{"id":490,"date":"2006-06-05T20:32:35","date_gmt":"2006-06-05T18:32:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/490\/christian-jungersen-ausnahme.html"},"modified":"2006-06-05T20:32:35","modified_gmt":"2006-06-05T18:32:35","slug":"christian-jungersen-ausnahme","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=490","title":{"rendered":"Breitgetretenes Erbauungstraktat"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/ausnahme.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Ausnahme\" \/><br \/>\n<strong>Christian Jungersen: Ausnahme<\/strong><\/p>\n<p>Von Spannungsliteratur erwartet man gemeinhin, dass sie spannend ist, sonst w\u00e4re sie ja keine Spannungsliteratur. Eine Binsenweisheit. Manche Leser geben sich dann auch damit zufrieden &#8211; war Spannungsliteratur spannend dann war es gute Spannungsliteratur. Aspekte wie Sprache, Dramaturgie und Figurenzeichnung geraten schnell aus dem Blickwinkel. Noch problematischer wird es, wenn Spannungsliteratur Botschaften &#8211; etwa zur Moral &#8211; vermitteln will. Hier bewegen sich beide, Autor und Leser, schnell auf sehr br\u00fcchigem Eis. Ein Beispiel daf\u00fcr ist der aktuelle Roman des d\u00e4nischen Autors Christian Jungersen. Sein Buch \u00e2\u20ac\u017eAusnahme&#8220; ist ein spannender Roman, bei dem das Etikett Krimi nicht so recht passen will. Daf\u00fcr arbeitet Jungersen mit zahlreichen Versatzst\u00fccken, die er aus der Kriminalliteratur entliehen hat. Die alte, klassische Frage \u00e2\u20ac\u017eWer war es?&#8220; taucht bei ihm ebenso auf wie psychologische Portr\u00e4ts oder der Zwiespalt, ob es sich bei bestimmten Vorf\u00e4llen um Unf\u00e4lle oder Mordanschl\u00e4ge handelt. Letztlich aber geht es ihm vor allem um eine gro\u00dfe moralische Frage: Unterliegen wir in unserem Handeln einem &#8211; wie auch immer gearteten &#8211; Determinismus oder handeln wir, ob gut, ob schlecht, aus freiem Willen? <\/p>\n<p><!--more--> <\/p>\n<p>F\u00fcr solche gro\u00dfen philosophischen Fragen muss nat\u00fcrlich ein entsprechender Hintergrund her. Den liefert das D\u00e4nische Zentrum f\u00fcr Information \u00fcber V\u00f6lkermord (DZIV) in Kopenhagen. An diesem fiktiven Ort, an dem das Grauen \u00fcber Massenmorde, V\u00f6lkervertreibung und Rassenwahn dokumentiert und wissenschaftlich aufgearbeitet wird, arbeiten vier Frauen, die sich gegenseitig, wie es so sch\u00f6n im Klappentext hei\u00dft, \u00e2\u20ac\u017edas Leben zur H\u00f6lle&#8220; machen. Iben, Malene, Camilla und Anne-Lise sind Kolleginnen, die sich t\u00e4glich mit dem Schrecken von Genoziden besch\u00e4ftigen. Das theoretische Wissen \u00fcber die Psychologie des B\u00f6sen ist also vorhanden, jetzt &#8211; k\u00f6nnte man zynisch sagen &#8211; gilt es, dies in die Praxis umzusetzen. Mobbing lautet das Stichwort und Jungersen zeigt geradezu exemplarisch auf, wie das funktioniert. Ausgrenzung, Ger\u00fcchte, die Nichtweitergabe von wichtigen Informationen an Kolleginnen, Kumpanei, Gruppenbildung, Feindbilder bis hin zu Nachstellungen, Schn\u00fcffeln in fremden Schubladen und Computern und sogar Hauseinbr\u00fcchen &#8211; die vier Damen schrecken im Laufe der Geschichte vor nichts zur\u00fcck. <\/p>\n<p>Die Ausgangskonstellation ist dabei ebenso klassisch: Iben und Malene, die als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen schon l\u00e4nger am DZIV arbeiten, sind auch privat befreundet. Camilla, die Sekret\u00e4rin, gilt als stille Mitl\u00e4uferin und Anne-Lise, die erst seit kurzer Zeit als Bibliothekarin am DZIV angestellt ist, wird zum Opfer der mobbenden Kolleginnen. Sie f\u00fchlt sich ausgegrenzt. Was als Unstimmigkeit unter Kolleginnen beginnt, entwickelt sich zu einer grausamen Tortur f\u00fcr alle vier Frauen. Iben und Malene erhalten Droh-E-Mails, die ihre Ermordung ank\u00fcndigen. Der Absender l\u00e4sst sich zun\u00e4chst nicht zur\u00fcck verfolgen und so steht die Frage im Raum, wer diese E-Mails geschickt hat? Ein gesuchter Kriegsverbrecher, \u00fcber den die Mitarbeiterinnen des DZIV geschrieben haben, oder war es doch eine von den Kolleginnen? <\/p>\n<p><strong>Wissenschaft statt Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage bleibt zun\u00e4chst ungekl\u00e4rt und Jungersen beschreibt seine Figuren im Wechsel, so dass nach und nach ihre jeweiligen biografischen Hintergr\u00fcnde offenbar werden: Iben, die nach einer Geiselnahme in Kenia an einem Trauma leidet. Ihre Freundin Malene, die an Rheuma erkrankt ist und Probleme mit ihren M\u00e4nnerbeziehungen hat. Anne-Lise, die unter dem Druck ihrer mobbenden Kolleginnen immer mehr zerbricht und schlie\u00dflich Camilla, die aus bescheidenen Verh\u00e4ltnissen kommt und ein Geheimnis hat, das sie eigentlich f\u00fcr die Arbeit am DZIV disqualifiziert. Nach und nach spitzt sich die Situation im B\u00fcro zu: Auf Anne-Lise wird ein Anschlag mit Blut ver\u00fcbt, Malene bekommt einen schweren Rheuma-Schub, nachdem ihre Tabletten gegen Placebos vertauscht wurden. Iben schlie\u00dflich wird Zeugin eines t\u00f6dlichen Unfalls, bei dem nicht klar ist, ob es sich wirklich um einen Unfall handelt oder ob es doch ein Anschlag war und ob er vielleicht ihr gegolten hat. Bis zu diesem Punkt bleibt der Roman vor allem Eines: eine trockene, psychologische Studie \u00fcber Mobbing. <\/p>\n<p>Jungersen baut zwar eine spannende Handlung mit spannenden Nebenstr\u00e4ngen auf, aber seine Sprache ist so trocken wie der Aktenstaub im DZIV. Seine Distanz zu den Figuren ist so gro\u00df, dass sie alle wie Versuchspersonen in einem psychologischen Experiment erscheinen &#8211; \u00e4hnlich denen, die im Roman immer wieder erw\u00e4hnt werden. Das ist n\u00fcchterne Wissenschaft &#8211; keine lebendige Literatur. Stilistisch wird es noch schlimmer durch die Zeitwahl. Den gr\u00f6\u00dften Teil seines Romans erz\u00e4hlt Jungersen im Pr\u00e4sens, selbst Ibens R\u00fcckblenden werden in der Gegenwartsform erz\u00e4hlt, doch dann gibt es R\u00fcckblenden, bei denen er aus unverst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden ins Pr\u00e4teritum wechselt. Kurz: Der Roman ist sprachlich eine Katastrophe. Warum f\u00e4llt so etwas eigentlich keinem Lektor auf? <\/p>\n<p>Aberwitzig wird der Roman an seinem Ende. Nach vielen Seiten psychologischer Beschreibung nimmt das Buch eine kriminalistische Wendung, die unglaubw\u00fcrdig und aufgest\u00fclpt erscheint. Einer der gesuchten Kriegsverbrecher taucht in Kopenhagen auf und nimmt mehrere Geiseln. Was folgt ist eine haneb\u00fcchende Entf\u00fchrung, die dem Leser nicht nur jeden Glauben an die d\u00e4nische Polizei raubt, sondern auch noch in einem gro\u00dfen Show-down endet, bei dem Jungersen endlich seine gro\u00dfe moralische Botschaft unters Volk jubeln kann. Es gibt das Gute und wir m\u00fcssen uns nur daf\u00fcr entscheiden und entsprechend handeln. Die B\u00f6sen siegen trotzdem. Daran kann man ja gerne glauben, man kann das auch gerne vertreten &#8211; aber braucht es daf\u00fcr ein auf 660 Seiten breitgetretenes Erbauungstraktat in einer schauderhaften Sprache? Und wo wir gerade bei der Moral sind: Rechtfertigt gefesseltes Lesen jede noch so k\u00fcnstliche Figur, zielloses Springen in der Zeitform oder \u00fcbergest\u00fclpte Krimiversatzst\u00fccke? Muss man sich als Freund von spannender Literatur &#8211; und \u00e2\u20ac\u017eAusnahme&#8220; ist spannend &#8211; eigentlich jeden dramaturgischen Unsinn gefallen lassen? <\/p>\n<blockquote><p><strong>Christian Jungersen: Ausnahme<\/strong> \/ Aus dem D\u00e4nischen von Ulrich Sonnenberg. &#8211; M\u00fcnchen : Piper Nordiska, 2006<br \/>\nISBN-13: 978-3-492-04771-5<br \/>\nISBN-10: 3-492-04771-8<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Christian Jungersen: Undtagelsen<\/strong>. &#8211; Kopenhagen : Gyldendal, 2004<\/p>\n<p><strong>Buch bestellen bei:<\/strong><br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3492047718\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3492047718\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3492047718\">\u00bb buch24.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Jungersen: Ausnahme Von Spannungsliteratur erwartet man gemeinhin, dass sie spannend ist, sonst w\u00e4re sie ja keine Spannungsliteratur. 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