{"id":522,"date":"2006-08-16T22:35:06","date_gmt":"2006-08-16T20:35:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/522\/platzpatrone-folge-5-nicht-gefuhlsecht.html"},"modified":"2006-08-16T22:35:06","modified_gmt":"2006-08-16T20:35:06","slug":"elizabeth-george-wo-kein-zeuge-ist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=522","title":{"rendered":"Platzpatrone &#8211; Folge 5: Nicht gef\u00fchlsecht"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/wo_kein_zeuge_ist.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Wo kein Zeuge ist\" \/><br \/>\n<strong>Elizabeth George: Wo kein Zeuge ist<\/strong><br \/>\n<em>Diese Besprechung enth\u00e4lt Spoiler<\/em><\/p>\n<p>Haben Sie in den letzten Wochen auch so gelitten? Wenn Sie zu den Tausenden von Lesern und vor allem Leserinnen von Elizabeth George 13. Roman \u00e2\u20ac\u017eWo kein Zeuge ist&#8220; geh\u00f6ren, sind zerkn\u00fcllte und feuchte Taschent\u00fccher kein Wunder. Was hat sich Mrs. George nur dabei gedacht, ihren Inspektor Lynley mit der \u00e2\u20ac\u017egr\u00f6\u00dften pers\u00f6nlichen Trag\u00f6die seines Lebens&#8220; (Klappentext) zu konfrontieren? Diese Frage bewegt die lesende Nation, wie in verschiedenen Foren nachzulesen ist. Gelitten habe ich auch, allerdings aus anderen Gr\u00fcnden.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Vor lauter Trag\u00f6die verliert man als Leser n\u00e4mlich ganz schnell den eigentlichen Kern des Romans aus den Augen. Ein Serienm\u00f6rder t\u00f6tet minderj\u00e4hrige Jungen. Das Muster &#8211; Serienm\u00f6rder gehen ja bekanntlich immer nach einem Muster vor &#8211; entdeckt die Londoner Met allerdings reichlich sp\u00e4t, erst beim vierten Opfer. Die Jungen hatten alle eine dunkle Hautfarbe. Wenn die Londoner Polizei so etwas verschl\u00e4ft, kann das politische Folgen haben, schlie\u00dflich bescheinigte 1999 der <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Macpherson_report\">MacPherson-Report<\/a> den Londoner Gesetzesh\u00fctern \u00e2\u20ac\u017einstitutionellen Rassismus&#8220;. Dieser Report wird \u00fcbrigens einmal ganz beil\u00e4ufig von der Autorin erw\u00e4hnt. Aber das lenkt nur ab. Schlie\u00dflich geht es vor allem um Thomas Lynley und Barbara Havers, deren Ermittlungen eben von diesem Rassismus \u00fcberschattet werden. Um dem Vorwurf entgegenzutreten, wird Winston Nkata eng in die Pressearbeit der Polizei eingebunden &#8211; schlie\u00dflich ist er ein schwarzer Polizist, der seinen Weg aus dem Ghetto gefunden hat. <\/p>\n<p>Die Spuren f\u00fchren Lynley, Havers und Nkata zu einem dubiosen Hilfsverein f\u00fcr gestrandete Jugendliche sowie zu einer Gruppe von Kindersch\u00e4ndern. Entsprechend bunt ist dann auch das Figuren-Ensemble, das George aufbietet: Eine nicht ganz zu durchschauende Leiterin des Jugendprojekts, ihre zahlreichen, willf\u00e4hrigen Helfer und ein schmieriger Zauberer, der sich schnell als Zuh\u00e4lter f\u00fcr zahlungskr\u00e4ftige M\u00e4nner entpuppt, die es mit minderj\u00e4hrigen Jungs treiben. Was bei all diesem sozialen Schmutz aus der Feder von Elizabeth Georg immer ins Auge f\u00e4llt: Er ist Mittel zum Zweck. Kindersch\u00e4nder l\u00f6sen Widerwillen aus, Rassismus ist furchtbar und dubiose Jugendleiterinnen, die mehr an Sex und Karriere als an die Kinder denken, sind Furien, denen man lieber nicht begegnen m\u00f6chte. Mit Realismus hat dies nichts zu tun. Auch das Etikett \u00e2\u20ac\u017eGesellschaftsroman&#8220; &#8211; wie in einigen Rezensionen zu lesen &#8211; hat bei Elizabeth George nun wahrlich nichts zu suchen.<\/p>\n<p><strong>Gefangen in der Funktionalit\u00e4t <\/strong><\/p>\n<p>All diese sozialen Konflikte und Probleme sind Attrappen, schweben wie schlechte B\u00fchnenbilder \u00fcber der Szenerie, in der George vor allem das Privatleben ihrer Ermittler inszeniert. Rassismus, P\u00e4dophile oder die sozialen Brennpunkte Londons interessieren die Autorin nur so lange, wie sie in ihren Augen gut als kontrastreiche Kulisse zum b\u00fcrgerlichen Leben ihrer Polizisten funktionieren. Hintergr\u00fcnde, Ursachen, Zweifel oder das Hinterfragen dieser Zust\u00e4nde im Schmelztiegel der britischen Hauptstadt w\u00fcrden die Leserinnen nur verwirren oder gar ins Gr\u00fcbeln bringen. So schl\u00e4gt man als Autor Kapital aus dem Leid anderer Leute. Das ist das wirklich Ekelerregende an den Romanen der Elizabeth George.<\/p>\n<p>Der bis dahin ungel\u00f6ste Kriminalfall ger\u00e4t zudem nach etwa 600 Seiten ganz aus dem Blick, denn jetzt zieht Lynleys pers\u00f6nliche Trag\u00f6die herauf. Seine schwangere Frau Helen wird hinterr\u00fccks angeschossen. Weil sie zu sp\u00e4t \u00e4rztlich versorgt wird, liegt sie hirntot im Krankenhaus und Lynley muss sich entscheiden: L\u00e4sst er die Maschinen, die Helen am Leben erhalten, weiter laufen, bis das ungeborene Kind, m\u00f6glicherweise mit bleibenden Sch\u00e4den, gerettet werden kann oder l\u00e4sst er sie abschalten? Eine hoch moralische Situation also, die George als dramatische Spitze an ihre maue Kriminalhandlung heran klatscht. Was die Autorin dann auf den etwa 200 restlichen Seiten ihres W\u00e4lzers abspult, zeigt einmal mehr, dass es ihr nicht darum geht, solche Themen ernsthaft literarisch zu bearbeiten, sondern funktionale Texte abzuliefern, die vorgeben gef\u00fchlsecht zu sein, die aber durch und durch berechenbar und hochgradig konstruiert sind. Das ist Schmierentheater in seiner reinsten Form.<\/p>\n<p>Handwerklich m\u00f6gen die Romane der Elizabeth George gut gestrickt sein. Schlie\u00dflich erreichen sie ihr Ziel und viele Leserinnen weinen eine Tr\u00e4ne ins Taschentuch. Absto\u00dfend bleiben die Romane wie \u00e2\u20ac\u017eWo kein Zeuge ist&#8220; dennoch, denn Orte, Handlung, besonders aber ihre Figuren werden auf ihre reine Funktionalit\u00e4t reduziert und bleiben darin gefangen. Sie m\u00fcssen exakt berechnete Gef\u00fchle bei den Leserinnen ausl\u00f6sen, Freir\u00e4ume f\u00fcr sie und f\u00fcr die Leserinnen gibt es nicht. Man mag einwenden, dass Liebesschmonzetten und Groschenhefte das auch tun &#8211; nur geben die nicht vor, Literatur zu sein, die zumindest in Ans\u00e4tzen in der Wirklichkeit verankert ist oder diese reflektiert. Nein, Elizabeth George schreibt den wohl schlimmsten und widerlichsten Schund, den es zur Zeit auf dem Krimimarkt gibt. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Elizabeth George: Wo kein Zeuge ist<\/strong> : Ein Inspektor-Lynley-Roman \/ Deutsch von Ingrid Krane-M\u00fcschen und Michael J. M\u00fcschen. &#8211; M\u00fcnchen : Blanvalet, 2006<br \/>\nISBN-10: 3-7645-0165-0<br \/>\nISBN-13: 978-3-7645-0165-5<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Elizabeth George: With No One As Witness<\/strong>. &#8211; New York : HarperCollins, 2005<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elizabeth George: Wo kein Zeuge ist Diese Besprechung enth\u00e4lt Spoiler Haben Sie in den letzten Wochen auch so gelitten? 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