{"id":240,"date":"2005-09-03T23:28:40","date_gmt":"2005-09-03T21:28:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=240"},"modified":"2005-09-03T23:28:40","modified_gmt":"2005-09-03T21:28:40","slug":"angestaubt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=240","title":{"rendered":"Angestaubt"},"content":{"rendered":"<p>Via <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/09\/schwerpunkt-krimis.php\">\u00e2\u2020\u2019 Watching the detectives<\/a><\/p>\n<p>Die September-Ausgabe des Rezensionsforum literaturkritik.de hat sich den <a href=\"http:\/\/www.literaturkritik.de\/public\/inhalt.php?ausgabe=200509\">\u00e2\u2020\u2019 Krimi als Schwerpunkt<\/a> gew\u00e4hlt. Aus der Sicht eines Krimilesers nat\u00fcrlich eine erfreuliche Wahl. Dennoch ein paar lose Gedanken dazu.<\/p>\n<p>Blicken wir auf die Essays.Auf welchem zeitlichen und r\u00e4umlichen Stand befinden sich eigentlich die Autorinnen und Autoren? Wirklich Neues erf\u00e4hre ich zum Beispiel bei Gabriele Wolffs Ausf\u00fchrungen zum Krimi als Idealform des Gesellschaftsromans nicht. Frau Wolff formuliert richtige Thesen, begr\u00fcndet diese aber reichlich merkw\u00fcrdig. Munter jongliert sie mit dem Begriff &#8222;Krimi&#8220;, von dem ja jeder wei\u00df, was er eigentlich ist. Wirklich? Ich w\u00e4re da vorsichtiger, auch was die Abgrenzungen der sogenannten Subgenres betrifft. Ist es nicht vielmehr schwierig, einen Begriff wie Krimi zu definieren? Das mit der Leiche ist ja schon seit Dorothy L. Sayers l\u00e4ngst obsolet. Ist der Psychothriller ernsthaft die &#8222;modernste Variante&#8220; des Kriminalromans?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p> Wenn Frau Wolff ausf\u00fchrt<\/p>\n<p><em>&#8222;Diese Produktorientierung bis hinein in die Sprache ist aber das Dilemma, das tautologische Wendungen der Literaturkritik und der Klappentexter wie die des &#8222;literarischen Kriminalromans&#8220; zur Kennzeichnung literarisch ernst zu nehmender Kriminalromane erst hervorbringt.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>so beklagt sie damit richtigerweise die \u00dcbersch\u00e4tzung des Handwerklichen, des Kunsthandwerks, zu dem Kriminalliteratur verkommen ist. Wer auf inl\u00e4ndische und ausl\u00e4ndische Krimiproduktionen schaut, wird feststellen, dass selbst dieses Kunsthandwerk von vielen Autor\/innen nicht beherrscht wird. Literatur ist oft in weiter Ferne. Das darf sie dann  gerne ihren Kolleginnen und Kollegen vom Syndikat ins Stammbuch schreiben. <\/p>\n<p>Sie schreibt weiter:<\/p>\n<p><em>&#8222;Literatur beginnt erst jenseits der Erf\u00fcllung der Form, oft sogar durch gezielten Regelversto\u00df gegen aktuell herrschende formale \u00dcbereink\u00fcnfte.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Dies ist freilich ein zweifelhaftes Argument, denn welche &#8222;aktuell herrschende formale \u00dcbereink\u00fcnfte&#8220; gibt es in der Literatur noch? Sp\u00e4testens die Beliebigkeit und Freiz\u00fcgigkeit des modernen Romans f\u00fchrt eine solche These ad absurdum. Abgesehen davon, dass man solche nicht vorhandenen Formen als Autor ersteinmal beherrschen m\u00fcsste, um dann \u00fcber sie hinaus zu wachsen. Sie \u00fcbersieht, wie auch einige andere Essayisten in diesem Schwerpunkt, die grunds\u00e4tzlichen Probleme der modernen erz\u00e4hlenden Literatur, jenseits von Genregrenzen. Der Roman ist tot, es lebe der Roman! <\/p>\n<p>Der Roman (nicht nur der Kriminalroman) treibt, wie Frau Wolff richtig feststellt, sein Unwesen als erwachte Zombies der Lore-, Schmonzetten- und Heile-Welt-Romane, mal als postmoderne Egozentrik verkleidet, mal als effekthaschender Serienkillerthriller, mal als gesellschaftskritische Persiflage. Letztere bedienen sich der einstmals ernsthaften Versuche, den Kriminalroman als Gesellschaftsroman zu etablieren &#8211; etwa im Soziokrimi &#8211; um mit falscher Betroffenheit und dem notorischen Gut-Mensch-Blick, geklaut bei den Medien, auf die Schlechtigkeit der Welt, beim Leser den Grusel des Alltags zu beschw\u00f6ren, der beim Zuklappen des Buches schnell vergessen ist. Das sind \u00e4hnliche Mechanismen wie beim Schauen der Nachrichten. Wie soll da der Kriminalroman gegen angehen? Wird er damit nicht \u00fcberfrachtet? &#8222;Ja&#8220;, h\u00f6rt man die Leser schreien, denn sie wollen, wie Frau Wolff richtig feststellt, die Krimi-M\u00e4rchen. Weil Krimi in vielen K\u00f6pfen eben immer noch Unterhaltung bedeutet. Nothing more.Doch dies ist nicht nur ein Problem des Kriminalromans, es ist ein grunds\u00e4tzliches und bekanntes Problem der erz\u00e4hlenden Literatur. <\/p>\n<p>Wenig aktuell kommt auch Jan S\u00fcselbecks Betrachtungen zu Arno Schmidt daher. Letztlich fasst er wichtige Aussagen von Schmidt zum Thema zusammen, f\u00fchrt aber kaum aus, welche Bedeutung diese f\u00fcr die Betrachtung und Bewertung moderne Krimis haben. Wenn man schon so tief in die Kiste greift, dann sollte man wenigstens versuchen, diese tiefgreifenden Erkenntnisse auf das eben schon erw\u00e4hnte Problem der erz\u00e4hlenden Literatur anzuwenden. Doch die Last der Schmidt&#8217;schen Weisheiten war vermutlich zu schwer.<\/p>\n<p>Besonders spannend d\u00fcrfte es werden, wenn Peter O. Chotjewitz eine Polemik gegen das Krimigenre schreibt. Die Entt\u00e4uschung ist gro\u00df: Offenbar hat Herr Chotjewitz seinen letzten Krimi vor 30 Jahren in der Hand gehabt, ob er ihn gelesen hat, erschlie\u00dft sich aus seinen Ausf\u00fchrungen nicht. Polemik wird von mir sehr gesch\u00e4tzt, allerdings sollte der Autor schon wissen, wor\u00fcber er schreibt. Wer literarisch auf der Stufe von Autoren wie Robert Musil oder Robert Walser &#8211; also im letzten Jahrhundert &#8211; stehen geblieben ist und sich seinen Lesestoff eh am liebsten selbst schreibt, der sollte sich nicht zu Krimis \u00e4u\u00dfern. Dann h\u00e4tte man auch Frau Heidenreich als bekennende Nicht-Krimi-Leserin um einen Essay bitten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Nein, die Essays in diesem Schwerpunkt sind arg verstaubt und trocken. Dies sieht bei den Rezensionen etwas anders aus. Die meisten sind flott formuliert, greifen sogar z\u00f6gerlich neue Ans\u00e4tze in der Kriminalliteratur auf und kommen durchaus streitbar daher. Allein die Auswahl der besprochenen Romane ist sehr eingegrenzt, neuere Werke aus S\u00fcdamerika, Asien, Australien oder Afrika fehlen g\u00e4nzlich. Letztlich ist der gesamte Schwerpunkt von einem literaturwissenschaftlichen Mief umgeben, auf den man als stinknormaler Krimileser gerne verzichten kann. Es gibt gl\u00fccklicherweise bessere Kenner und Autoren, die sich zu diesem Thema \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Via \u00e2\u2020\u2019 Watching the detectives Die September-Ausgabe des Rezensionsforum literaturkritik.de hat sich den \u00e2\u2020\u2019 Krimi als Schwerpunkt gew\u00e4hlt. Aus der Sicht eines Krimilesers nat\u00fcrlich eine erfreuliche Wahl. Dennoch ein paar lose Gedanken dazu. 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