{"id":437,"date":"2006-03-05T16:13:56","date_gmt":"2006-03-05T15:13:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/437\/joseph-sheridan-le-fanu-schachmatt.html"},"modified":"2006-03-05T16:13:56","modified_gmt":"2006-03-05T15:13:56","slug":"joseph-sheridan-le-fanu-schachmatt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=437","title":{"rendered":"Schurken und Salontiger"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/schachmatt.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Schachmatt\" \/><br \/>\n<strong>Joseph Sheridan Le Fanu: Schachmatt<\/strong><\/p>\n<p>Als Meister des Horrors wird der irische Autor Joseph Sheridan Le Fanu oft bezeichnet. Vor allem seine Erz\u00e4hlungen, wie die Vampirgeschichte \u00e2\u20ac\u017eCarmilla&#8220; oder \u00e2\u20ac\u017eEin Bild des Malers Schalken&#8220;, festigten diesen Ruf. Das Gesamtwerk des 1814 in Dublin geborenen Autors hat aber weit mehr aufzuweisen als klassische Schauergeschichten, die zudem oft weit entfernt sind von den fr\u00fchen Werken der romantischen und \u00fcbersinnlichen Schauerliteratur der \u00e2\u20ac\u017eGothic Novel&#8220;. Im Schaffen Le Fanus finden sich auch historische Romane, angelehnt an die Werke von Sir Walter Scott und vor allem Vorl\u00e4ufer des Kriminalromans. Zusammen mit Wilkie Collins ber\u00fchmten Werken \u00e2\u20ac\u017eDie Frau in Wei\u00df&#8220; und \u00e2\u20ac\u017eDer Monddiamant&#8220; sowie dem unvollendeten Roman \u00e2\u20ac\u017eDas Geheimnis des Edwin Drood&#8220; von Charles Dickens bilden die sp\u00e4ten Werke Le Fanus ein vielschichtiges Panorama ihrer Zeit und sind, trotz aller unheimlichen Begebenheiten, tief verwurzelt in der viktorianischen Wirklichkeit.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Collins und Dickens heute noch gelesen werden, reduziert sich die Wahrnehmung bei Le Fanu vor allem auf seine Schauergeschichten. Auch wenn Henry James einst urteilte, dass die Romane von Le Fanu \u00fcblicherweise auf den Nachttischen in englischen Landh\u00e4usern zu finden seien, war Le Fanu schon zu Lebzeiten, im Gegensatz zu seinen Kollegen, nie popul\u00e4r. Noch d\u00fcsterer sieht es mit der Wahrnehmung in Deutschland aus. Immerhin wurde sein Hauptwerk \u00e2\u20ac\u017eOnkel Silas oder Das verh\u00e4ngnisvolle Erbe&#8220; vermutlich zwischen 1864 und 1867 erstmals ins Deutsche \u00fcbersetzt. Doch \u00fcber die vierzehn Romane, die Le Fanu in seiner wohl produktivsten Zeit zwischen 1854 und 1873, seinem Todesjahr,  ver\u00f6ffentlichte, finden sich kaum Nachweise in deutschen Bibliothekskatalogen. Erst in den 1970er Jahren erlebte der Autor eine kurze Wiederentdeckung. Neben verschiedenen Ausgaben seiner Schauergeschichten und seinem \u00e2\u20ac\u017eOnkel Silas&#8220; findet sich auch eine \u00dcbersetzung seines Romans \u00e2\u20ac\u017eDas Haus beim Kirchhof&#8220;, der im Original 1863 erschien ist. <\/p>\n<p><strong>Verliebter Psychopath<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/joseph_sheridan_le_fanu.jpg\" align=\"right\" hspace=\"5\" alt=\"joseph_sheridan_le_fanu.jpg\" \/>Aus dieser kreativen Phase Le Fanus stammt auch der Roman \u00e2\u20ac\u017eCheckmate&#8220;, der 1871 seine Erstver\u00f6ffentlichung in drei B\u00e4nden erfuhr. Die Achilla Presse hat nun unter dem Titel \u00e2\u20ac\u017eSchachmatt&#8220; eine erste deutsche \u00dcbersetzung von Alexander Pechmann vorgelegt. Eine \u00e2\u20ac\u017eS\u00e4kularisation des Grauens&#8220; nannte der Literaturwissenschaftler Norbert Miller die fr\u00fchen viktorianischen Kriminalromane und Le Fanus \u00e2\u20ac\u017eSchachmatt&#8220; z\u00e4hlt dazu. Der Autor f\u00fchrt seine Leser in \u00fcble Spelunken und Spielh\u00f6llen, in denen auf Billiardspieler gewettet wird und Geldeintreiber englische Gentlemen in den Ruin st\u00fcrzen. Doch Le Fanus Kulisse ist weit gr\u00f6\u00dfer: Edle Salons in London, d\u00fcstere und einsame Landh\u00e4user, kleine Dorfgastst\u00e4tten und finstere Katakomben in Paris bilden die abwechslungsreiche Dekoration, in der Intrigen gesponnen werden, Meuchelm\u00f6rder ihr Unwesen treiben und in der sich ein zur Manie gewordenes Liebesdrama abspielt. <\/p>\n<p>Das Grauen kommt hier, trotz der d\u00fcsteren Kulisse, einzig und allein aus der kranken Psyche der handelnden Personen. \u00dcbersinnliche M\u00e4chte sind nicht am Werk, als sich der h\u00e4\u00dflich aussehende Million\u00e4r Longcluse in die sch\u00f6ne Aristokratin Alice Arden verliebt. Mr. Longcluse ist zun\u00e4chst ein gern gesehener Gast im Hause der Ardens. Richard Arden, der Bruder von Alice, freundet sich mit Mr. Longcluse an und das Familienoberhaupt, Sir Reginald Arden, holt sich bei dem Million\u00e4r Hilfe in finanziellen Angelegenheiten. Denn der Familie droht der Ruin, der durch Richards Spielsucht noch beschleunigt wird. Eine Heirat Alices mit dem verm\u00f6genden Longcluse k\u00f6nnte die Rettung bringen, doch dann taucht ein anderer, ebenfalls wohlhabender und adeliger Freier auf, und Longcluse, dessen Vorgeschichte im Dunkeln liegt, wird fallen gelassen. Die Freundschaft zwischen Richard und Longcluse zerbricht und die Liebe des Million\u00e4rs zu Alice schl\u00e4gt in blanken Hass um. <\/p>\n<p><strong>Ungeschliffen und grob<\/strong><\/p>\n<p>Die Situation spitzt sich zu, als das Familienoberhaupt Reginald Arden stirbt. Die Spielsucht seines Sohnes Richard treibt die Familie immer mehr an den Abgrund, ein Schuldschein folgt dem n\u00e4chsten. Der finstere Longcluse hat dabei seine Finger mit im Spiel: Durch eine raffiniert gestrickte Intrige wird Richard abh\u00e4ngig von seinem verhassten G\u00f6nner und eine Zwangsheirat zwischen dem vor Liebe wahnsinnigen Longcluse und Alice scheint unabwendbar. W\u00e4re da nicht die zwielichtige Vergangenheit von Longcluse, der durch einen ehemaligen Polizisten erpresst wird. Der Million\u00e4r soll ein M\u00f6rder sein, der eine Doppelidentit\u00e4t f\u00fchrt. Die Spuren f\u00fchren nach Paris zu einem deutschen Baron, der in dunklen Katakomben Verbrechern eine neue Identit\u00e4t verleiht. Als sich David Arden, der Onkel von Alice und Richard, an der Seine auf die Suche macht, erlebt er dort eine \u00dcberraschung. <\/p>\n<p>Sowohl sprachlich wie auch inhaltlich wirkt Le Fanus \u00e2\u20ac\u017eSchachmatt&#8220; \u00fcber weite Strecken modern: Die Geschichte ist in kurze Kapitel gegliedert, die Handlung wird vor allem durch intensive Dialoge vorangetrieben, Le Fanu springt sowohl in der Erz\u00e4hlzeit wie auch in der Erz\u00e4hlperspektive. Unvermittelt schreibt er mal im Pr\u00e4senz, mal in der Vergangenheit. Gelegentlich l\u00e4sst Le Fanu einen namenlosen Erz\u00e4hler die Geschichte kommentieren, um dann zu einem inneren Monolog seiner Figuren zu wechseln. Nicht immer gelingt dies dem Autor geschmeidig und elegant, hin und wieder erscheinen die Wechsel wie die ungeschickte Aneinanderreihung grober Versatzst\u00fccke, denen der letzte Schliff fehlt. Angeblich soll Le Fanu seine Romane vor Drucklegung nie Korrektur gelesen haben, was eine Erkl\u00e4rung w\u00e4re. Dennoch h\u00e4lt Le Fanu die Spannung bis zu einem sehr furiosen Ende.<\/p>\n<p><strong>Fang\u00e2\u20ac\u2122 den M\u00f6rder!<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/checkmate.jpg\" align=\"left\" hspace\"5\" alt=\"checkmate.jpg\" \/>Auch einzelne Elemente, wie der ehemalige Polizist, der spiels\u00fcchtige Richard oder der deutsche Baron, ein fr\u00fcher Vorg\u00e4nger unserer heutigen Sch\u00f6nheitschirurgen, verleihen dem Roman Modernit\u00e4t. Entscheidender sind aber die psychologischen Schilderungen, die Le Fanu gekonnt in seinen Roman einbaut. Das Grauen und der Schrecken stammen bei Le Fanu aus der verletzten Seele seiner Psychopaten. Longcluse ist ein Schurke, der durch den Kontrast zu dem selbstgef\u00e4lligen und arroganten Richard eher sympathisch wirkt. In einem gewissen Sinne ist \u00e2\u20ac\u017eSchachmatt&#8220; damit ein Vorl\u00e4ufer eines \u00e2\u20ac\u017eHow-to-catch-them&#8220;. Es geht nicht um die Frage \u00e2\u20ac\u017eWer war\u00e2\u20ac\u2122s&#8220; &#8211; das wird schnell klar &#8211; sondern wie schafft es der Verbrecher davon zu kommen. Hierin liegt das wesentliche Spannungsmoment, das den Roman durchzieht.<\/p>\n<p>Die recht wirklichkeitsnahe Darstellung der versnobten, britischen Aristokratie und ihrer Abh\u00e4ngigkeiten und S\u00fcchte ist erstaunlich. Le Fanu erreicht zwar nicht den Realismus eines Dickens, aber er schreibt lebendig und anschaulich, wodurch allerdings auch h\u00e4ssliche Seiten sichtbar werden. Zu diesen unsch\u00f6nen Seiten geh\u00f6rt die untergeordnete Rolle der Frau und der verbreitete Antisemitismus, die auch in \u00e2\u20ac\u017eSchachmatt&#8220; zu finden ist. Der geldeintreibende Jude mit der Knollennase ist leider ebenso pr\u00e4sent, wie die schwache und d\u00fcmmliche Frauenfigur. Zumindest letzteres wird bei Le Fanu relativiert, da es ein bauernschlaues Dienstm\u00e4dchen ist, die der armen Alice zur Flucht vor dem wahnsinnigen Longcluse verhilft. Insgesamt entwirft Le Fanu ein ungesch\u00f6ntes, zeitnahes Protr\u00e4t, das spannend zu lesen ist und Aufschluss \u00fcber die fr\u00fchen Kriminalromane gibt. Eine lesenswerte Wiederentdeckung!<\/p>\n<blockquote><p><strong><\/strong><strong>Joseph Sheridan Le Fanu: Schachmatt<\/strong> : ein viktorianischer Kriminalroman = Checkmate \/ Aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Alexander Pechmann. &#8211; Butjadingen (u.a.) : Achilla Presse, 2006<br \/>\nISBN: 3-928398-90-3<\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzung basiert auf der ungek\u00fcrzten Neuausgabe:<br \/>\n<strong>Joseph Sheridan Le Fanu: Checkmate<\/strong>. &#8211; Chichester : Sutton Publishing, 1997<br \/>\nDie dreib\u00e4ndige Originalausgabe erschien 1871.<\/p>\n<p>Das Buch kann direkt bei der <a href=\"http:\/\/achilla-presse.de\/\">Achilla-Presse <\/a>bestellt werden.<\/p>\n<p><strong>Weitere Bestellm\u00f6glichkeiten:<\/strong><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3928398903\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3928398903\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3928398903\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Links:<\/strong><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.lang.nagoya-u.ac.jp\/~matsuoka\/Fanu.html\">Umfangreiche Linkliste zu Joseph Sheridan Le Fanu<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.vampire-world.com\/biographien\/einzelnebiographien\/lefanu.htm\">Kurze Biographie bei Vampire-World<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph Sheridan Le Fanu: Schachmatt Als Meister des Horrors wird der irische Autor Joseph Sheridan Le Fanu oft bezeichnet. 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