{"id":278,"date":"2005-10-28T19:28:42","date_gmt":"2005-10-28T17:28:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=278"},"modified":"2005-10-28T19:28:42","modified_gmt":"2005-10-28T17:28:42","slug":"mut-und-humor-gegen-das-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=278","title":{"rendered":"Mut und Humor gegen das Vergessen"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/blog.der-buecherfreund.de\/images\/das_kindermaedchen_herrmann.jpg\" alt=\"Das Kinderm\u00e4dchen\" align=\"left\" hspace=\"5\" \/><\/p>\n<p><strong>Elisabeth Herrmann: Das Kinderm\u00e4dchen<\/strong><\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eEinen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.&#8220; Diese oft zitierte Aussage von Hanns Joachim Friedrichs soll Journalisten zur Neutralit\u00e4t verpflichten. Doch wie sieht es mit Autorinnen und Autoren von Kriminalliteratur aus? D\u00fcrfen sie sich mit einer Sache \u00e2\u20ac\u017egemein&#8220; machen, wenn sie allgemein f\u00fcr \u00e2\u20ac\u017egut&#8220; befunden wird? Wo liegen die Grenzen zwischen Nichteinmischung und pers\u00f6nlicher Beteiligung? Elisabeth Herrmann ist Fernsehjournalistin und arbeitet f\u00fcr den RBB. Nun ist ihr zweiter Roman \u00e2\u20ac\u017eDas Kinderm\u00e4dchen&#8220; erschienen (zugleich ihr erster Krimi), in dem sie einen bedr\u00fcckenden Aspekt deutscher Gegenwart und Vergangenheit behandelt. Es geht um die besch\u00e4mende Verleugnung der Existenz von Zwangsarbeiterinnen in deutschen Familien w\u00e4hrend des Dritten Reichs.<\/p>\n<p>Dass es Ausbeutung von Zwangsarbeitern in Fabriken und Firmen gab und dass sich bis heute einige deutsche Wirtschaftsunternehmen weigern, den wenigen \u00dcberlebenden eine Entsch\u00e4digung zu zahlen, kann noch als bekannt vorausgesetzt werden. Man hat davon geh\u00f6rt. Kaum jemand aber wei\u00df von den Frauen und M\u00e4dchen, die w\u00e4hrend der letzten Jahre der NS-Herrschaft aus Polen oder der Ukraine nach Deutschland verschleppt wurden, wo sie als Haushaltshilfe oder Kinderm\u00e4dchen in den Haushalten reicher Familien schuften mussten. Genau um so einen Fall geht es in Herrmanns Kriminalroman. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Berlin im Hochsommer: Eine alte Frau steht eines Morgens im Garten der wohlhabenden Anwaltsfamilie Zernikow. Sie will das Familienoberhaupt Utz von Zernikow sprechen und ihm ein Schriftst\u00fcck zur Unterschrift vorlegen. Joachim Vernau, Anwalt im Hause Zernikow und Schwiegersohn in spe, nimmt das vermutlich in Russisch verfasste Dokument an und wimmelt die alte Frau ab. Einige Tage sp\u00e4ter liest Joachim, Ich-Erz\u00e4hler des Romans, in der Zeitung vom Unfalltod der Frau. Olga W., eine Ukrainerin, ist im Landwehrkanal ertrunken. Joachims Neugierde ist geweckt: Wer war diese Frau, die f\u00fcr ihre Freundin Natalja Tscherednitschenkowa jenes Dokument unterschreiben lassen wollte? Wer ist Natalja Tscherednitschenkowa und was hat sie mit der Familie seiner zuk\u00fcnftigen Frau Sigrun Zernikow zu tun? <\/p>\n<p><strong>Gelungene Gradwanderung<\/strong><\/p>\n<p>Joachim st\u00f6\u00dft bei seinen Nachfragen auf eine Mauer des Schweigens. Schlie\u00dflich steht Sigrun als erfolgreiche Politikerin gerade im Wahlkampf und will Innensenatorin werden. Keine gute Zeit, um dunkle Familiengeheimnisse auszugraben. Das denkt auch Utz, der die Frau als Bettlerin abtut. Soviel bekommt Joachim jedoch aus seinem zuk\u00fcnftigen Schwiegervater heraus: Natalja Tscherednitschenkowa war sein ehemaliges Kinderm\u00e4dchen und ist tot. Utz behauptet, dass sie im November 1944 wegen eines angeblichen Diebstahls hingerichtet wurde. Er besitzt ein entsprechendes Dokument. <\/p>\n<p>Warum aber steht dann pl\u00f6tzlich Milla Tscherednitschenkowa, die Tochter der angeblich toten Natalja, mit einer Pistole vor Joachim? Warum weigert sich Utz hartn\u00e4ckig, seinem ehemaligen Kinderm\u00e4dchen eine Wiedergutmachung zukommen zu lassen? Joachim Vernau will mehr \u00fcber die Vergangenheit der Familie Zernikow wissen. Zusammen mit seiner ehemaligen Studienkollegin Marie-Louise st\u00fcrzt er sich in die Suche nach der Wahrheit. Eine Suche die mit rasanten Autofahrten, riskanten Hauseinbr\u00fcchen und einer tollk\u00fchnen Bootsentf\u00fchrung ihren Lauf nimmt und in einem feurigen Showdown endet. <\/p>\n<p>Tragik, Komik und Spannung &#8211; Elisabeth Herrmann wagt eine Gradwanderung zwischen diesen drei Erz\u00e4hlelementen und besteht sie mit Bravur. Trotz des harten Grundthemas spr\u00fcht der Roman vor Witz und schwarzem Humor. Zahlreiche kuriose Figuren &#8211; etwa Joachims Freundin Marie-Louise oder die Hausgenossin seiner kranken Mutter &#8211; beleben den Roman. Die Autorin zeichnet ihre Figuren mit Sensibilit\u00e4t, stellt sie niemals blo\u00df oder macht sie l\u00e4cherlich. Bis in die Nebenfiguren hinein beweist die Autorin ein sicheres H\u00e4ndchen f\u00fcr lebensnahe, fein ausgezeichnete Charaktere. Klare und geschliffene Dialoge runden dieses Bild ab.<\/p>\n<p><strong>Der \u00e4rgste Feind des Fanatismus<\/strong><\/p>\n<p>Doch Herrmann gelingt noch mehr: die richtige Verbindung von menschlichen Dramen, unterhaltenden Episoden und spannungsgeladener Aktion. Ihr Erz\u00e4hlrhythmus ist klug durchdacht. Stetig steigert sie die Spannung, was nicht nur an den gegens\u00e4tzlichen Figuren oder eingestreuten Abenteuern im Gro\u00dfstadtdschungel von Berlin liegt, sondern auch an ihrem geschickten Umgang mit den zahlreichen Erz\u00e4hlstr\u00e4ngen. Haupt- und Nebenhandlungen sind exakt auf einander abgestimmt und erreichen eine starke Sogwirkung beim Lesen. Ein flottes Erz\u00e4hltempo in den Actionszenen wechselt sich ab mit ruhigen, nachdenklich stimmenden R\u00fcckblenden in die dunkle und schmerzhafte Geschichte der Adelsfamilie Zernikow. <\/p>\n<p>Ist dies nun Unterhaltung oder ernsthafte Literatur? Kann man ein Thema wie Zwangsarbeit im Dritten Reich so behandeln? Herrmann f\u00fchrt vor wie unsinnig diese Schubladen sind. Gerade ihr feiner Humor, als \u00e4rgster Feind des Fanatismus, demaskiert die L\u00fcgen und das Verdr\u00e4ngen auf eine Art, wie es Betroffenheitsliteratur niemals schafft: ehrlich und echt. Die Autorin zeigt, dass sie sich nicht mit einer guten Sache \u00e2\u20ac\u017egemein&#8220; machen muss, um sie pointiert zu schildern. Wo andere Autorinnen und Autoren seichte Botschaften vermitteln wollen, erz\u00e4hlt sie in einem lockeren, aber niemals seichtem Stil. Solange Kriminalliteratur wie der Roman \u00e2\u20ac\u017eDas Kinderm\u00e4dchen&#8220; kurzweilig und aufkl\u00e4rerisch zugleich ist, braucht sie sich nicht f\u00fcr eine Sache einspannen zu lassen, auch nicht f\u00fcr eine gute. Die Eindringlichkeit fiktionaler, aber lebensnaher Figuren, spannender Ereignisse und gekonnter Erz\u00e4hlkunst spricht &#8211; und vor allem wirkt &#8211; dann schon f\u00fcr sich. Nebenbei belebt sie das beliebte Genre. Dieses Buch verdient nicht nur Beifall sondern auch viele Leserinnen und Leser!<\/p>\n<blockquote><p><strong>Elisabeth Herrmann: Das Kinderm\u00e4dchen<\/strong> : Roman. &#8211; Hamburg : Rotbuch Verlag, 2005. 432 Seiten<br \/>\nISBN 3-434-53138-6<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3434531386\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3434531386\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3434531386\" target=\"_blank\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Links:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kontakte-kontakty.de\/\">&rarr; kontakte-kontakty.de &#8211; Verein f\u00fcr Kontakte zu L\u00e4ndern der ehemaligen Sowjetunion.<\/a><br \/>\nDieser Verein unterst\u00fctzte Elisabeth Herrmann bei Recherchen zu ihrem Buch.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elisabeth Herrmann: Das Kinderm\u00e4dchen &#8211; \u00e2\u20ac\u017eEinen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.&#8220; Diese oft zitierte Aussage von Hanns Joachim Friedrichs soll Journalisten zur Neutralit\u00e4t verpflichten. 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