{"id":537,"date":"2006-09-24T16:43:21","date_gmt":"2006-09-24T14:43:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/537\/pete-dexter-train.html"},"modified":"2006-09-24T16:43:21","modified_gmt":"2006-09-24T14:43:21","slug":"pete-dexter-train","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=537","title":{"rendered":"Die Farben der Gewalt"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/train.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Train Pete Dexter\" \/><br \/>\n<strong>Pete Dexter: Train<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Betrachtung von Kriminalromanen wird oft ein wichtiges Element ausgespart: Die Darstellung von Gewalt. Mord, physische und psychischer Druck, Schl\u00e4gereien, Erpessung, Rassismus &#8211; all das findet in Kriminalromanen statt, wird von der Kritik aber oft als nebens\u00e4chlich abgetan. Der Mord muss  stattfinden, damit Polizisten oder Detektive \u00fcberhaupt in Aktion treten k\u00f6nnen. Vor allem im klassischen Whodunnit ist der Mord eher ein l\u00e4stiges \u00dcbel, dezent angedeutet und schnell wieder ausgeblendet. Selbst bei Hard-Boiled- oder  Noir-Romanen wird in der Kritik beil\u00e4ufig bemerkt, dass ein Roman doch &#8222;harte Kost&#8220; sei oder &#8222;brutal und roh&#8220; geschrieben wurde. Bei dem Roman &#8222;Train&#8220; des us-amerikanischen Autors Pete Dexter kommt man als Leser und Kritiker jedoch nicht umhin, sich mit der geschilderten Gewalt auseinanderzusetzen, will man der darin erz\u00e4hlten Geschichte folgen. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick erz\u00e4hlt &#8222;Train&#8220; die Geschichte von drei Menschen, die durch ein zuf\u00e4lliges Aufeinandertreffen locker mit einander verbunden sind. Da ist zun\u00e4chst der 18-j\u00e4hrige Lionel Walker, \u00e2\u20ac\u017eTrain&#8220; genannt, der als Caddy auf einem Luxusgolfplatz arbeitet. Es ist das Jahr 1953, der Roman spielt haupts\u00e4chlich an der Westk\u00fcste der USA und Lionel ist schwarz. Rassismus bekommt der Junge t\u00e4glich zu sp\u00fcren, zumal durch die privilegierte Oberschicht von Los Angeles. Bei seiner Arbeit auf dem Golfplatz trifft er eines Tages auf Miller Packard, ein ehemaliger Soldat, der nach dem Zweiten Weltkrieg nun als Polizist arbeitet. Packard, die zweite Hauptfigur des Romans, wirkt nicht nur f\u00fcr Lionel abwesend. Auch f\u00fcr den Leser ist Packard schwer zu begreifen. Packard ist ein Polizist der provoziert, der Gewalt und Konfrontation sucht. Seine Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind kaum nachzuvollziehen. <\/p>\n<p>Packard erkennt das Talent, das Lionel f\u00fcrs Golfen hat, verliert ihn aber nach wenigen Stunden wieder aus den Augen. Es folgen zwei parallel laufende Handlungstr\u00e4nge, die sich erst sp\u00e4ter im Roman wieder zusammenf\u00fcgen. Da ist zun\u00e4chst die Geschichte von Packard, der zu einem Mord gerufen wird. Auf einem Boot sind der reiche Alec Rose sowie sein Kapit\u00e4n ermordet worden. Norah Rose, die Ehefrau und dritte Hauptfigur des Romans, hat den Mord mit angesehen, wurde vergewaltigt und ihr wurde eine Brustwarze abgeschnitten. Einer der beiden T\u00e4ter ist der Vorgesetzte von Lionel auf dem Golfplatz. Als Packard auf das Boot kommt, erkennt er den Chef der Caddies wieder und erschie\u00dft ihn. Auch diesen Mord muss Norah mit ansehen. Nur kurze Zeit sp\u00e4ter beginnt Packard mit Norah eine Beziehung, die vor allem durch ausschweifenden Sex gepr\u00e4gt ist. <\/p>\n<p><strong>&#8222;Musste die Brustwarze wirklich sein, Pete?&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/train_englisch.jpg\" align=\"right\" hspace=\"5\" alt=\"Train Pete Dexter\" \/>Im Mittelpunkt des zweiten Handlungsstranges steht Lionel. Auch er begeht einen Mord. Wie im Rausch erschl\u00e4gt er den Freund seiner Mutter und fl\u00fcchtet vor der Polizei. Seinen Job auf dem Luxusgolfplatz verliert er. Zusammen mit seinem fast blinden Kumpel Plural findet er eine neue Anstellung auf einer abgewrackten Golfanlage, betrieben von dem schmierigen Mr. Cooper. Cooper hat eine junge Frau namens Susan, in deren Gegenwart sich zwei schwarze Angestellte des Golfplatzes gegenseitig abgestochen haben. Susan hat dies v\u00f6llig unger\u00fchrt und ohne einzuschreiten mit der Kamera festgehalten. Auch Lionel wird zu einem ihrer Motive. Es sind diese Bilder, die sp\u00e4ter in einer Ausstellung gezeigt werden und durch die Packard wieder auf Lionel trifft. Packard sucht den Jungen auf und bietet ihm und seinem Kumpel Plural eine Stellung im Haus seiner Freundin Norah Rose an, die mittlerweile von ihm schwanger ist. Lionel und Plural ziehen bei Packard und Norah ein, doch Norah hat eine Abneigung gegen die beiden schwarzen Angestellten. Das Verh\u00e4ngnis nimmt seinen Lauf.<\/p>\n<p>Es sind vor allem die Bilder der Gewalt, die nach der Lekt\u00fcre des Romans h\u00e4ngen bleiben. Kalt und n\u00fcchtern schildert Dexter die Morde. Wie die erw\u00e4hnten Fotografien von Susan beschreibt der Autor die Erschie\u00dfung eines Menschen, die Vergewaltigung, das Abschneiden einer Brustwarze. Gerade jenes letzte Bild sorgte bei einigen Lesern f\u00fcr Unverst\u00e4ndnis. So fragte <a href=\"http:\/\/www.kiwi-koeln.de\/kolumne_nickhornby\/nick_hornby.php\">&rarr; Nick Hornby<\/a> \u00e2\u20ac\u017eMusste die Brustwarze wirklich sein, Pete?&#8220;. Ich m\u00f6chte mir nicht anma\u00dfen, diese Frage zu beantworten, aber innerhalb des Romans halte ich die Darstellung f\u00fcr passend. Entlarvt sie doch, wie einige andere Passagen des Roman, die Sinnlosigkeit von Gewalt. Die Frage, warum die Figuren gewaltt\u00e4tig werden &#8211;  eine wichtige Frage in Kriminalromanen &#8211; wird von Dexter nur l\u00fcckenhaft beantwortet. Als Autor kommentiert er nicht, er schildert nur und l\u00e4sst den Leser damit allein. <\/p>\n<p>Freistehend und schemenhaft wirken auch seine Figuren &#8211; nur, dass dies hier als Stilmittel von Dexter gelungen eingesetzt wird. Packard, der provozierende Polizist, rennt mit offenen Augen ins Ungl\u00fcck und scheint dies auch noch zu genie\u00dfen. Ein Masochist? Ein lebensm\u00fcder Mensch? Lionel Walker, ein junger Schwarzer und Golftalent, der seine F\u00e4higkeiten nicht nutzen kann, weil Rassendiskriminierung ihm den Weg versperrt und der dies alles hilflos erleidet. Warum wehrt er sich nicht? Warum schl\u00e4gt er statt dessen den Freund seiner Mutter nieder? Eine \u00dcbersprungshandlung? Norah Rose, gedem\u00fctigt durch Vergewaltigung, \u00fcberlegt, ob sie sich die zweite Brustwarze nicht auch noch abschneiden soll. Ein geborenes Opfer? All diese Fragen bleiben unbeantwortet, konfrontieren den Leser aber mit seinen eigenen Ansichten zur Gewalt. Weg schauen, ertragen oder eingreifen?<\/p>\n<p>So gelungen dies auch ist, Dexters Roman bleibt schwer zug\u00e4nglich. Nicht nur die detaillierten Gewaltschilderungen, auch der kaum vorhandene rote Faden hemmen den Lesefluss. Nichts l\u00e4sst sich in diesem Roman erahnen, nichts \u00fcberrascht aber auch wirklich. Keine Figur l\u00e4dt den Leser zur Identifikation ein. Was bleibt, ist ein Roman in Grauschattierungen, der zwar starke Bilder hervorbringt, die einen aber nicht ber\u00fchren. Zu distanziert und zu gef\u00fchlskalt schildert Dexter seine Handlung. Gleichzeitig aber auch ein herausfordernder Roman, dessen Stilmittel brillant eingesetzt werden und der eine Frage aufwirft, die leider oft bei Kriminalromanen unter den Tisch f\u00e4llt: Welche Farben hat Gewalt? <\/p>\n<blockquote><p><strong>Dexter, Pete: Train<\/strong> : Roman \/ Aus dem Englischen von J\u00fcrgen B\u00fcrger. &#8211; M\u00fcnchen : Liebeskind, 2006<br \/>\nISBN-10: 3-935890-38-9<br \/>\nISBN-13: 978-3-935890-38-0<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Dexter, Pete: Train<\/strong>. &#8211; New York : Doubleday, 2003<\/p>\n<p><strong>Buch bestellen bei:<\/strong><br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3935890389\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3935890389\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3935890389\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pete Dexter: Train Bei der Betrachtung von Kriminalromanen wird oft ein wichtiges Element ausgespart: Die Darstellung von Gewalt. 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