{"id":449,"date":"2006-03-18T16:16:03","date_gmt":"2006-03-18T15:16:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/449\/david-peace-1977.html"},"modified":"2006-03-18T16:16:03","modified_gmt":"2006-03-18T15:16:03","slug":"david-peace-1977","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=449","title":{"rendered":"Unerh\u00f6rte Gebete"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/1977.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"David Peace 1977\" \/><br \/>\n<strong>David Peace: 1977<\/strong><\/p>\n<p><em>&raquo; Jeder, der damals in Yorkshire aufwuchs, hat seine eigene Yorkshire Ripper Geschichte zu erz\u00e4hlen.&laquo;<\/em> &#8211; David Peace<\/p>\n<p>David Peace ist ein Autor mit hohen Anspr\u00fcchen. &raquo; <em>White Jazz<\/em> von James Ellroy ist vielleicht der beste Kriminalroman, der geschrieben wurde. Vielleicht. Es war das Buch, das ich immer schlagen wollte.&laquo; sagt Peace im <a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/447\/podcast-interview-mit-david-peace.html\">Interview<\/a>. Sein \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartet&#8220;, dessen realer Hintergrund die Jahre des Yorkshire Rippers sind, der zwischen 1975 und 1980 mindestens 13 Frauen ermordete, stellt sich diesen Anspr\u00fcchen und erf\u00fcllt sie auf eigene Art und Weise. Ob Peace Ellroy \u00e2\u20ac\u017egeschlagen&#8220; hat, soll dahin gestellt bleiben. Offensichtlich aber ist der Einfluss von Ellroy auf die Stakkato-Prosa des David Peace. Wechsel der Erz\u00e4hlperspektiven, ein rhythmischer und verk\u00fcrzter Erz\u00e4hlstil, die das Grauen, die Brutalit\u00e4t und die Hysterie greifbar machen, finden sich sowohl in \u00e2\u20ac\u017eWhite Jazz&#8220; und Ellroys \u00e2\u20ac\u017eL.A. Quartet&#8220; wie auch im \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartet&#8220;, dessen zweiter Band \u00e2\u20ac\u017e1977&#8243; k\u00fcrzlich in deutscher \u00dcbersetzung erschienen ist. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Schon im ersten Band des \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartets&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/154\/literarischer-exorzismus-mit-hohem-ekelfaktor.html\">\u00e2\u20ac\u017e1974&#8243;<\/a>, treibt David Peace seine Handlung durch einen stakkatoartigen Stil voran, der Nachfolgeband \u00e2\u20ac\u017e1977&#8243; ist noch komprimierter, dichter und in seinen erz\u00e4hlerischen Mitteln radikaler. Mit den g\u00e4ngigen Werkzeugen der Kriminalliteratur hat dies nichts zu tun. Wo viele Autoren vor allem auf den Fortgang der Handlung setzen, zum Beispiel durch Aktion, durch Ortswechsel oder durch Cliffhanger, die das n\u00e4chste Ereignis im Roman r\u00e4tselhaft andeuten, sie also vor allem \u00e2\u20ac\u017eplot driven&#8220; schreiben, reduziert David Peace seine Geschichten weitgehend auf ausgefeilte Innenansichten seiner Figuren, allerdings ohne zu psychologisieren. So auch in \u00e2\u20ac\u017e1977&#8243;. Der Roman wird aus zwei subjektiven Perspektiven erz\u00e4hlt, ebenfalls eine Reminiszenz an Ellroy.<\/p>\n<p><strong>Passionsspiel mit umgekehrten Vorzeichen<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/david_peace_portrait.jpg\" align=\"right\" hspace=\"5\" alt=\"David Peace copyright protected\" \/> Zum einen ist da der Polizist Robert Fraser, der zur der Sonderkommission abgestellt wurde, welche die Morde an den Prostituierten in Yorkshire aufkl\u00e4ren soll. Zum anderen der Journalist Jack Whitehead, der als Gerichtsreporter der \u00e2\u20ac\u017eEvening Post&#8220; die Ermittlungen der Polizei verfolgt. Beide M\u00e4nner sind Getriebene und Gefangene ihrer Obsessionen. Beide haben oder hatten ein Verh\u00e4ltnis zu Prostituierten, beide sind moderne Satyren, verstrickt in einem Geflecht aus Macht und Missbrauch, Lust und Leiden, beide sind Opfer und T\u00e4ter zugleich. Beide wollen den Yorkshire Ripper stellen, hoffen dadurch auf Erl\u00f6sung, scheitern aber letztlich an ihrem gespaltenen, schizophrenen Leben, in dem die Grenzen zwischen Gut und B\u00f6se nicht mehr existieren. Die Jagd nach dem Ripper beginnt als Heilssuche und entpuppt sich als ihre pers\u00f6nliche Nemesis.<\/p>\n<p>David Peace hat mit Leidenschaft und Wut im Bauch ein Passionsspiel mit umgekehrten Vorzeichen geschrieben. Gott ist abwesend, der Ripper, als alles beherrschender Satan, l\u00e4sst seine H\u00e4scher &#8211; Polizisten, Journalisten oder ganz &#8222;normale&#8220; B\u00fcrger &#8211; durch ihre eigenen S\u00fcnden in den H\u00f6llenschlund st\u00fcrzen. Schilderungen von brutalen Vergewaltigungen erscheinen wie Opferrituale f\u00fcr den Teufel, die gewaltt\u00e4tige Erniedrigung und Folter von Verd\u00e4chtigen durch Polizisten schildert Peace wie ein mittelalterliches Inquisitionsgericht. Es ist die H\u00f6lle auf Erden, aus der es f\u00fcr keinen der Beteiligten ein Entkommen gibt. <em>&raquo; Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, sie werden begehren zu sterben, und der Tod wird von ihnen fliehen. &laquo;<\/em> Dieses <a href=\"http:\/\/www.bibel-online.net\/buch\/66.offenbarung\/9.html\">Bibelzitat<\/a> liest Jack Whitehead und er wei\u00df, dass auch ihm der Tod keine Erl\u00f6sung bringen wird. <\/p>\n<p><strong>Rotk\u00e4ppchen im roten Bezirk<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/david_peace_lesung.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"David Peace lies aus 1977, copyright protected\" \/>Durch eine brillant eingesetzte Montagetechnik erreicht David Peace dabei eine beeindruckende Dichte und Mehrdeutigkeit: Bibelzitate stehen neben beschriebener Pornographie, die subjektive Erz\u00e4hlung der beiden Hauptcharaktere wird rhythmisch durch Ausschnitte aus einer Call-in-Radiosendung zynisch kommentiert, Fraser und Whitehead sto\u00dfen unerh\u00f6rte Gebete zum Himmel. In diesem gro\u00df angelegten Passisonspiel werden aus Klageliedern blutige Hasslieder, die ein abschreckendes Portr\u00e4t der englischen Gesellschaft besingen. Im Hintergrund sind zudem die Fanfaren zum 25-j\u00e4hrigen Thronjubil\u00e4um der englischen K\u00f6nigin zu h\u00f6ren, die die brutalen Ereignisse in Yorkshire verh\u00f6hnen. <\/p>\n<p>Wuchtige und wutige Literatur also, die sich in kein Korsett zw\u00e4ngen l\u00e4sst, egal ob es nun \u00e2\u20ac\u017eKriminalliteratur&#8220; oder \u00e2\u20ac\u017eBrit Noir&#8220; hei\u00dft. Das \u00e2\u20ac\u017eRed Riding Quartet&#8220; ist so mehrdeutig wie sein Titel. Der hat verschiedene Bedeutungen: Riding, so hie\u00dfen vor 1974 die Bezirke in Yorkshire, der \u00e2\u20ac\u017eRed Riding&#8220; ist eine Anspielung auf den \u00e2\u20ac\u017eroten Bezirk&#8220;, in dem schon seit Jahrzehnten die Labour Party das Sagen hatte, in dem sich aber auch das Blut der Opfer wiederfindet.  Die dritte Anspielung hat ihren Ursprung in der M\u00e4rchenwelt: \u00e2\u20ac\u017eLittle Red Riding Hood&#8220; ist das Rotk\u00e4ppchen, dem der b\u00f6se Wolf auflauert. Schon in \u00e2\u20ac\u017e1974&#8243; gibt es Morde an Kindern, \u00e2\u20ac\u017e1983&#8243; werden weitere folgen. Allein: Ein M\u00e4rchenerz\u00e4hler ist David Peace nicht. Seine Geschichten sind verwurzelt in der Realit\u00e4t der Ripper-Jahre und reflektieren auf kunstvolle und einzigartige Weise das, was damals geschehen ist. Mit allen bitteren Konsequenzen. Gro\u00dfartig.<\/p>\n<blockquote><p><strong>David Peace: 1977<\/strong> \/ Aus dem Englischen von Peter Torberg. &#8211; M\u00fcnchen : Liebeskind, 2006<br \/>\nISBN-10: 3-935890-36-2<br \/>\nISNB-13: 978-935890-36-6<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>David Peace: Nineteen Seventy Seven<\/strong>. &#8211; London : Serpent\u00e2\u20ac\u2122s Tail, 2000<\/p>\n<p><strong>Buch bestellen bei:<\/strong><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3935890362\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3935890362\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3935890362\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Links<\/strong><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.crimetime.co.uk\/features\/davidpeace.php\">David Peace \u00fcber sein \u00e2\u20ac\u0153Red Riding Quartet\u00e2\u20ac\u009d in der Crime Time<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.execulink.com\/~kbrannen\/\">Informationen zum Yorkshire Ripper<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Peace: 1977 &raquo; Jeder, der damals in Yorkshire aufwuchs, hat seine eigene Yorkshire Ripper Geschichte zu erz\u00e4hlen.&laquo; &#8211; David Peace David Peace ist ein Autor mit hohen Anspr\u00fcchen. &raquo; White Jazz von James Ellroy ist vielleicht der beste Kriminalroman, der geschrieben wurde. 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