{"id":459,"date":"2006-03-30T18:44:44","date_gmt":"2006-03-30T16:44:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/459\/gaetano-savatteri-in-der-sache-maddalena-pancamo.html"},"modified":"2006-03-30T18:44:44","modified_gmt":"2006-03-30T16:44:44","slug":"gaetano-savatteri-in-der-sache-maddalena-pancamo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=459","title":{"rendered":"Die Wunden der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/in_der_sache_maddalena_pancamo.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"in_der_sache_maddalena_pancamo.jpg\" \/><br \/>\n<strong>Gaetano Savatteri: In der Sache Maddalena Pancamo<\/strong><\/p>\n<p>Das Manko vieler historischer Kriminalromane ist, dass sie die Vergangenheit, die Geschichte, nicht ernst nehmen. Oftmals erscheint die historische Kulisse eben nur als das: Kulisse, Pappmache, m\u00f6glichst schillernd ausgemalt. Zus\u00e4tzlich auftretende Anachronismen &#8211; etwa bei bestimmten Ermittlungsmethoden &#8211; bef\u00f6rdern solche Romane in den Bereich der Phantastik. Wie es anders geht, zeigt der italienische Autor Gaetano Savatteri, dessen Roman \u00e2\u20ac\u017eIn der Sache Maddalena Pancamo&#8220; auf fabelhafte Weise Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen l\u00e4sst und der dabei ein interessantes Bild sizilianischer Geschichte entwirft. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der junge Bibliothekar Leonardo Lo Nardo glaubt an Zuf\u00e4lle. So ist es wohl ein Wink des Schicksals, als ihn ein zuf\u00e4llig gefundener Artikel \u00fcber den r\u00e4tselhaften Tod der jungen Maddalena Pancamo nicht mehr los l\u00e4sst. Die Frau st\u00fcrzte im September 1985 w\u00e4hrend der \u00dcberfahrt von Palermo nach Neapel \u00fcber Bord und ertrank. Ihre Leiche wurde erst Monate sp\u00e4ter gefunden. Unfall oder Mord? Der damals zust\u00e4ndige Richter Fanara legte den Fall als Unfall zu den Akten. Kurze Zeit sp\u00e4ter schied er aus dem Richteramt aus. Leonardo sucht ihn auf, um mehr \u00fcber die Sache Maddalena Pancamo in Erfahrung zu bringen. <\/p>\n<p>Der Richter wird nicht der Letzte sein, den der junge Bibliothekar zu dem Fall befragt. Besessen macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit und riskiert dabei die Ehe mit seiner Frau, die eifers\u00fcchtig sein Treiben beobachtet. Nach und nach kommt er den Todesumst\u00e4nden der jungen Frau auf die Spur und unternimmt dabei eine Reise in die sizilianische Vergangenheit. Eine uralte Fehde zwischen den einflussreichen sizilianischen Familien Pancamo, deren letzte Nachfahrin Maddalena war, und den Pintacorona ist der Schl\u00fcssel. Um ihn zu finden, hilft ihm wie selbstverst\u00e4ndlich der Zufall und er trifft unter anderem auf einen verschrobenen Historiker, einen ver\u00e4ngstigten Journalisten und auf die letzten Mitglieder der zerstrittenen Familien. Als er endlich die Wahrheit wei\u00df, will er sie nur noch vergessen. So erf\u00e4hrt er auch nicht, dass die Zuf\u00e4lle, die ihn St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck dem Geheimnis n\u00e4her brachten, gar keine waren. <\/p>\n<p><strong>Kleine Mosaikst\u00fccke<\/strong><\/p>\n<p>Der 1964 in Mailand geborene Gaetano Savatteri hat sich intensiv mit der Geschichte Siziliens besch\u00e4ftigt. In seinem Roman verarbeitet er dieses Wissen auf geschickte Weise: Alternierend pr\u00e4sentiert er Dokumente wie etwa Zeitungsartikel, historische Dokumente von Zeitzeugen oder R\u00fcckblenden, um dann wieder in die Gegenwart zu Leonardo und seiner Suche zu springen. Trotz dieser Spr\u00fcnge wirkt der Roman niemals abgehackt, vielmehr ist es Savatteris leichter und humorvoller Erz\u00e4hlstil, der einen geschmeidigen Takt vorgibt und durch den Vergangenheit und Gegenwart exzellent miteinander verwoben werden.  Die Bruchst\u00fccke, die Savatteri zusammenf\u00fcgt, kommen dabei aus unterschiedlichen Bereichen: Literatur, Gesellschaft und Politik. <\/p>\n<p>Wie eng Savatteri Fiktion und Wirklichkeit verbindet, deutet bereits der italienische Originaltitel \u00e2\u20ac\u017eLa ferita di Vishinskij&#8220;, zu Deutsch \u00e2\u20ac\u017eWyschinskis Wunde&#8220;, an. Stalins rechte Hand, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrej_Januarjewitsch_Wyschinski\">Andrej J. Wyschinski<\/a>, hat in der Tat 1943 einen sizilianischen Kommunisten besucht. Savatteri erfindet im Roman dann einen Schusswechsel, bei dem Wyschnski angeblich verletzt wurde. Niemand hat diese Wunde gesehen und dennoch h\u00e4ngt von ihr auch die Aufkl\u00e4rung von Maddalenas Tod ab. \u00c4hnlich verf\u00e4hrt der Autor mit anderen, historischen Ereignissen, bei denen die Grenze zwischen Fiktion und Realit\u00e4t durchl\u00e4ssig und l\u00f6chrig wird. Die sizilianische Mafia spielt selbstverst\u00e4ndlich auch eine Rolle, ohne aber zu dominieren. Die Nacherz\u00e4hlung oder das Ausschm\u00fcckung von historischen Fakten oder gar Klischees steht nicht im Vordergrund. Es geht dem Autor nicht nur um eine historische Kulisse, Savatteri zeigt auch eindringlich, wie Geschichte fort wirkt, wie sehr die Gegenwart in der Vergangenheit verankert ist und welche Folgen dies f\u00fcr die lebendig gezeichneten Figuren hat. Das ist geistreich und faszinierend geschrieben, mit kleinen Andeutungen und Mosaikst\u00fcckchen, die erst zusammen ein vielschichtiges Bild Siziliens ergeben. Ein kluger und raffinierter Kriminalroman.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Gaetano Savatteri: In der Sache Maddalena Pancamo<\/strong> \/ Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. &#8211; Stuttgart : Klett-Cotta, 2006<br \/>\nISBN-10: 3-608-93738-2<br \/>\nISBN-13: 978-3-608-93738-1<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Gaetano Savatteri: La ferita di Vishinskij<\/strong>. &#8211; Palermo : Sellerio, 2003<\/p>\n<p><strong>Buch bestellen bei:<\/strong><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3608937382\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3608937382\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3608937382\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Link:<\/strong><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.vigata.org\/savatteri\/\">Ein Portr\u00e4t \u00fcber Gaetano Savatteri bei &#8222;Camilleri Fans Club&#8220; (ital.)<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gaetano Savatteri: In der Sache Maddalena Pancamo Das Manko vieler historischer Kriminalromane ist, dass sie die Vergangenheit, die Geschichte, nicht ernst nehmen. 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