{"id":249,"date":"2005-10-05T11:02:21","date_gmt":"2005-10-05T09:02:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=249"},"modified":"2005-10-05T11:02:21","modified_gmt":"2005-10-05T09:02:21","slug":"kirche-ketzer-und-andere-katastrophen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=249","title":{"rendered":"Kirche, Ketzer und andere Katastrophen"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/roszak_schattenlichter.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Schattenlichter\" \/><br \/>\n<strong>Theodore Roszak: Schattenlichter<\/strong><\/p>\n<p>Verschw\u00f6rungstheorien florieren auf dem Krimimarkt. Die massenkompatiblen Produkte aus dem Hause Dan Brown sind nur ein g\u00e4ngiges Beispiel. Mit dem abstrusen Spiel von Geheimlogen, M\u00e4nnerb\u00fcnden und Untergrundorganisationen wird kr\u00e4ftig Kasse gemacht. In unsicheren Zeiten braucht man vermutlich einen S\u00fcndenbock und sei es nur in einer fiktionalen Geschichte. Besonders schlecht kommt dabei die katholische Kirche weg: Wer wei\u00df schon, was sich hinter den dicken Mauern des Vatikans so tut? Keiner, also verd\u00e4chtig, machtgeil und geheimnisvoll, die Jungs in Rom. Damit erf\u00fcllt die katholische Kirche gleich drei wichtige Kriterien, die so ein Verschw\u00f6rungsthriller enthalten sollte: Eine lange, blutige Geschichte, finstere Geheimnisse en masse und nat\u00fcrlich der Wille zur Macht.<\/p>\n<p>Dabei hatte die katholische Kirche selbst so ihre Probleme mit Verschw\u00f6rern, die sie dann ganz schnell als Ketzer auf den Scheiterhaufen verbrannte. Der Begriff Ketzer ist \u00fcbrigens abgeleitet von den Katharern, einer mittelalterlichen Glaubensbewegung, die sich vor allem dem Dualismus verschrieben und das Alte Testament abgelehnt hat. Eben diese Katharer sind es, die in Theodore Roszaks Roman \u00e2\u20ac\u017eSchattenlichter&#8220; die Weltherrschaft oder vielmehr den Big Bang unserer guten alten Erde anstreben. Fiese Gestalten, die sich nach dem gro\u00dfen Ausr\u00e4uchern durch die Jungs aus Rom vor allem im Untergrund verstecken mussten und bis heute weiter existieren. Als geheimnisvoller Orden haben sie \u00fcberlebt und streben die langsame Verdummung und Verrohung der Menschheit an, damit die sich irgendwann gemeinsam in die Luft jagt. Dann ist das B\u00f6se fort und wir sind alle beim guten Gott. Tja, und was ist das beste Mittel zur Degeneration? Das Kino, der Film, die bewegten Bilder, die sich ja nur bewegen, weil unser Auge so faul ist. Das Massenmedium Film und die Popul\u00e4rkultur des Kinos ist also das heilige Mittel zum Zweck, folgt man Theodore Roszak, der aus diesem Konstrukt einen \u00fcber 870 Seiten dicken W\u00e4lzer gestrickt hat. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich erf\u00e4hrt man dies alles erst gegen Ende des Romans. Vorher gibt Mr. Roszak noch eine langatmige Lehrstunde in Filmgeschichte. In einer Mischung aus Liebes- und Entwicklungsroman l\u00e4sst er seinen jungen Helden (Verschw\u00f6rungsthriller brauchen immer einen Helden!) Jonathan Gates durch eine Liebesbeziehung zu einer Kinobesitzerin H\u00f6hen und Tiefen des amerikanischen und europ\u00e4ischen Kinos erleben. Von alten Stummfilmen \u00fcber \u00e2\u20ac\u017eCitizen Kane&#8220; (Orson Welles hat einen netten Gastauftritt im Buch) bis hin zur Nouvelle Vague reicht dabei die Bandbreite. W\u00e4hrend seiner Kinobesuche st\u00f6\u00dft Gates auf den deutschen Regisseur Maximilian von Kastel, der zu fr\u00fchen UFA-Zeiten seine ersten Filme ablieferte, sp\u00e4ter dann nach Hollywood kam, um dort unter dem Namen Max Castle billige Horrorstreifen zu drehen. Gates ist beeindruckt von Castles Filmkunst und lernt durch Zufall Castles ehemaligen Kameramann Zip Lipsky kennen. Castle selbst soll bei einem Schiffsungl\u00fcck in den Wirren des Zweiten Weltkriegs ums Leben gekommen sein. <\/p>\n<p><strong>Macht der Bilder<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/roszak_flicker.jpg\" align=\"right\" hspace=\"5\" alt=\"Flicker\" \/>Lipsky, ein kauziger und sterbenskranker Mann, besitzt eine umfangreiche Sammlung mit Castles alten Filmen und zeigt dem jungen Gates die alte Filme. Lipsky besitzt zudem das geheimnisvolle Sallyrand, ein Sichtger\u00e4t, mit dem die verborgenen Bilder in Castles Filmen sichtbar werden. Darin liegt die eigentliche Bedeutung von Castles Filmschaffen: Er legte kaum sichtbare Bilder \u00fcber den eigentlichen Film und konnte so geheime Botschaften transportieren und seine Zuschauer manipulieren. Gelernt hat Castle diese Kunst bei den \u00e2\u20ac\u017eSturmwaisen&#8220;, einer sozialen Einrichtung der Katharer f\u00fcr elternlose Kinder. Castle ist hier aufgewachsen und auch als Erwachsener den Katharern verpflichtet. Die Manipulation durch Bilder ist eine Kunst, die sich die \u00e2\u20ac\u017eSturmwaisen&#8220; f\u00fcr ihre lebensverachtende Religion zu Nutze machten. Kein Wunder, dass die Katharer ein zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis zum Naziregime unterhielten. <\/p>\n<p>Bei seinen Nachforschungen, die Gates unter anderem nach Z\u00fcrich, Paris und Albi, der Hochburg der Katharer, f\u00fchren, findet er heraus, dass sich Castle von seinen ehemaligen Ziehv\u00e4tern abwandte und versuchte, gegen sie zu arbeiten. Sein Todesurteil? Auch Jonathan Gates kommt dem Komplott der Katharer auf die Schliche und begibt sich auf eine gef\u00e4hrliche Reise, die f\u00fcr ihn auf einer einsamen Insel endet.<\/p>\n<p><strong>Langeweile im Director\u00e2\u20ac\u2122s Cut<\/strong><\/p>\n<p>Glaubt man den Werbetexten des deutschen Verlages, dann ist \u00e2\u20ac\u017eFlicker&#8220; seit seinem Erscheinen in den USA 1991 zu einem Kultbuch unter Filmfans avanciert. Merkw\u00fcrdig nur, dass der Roman in den USA lange Zeit nicht lieferbar war und erst jetzt wieder auch im amerikanischen Original in den Buchhandlungen steht. Geht man als Verlag so mit einem Kultbuch um? Davon abgesehen hat Roszaks Geschichte jede Menge L\u00e4ngen: Sprachlich eher durchschnittlich, langatmige Nacherz\u00e4hlungen und Andeutungen von Filmen sowie eine arg konstruierte Verschw\u00f6rungstheorie erh\u00f6hen nicht gerade die literarische Bedeutung des Romans. Das der im \u00e2\u20ac\u017eDirector\u00e2\u20ac\u2122s Cut&#8220; vorliegt ist ein klarer Minuspunkt. Deutliche K\u00fcrzungen h\u00e4tten dem Roman gut getan. <\/p>\n<p>Farblos und reichlich naiv kommt der Held Jonathan Gates daher. Zwischen skurrilen Figuren wie Zip Lipsky und den hinterlistigen Katharern wirkt Gates wie ein hilfloses B\u00fcrschlein, das die Welt retten soll. Auch die langsam ausgebreitete Verschw\u00f6rungstheorie &#8211; Manipulation durch Filme &#8211; ist nicht gerade originell. Bleibt die Frage, was Roszak mit seinem Buch transportieren wollte. Eine Kritik an der Macht der Popul\u00e4rkultur? Eine Warnung vor Verdummung und Verrohung durch Massenmedien? Eine Lektion in Religionsgeschichte? Wenn ja, dann hat er das sehr langweilig umgesetzt. Da sind manche theoretische Aufs\u00e4tze zu den Themen spannender. Wenn nein, dann bleibt nichts als ein aufgebl\u00e4hter und belangloser Verschw\u00f6rungsthriller mit ein paar Lichtblicken. Immerhin geht Roszak recht skeptisch mit der us-amerikanischen Filmkultur um, versucht Unterschiede zwischen B-Movies und Kinokunst heraus zu arbeiten und auch das Fernsehen bekommt sein Fett weg. Ansonsten ist \u00e2\u20ac\u017eSchattenlichter&#8220; ein Roman, der sich kaum abhebt von den \u00fcblichen Produkten auf dem Krimimarkt. Literatur f\u00fcr Leute, die S\u00fcndenb\u00f6cke brauchen. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Theodore Roszak: Schattenlichter <\/strong>\/ Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader. &#8211; M\u00fcnchen : Heyne, 2005<br \/>\nISBN 3-453-53032-2<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Theodore Roszak: Flicker<\/strong>. &#8211; New York : Summit Books, 1991.<\/p>\n<p>Deutsche Taschenbuchausgabe bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3453530322\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3453530322\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3453530322\" target=\"_blank\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<p>Amerikanische Ausgabe bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/155652577X\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=155652577X\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theodore Roszak: Schattenlichter Verschw\u00f6rungstheorien florieren auf dem Krimimarkt. 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