{"id":371,"date":"2006-01-16T19:21:29","date_gmt":"2006-01-16T18:21:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/371\/es-bleibt-finster.html"},"modified":"2006-01-16T19:21:29","modified_gmt":"2006-01-16T18:21:29","slug":"es-bleibt-finster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=371","title":{"rendered":"Es bleibt finster"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/1974.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"1974\" \/><br \/>\n<strong>\u00dcberlegungen zum Deutschen Krimipreis 2006 f\u00fcr David Peace <\/strong><\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eHarte Zeiten brauchen harte B\u00fccher&#8220; lautete einst der Werbespruch f\u00fcr die anspruchsvolle Noir-Reihe im DuMont-Verlag. Das deutsche Lesepublikum sah es wohl anders und nach 23 B\u00e4nden war schon wieder Schluss. Der Lesegeschmack des deutschen Publikums ist wohl eher auf weiche B\u00fccher in harten Zeiten eingestellt. So ist es erfreulich, dass die Jury des Deutschen Krimipreises in diesem Jahr, nicht zum erstenmal, einen Noir-Roman auszeichnet: David Peaces Deb\u00fctroman \u00e2\u20ac\u017e1974&#8243;, der zugleich den Auftakt seines Red-Riding-Quartetts bildet. Alle vier Romane sind nach Jahren benannt &#8211; 1974, 1977, 1980 und 1983 &#8211; eine Titelwahl, die bei einem Autor wie David Peace nicht weiter verwundert. Noch eine Jahreszahl: 1967. In diesem Jahr ist David Peace Dewsbury, West Yorkshire geboren. Zeiten und Orte sind bestimmend f\u00fcr sein Werk. In seinem \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartett&#8220; verarbeitet er seine Kinder- und Jugendzeit an einem der dunkelsten Orte, die es damals in England gab: Yorkshire.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eine Landschaft, die uns in so manchem britischen Kriminalroman als abwechslungsreich und idyllisch verkauft wird. Weidende Schafe, friedliche Moore und schroffe Felsen, so sieht es aus in der Heimat vom Tierdoktor und seinem \u00e2\u20ac\u017elieben Vieh&#8220;. Bei Peace sucht man diese Beschreibungen vergeblich. 1975 begann in Yorkshire eine Mordserie an Frauen, die erst im Januar 1981 ein Ende fand, als die Polizei Peter Sutcliffe, den sogenannten \u00e2\u20ac\u017eYorkshire Ripper&#8220;, verhaftete. Wie viele Frauen er umgebracht hat, ist bis heute nicht einwandfrei gekl\u00e4rt. Die meisten seiner Opfer waren Prostituierte. Die polizeilichen Ermittlungen waren gepr\u00e4gt von Schlamperei und Unf\u00e4higkeit. Mindestens zweimal ging Sutcliffe den ermittelnden Beamten durch die Lappen. Dazu ein Trittbrettfahrer, der die Polizei mit Bekennerbriefen und Tonb\u00e4ndern, unterzeichnet mit \u00e2\u20ac\u017eJack the Ripper&#8220;, in die Irre f\u00fchrte. Als Sutcliffe im Januar 1981 schlie\u00dflich verhaftet wurde, erholte sich Yorkshire nur langsam von dem Schrecken. Zu tief sa\u00df das Misstrauen der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber der Polizei. Diese Zeit und dieser Ort haben David Peace gepr\u00e4gt.  <\/p>\n<p>In seinem \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartett&#8220; verarbeitet er auf literarische Weise seine Jugendzeit. Eine Zeit der Angst: War sein Vater der \u00e2\u20ac\u017eYorkshire Ripper&#8220;? W\u00fcrde seine Mutter das n\u00e4chste Opfer sein? Qu\u00e4lenden Fragen trieben den jungen David Peace um und exzessiv besch\u00e4ftigte er sich &#8211; wie viele seiner Landsleute &#8211; mit den Morden und der Suche nach dem T\u00e4ter. Diese Zeit hat Narben hinterlassen, wie David Peace behauptet, und diese Narben hat er erst im fernen Tokio, in dem er seit einigen Jahren lebt, behandeln k\u00f6nnen. Durch Schreiben. Was eigentlich nur f\u00fcr ihn selbst gedacht war, entwickelte sich zu einem der interessantesten literarischen Werke der letzten Jahre. Knallhart, brutal, extrem &#8211; nur einige der Adjektive, die das Feuilleton im letzten Jahr f\u00fcr den Roman fand. Sein stakkatoartiger Stil, seine kurzen, heftigen S\u00e4tze und seine Detailbesessenheit brachten ihm den Vergleich zu James Ellroy ein. <\/p>\n<p><strong>Ein radikaler Anspruch<\/strong><\/p>\n<p>Doch Peace ist durch und durch ein britischer Autor jenseits der hierzulande so beliebten Landhausatmosph\u00e4re. Er seziert haarscharf die englische Gesellschaft in den 1970er und 1980er Jahren, er w\u00fchlt tief in den Wunden, die der Serienm\u00f6rder und die korrupte und unf\u00e4hige Polizei geschlagen haben. Diese, davon ist Peace \u00fcberzeugt, sind nur in dieser Zeit, an diesem Ort und unter den damaligen, politischen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen m\u00f6glich gewesen. <\/p>\n<p>Dabei folgt er in seinen Romanen seinem Anspruch an Kriminalliteratur: Sie hat, so David Peace, die wirklichen Verbrechen fiktiv zu dokumentieren. Das Leid und Elend, das ein Mord \u00fcber ein Opfer, seine Familie und Freunde, aber auch \u00fcber die Angeh\u00f6rigen des T\u00e4ters, bringt, m\u00fcssen greifbar werden. Alles andere ist billige Unterhaltung, die sich erg\u00f6tzt an den Schmerzen anderer Menschen. Es geht Peace um Realismus, der aber nichts mit den \u00e2\u20ac\u017eNachrichten aus der Wirklichkeit&#8220; zu tun hat. Reale Namen von Opfern oder Beteiligten sucht man in \u00e2\u20ac\u017e1974&#8243; vergeblich &#8211; dennoch wird klar, welchen Hintergrund sein Roman hat. Es ist fiktionale Literatur, die das Verbrechen ernst nimmt und nicht mit ihm spielt. Ein radikaler Anspruch, der nichts mit Kolportage zu tun hat. Literatur als ein verzerrtes und doch erkennbares Abbild der Wirklichkeit. <\/p>\n<p>Gratulation an die Jury f\u00fcr diese Auswahl, die hoffentlich dazu beitr\u00e4gt, dass Kriminalliteratur auch bei uns endlich weiter gefasst und wahrgenommen wird, die vielleicht den Weg ebnet f\u00fcr weitere, interessante und junge Autoren und Autorinnen &#8211; nicht nur aus Gro\u00dfbritannien. Gratulation selbstverst\u00e4ndlich auch an David Peace, der \u00fcbrigens nach dem Ende des \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartetts&#8220; bereits einen weiteren Roman zu einem heiklen Thema der englischen Geschichte vorgelegt hat: \u00e2\u20ac\u017eGB84&#8243; besch\u00e4ftigt sich mit dem Bergarbeiterstreik von 1984\/85. Es bleibt finster. <\/p>\n<blockquote><p><strong>David Peace: 1974<\/strong> \/ Aus dem Englischen von Peter Torberg. &#8211; M\u00fcnchen : Liebeskind, 2005<br \/>\nISBN 3-935890-29-X<\/p>\n<p>Die deutsche Taschenbuchausgabe ist f\u00fcr Juni 2006 bei Heyne angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Originalausgabe: David Peace: Nineteen Seventy Four. &#8211; London : Serpent\u00e2\u20ac\u2122s Tail, 1999<\/p>\n<p>F\u00fcr Februar ist der zweite Band \u00e2\u20ac\u017e1977&#8243; in deutscher \u00dcbersetzung von Peter Torberg beim Verlag Liebeskind angek\u00fcndigt.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/393589029X\/ludgerslesezeich\" target=\"_blank\">&#8222;1974&#8220; als gebundene Ausgabe bei amazon.de bestellen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3453675088\/ludgerslesezeich\" target=\"_blank\">&#8222;1974&#8220; als Taschenbuchausgabe bei amazon.de vorbestellen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3935890362\/ludgerslesezeich\"target=\"_blank\">&#8222;1977&#8220; als gebundene Ausgabe bei amazon.de vorbestellen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Weitere Links:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/dna\/collective\/A2436509\">David Peace im Interview mit der BBC<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/bradford\/culture\/words\/david_peace_intv.shtml\">Ein weiteres Interview von David Peace mit der BBC<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.crimetime.co.uk\/features\/davidpeace.php\">David Peace \u00fcber sein \u00e2\u20ac\u0153Red Riding Quartet\u00e2\u20ac\u009d in der Crime Time<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.liebeskind.de\/\">Lesereise von David Peace im M\u00e4rz 2006 &#8211; Informationen bei seinem deutschen Verlag Liebeskind<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberlegungen zum Deutschen Krimipreis 2006 f\u00fcr David Peace \u00e2\u20ac\u017eHarte Zeiten brauchen harte B\u00fccher&#8220; lautete einst der Werbespruch f\u00fcr die anspruchsvolle Noir-Reihe im DuMont-Verlag. 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