{"id":2463,"date":"2009-04-27T15:44:48","date_gmt":"2009-04-27T14:44:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=2463"},"modified":"2009-04-27T15:44:48","modified_gmt":"2009-04-27T14:44:48","slug":"schuld-hat-der-leser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=2463","title":{"rendered":"Schuld hat der Leser"},"content":{"rendered":"<p>Wieder einmal ist ein ehrgeiziges Krimiprojekt gescheitert \u00e2\u20ac\u201c so kann man es seit heute bei <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/04\/ende-eines-projekts.php\">&rarr; &#8222;Watching the detectives\u00e2\u20ac\u0153<\/a> lesen. Die <a href=\"http:\/\/www.peterfaecke.de\/inhalt\/krimiundco.html\">&rarr; &#8222;Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands\u00e2\u20ac\u0153<\/a>, eine Reihe mit zehn B\u00e4nden deutschsprachiger Kriminalliteratur aus dem letzten Jahrhundert, herausgegeben vom Hamburger Autor Frank G\u00f6hre, wird nach Abschluss und Ver\u00f6ffentlichung des zehnten Bandes nun verscherbelt. So teilt der Verlag, die &#8222;Edition K\u00f6ln \u00e2\u20ac\u201c Verlag Peter Faecke\u00e2\u20ac\u0153 \u00fcber &#8222;Wtd\u00e2\u20ac\u0153 mit: <em>\u00e2\u20ac\u017e&#8230; der Abverkauf  war wider Erwarten ein v\u00f6lliges Desaster.\u00e2\u20ac\u0153<\/em> Das kann man zu Recht traurig finden. Dieter Paul Rudolph, Betreiber von \u00e2\u20ac\u017eWtd\u00e2\u20ac\u0153, hat dann auch schnell den Schuldigen ausfindig gemacht:<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Wie sich sogar in Kriminalliteratur Sozialgeschichte spiegelt, ja, wie sie dort vielleicht erst jene Gestalt annimmt, die uns offizi\u00f6se Geschichtsschreibung nicht vermitteln will oder kann \u00e2\u20ac\u201c das zu erleben, geh\u00f6rt nicht zu den Priorit\u00e4ten des Genreliebhabers.\u00e2\u20ac\u0153<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, eine traurige, eine b\u00f6se, vor allem aber eine dumme Haltung, die der &#8222;Genreliebhaber\u00e2\u20ac\u0153 da an den Tag legt. Krimi als Spiegel der Sozialgeschichte, als subversive Geschichtsschreibung \u00e2\u20ac\u201c haben Sie als Krimileser etwa andere Erwartungen an Ihre Lieblingslekt\u00fcre? Sie gehen tats\u00e4chlich an den B\u00fccherschrank oder in eine Buchhandlung und wollen einen Krimi &#8222;nur so&#8220; lesen? Ohne p\u00e4dagogische Anspr\u00fcche? Ganz sch\u00f6n t\u00f6richt von Ihnen! <\/p>\n<p>Dabei h\u00e4tte diese Sittengeschichte doch  eine <em>&#8222;Waffe gegen die neuesten PR-Gags, den \u00fcblichen journalistischen Wahnsinn des &#8222;Der deutsche Krimi beginnt mit Friedrich Glauser oder wahlweise Friedrich Schiller, kann auch Friedrich Ani gewesen sein&#8220;<\/em> sein k\u00f6nnen. Mal abgesehen davon, dass ich von B\u00fcchern als Waffen nichts halte, haben SIE, liebe, dumme Leser \u00e2\u20ac\u201c wom\u00f6glich in einer unheilvollen Allianz mit all diesen PR-Fitzeks, \u00e4h -Fatzkes \u00e2\u20ac\u201c dem Verlag einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie sind es schuld, dass er nun seine zehn B\u00e4nde \u00e2\u20ac\u017eknapp \u00fcber dem Selbstkostenpreis\u00e2\u20ac\u0153 verschachern muss. <\/p>\n<p><strong>Billig vs. Klarheit<\/strong><\/p>\n<p>Das ist wirklich traurig. Noch trauriger allerdings, dass weder der Verlag, noch sein eifriger F\u00fcrsprecher und Oberlehrer in Sachen Kriminalliteratur als Bildungsinstitut auch nur den Hauch von Selbstkritik zeigen. So stutzt man schon, dass einem als Leser zweitklassige Autoren wie \u00e2\u20ac\u201cky oder Robert Brack als wichtige Meilensteine einer &#8222;kriminellen Sittengeschichte Deutschlands\u00e2\u20ac\u0153 untergejubelt werden sollen. Geh\u00f6ren die da wirklich rein? Und warum sind etwa J\u00f6rg Fauser, Gisbert Haefs, Richard Hey und Ulf Miehe nicht vertreten? Nun gut, das mag man noch mit den Lizenzen rechtfertigen. F\u00fcr manche Titel gibt es eben keine Freigabe, andere sind daf\u00fcr g\u00fcnstig zu bekommen. Da bilden auch sozialgeschichtliche Kriminalromane keine Ausnahme.<\/p>\n<p>Auch an der \u00e4u\u00dfern Gestaltung l\u00e4sst man vom Verlag keine Kritik aufkommen: <em>&#8222;&#8230; die B\u00fccher waren au\u00dfen sch\u00f6n und innen interessant.\u00e2\u20ac\u0153<\/em> \u00e2\u20ac\u201c hei\u00dft es da. Ach, wirklich? Dazu kann man einen ganz einfachen Vergleich anstellen. Legen wir einfach mal ein Cover aus der &#8222;Kriminellen Sittengeschichte\u00e2\u20ac\u0153 gegen ein Cover aus der &#8222;Fischer Crime Classics&#8220;-Reihe, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht hat, \u00e4ltere Kriminalliteratur wieder lieferbar zu halten \u00e2\u20ac\u201c nur eben f\u00fcr angloamerikanische Kriminalliteratur.<\/p>\n<div align=\"center\"><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/kriminelle_sittengeschichte_fischer_crime_classics.jpg\" alt=\"Kriminelle Sittengeschichte vs. Fischer Crime Classics\" \/><\/div>\n<p>Welches dieser B\u00fccher spricht Sie &#8211; rein \u00e4u\u00dferlich &#8211; eher an? Wo w\u00fcrden Sie eher zugreifen? Zumal, wenn Ihnen die Relevanz von deutscher Kriminalliteratur im Vergleich zur angloamerikanischen eher zweitrangig erscheinen mag \u00e2\u20ac\u201c unabh\u00e4ngig davon, ob das nun wirklich so ist. Einfach nur, weil Ihnen das seit Jahrzehnten ja so vermittelt und durch zahlreiche Literaturmultiplikatoren eingetrichtert wurde. <\/p>\n<p>Nein, wirklich &#8222;sch\u00f6n&#8220; sind die B\u00e4nde der &#8222;Kriminellen Sittengeschichte Deutschlands\u00e2\u20ac\u0153 nicht, weder in der graphischen Gestaltung des Umschlags, die einfach billig wirkt und die wohl jeder Laie mit ein wenig Photoshop-Kenntnissen besser hin bek\u00e4me, noch in der Bindungsart der englischen Broschur, die immer so tut, als sei sie das bessere Taschenbuch, dabei bleibt sie ein Taschenbuch; noch im Schriftbild, das mit einer arg abgerundeten Schrift \u00fcberhaupt nicht zu einem Kriminalroman \u00e2\u20ac\u201c zumal zu einem mit Realismusanspruch &#8211;  passen will. Auch hier braucht man einfach nur mal mit den &#8222;Fischer Crime Classics\u00e2\u20ac\u0153 zu vergleichen. Da gibt es ein echtes Taschenbuch, das eben nicht &#8222;mehr&#8220; sein will, mit einer Schriftart, die der Leser gew\u00f6hnt ist, dazu ein klar gestaltetes, gef\u00fchlsgeladenes Cover. <\/p>\n<p><strong>Leserbeschimpfung statt Selbstkritik<\/strong><\/p>\n<p>All das sind nur \u00c4u\u00dferlichkeiten. Sie sagen \u00fcberhaupt nichts \u00fcber die Relevanz oder die Qualit\u00e4t der jeweiligen Texte aus. Aber welcher Leser ist frei von den ersten, \u00e4u\u00dferen Eindr\u00fccken, die ein Buch vermittelt? Leser wollen verf\u00fchrt werden. Ein ansprechendes \u00c4u\u00dferes ist dabei nicht zu untersch\u00e4tzen. Noch viel st\u00e4rker gilt dies \u00fcbrigens f\u00fcr die von Dieter Paul Rudolph herausgegeben \u00e2\u20ac\u017eCriminalbibliothek 1850 -1933\u00e2\u20ac\u0153. Hier sind die Umschl\u00e4ge noch scheu\u00dflicher. Aber dies nur am Rande.<\/p>\n<p>Jedenfalls sind die Texte der \u00e2\u20ac\u017eKriminellen Sittengeschichte\u00e2\u20ac\u0153 \u00e2\u20ac\u201c dies darf man wohl sagen \u00e2\u20ac\u201c eher Texte, die eine gewisse Vermittlung bed\u00fcrfen. Herausgeber Frank G\u00f6hre hat sich dieser Aufgabe engagiert gestellt und sinnvoll umgesetzt. Unbedarfte Leser, die tats\u00e4chlich Friedrich Glauser f\u00fcr den \u00e2\u20ac\u017eErfinder\u00e2\u20ac\u0153 der deutschen Kriminalliteratur halten m\u00f6gen, m\u00fcssen an solche Texte herangef\u00fchrt werden \u00e2\u20ac\u201c allerdings ohne erhobenen Zeigefinger. Im Gegensatz zu Dieter Paul Rudolph verzichtet G\u00f6hre darauf. Seine Nachworte zeigen, dass sie von einem verst\u00e4ndigen, schreibenden Schriftstellerkollegen stammen, w\u00e4hrend Rudolph in den Nachworten seiner &#8222;Criminalbibliothek 1850 \u00e2\u20ac\u201c 1933 \u00e2\u20ac\u0153 sich einmal mehr in der Rolle als Krimi-Dozent gef\u00e4llt und seine Leser auf die Schulbank setzt. <\/p>\n<p>Womit ich zum Umfeld komme, in denen sich solche Roman behaupten m\u00fcssen. Neben der &#8222;Sittengeschichte\u00e2\u20ac\u0153 macht sich der Verlag mit seiner &#8222;Criminalbibliothek\u00e2\u20ac\u0153 zun\u00e4chst einmal selbst Konkurrenz. Vielleicht nicht ganz so klug. Dazu kommen dann auch noch die &#8222;Fischer Crime Classics\u00e2\u20ac\u0153, die zwar inhaltlich einen anderen Ansatz haben, die aber eben auch auf die Geschichte der Kriminalliteratur verweisen. Von all den monatlichen Neuerscheinungen, die um die Gunst in den Buchhandlungen buhlen, ganz zu schweigen. Man mag ja Internet und Feuilleton f\u00fcr wichtige Schlachtfelder im Kampf um die Gunst der Leser halten \u00e2\u20ac\u201c das entscheidende Gefecht findet immer noch in den Buchhandlungen, auf den Tischen mit den Neuerscheinungen statt. Haben Sie da bei Thalia, Hugendubel oder in der Mayerschen je die &#8222;Kriminelle Sittengeschichte\u00e2\u20ac\u0153 zu Gesicht bekommen? Die &#8222;Fischer Crime Classics\u00e2\u20ac\u0153 d\u00fcrften Ihnen da schon eher begegnet sein. <\/p>\n<p>All das kann man beklagen. Man kann auch beklagen, dass man sich als Nischenprodukt \u00e2\u20ac\u201c was eine solche &#8222;Sittengeschichte\u00e2\u20ac\u0153 nun mal ist \u00e2\u20ac\u201c gegen den schwachsinnigen Mainstream behaupten muss. So ist das. Man kann auch die dummen Leser beschimpfen, die wieder einmal versagen. Man k\u00f6nnte aber auch mal dar\u00fcber nachdenken, ob man als Verlag alles wirklich so richtig gemacht hat: mit der Grafik, mit der Buchgestaltung, mit dem Vertrieb. Und wenn man es schon nicht auf die Tische der gro\u00dfen Buchhandlungen schafft, weil einem als kleiner Verlag schlichtweg das finanzielle Polster daf\u00fcr fehlt, dann sollt man sich wenigsten dort, wo man sich ohne gro\u00dfe Hindernisse und Aufwand pr\u00e4sentieren kann, ordentlich aufgestellt sein. Die Rede ist vom Internet. Wer sich aber ein so abschreckende Homepage leistet, der sollte sich nicht wundern, wenn er am Ende seine liebevoll gepflegten Buchreihen verscherbeln muss. Schuld hat ja sowieso der Leser. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder einmal ist ein ehrgeiziges Krimiprojekt gescheitert \u00e2\u20ac\u201c so kann man es seit heute bei <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/04\/ende-eines-projekts.php\">&rarr; &#8222;Watching the detectives\u00e2\u20ac\u0153<\/a> lesen. 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