{"id":382,"date":"2006-01-23T10:18:04","date_gmt":"2006-01-23T09:18:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/382\/verbrochene-welt.html"},"modified":"2006-01-23T10:18:04","modified_gmt":"2006-01-23T09:18:04","slug":"verbrochene-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=382","title":{"rendered":"Verbrochene Welt"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00e2\u20ac\u017eDie ernsthafte, literaturwissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit Kriminalliteratur ist nicht unbedingt f\u00f6rdernd f\u00fcr die Karriere&#8220;.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn diese Aussage von Prof. Dr. <a href=\"http:\/\/www.uni-duisburg-essen.de\/germanistik\/mitarbeiterdaten.php?pid=11227\">Jochen Vogt<\/a> Heiterkeit ausl\u00f6ste, steckt darin doch sehr viel Wahres: Die Literaturwissenschaften meiden den Kriminalroman, sehen in ihm vielleicht noch ein Genre, dass sie in der Literaturdidaktik bearbeiten k\u00f6nnen, doch die ernsthafte Auseinandersetzung, zum Beispiel in der Gattungstheorie oder unter historischen Aspekten, findet kaum statt. Deshalb ist es erfreulich, dass sich am vergangen Wochenende Literaturwissenschaftler der verschiedensten Richtungen, Literaturkritiker, Journalisten, Verleger, Studenten und interessierte Leser zur Tagung \u00e2\u20ac\u017eVerbrochene Welt&#8220; in der <a href=\"http:\/\/www.kircheundgesellschaft.de\/akademie\/\">Evangelischen Akademie in Iserlohn<\/a> trafen, um die \u00e2\u20ac\u017einternationale Aktualit\u00e4t des Kriminalromans&#8220; auszuloten. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen innerhalb von insgesamt acht Vortr\u00e4gen in zwei Tagen nur erste Ans\u00e4tze gefunden werden und Umrisse skizziert werden. Die waren aber durchweg spannend, informativ und lehrreich. So lieferte <a href=\"http:\/\/kaliber38.de\/woertche.htm\">Dr. Thomas W\u00f6rtche<\/a> mit seinem Einstiegsvortrag \u00e2\u20ac\u017eGlobal Crime &#8211; Krimi global&#8220; ein ersten \u00dcberblick. Am Beispiel der Autoren Yasmina Khadra (Algerien), Pepetela (Angola) und Leonardo Padura (Kuba) zeigte er auf, wie der Kriminalroman, der seine Wurzeln in der abendl\u00e4ndischen Welt hat, in anderen Kulturen und auf anderen Kontinenten adaptiert und ver\u00e4ndert wurde und wie er seine subversive Kraft entwickeln konnte.<\/p>\n<p>Ein interessantes Beispiel ist der Kubaner Leonardo Padura, dessen Kriminalromane &#8211; aktuell das \u00e2\u20ac\u017eHavanna-Quartett&#8220; &#8211; auch bei uns ver\u00f6ffentlicht, gelesen und vielfach gelobt wurden. Padura, dessen kriminalistische Wurzeln und Vorbilder bei der US-amerikanischen Hardboiled-School zu finden sind, wendet die Formsprache des Kriminalromans an, um einerseits der heimischen Zensur zu entgehen. Kriminalliteratur wird &#8211; \u00e4hnlich wie bei uns &#8211; auch in Kuba nicht als ernste Literatur wahrgenommen. Das allerdings erm\u00f6glichte Padura, in seinen Romanen Kritik am Regime seines Landes zu \u00fcben. Paduras Seitenhiebe, zum Beispiel am Zustand des kubanischen Bildungswesen, gepaart mit einer realistischen Darstellung des Lebens auf Kuba und vermischt mit einer von den Herrschenden goutierten antiamerikanischen Haltung, wurden von der kubanischen Zensur \u00fcberlesen oder nicht wahrgenommen &#8211; es ist ja Kriminalliteratur. Andererseits hat es Padura durch die Form des Kriminalromans geschafft, auch im Ausland wahrgenommen zu werden. Die kubanische Literaturzensur muss nun fortan z\u00e4hneknirschend damit leben, einen international anerkannten Autor im Lande zu haben und ihn ungewollt gef\u00f6rdert zu haben, der mit Hilfe des Kriminalromans eindeutig Stellung zu den Misst\u00e4nden auf Kuba bezogen hat und diese Kritik \u00fcber die Landesgrenzen hinaus tr\u00e4gt. Die immer noch m\u00f6gliche subversive Kraft des Kriminalromans wird am Beispiel Paduras, der zudem ein \u00e2\u20ac\u017everdammt guter Schreiber&#8220; ist, wie der Kritiker <a href=\"http:\/\/www.arte-tv.com\/de\/kunst-musik\/buchtipps\/KrimiWelt\/954304,CmC=955260.html\">Jochen Vogt<\/a> immer wieder betonte, sehr deutlich. <\/p>\n<p><strong>T\u00e4ter und Tendenzen<\/strong><\/p>\n<p>Ganz anders die Situation in der aktuellen US-amerikanischen und britischen Krimiproduktion.  <a href=\"http:\/\/www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de\/scripte\/ps\/ps_read.cgi?personalseite=Brittnacher\">Dr. Hans-Richard Brittnacher<\/a> von der FU Berlin zeigte in seinem Vortrag verschiedene, mit einander verflochtene Tendenzen auf: In der US-amerikanischen Spannungsliteratur wird ein neuer moralischer Fundamentalismus deutlich, der seine Auspr\u00e4gung vor allem im Courtroom Drama, den Gerichts- oder Justizthrillern (John Grisham ist nur einer von vielen) und entsprechenden TV- und Filmproduktionen, findet. Einher geht damit die Rehabilitierung des Schuldbegriffs, die Absage an den modernen Subjektivismus und vor allem ein Lobgesang auf das US-amerikanische Justizsystem, das in vielen dieser Romane und Filmen als \u00e2\u20ac\u017eunfehlbar&#8220; dargestellt wird. <\/p>\n<p>Eine weitere Tendenz ist der Verzicht auf die spielerischen Aspekte: Die Naturwissenschaften haben durch die Betonung der Forensik (etwa bei Patricia D. Cornwell oder Kathy Reichs) Einzug in den Kriminalroman gehalten. Auch der Boom der sogenannten \u00e2\u20ac\u017eTrue Crime&#8220; Geschichten hat hier einen entscheidenden Anteil. Waren es vor einigen Jahren noch die Profiler, die anhand von psychologischen Gutachten die beliebten Serienkiller zur Strecke brachten, sind es jetzt die Gerichtsmediziner, die mit handfesten, naturwissenschaftlich untermauerten Fakten den T\u00e4tern das Handwerk legen. Eine dritte Tendenz ist die Hybridisierung des Genres, etwa durch die Vermischung von Kriminalf\u00e4llen mit Okkultismus oder phantastischen Elementen, wie etwa bei dem Autor John Connolly. <\/p>\n<p><strong>Gute Aussichten<\/strong><\/p>\n<p>Ebenso aufschlussreich war die Geschichte des franz\u00f6sischen Polar und Neo-Polar, die der Kritiker <a href=\"http:\/\/www.goby.de\/\">Tobias Gohlis<\/a> in seinem Vortrag vorstellte. Von Jean-Patrick Manchette \u00fcber Alain Fournier alias A.D.G., Dominique Manotti, Jean-Bernard Pouy, Didier Daeninckx bis hin zu Fred Vargas, die mit ihren \u00e2\u20ac\u017erompols&#8220;, wie die Autorin ihre Romane nennt (eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u00e2\u20ac\u017eRoman Policier&#8220;), auch bei uns ein gro\u00dfes Lesepublikum fand, zeigte Gohlis die Entstehung, Weiterentwicklung und den Abgesang auf den Neo-Polar eindrucksvoll auf. Es folgten Einblicke in den \u00f6sterreichischen Krimi durch die Journalistin <a href=\"http:\/\/www.arte-tv.com\/de\/kunst-musik\/buchtipps\/KrimiWelt\/954304,CmC=955260.html\">Kathrin Fischer<\/a>, den russischen Kriminalroman durch <a href=\"http:\/\/www.uni-potsdam.de\/u\/slavistik\/olk\/personal\/franz\/franzd.htm\">Prof. Dr. Norbert Franz<\/a>, den italienischen Krimi durch <a href=\"http:\/\/www.fu-berlin.de\/vorlesungsverzeichnis\/ws0506\/phil-geist\/007011001001001001.html\">Dr. Steffen Richter<\/a> und schlie\u00dflich den t\u00fcrkischen Krimi durch <a href=\"http:\/\/www.hum.ucy.ac.cy\/TME\/index.php\">Dr. B\u00f6rte Sagaster<\/a>. Abschluss der Veranstaltung bildete eine sehr lebhafte Diskussion, in der unter anderem eine st\u00e4rkere Hinwendung der Literaturwissenschaft zur Untersuchung von literarischer Qualit\u00e4t in Krimis gefordert wurde. <\/p>\n<p>Die Tagung belegte nicht nur die Vielfalt und Lebendigkeit des Genres Kriminalromans, sie zeigte auch, dass es in Deutschland ein Handvoll Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker gibt, die sich sehr fundiert und ernsthaft mit Kriminalliteratur auseinandersetzen &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob dies nun f\u00fcr ihre Karriere f\u00f6rderlich ist oder nicht. F\u00fcr mich bleiben aber auch pers\u00f6nliche Begegnungen, zum Beispiel mit dem renomierten Kritiker Jochen Schmidt, dessen Buch \u00e2\u20ac\u017eGangster, Opfer, Detektive&#8220; (1989) zu den besten Sachb\u00fcchern z\u00e4hlt, die in Deutschland zum Thema Kriminalroman geschrieben wurden. Erfreulich: Jochen Schmidt arbeitet derzeit an einer grundlegenden \u00dcberarbeitung und Aktualisierung seines Werkes und hofft, dies in eineinhalb Jahren fertig gestellt zu haben. Das sind sehr gute Aussichten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00e2\u20ac\u017eDie ernsthafte, literaturwissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit Kriminalliteratur ist nicht unbedingt f\u00f6rdernd f\u00fcr die Karriere&#8220;. Auch wenn diese Aussage von Prof. Dr. Jochen Vogt Heiterkeit ausl\u00f6ste, steckt darin doch sehr viel Wahres: Die Literaturwissenschaften meiden den Kriminalroman, sehen in ihm vielleicht noch ein Genre, dass sie in der Literaturdidaktik bearbeiten k\u00f6nnen, doch die ernsthafte Auseinandersetzung, zum Beispiel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/382"}],"collection":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=382"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/382\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=382"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=382"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}