{"id":276,"date":"2005-10-26T11:46:50","date_gmt":"2005-10-26T09:46:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=276"},"modified":"2005-10-26T11:46:50","modified_gmt":"2005-10-26T09:46:50","slug":"alte-deutsche-heimatliteratur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=276","title":{"rendered":"Alte deutsche Heimatliteratur"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/heimat.jpg\" alt=\"Heimatroman\" align=\"left\" hspace=\"5\"\/><br \/>\nTotgesagte leben l\u00e4nger. Das zeigt die alte, immer wieder aufkommende Diskussion um den Regionalkrimi. Der gute dpr hat ganz frisch ein paar <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/10\/zum-regionalkrimi.php\">&rarr; Gedanken zum Regionalkrimi<\/a> geblogt. Schon vor f\u00fcnf Jahren stellte Reinhard Jahn in einem l\u00e4ngeren Vortrag <a href=\"http:\/\/www.das-syndikat.com\/regional.htm\">&rarr; \u00dcberlegungen zum Regionalkrimi<\/a> an und versuchte sich in einer Definition. Auch der gesch\u00e4tzte Stefan Lichtblau ver\u00f6ffentlichte vor einigen Jahren einen <a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/zielfahndung-fuenf-Regiokrimi.html\">&rarr;Beitrag zum Thema<\/a> und vermutete den \u00e2\u20ac\u017eRegio-Krimi&#8220; gar schon auf dem Weg zur neuen Pulp-Literatur. <\/p>\n<p>Wiederholt machen die jeweiligen Autoren darauf aufmerksam, dass es beim Regionalkrimi um den lokalen Bezug geht, den Wiedererkennungseffekt. Das dabei die literarische Qualit\u00e4t sehr oft nachsteht, ist ein Makel des regionalen Krimis. Dem mag man zustimmen. Was bei all diesen \u00dcberlegungen jedoch kaum erw\u00e4hnt wird, ist die Tradition der Heimatliteratur in Deutschland.  Die ist n\u00e4mlich eine sehr zweifelhafte. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zu oft haben sich gerade die Heimatdichter w\u00e4hrend des Nationalsozialismus vor den rechten Karren spannen lassen oder wurden von der NS-Kultur f\u00fcr ihre Zwecke missbraucht. Ob Hans Grimm (\u00e2\u20ac\u017eVolk ohne Raum&#8220;, 1926) oder Herrman L\u00f6ns (\u00e2\u20ac\u017eDer Wehrwolf&#8220;, 1910) , die Tradition der Heimatliteratur ist in Deutschland braun eingef\u00e4rbt.<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtigen Autor\/innen von Regionalkrimis haben in der Regel damit nichts zu tun. Viele kommen entweder politisch neutral daher oder sind sogar eher in der politisch linken Ecke zu finden. Der Filz in \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden ist zum Beispiel ein beliebtes Thema in Regionalkrimis. Dennoch bleibt festzustellen: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem zweifelhaften Erbe deutscher Heimatliteratur hat im modernen Regionalkrimi kaum statt gefunden. Verkl\u00e4rung statt Aufkl\u00e4rung, heimatliche Gef\u00fchle und lokaler Patriotismus werden auch in den modernen Regionalkrimis hochgehalten. <\/p>\n<p>Es gibt zaghafte Gegenentw\u00fcrfe: Anne Chaplet etwa unterstreicht in ihrem <a href=\"http:\/\/www.das-syndikat.com\/chaplet.htm\">&rarr;\u00e2\u20ac\u017ePl\u00e4doyer f\u00fcr die Provinz&#8220;:<\/a> <em>&raquo; Auf dem Land ist man der Vergangenheit verdammt nahe, n\u00e4her als in der st\u00e4ndig sich wandelnden Stadt: die Architektur der Nazis, die Tunnels, unterirdischen Anlagen und Zwangsarbeiterh\u00fctten stehen unver\u00e4ndert gleich um die Ecke. Sie erinnern nicht an \u00e2\u20ac\u017edie\u00e2\u20ac\u017e Schuld \u00e2\u20ac\u017eder\u00e2\u20ac\u017e Deutschen, sondern oft unertr\u00e4glich konkret an die eigenen Gro\u00dfeltern oder Eltern. Das, nicht die Dicke der Bauernsch\u00e4del, macht Erinnerung zur Zumutung.&laquo; <\/em><\/p>\n<p>Eine interessante These, die jedoch in ihren eigenen Romanen, etwa \u00e2\u20ac\u017eSchneesterben&#8220; oder \u00e2\u20ac\u017eRussisch Blut&#8220; an den Rand gedr\u00fcckt wird. Politisch korrekt und fade wird hier das Einzelschicksal, das pers\u00f6nliche Drama beschrieben. Mit guter Kriminalliteratur hat dies wenig zu tun. Konfrontation mit den Gedanken des Leser sucht Anne Chaplet nicht. \u00e2\u20ac\u017eJa, das war schlimm&#8220; mag man nach der Lekt\u00fcre denken und stellt das Buch ins Regal. Ist ja doch \u00e2\u20ac\u017enur&#8220; ein Krimi. Da greift man doch besser gleich zu richtiger&#8220; Literatur, etwa Elsa Morantes \u00e2\u20ac\u017eLa Storia&#8220;, einer tragischen und ergreifenden Familiengeschichte, die w\u00e4hrend des italienischen Faschismus spielt.  <\/p>\n<p><strong>Das gro\u00dfe Vergessen<\/strong><\/p>\n<p>\u00c4hnlich ergeht es einem auch bei Andree Hesse, der in sich in seinem Kriminalroman \u00e2\u20ac\u017eDer Judaslohn&#8220; mit der braunen Vergangenheit eines Dorfes in der L\u00fcneburger Heide auseinandersetzt. Hesse schreibt seine Geschichte korrekt und langweilig nieder, kupfert kr\u00e4ftig bei Kollegen aus Gro\u00dfbritannien ab &#8211; mehr leider nicht.  Womit ich wieder beim literarischen Unverm\u00f6gen vieler Regionalkrimischreiber bin. Hier liegt ein Problem des Regionalkrimis, denn es wird weiterhin zu viel Durchschnittliches bis Schlechtes ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Noch putziger erscheint mir der Trend zu historischen Regionalkrimis. Da wird dann das mittelalterliche K\u00f6ln in bunten Farben ausgebreitet oder man liest Gediegenes \u00fcber Hamburg zur Zeit der Cholera. Was fehlt ist die eigentliche Kriminalgeschichte, die hier nur als Transportmittel f\u00fcr Bildungsb\u00fcrger missbraucht wird, die vielleicht auch mal einen Krimi lesen wollen. Es mag von den Autor\/innen viel Wert auf die historische Recherche gelegt werden, die Mechanismen, Strukturen und Anspr\u00fcche von Kriminalliteratur sind kaum pr\u00e4sent. <\/p>\n<p>Apropos historische Kriminalromane: Die Versuche, sich dem Tabuthema Nationalsozialismus zu n\u00e4hern, sind bislang d\u00fcrftig. Robert H\u00fcltner, dessen Kajetan-Romane w\u00e4hrend der Weimarer Zeit spielen oder Richard Birkefeld und G\u00f6ran Hachmeister, die mit \u00e2\u20ac\u017eWer \u00fcbrig bleibt, hat recht&#8220; einen Krimi ver\u00f6ffentlicht haben, der zur Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt ist, sind einige wenige Ausnahmen. Verlage, Autoren und Leser scheuen die Auseinandersetzung damit. Angesichts der literarischen M\u00f6glichkeiten vieler deutscher Krimiautoren bin ich versucht zu sagen \u00e2\u20ac\u017eGott sei Dank!&#8220;. Experimente wie der Kettenroman \u00e2\u20ac\u017eHotel Terminus&#8220;, der entweder aus historischer Dummheit oder frivoler Dreistigkeit ver\u00f6ffentlicht wurde,  best\u00e4tigen dieses Urteil. <\/p>\n<p>Es bleiben L\u00fccken: Die nicht vorhandene Auseinandersetzung mit der Tradition der deutschen Heimatliteratur und das Unverm\u00f6gen vieler Autor\/innen, sich Themen wie dem Nationalsozialismus innerhalb der Kriminalliteratur anzunehmen. Dabei ist das Erste jedoch zwingend notwendig, bevor es \u00fcberhaupt eine realistische Chance auf gute, deutsche Kriminalliteratur aus der Region und erst Recht zum Thema NS-Zeit geben kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Totgesagte leben l\u00e4nger. 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