{"id":399,"date":"2006-02-11T18:28:58","date_gmt":"2006-02-11T17:28:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/399\/ulrich-ritzel-uferwald.html"},"modified":"2006-02-11T18:28:58","modified_gmt":"2006-02-11T17:28:58","slug":"ulrich-ritzel-uferwald","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=399","title":{"rendered":"Schickes F\u00fcllmaterial"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/uferwald_ritzel.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"uferwald_ritzel.jpg\" \/><br \/>\n<strong>Ulrich Ritzel: Uferwald<\/strong><\/p>\n<p>Verbrechen bedingen Verbrechen, ein bekanntes Muster im Kriminalroman. In Ulrich Ritzels aktuellem Buch \u00e2\u20ac\u017eUferwald&#8220; liegt das urspr\u00fcngliche und ausl\u00f6sende Verbrechen Jahre zur\u00fcck. Es ist nicht, wie der Klappentext suggeriert, der vermeintliche Unfalltod eines jungen Mannes, es ist ein anderer Unfall, der sich schon 1996 ereignete. Ein Obdachloser wurde von einem Bauer angefahren und sitzt seitdem im Rollstuhl. \u00e2\u20ac\u017eRolli-Rolf&#8220; fristet sein Dasein im Ulmer Obdachlosenheim \u00e2\u20ac\u017eZuflucht&#8220;, wo er den Jurastudenten Tilman Gossler kennenlernt. Rolf sch\u00f6pft Hoffnung: Vielleicht kann Tilman ihm bei seiner Forderung nach Schadensersatz helfen. Nur kurze Zeit sp\u00e4ter stirbt Tilman in der Neujahrsnacht 1999 bei einem Verkehrsunfall. Doch so erz\u00e4hlt man keinen Kriminalroman. Ulrich Ritzel schreibt ihn gegen die Zeit und beginnt &#8211; ganz klassisch &#8211; mit dem Fund einer Frauenleiche.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zeitsprung: Im Oktober 2005 wird die verweste Leiche von Charlotte Gossler, einer \u00e4lteren Frau, in ihrer Wohnung entdeckt. Nachbarn hatten sich schon vor einiger Zeit bei der st\u00e4dtischen Wohnungsverwaltung gemeldet, doch die Meldung ist in den M\u00fchlen der B\u00fcrokratie untergegangen. Erst ein entfernter Bekannter der Toten alarmiert telefonisch die Verwaltung. Vermutlich hat die Frau mehrere Monate tot in ihrer Wohnung gelegen. Kommissar Markus Kuttler soll den Fall bearbeiten, der zun\u00e4chst wie ein trauriges St\u00fcck deutscher Alltagsgeschichte aussieht. Dann entdeckt Kuttler in der Wohnung  das Tagebuch von Tilman Gossler, Sohn der Toten. Der Kommissar, gerade von privaten Trennungsproblemen geplagt, liest das Tagebuch und damit nehmen die Ermittlungen ihren Lauf.<\/p>\n<p>Tilman war Mitglied einer Clique zu der ein angehender Politiker, ein snobistischer Banker, ein politisch korrekter Gutmensch, eine angehende Lehrerin und noch zwei weitere Frauen geh\u00f6rten. In seinem Tagebuch hat er all die kleinen und gro\u00dfen Geheimnisse seiner Freunde festgehalten: So hat er den snobistischen Banker bei einer versuchten Vergewaltigung beobachtet und der angehende Politiker ist schwul. Tilman selbst scheint ein junger, orientierungsloser Mann gewesen zu sein, einer, der nie so richtig dazu geh\u00f6rte. Dann lernt er den Obdachlosen \u00e2\u20ac\u017eRolli-Rolf&#8220; kennen und erf\u00e4hrt, dass ihm das Schmerzensgeld f\u00fcr seinen Unfall nie ausgezahlt wurde. Tilman forscht nach und die junge Solveig, die nicht zur Clique geh\u00f6rt und die wie aus dem Nichts auftaucht, f\u00fchrt ihn auf eine Spur, die ihn zum dubiosen Anwalt von \u00e2\u20ac\u017eRolli-Rolf&#8220; bringt. Der, so scheint es, hat das Schmerzensgeld unterschlagen. Noch bevor Tilman mit der Polizei sprechen kann, stirbt er bei einem Verkehrsunfall, der vermutlich keiner war.<\/p>\n<p><strong>Verd\u00e4chtigungen statt Fakten<\/strong><\/p>\n<p>Gut sechs Jahre sp\u00e4ter kommen Kuttler und seine Kollegin Tamar Wegenast dem Geheimnis nach und nach auf die Spur, der Kreis von Verbrechen und Verbrechern weitet sich. Sind es zun\u00e4chst die ehemaligen Cliquenmitglieder, auf die sich die Nachforschungen konzentrieren, w\u00e4chst die Zahl der Tatverd\u00e4chtigen an. Ein K\u00fcnstler und der dubiose Anwalt geraten ebenfalls ins Visier. Auch die Zahl der Toten steigt: \u00e2\u20ac\u017eRolli-Rolf&#8220; hat eine Lungenentz\u00fcndung dahingerafft, ehemalige Vermieter, die als Zeugen hilfreich w\u00e4ren, liegen auf dem Friedhof und die geheimnisvolle Solveig, zu der Tilman ein besonders Verh\u00e4ltnis hatte, ist verschwunden. Auff\u00e4llig jedoch, dass kein wirklicher Mord im juristischen Sinne geschieht, dem Tod wurde h\u00f6chstens ein wenig nachgeholfen oder es waren Unf\u00e4lle. Inszenierte und versteckte Morde. Die Beweislage ist f\u00fcr Kuttler und Wegenast schwierig, ihre Ermittlungen bringen mehr Verd\u00e4chtigungen als Fakten an den Tag. Der Schl\u00fcssel, so scheint es, liegt bei den Mitgliedern der Clique, die schweigen aber lieber.<\/p>\n<p>In ruhigem Stil erz\u00e4hlt Ulrich Ritzel seine Geschichte von getarnten Verbrechen, die Verbrechen bedingen. Jedoch nicht wie eine Kettenreaktion oder wie die gleichm\u00e4\u00dfigen Wellen, die bei einem Steinwurf ins Wasser entstehen. Ritzels Handlungsstr\u00e4nge sind asynchron, zu jedem Verbrechen bedarf es auch eines Verbrechers, der sich auf eine Tat einl\u00e4sst oder eben nicht. Im Mittelpunkt stehen dabei die vielen kleinen Schweinereien, die miesen Machenschaften, die sich bedingen, miteinander verbunden sind und die ein sehr komplexes Bild entstehen lassen. Leider entgleitet Ritzel dabei allerdings manchmal der Faden. Eingeschobene Wiederholungen, wie zum Beispiel die traurige Geschichte von \u00e2\u20ac\u017eRolli-Rolf&#8220;, hemmen deutlich den Lesefluss und nehmen die Spannung. Auch sein Versuch, alle und alles direkt oder indirekt miteinander zu verbinden, wirkt an manchen Stellen des Romans \u00fcberzogen und arg konstruiert. <\/p>\n<p><strong>Hassliebe eines Autors<\/strong><\/p>\n<p>Hauptproblem bei Ritzel ist jedoch die kriminalistische Grundlage, die auf ziemlich wackeligen F\u00fc\u00dfen steht: Ein zuf\u00e4llig gefundenes Tagebuch, entdeckt in der Wohung einer toten, vereinsamten Frau, die durch das soziale Raster gefallen ist, gibt den Ansto\u00df zur Ermittlung. W\u00fcrde es einem solchen Tagebuch, zudem von ihrem Sohn, nicht ebenso ergehen? Die Geschichte h\u00e4ngt an einem d\u00fcnnen Faden, der im Laufe der Erz\u00e4hlung eher ausfranst, als dass er dicker w\u00fcrde. Bleibt Ritzels Sprache, die sich durch einen ironischen Ton, durch exakte Beobachtungen und durch ein ruhiges Tempo auszeichnet. Wie schon in seinen Vorg\u00e4ngerromanen findet Ritzel f\u00fcr sein Drama eine passende Stimme. Ja, der Autor kann gut und abwechslungsreich erz\u00e4hlen, wie etwa ein grotesk beschriebener Bankraub zeigt. Doch auch hier wieder das Problem: Der \u00dcberfall hat nur wenig mit der eigentlichen Handlung zu tun, ist wunderbar humorvoll erz\u00e4hlt, aber mehr verwirrend und hemmend als antreibend und spannend. Schickes F\u00fcllmaterial eben.<\/p>\n<p>Weniger w\u00e4re hier mehr gewesen. Eine strafferer Plot h\u00e4tte nicht nur der Geschichte gut getan, sondern auch der versteckten Kritik, die Ritzel seinen bislang f\u00fcnf Romanen untermischt. Soziale Vereinsamung, der Umgang mit Au\u00dfenseitern oder die Baus\u00fcnden der Stadt Ulm tauchen auch in \u00e2\u20ac\u017eUferwald&#8220; wieder auf. \u00dcberhaupt pflegt Ritzel eine Hassliebe zu seiner Heimatstadt Ulm und arbeitet sich an ihr ab. F\u00fcr ein oder zwei Romane mag das tragen, auf die Dauer wird\u00e2\u20ac\u2122s langweilig. Da hilft auch der Personalwechsel nicht, denn sein Kommissar Berndorf ist nicht mehr dabei. Der ist im Ruhestand und hat sich nach Berlin abgesetzt. Markus Kuttler und Tamar Wegenast ermitteln an seiner Stelle, in einem sprachlich gut erz\u00e4hlten, mit interessanten Figuren besetzten, letztlich aber konstruierten Fall. Schade.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Ritzel, Ulrich: Uferwald<\/strong>. &#8211; M\u00fcnchen : btb, 2006<br \/>\nISBN-10: 3-442-75144-6<br \/>\nISBN-13: 978-3-442-75144-0<\/p>\n<p><strong>Buch bestellen bei:<\/strong><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3442751446\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3442751446\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3442751446\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Ritzel: Uferwald Verbrechen bedingen Verbrechen, ein bekanntes Muster im Kriminalroman. 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