ganz passabler L\u00fcgner zu werden. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Craig Clevenger: Der geniale Mister Fletscher<\/strong> \/ Aus dem Amerikanischen von Susanne Mecklenburg. &#8211; Berlin : Aufbau-Verlag, 2005<br \/>\nISBN 3-351-03034-7<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Craig Clevenger: The Contortionist\u00e2\u20ac\u2122s Handbook<\/strong>. &#8211; San Francisco : MacAdam\/Cage Publishing, 2002<\/p>\n<p>Deutsche Ausgabe bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3351030347\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3351030347\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3351030347\" target=\"_blank\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.craigclevenger.com\">&rarr; Homepage von Craig Clevenger<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.curledup.com\/clevint.htm\">&rarr; Interview mit Craig Clevenger<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/der_geniale_mister_fletcher.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Der geniale Mister Fletcher\" \/>Craig Clevenger: Der geniale Mister Fletcher<br \/>\nWenn ein neuer Autor auf der Bildfl\u00e4che des Literaturbetriebs erscheint, dann sind Verlage und leider oft auch  Kritiker schnell dabei, ihm das Etikett \u00e2\u20ac\u017eKult&#8220; anzuheften. 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Erschienen ist die deutsche \u00dcbersetzung im Fr\u00fchjahr 2005 und ein Beleg daf\u00fcr, das Erstlingsromane eben durchaus St\u00e4rken und Schw\u00e4chen aufweisen k\u00f6nnen und diese bitte auch haben d\u00fcrfen. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,22],"tags":[221,562,276,435,511,529],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/231"}],"collection":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=231"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/231\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=231"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=231"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=231"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}