{"id":368,"date":"2006-01-15T15:08:24","date_gmt":"2006-01-15T14:08:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/368\/die-krimiwelt-des-burkhard-m.html"},"modified":"2006-01-15T15:08:24","modified_gmt":"2006-01-15T14:08:24","slug":"die-krimiwelt-des-burkhard-m","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=368","title":{"rendered":"Die Krimiwelt des Burkhard M."},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/der_malteser_falke.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"der_malteser_falke.jpg\" \/><br \/>\n<strong>Gegenbetrachtungen zum Start der SZ-Krimibibliothek<\/strong><\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eWas bereitet uns solches Vergn\u00fcgen an Kriminalromanen, obwohl es um eine so gr\u00e4ssliche Sache geht wie Mord?&#8220; fragt Burkhard M\u00fcller zu Beginn seiner Betrachtung des Kriminalromans, die unter dem Titel \u00e2\u20ac\u017eNichts ist so, wie es scheint &#8211; Was ist ein Kriminalroman?&#8220; anl\u00e4sslich des Starts der SZ-Krimibibliothek in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 14.\/15. Januar erschienen ist. Eine Gegenfrage: Was bereitet mir immer solches Grausen, wenn ich feuilletonistische Texte \u00fcber Kriminalromane lesen muss? <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Krimiwelt des Burkhard M\u00fcller ist einfach gestrickt: Da haben wir auf der einen Seite den klassischen Whodonit, dem er dreieinhalb Spalten seines insgesamt vierspaltigen Artikel widmet. Mit vielen sch\u00f6nen bunten Worth\u00fclsen, wie sich das f\u00fcr das Feuilleton der M\u00fcnchener Zeitung geh\u00f6rt, erkl\u00e4rt er uns die Anf\u00e4nge und die vermeintliche Faszination des beliebten Genres. Wir, die Leser, bestehen ja immer auf Mord &#8211; au\u00dfer im Kurzkrimi, das Sterben eines Menschen im Kriminalroman ist nur ein \u00e2\u20ac\u017eRequisit&#8220;, ein \u00e2\u20ac\u017eStein, der ins Wasser geworfen wurde und nach seinem Untergang immer weitere Kreise zieht&#8220;, der T\u00f6tungsvorgang ist eine \u00e2\u20ac\u017eAntupfung&#8220; &#8211; alles andere w\u00e4re Thriller oder Horror, mit wesentlich dunkleren Bedrohungen. Im Krimi, so lernen wir bei M\u00fcller, ist das \u00e2\u20ac\u017e\u00c4rgste schon vorbei, wenn er anf\u00e4ngt&#8220;. Der Krimi lebt vom Dualismus &#8211; Geborgenheit im Lehnstuhl hier, Unruhe des verhandelten Gegenstandes hier. Er hat sogar noch mehr zu bieten: die Absolution f\u00fcr eigene Todesw\u00fcnsche und ein wenig Trost f\u00fcr die Todesfurcht.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt, dies alles schreibt M\u00fcller zum Start der SZ-Krimibibliothek, deren Auftakt Dashiell Hammettes \u00e2\u20ac\u017eMalteser Falke&#8220; bildet. Offensichtlich war das den verantwortlichen Redakteuren denn doch zuviel bodenloses und sinnfreies Geschwafel, weshalb sie Peter Zadek um einen &#8211; wesentlich k\u00fcrzeren und sinnvolleren &#8211; Einf\u00fchrungstext in der gleichen Ausgabe der Zeitung zu diesem Roman gebeten haben. Zadek schreibt: \u00e2\u20ac\u017eDer Text gilt als Begr\u00fcndung des Realismus im Kriminalromans, aber ich bin mir trotz der realistischen Milieu-Schilderungen nicht sicher, ob man das so sagen kann. Denn realistisch hei\u00dft hier nicht, dass dem Leser (&#8230;) die Interessen der Figuren psychologisch erkl\u00e4rt werden, dass jemand f\u00fcr das Milieu verantwortlich gemacht wird. Solche Texte machen Spa\u00df, weil sie sich nicht mit moralischen Skrupeln aufhalten, daf\u00fcr aber den Leser voller Fragen zur\u00fccklassen.&#8220; <\/p>\n<p>Mit Recht kann man im \u00e2\u20ac\u017eMalteser Falken&#8220; einen Bruch, eine Wendung, einen Neubeginn des Genres sehen und Zadek bringt es klar und deutlich auf den Punkt. Herr M\u00fcller hingegen phantasiert spaltenweise \u00fcber die Rolle des Detektivs, seinen \u00e2\u20ac\u017esidekick&#8220;, also seinen helfenden Partner &#8211; Holmes und Watson m\u00fcssen einmal mehr herhalten &#8211; und behauptet fest, dass sich diese Rolle keineswegs oder doch nur marginal ge\u00e4ndert habe. Der moderne Polizeiroman etwa hat bei M\u00fcller irgendwie nicht stattgefunden, die Arbeit eines Ermittlerteams &#8211; von Sj\u00f6wall\/Wahl\u00f6\u00f6 \u00fcber Mankell bis hin zu Indridason und es w\u00e4ren reichlich mehr zu nennen &#8211; scheint an M\u00fcller vorbei gegangen zu sein. Das reduziert er kurzerhand auf ein verfehltes Familiengl\u00fcck oder die tragende Rolle des Alkohols. Prost statt Proust, m\u00f6chte man da rufen &#8211; also ob sich Kriminalliteratur nicht entwickelt h\u00e4tte, als ob der moderne Kriminalroman in einem Panzer aus Klischees und Genregesetzen an der zeitgen\u00f6ssischen Prosa abgeprallt w\u00e4re und umgekehrt.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte dies auf das Nichtwissen des Herrn M\u00fcllers zur\u00fcckf\u00fchren, doch dunkle Stimmen scheinen ihm eine Eingebung gefl\u00fcstert zu haben. Das, was Zadek in kurzen Worten als Spannungsfeld des Realismus und der Moral aufzeigt, das ist f\u00fcr M\u00fcller der Gegenpol zum Whodonit &#8211; der Milieukrimi, der als Bastard des Heimatromans sein Unwesen treibt. Nun hat er nicht unrecht, wenn er vielen dieser Kriminalromane einen parasit\u00e4ren Charakter unterstellt und bemerkt: \u00e2\u20ac\u017eDie Plots sind nicht selten eine Beleidigung f\u00fcr den Geist.&#8220; Ja, sicher sind sie das &#8211; wenn man die g\u00e4ngigen Produkte der nationalen und internationalen Krimiindustrie betrachtet und die auch zahlreich in der SZ-Krimibibliothek vertreten sind.<\/p>\n<p>Doch es gibt anderes, besseres. Dazu h\u00e4tte der Herr M\u00fcller einfach mal genau auf das Programm der, so reichlich schlecht beworbenen, SZ-Krimibibliothek schauen m\u00fcssen: Chester Himes, Fred Vargas, Jean-Patrick Manchette, Charles Willeford, Ulf Miehe oder J\u00f6rg Fauser sind nur einige der Namen, die in dieser Bibliothek vertreten sind und die M\u00fcllers Betrachtungen L\u00fcgen strafen. Das sind keine Autoren, die Plots durchnudeln, die sich in ein enges Genrekorsett pressen lassen. Sie bieten wahrlich keinen Trost und mildern Todes\u00e4ngste und schon gar nicht sind ihre Romane Bastarde des Heimatromans. In der Krimiwelt des Burkhard M\u00fcller scheinen sie nicht zu existieren &#8211; in der SZ-Krimibibliothek gl\u00fccklicherweise schon. <\/p>\n<p><strong>Links &#038; Quellen<\/strong><br \/>\nBurkhard M\u00fcller: Nichts ist so, wie es scheint. Was ist ein Kriminalroman? Eine Betrachtung zum Start der j\u00fcngsten SZ-Bibliothek. In: S\u00fcddeutsche Zeitung v. 14.\/15. Januar 2005, Seite 18<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/sz\/2006-01-14\/feuilleton\/artikel\/HMG-2006-01-14-018-YDr0N2_UPKrwAlfkmMknnw\/\">Als kostenpflichtes E-Paper lesbar.<\/a><\/p>\n<p>Peter Zadek: Nichts ist so, wie es scheint. Dashiell Hammetss &#8222;Der Malteser Falke&#8220;. In: S\u00fcddeutsche Zeitung v. 14.\/15. Januar 2005, Seite 15<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/sz\/2006-01-14\/feuilleton\/artikel\/HMG-2006-01-14-015-v7X4_U7FssvzFp71bU5d_Q\/\">Als kostenpflichtes E-Paper lesbar.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/sz-mediathek.sueddeutsche.de\/mediathek\/shop\/catalog\/editionen\/2248.jsp\">Die SZ-Krimibibliothek in der \u00dcbersicht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/sz-krimi.de\/\">Der Krimiblog zur SZ-Krimibibliothek<\/a><br \/>\nDanke an <a href=\"http:\/\/anobella.twoday.net\/stories\/1415195\/\">Anobella <\/a>f\u00fcr den Hinweis und eine Bemerkung: Wenn Ihnen Begrifflichkeiten wie &#8222;Asservatenkammer&#8220; aus einem anderen Krimiblog bekannt vorkommen, dann liegen Sie richtig. Einfallsreich sind sie halt nicht, dort im fernen M\u00fcnchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegenbetrachtungen zum Start der SZ-Krimibibliothek \u00e2\u20ac\u017eWas bereitet uns solches Vergn\u00fcgen an Kriminalromanen, obwohl es um eine so gr\u00e4ssliche Sache geht wie Mord?&#8220; fragt Burkhard M\u00fcller zu Beginn seiner Betrachtung des Kriminalromans, die unter dem Titel \u00e2\u20ac\u017eNichts ist so, wie es scheint &#8211; Was ist ein Kriminalroman?&#8220; anl\u00e4sslich des Starts der SZ-Krimibibliothek in der S\u00fcddeutschen Zeitung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/368"}],"collection":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=368"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/368\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=368"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=368"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}