{"id":466,"date":"2006-04-14T18:46:53","date_gmt":"2006-04-14T16:46:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/466\/oliver-bottini-im-sommer-der-moerder.html"},"modified":"2006-04-14T18:46:53","modified_gmt":"2006-04-14T16:46:53","slug":"oliver-bottini-im-sommer-der-moerder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=466","title":{"rendered":"Jenseits der Banalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/im_sommer_der_moerder.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Im Sommer der M\u00f6rder\" \/><br \/>\n<strong>Oliver Bottini: Im Sommer der M\u00f6rder<\/strong><\/p>\n<p>Wenn in Kriminalromanen Geheimdienste und nationale Polizeiorgane wie CIA, BND oder BKA am Werke sind, dann geht es oft um das ganz Gro\u00dfe, Weltverschw\u00f6rung und Weltrettung. Die Autoren &#8211; in der Tat meistens M\u00e4nner &#8211; phantasieren dann oft ein beeindruckende Kulisse zusammen, gro\u00dfe Gesten, gro\u00dfe Technik und oft auch gro\u00dfes Geballer. Es kracht, donnert und poltert und entsprechend laut werden wir am Ende alle wieder einmal gerettet. Bei dem in M\u00fcnchen lebenden Autor Oliver Bottini h\u00f6rt sich dies alles anders und differenzierter an. In seinem zweiten Kriminalroman \u00e2\u20ac\u017eIm Sommer der M\u00f6rder&#8220; haben zwar auch BKA, BND und vielleicht auch der CIA ihre Finger im Spiel, aber Bottini ist ein Autor der leisen, aber deutlichen Zwischent\u00f6ne. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Schon in der Er\u00f6ffnungsszene zeigt Bottini, dass er es versteht, mit kurzen S\u00e4tzen, Halbs\u00e4tzen und Dialogen den Leser gefangen zu nehmen und eine enorme Spannung aufzubauen. Im kleinen Ort Kirchzarten, in der N\u00e4he von Freiburg, steht an einem Sommermorgen ein Schuppen in Brand. Die Feuerwehr r\u00fcckt an, um das Feuer zu l\u00f6schen. Ein harmloser Einsatz, Menschen und Tiere waren nicht in dem Schuppen, der Brand scheint gel\u00f6scht. Doch dann kommt der Besitzer des Schuppens, Hannes Riedinger, zum Brandort und sagt lapidar: \u00e2\u20ac\u017eSah aus, als h\u00e4tte einer die Pforte zur H\u00f6lle ge\u00f6ffnet.&#8220; Minuten sp\u00e4ter bricht der Boden des Schuppens zusammen und heftige Explosionen ersch\u00fcttern den Ort. Ein Feuerwehrmann stirbt im Flammenmeer. Eine grandiose Er\u00f6ffnungsszene, die wie in Zeitlupe abl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Der Keller unter dem abgebrannten Schuppen diente als illegales Lager f\u00fcr Waffen. F\u00fcr wen waren sie bestimmt? Die Freiburger Polizei soll die Frage kl\u00e4ren und Hauptkommissarin Louise Bon&igrave; darf bei den Ermittlungen \u00e2\u20ac\u017eassistieren&#8220;. Sie ist, wie aus dem ersten Fall bekannt, Alkoholikerin. Vier Monate hat sie gerade in einem Zen-Kloster mit einer Entziehungskur verbracht. Sie ist \u00e2\u20ac\u017etrocken&#8220;, doch die D\u00e4monen stehen immer noch in ihrer Wohnung: Wodka und Bourbon. Aber Louise ist eine K\u00e4mpferin, privat und dienstlich. Sie versucht einen R\u00fcckfall zu verhindern, was angesichts der Ermittlungen \u00fcber das illegale Waffenlager nicht immer einfach ist. Bei ihren Kollegen ist sie gebrandmarkt, die trockene Alkoholikerin, die auf\u00e2\u20ac\u2122s Abstellgleis geh\u00f6rt, die \u00e2\u20ac\u017eassistieren&#8220; darf. Doch Louise gibt sich damit nicht zufrieden.<\/p>\n<p>Die ersten Spuren f\u00fchren in Richtung des ehemaligen Jugoslawien. Die Waffen, so h\u00f6rt man, k\u00f6nnten f\u00fcr den Balkan bestimmt gewesen sein. Das BKA streut das Ger\u00fccht, deutsche und kroatische Faschisten k\u00f6nnten sich f\u00fcr einen neuen Krieg r\u00fcsten. Louise, die so gut wie nichts \u00fcber die Kriege im ehemaligen Jugoslawien wei\u00df, macht sich schlau. Dann wird der Besitzer des Schuppen ermordet und Louise entdeckt eine Spur, die zu pakistanischen Islamisten f\u00fchrt und die mit Hilfe aus Deutschland ein Attentat auf den pakistanischen Herrscher Pervez Musharraf planen. <\/p>\n<p><strong>Viele Fragen &#8211; viele Antworten<\/strong><\/p>\n<p>In kleinen Schritten f\u00fchrt Bottini seine Leser an die ungel\u00f6sten Konflikte auf dem Balkan und in Pakistan heran. Seine Louise, aus deren Perspektive der Roman fast ausschlie\u00dflich erz\u00e4hlt wird, stellt Fragen. Worum ging es eigentlich bei den Kriegen auf dem Balkan? Welches Ansehen hat Musharraf in seinem Land und welche Rolle spielt er im sogenannten \u00e2\u20ac\u017eAnti-Terror-Krieg&#8220; der Amerikaner? Fragen, die sie von unterschiedlichen Menschen im Laufe des Romans unterschiedlich beantwortet bekommt. Ein hoch politischer Kriminalroman also, der &#8211; und das ist erstaunlich &#8211; haupts\u00e4chlich in und um Freiburg spielt. <\/p>\n<p>Bottinis zentrale Figur Louise wirkt wie ein Brennglas, in der sich die gro\u00dfen und die kleinen, die privaten und die politischen Konflikte brechen und unterschiedliche Perspektiven zwar sichtbar, aber nicht immer begreifbar werden. Die L\u00fcgen der \u00fcblichen Verschw\u00f6rungs- und Geheimdienstschmonzetten, mit ihren klaren Grenzen, ihren klaren Fragen und ihren klaren Antworten, sind Bottinis Sache nicht. So wie seine Louise am Ende verunsichert und verletzt zur\u00fcckbleibt, nach einem eindringlichen Schluss, der stilistisch der Er\u00f6ffnungsszene in nichts nach steht, so blickt man auch als Leser verunsichert und fragend auf die Lekt\u00fcre zur\u00fcck. Keine platten Botschaften, kein alles-wird-gut-Geschwafel, daf\u00fcr Weitsicht und Mut, mit dem sich Louise den gro\u00dfen und kleinen Problemen stellt. <\/p>\n<p>Das dies deutsche Kriminalliteratur immer noch kann, dazu in einer wunderbaren, eindringlichen Sprache, die mit knappen S\u00e4tzen, geschliffenen Dialogen und exakt gearbeiteten Wiederholungen arbeitet, ist bemerkenswert. Ein Roman, der ohne gro\u00dfe Knalleffekte herausfordert und auf die Gegenwart reagiert, dessen vielstimmige Zwischent\u00f6ne nachdenklich stimmen, und der die Banalit\u00e4t vieler deutscher und internationaler Kriminalromane weit, weit hinter sich l\u00e4sst. Ein Roman, der das gro\u00dfe Weltgeschehen in spannender Weise auf die Menschen herunter bricht und etwas in Erinnerung ruft, das bei den sonst \u00fcblichen Krimigemetzel oft auf der Strecke bleibt: Humanit\u00e4t. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Oliver Bottini: Im Sommer der M\u00f6rder<\/strong> : Kriminalroman. &#8211; Frankfurt am Main : Scherz, 2006<br \/>\nISBN-13: 978-3-502-11000-2<br \/>\nISBN-10: 3-502-11000-X<\/p>\n<p><strong>Buch bestellen bei:<\/strong><br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/350211000X\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=350211000X\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=350211000X\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n<p>&rarr; <a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/70\/jagermeistergedanken.html\">Oliver Bottini: Mord im Zeichen des Zen &#8211; Besprechung des ersten Romans<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/127\/criminale-in-farbe-folge-5-ich-liebe-dich-ich-tote-dich.html\">Oliver Bottini auf der Criminale 2005 in Arnsberg<\/a><br \/>\n&rarr; <a href=\"http:\/\/www.bottini.de\/\">Homepage von Oliver Bottini<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oliver Bottini: Im Sommer der M\u00f6rder Wenn in Kriminalromanen Geheimdienste und nationale Polizeiorgane wie CIA, BND oder BKA am Werke sind, dann geht es oft um das ganz Gro\u00dfe, Weltverschw\u00f6rung und Weltrettung. 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