{"id":3044,"date":"2009-10-07T11:29:00","date_gmt":"2009-10-07T10:29:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=3044"},"modified":"2012-06-15T19:54:55","modified_gmt":"2012-06-15T17:54:55","slug":"von-gefuhlen-ehre-und-einem-tatort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=3044","title":{"rendered":"Von Gef\u00fchlen, Ehre und einem Tatort (Update)"},"content":{"rendered":"<p>Die Entscheidung des Droste-Verlags, den Krimi &#8222;Wem Ehre geb\u00fchrt\u00e2\u20ac\u0153 von Gabriele Brinkmann nicht zu ver\u00f6ffentlichen, halte ich f\u00fcr problematisch, vor allem wenn man sich das momentane Gekreische anh\u00f6rt. H\u00e4tte der Verlag das Buch ver\u00f6ffentlicht, h\u00e4tte es wohl bis auf ein paar &#8222;Rezensionen\u00e2\u20ac\u0153 in den Lokalzeitungen kaum eine Reaktion gegeben. Das Buch einer drittklassigen Krimischreiberin, die bisher so gut wie nicht aufgefallen ist, w\u00e4re im allgemeinen B\u00fccherrauschen des Herbstes still und leise untergegangen. Nun aber wird einmal wieder die Sau &#8222;Zensur&#8220;, &#8222;Selbstzensur&#8220; und &#8222;Kuschen vor dem Islam&#8220; durchs virtuelle Dorf gejagt. Sp\u00e4testens in einigen Tagen wird das dann auch durch sein.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer Verleger Felix Droste hatte die Ver\u00f6ffentlichung des Buches zur\u00fcckgezogen, weil er bef\u00fcrchtete, durch einige Passagen im Buch k\u00f6nnten die &#8222;religi\u00f6sen Gef\u00fchle Dritter&#8220; verletzt werden. Das ist eine nachvollziehbare Begr\u00fcndung und eine nachvollziehbare Entscheidung, die man f\u00fcr falsch oder richtig halten kann, die aber das gute Recht eines Verlegers ist. Schlie\u00dflich ist er derjenige, der das Risiko f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung in seinem Verlag tr\u00e4gt, in ethischer und finanzieller Hinsicht. Es mag ungeschickt gewesen sein, dass die Ver\u00f6ffentlichung des Buches schon soweit voran geschritten war, es gab offenbar schon Druckfahnen und das Buch wurde als Herbstnovit\u00e4t des Verlages angek\u00fcndigt. Das ist bedauerlich, aber nat\u00fcrlich kann auch dann immer noch ein Verlag die Ver\u00f6ffentlichung stoppen. Der Verlag spricht in einer <a href=\"http:\/\/www.droste-buchverlag.de\/epages\/61503075.sf\/de_DE\/?ObjectPath=\/Shops\/61503075\/Categories\/Presseseite\">&rarr; Pressemitteilung<\/a> davon, dass &#8222;der Vertrag in gegenseitigem Einverst\u00e4ndnis mit R\u00fcckgabe aller Urheberrechte und Forderungen aufgel\u00f6st worden ist.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>Die Autorin hingegen wirft dem Verlag vor, dass ein Gutachten der Rechtsanw\u00e4ltin G\u00fclsen Celebi, die das Manuskript Hinblick auf Sicherheitsrisiken pr\u00fcfen sollte, nicht mit ihr abgesprochen wurde. Dieses Gutachten kommt zu dem Schluss, dass f\u00fcnf Stellen im Roman ge\u00e4ndert werden sollten. Gabriele Brinkmann war jedoch zu diesen \u00c4nderungen nicht bereit und beruft sich auf die \u00e2\u20ac\u017eFreiheit des Wortes\u00e2\u20ac\u0153. Schlie\u00dflich seien es ja fiktive Figuren, die im Roman solche Halbs\u00e4tze formulieren wie &#8222;&#8230; schiebt euch euren Koran doch &#8230;&#8220;. In einem <a href=\"http:\/\/rtl-now.rtl.de\/rtlwest.php?film_id=17545&#038;player=1&#038;season=0&#038;na=1\">&rarr; Fernsehinterview<\/a> (ab etwa 04:17) behauptet die Autorin: &#8222;In einem Roman, in einer fiktiven Geschichte d\u00fcrfen Figuren alles sagen. (&#8230;) Da d\u00fcrfen sich Figuren austoben und bestimmte Dinge sagen, die man vielleicht lieber auf der Stra\u00dfe (&#8230;) nicht so sagen sollte.\u00e2\u20ac\u0153 Fiktion darf also alles \u00e2\u20ac\u201c auch wenn man selbst bestimmte S\u00e4tze \u00f6ffentlich auf der Stra\u00dfe nicht sagen sollte. Das kann man so sehen, man kann aber auch durchaus die Auffassung vertreten, dass Romanfiguren &#8222;nicht alles sagen&#8220; d\u00fcrfen \u00e2\u20ac\u201c was auch immer das im Einzelfall bedeuten mag. Steht die &#8222;Freiheit der Kunst&#8220; tats\u00e4chlich \u00fcber allem?  <\/p>\n<p>Im konkreten Fall hat dies nichts mit &#8222;Kuschen&#8220; zu tun, sondern wenn der Verleger die m\u00f6gliche Verletzung religi\u00f6ser Gef\u00fchle f\u00fcr wichtiger erachtet, als die Formulierungsgabe seiner Autorin, so gilt es, dies zu respektieren. Es gibt hier \u00e2\u20ac\u201c kurz gesagt \u00e2\u20ac\u201c kein \u00e2\u20ac\u017erichtig\u00e2\u20ac\u0153 oder \u00e2\u20ac\u017efalsch\u00e2\u20ac\u0153. Wie gesagt, w\u00e4re das Buch so ver\u00f6ffentlich worden, glaube ich nicht, dass es ein gro\u00dfes Echo gegeben h\u00e4tte. Brennende Botschaftsgeb\u00e4ude, B\u00fccher in Flammen oder gar eine Fatwa gegen Frau Brinkmann w\u00e4ren wohl sehr unwahrscheinlich gewesen \u00e2\u20ac\u201c denn wer, au\u00dfer ein paar Lesern, h\u00e4tte von diesem Buch gewusst? <\/p>\n<p>Nun aber ist es anders gekommen und die Autorin hat offenbar einiges dazu beigetragen, um jetzt einen kleinen Medienrummel loszutreten. Dies gipfelt dann auch in einer <a href=\"http:\/\/das-syndikat.com\/?p=4384\">&rarr; d\u00fcmmlichen Erkl\u00e4rung des \u00e2\u20ac\u017eSyndikats\u00e2\u20ac\u0153<\/a>, in dem zweimal das Wort \u00e2\u20ac\u017eEhre\u00e2\u20ac\u0153 f\u00e4llt. Wie lustig bei einer Vereinigung, die sich selbst ja gerne als \u00e2\u20ac\u017eehrenwert\u00e2\u20ac\u0153 bezeichnet. Offenbar haben die organisierten Krimiautor\/innen von vorgestern nicht verstanden, um was es dem Verleger prim\u00e4r geht \u00e2\u20ac\u201c n\u00e4mlich um die Verletzung von religi\u00f6sen Gef\u00fchlen. Und wenn eine Autorenvereinigung, die ja auch schon einen Schreiber von Nazipropaganda mit einem Preis ausgezeichnet hat und die sich ansonsten herzlich wenig um wirklich verfolgte, verhaftete und ermordete Autoren k\u00fcmmert, von &#8222;Ehre&#8220; spricht, so darf man sich seinen Teil denken. <\/p>\n<p>Bleibt die Frage, warum Frau Brinkmann ihren Roman \u00e2\u20ac\u201c der ja jetzt jederzeit von einem anderen Verleger ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnte &#8211; soviel zum Thema &#8222;Zensur&#8220; &#8211; und der sich bestimmt wie geschnitten Brot verkaufen w\u00fcrde, besonders in gewissen Kreisen \u00e2\u20ac\u201c den Titel &#8222;Wem Ehre geb\u00fchrt\u00e2\u20ac\u0153 gegeben hat. Genau diesen Titel trug auch eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wem_Ehre_geb%C3%BChrt\">&rarr; &#8222;Tatort\u00e2\u20ac\u0153-Folge aus dem Jahr 2007<\/a>, in der es um den Inzestfall in einer Familie alevitischen Glaubens geht, und die damals unter anderem zu einer Demonstration von \u00fcber 10.000 Menschen f\u00fchrte, die sich gegen die Ausstrahlung des Films wandten. Ein Schelm, der bei dieser Titelwahl etwas B\u00f6ses denkt.<\/p>\n<p><strong>Linktipp:<\/strong><br \/>\nWer sich f\u00fcr wirklich verfolgte Autoren und Journalisten interessiert, der sollte einmal auf der Internetseite des P.E.N.-Zentrums nachschauen. Diese <a href=\"http:\/\/www.pen-deutschland.de\/htm\/aktuelles\/caselist_aktuell.php\">&rarr; &#8222;Caselist&#8220;<\/a> h\u00e4tte in der Tat viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Auch von Krimiautoren.<\/p>\n<p><strong>Update:<\/strong><br \/>\nDer Verleger Felix Droste hat sich ausf\u00fchrlicher <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/leben\/buch\/artikel\/1\/%5Cprovokation-ist-zu-billig%5C\/\">in einem Interview bei der taz<\/a> zu seinem R\u00fcckzieher ge\u00e4u\u00dfert. Lesenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entscheidung des Droste-Verlags, den Krimi &#8222;Wem Ehre geb\u00fchrt\u00e2\u20ac\u0153 von Gabriele Brinkmann nicht zu ver\u00f6ffentlichen, halte ich f\u00fcr problematisch, vor allem wenn man sich das momentane Gekreische anh\u00f6rt. H\u00e4tte der Verlag das Buch ver\u00f6ffentlicht, h\u00e4tte es wohl bis auf ein paar &#8222;Rezensionen\u00e2\u20ac\u0153 in den Lokalzeitungen kaum eine Reaktion gegeben. Das Buch einer drittklassigen Krimischreiberin, die bisher so gut wie nicht aufgefallen ist, w\u00e4re im allgemeinen B\u00fccherrauschen des Herbstes still und leise untergegangen. Nun aber wird einmal wieder die Sau &#8222;Zensur&#8220;, &#8222;Selbstzensur&#8220; und &#8222;Kuschen vor dem Islam&#8220; durchs virtuelle Dorf gejagt. Sp\u00e4testens in einigen Tagen wird das dann auch durch sein.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[184,276,488,546],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3044"}],"collection":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3044"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3044\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3516,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3044\/revisions\/3516"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3044"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3044"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3044"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}