{"id":272,"date":"2005-10-24T20:02:34","date_gmt":"2005-10-24T18:02:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=272"},"modified":"2005-10-24T20:02:34","modified_gmt":"2005-10-24T18:02:34","slug":"ein-komischer-vogel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=272","title":{"rendered":"Ein komischer Vogel"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/das_letzte_raetsel_kriminalroman.jpg\" alt=\"das_letzte_raetsel_kriminalroman.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\"\/> <strong>Michael Chabon: Das letzte R\u00e4tsel<\/strong><\/p>\n<p>Der Held ist m\u00fcde. Seit drei\u00dfig Jahren befindet sich der alte Detektiv im Ruhestand. M\u00f6rderjagd pass\u00e9 &#8211; seinen Lebensabend verbringt er mit der Aufzucht von Bienen. Gebrechlich ist er geworden, aus seinem Sessel qu\u00e4lt er sich nur noch f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Besucher. Zu gro\u00df ist die Stolpergefahr und die M\u00f6glichkeit, sich die Knochen zu brechen. Als der alte Mann jedoch an einem Sommernachmittag im Jahre 1944 einen Jungen beobachtet, der den in der N\u00e4he gelegenen Stromschienen bedenklich nahe kommt, springt er fast aus seinem Sessel. Das Interesse an dem Jungen aus Deutschland ist geweckt, als der alte Detektiv den Begleiter des  Jungen entdeckt: einen sprechenden Papagei.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mit dem alten Detektiv, dessen Schn\u00fcffelinstinkte hier noch einmal geweckt werden, ist der ber\u00fchmte Sherlock Holmes gemeint, auch wenn der Name nicht einmal im Buch f\u00e4llt. Bei dem Jungen aus Deutschland handelt es sich um Linus Steinman, ein j\u00fcdisches und stummes Fl\u00fcchtlingskind. Er lebt in der Nachbarschaft beim Dorfpfarrer und besitzt eben jenen komischen Vogel, der Zahlen aufsagt. Bruno hei\u00dft der Graupapagei und eigentlich ist eine sch\u00e4bige H\u00fctte in Sussex kein Ort f\u00fcr einen Papagei und vielleicht auch nicht f\u00fcr den Jungen aus Deutschland. Doch Linus, Sohn eines ber\u00fchmten Psychiaters, ist mit knapper Not den Nazi-Schergen entkommen. Als j\u00fcdischer Fl\u00fcchtling im Jahre 1944 hat er keine Wahl. <\/p>\n<p>Der sprechende Papagei weckt nicht nur das Interesse der anderen Mitbewohner in der kleinen Pfarrei,  auch das englische Milit\u00e4r glaubt &#8211; wie kann es anders sein &#8211; dass Bruno einen Geheimcode der feindlichen Krauts vor plappert. Als der Papagei pl\u00f6tzlich verschwindet und einer der Untermieter der kleinen Pfarrei erschlagen aufgefunden wird, ist die Aufregung bei der \u00f6rtlichen Polizei gro\u00df. Ein R\u00e4tsel, das noch einmal die Sp\u00fcrnase des gealterten Detektivs reizt.<\/p>\n<p><strong>Zwischen Mythos und Melancholie <\/strong><\/p>\n<p>Obwohl Arthur Conan Doyle seinem Sherlock Holmes schon 1917 eine \u00e2\u20ac\u017eAbschiedsvorstellung&#8220; bereitet hat, schreibt der US-amerikanische Autor Michael Chabon dem ber\u00fchmten Detektiv einen weiteren Abgang. Der ist jedoch ganz anders, als wir es von Conan Doyle gew\u00f6hnt sind: Alter und Verschlei\u00df haben bei dem Mann mit dem Cape ihre Spuren hinterlassen. Selbst seine ber\u00fchmte Kombinationsgabe scheint eingerostet zu sein. Den M\u00f6rder des Untermieters wird er finden, doch das Zahlenr\u00e4tsel bleibt am Ende offen. Oder doch nicht? Vielleicht reicht es auch aus, einen kleinen Jungen gl\u00fccklich gemacht zu haben, weil er seinen Papagei wieder auf der Schulter tragen kann. <\/p>\n<p>Ein melancholischer Ton durchzieht Chabons Erz\u00e4hlung, die \u00fcbrigens sehr treffend von Andrea Fischer \u00fcbersetzt wurde und mit liebevollen Illustrationen geschm\u00fcckt ist. Der Pulitzer-Preistr\u00e4ger Chabon entwirft ein anderes, menschlicheres Bild des Superdetektivs. Kritiker bem\u00e4ngelten immer wieder die kalte und n\u00fcchterne Art, mit der Conan Doyle seinen Sherlock Holmes gezeichnet hat. Im Dualismus der beiden gro\u00dfen Detektive seiner Zeit galt Holmes als der gef\u00fchllose Analytiker, w\u00e4hrend sein literarischer Gegenentwurf, Father Brown, erfunden von G. K. Chesterton, der mitf\u00fchlende Pfarrer von nebenan ist. <\/p>\n<p>Bei Chabon darf auch ein alter Holmes vor allem eines sein: Mensch. In einer knappen und dichten Prosa erz\u00e4hlt Michael Chabon die Ereignisse jenen Sommertagen 1944, die so sehr vom Krieg und seinen Folgen \u00fcberschattet sind. Als der alte Detektiv im Zuge seiner Nachforschungen nach London f\u00e4hrt, erkennt er die ausgebombte Stadt fast nicht mehr wieder. F\u00fcr den alten Detektiv eine traurige Erfahrung auf seine alten Tage. <\/p>\n<p>Chabons Erz\u00e4hlung hebt sich aus dem Wust von Holmes-Nachfolgern und Parodien deutlich hervor. Gl\u00fccklicherweise unternimmt Chabon nicht den Versuch, Conan Doyle zu imitieren,  wie es etwa Caleb Carr in seinem Roman <a href=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=207\">&rarr;\u00e2\u20ac\u017eThe Italian Secretary &#8211; A Further Adventure of Sherlock Holmes&#8220; <\/a>versucht hat und dabei grandios gescheitert ist. Chabon entwickelt eine poetische Sprache, spielt liebevoll und behutsam mit dem Mythos des Detektivs und seinen schrulligen Klischees, gewinnt ihm aber dadurch eine neue, menschlichere und eindringlichere Facette ab. Diese Abschiedsvorstellung verdient Applaus und ein alter, m\u00fcder Held seinen wohlverdienten Ruhestand. <\/p>\n<p><em>Anmerkung: <\/em>Eigenwillig bleibt bei der deutschen Ausgabe der Untertitel \u00e2\u20ac\u017eEin Kriminalroman&#8220;, obwohl es im amerikanischen Original \u00e2\u20ac\u017eA Story of Detection&#8220; hei\u00dft. In der Tat ist Chabons Buch mit seinen 126 Seiten und dem gradlinigen Erz\u00e4hlstrang eine Erz\u00e4hlung oder Novelle, sicher kein Roman. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Michael Chabon: Das letzte R\u00e4tsel : Ein Kriminalroman<\/strong> \/ Aus dem Englischen von Andrea Fischer. &#8211; K\u00f6ln : Kiepenheuer &#038; Witsch, 2005<br \/>\nISBN 3-462-03626-2<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Michael Chabon: The Final Solution : A Story of Detection<\/strong>. &#8211; New York : Fourth Estate, 2004<\/p>\n<p>Deutsche Taschenbuchausgabe bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3462036262\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3462036262\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3462036262\" target=\"_blank\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Links<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.michaelchabon.com\/\">&rarr; Organ &#8211; Collecting the Uncollected &#8211; Blog von Michael Chabon<\/a>\n<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/das_letzte_raetsel_kriminalroman.jpg\" alt=\"das_letzte_raetsel_kriminalroman.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\"\/> <strong>Michael Chabon: Das letzte R\u00e4tsel<\/strong><\/p>\n<p>Der Held ist m\u00fcde. 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