{"id":545,"date":"2006-10-28T00:44:33","date_gmt":"2006-10-27T22:44:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/545\/richard-birkefeld-goeran-hachmeister-deutsche-meisterschaft.html"},"modified":"2006-10-28T00:44:33","modified_gmt":"2006-10-27T22:44:33","slug":"richard-birkefeld-goeran-hachmeister-deutsche-meisterschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=545","title":{"rendered":"Fakten gegen Fiktion"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/deutsche_meisterschaft.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Deutsche Meisterschaft\" \/><br \/>\n<strong>Richard Birkefeld und G\u00f6ran Hachmeister: Deutsche Meisterschaft<\/strong><\/p>\n<p>Lange Listen mit Danksagungen in Kriminalromanen erstaunen mich immer wieder. Sie erinnern mich an endlos erscheinendene Absp\u00e4nne von Kinofilmen, die dar\u00fcber informieren, wer der zehnte Kabeltr\u00e4ger war und welche Catering-Firma Schauspieler, Kameram\u00e4nner und Kabelhilfen verk\u00f6stigt hat. Ganz so ausf\u00fchrlich ist die Danksagungsliste in dem zweiten Roman von Richard Birkefeld und G\u00f6ran Hachmeister zwar nicht ausgefallen, aber immerhin reicht sie \u00fcber eineinhalb Buchseiten. Der Roman \u00e2\u20ac\u017eDeutsche Meisterschaft&#8220; hat diversen Archivaren, Bibliothekaren und Motorrad-Experten seine Entstehung zu verdanken, zumindest haben sie die beiden Autoren bei der Recherche unterst\u00fctzt. Birkefeld und Hachmeister &#8211; beide Historiker mit dem Schwerpunkt Kultur- und Sozialgeschichte &#8211; haben flei\u00dfig in Archiven gegraben, l\u00e4ngst vergessene Ereignisse, Fakten und Daten hervorgeholt und daraus einen historischen Kriminalroman konstruiert. Eine gute und fundierte Recherche sorgt allerdings nicht zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr einen guten Kriminalroman &#8211; manchmal steht sie ihm sogar im Wege, n\u00e4mlich dann, wenn die Fakten die Fiktion erschlagen. Dann wird\u00e2\u20ac\u2122s nicht blutr\u00fcnstig, sondern blutleer.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der Fiktion, die sich gegen die Fakten behaupten muss, stehen zwei Motorradrennfahrer, die 1926 einen erbitterten Kampf um eben jene \u00e2\u20ac\u017eDeutsche Meisterschaft&#8220; im Motorradrennen f\u00fchren. Falk von Dronte, ein desillusionierter Adeliger und ehemaliges Mitglied eines Freikorps, findet in dem aufbrausenden Proletarier Arno Lamprecht sein passendes Gegenst\u00fcck. Beide sind nicht nur Konkurrenten auf der Rennstrecke, sie buhlen auch um die Gunst der sch\u00f6nen Thea von Bock. H\u00fcbsche Frauen fallen am liebsten dem Sieger um den Hals. Doch so ruhmreich sind von Dronte und Lamprecht gar nicht. Beide werden im Laufe des Romans von ihrer Vergangenheit eingeholt. <\/p>\n<p>Von Dronte war im November 1923 dabei, als ein Mitglied seiner Einheit von Kameraden wegen Vaterlandsverrat heimt\u00fcckisch ermordet wurde. Obwohl die Tat vertuscht werden sollte, hat jemand den Kopf des get\u00f6teten Mannes geklaut, um die T\u00e4ter zu erpressen. Nach und nach sterben die M\u00e4nner, die damals an dieser \u00e2\u20ac\u017eHinrichtung&#8220; beteiligt waren. Als n\u00e4chster k\u00f6nnte Von Dronte eines unnat\u00fcrlichen Todes sterben.<\/p>\n<p>Auch Arno Lamprecht hat es mit einem verschwundenen Kopf zu tun: W\u00e4hrend er im Vollrausch durch M\u00fcnchen irrte, wurde seine Frau Vera ermordet und enthauptet. Auch das ereignete sich w\u00e4hrend der Tage des Hitler-Ludendorff-Putsches im November 1923 und seit dem ist Arno im Visier der Polizei, obwohl ihn damals ein Zeuge entlastete. Zweieinhalb Jahre sp\u00e4ter nehmen die Polizisten die Spur wieder auf, denn es gibt neue, kopflose Leichen, die immer in der N\u00e4he der jeweiligen Rennen gefunden wurden. F\u00fcr beide M\u00e4nner steht mehr auf dem Spiel, als nur die Deutsche Meisterschaft.<\/p>\n<p><strong>Soziokrimi &#8211; jetzt auch historisch<\/strong><\/p>\n<p>Eingebettet ist diese d\u00fcrftige und altbekannte Dramaturgie &#8211; zwei schnittige Kerle, ein rassiges Weib &#8211; in ausschweifenden Schilderungen der Rennen und der Motorradszene, der jeweiligen sozialen Umst\u00e4nde der beiden Hauptfiguren &#8211; dekadente und abgewirtschaftete Oberschicht auf der einen Seite, bittere Armut auf der anderen Seite &#8211; sowie die politischen Unruhen und Wirren der Weimarer Republik. Rote Revolutionsrufe in Arbeiterkneipen und braune Aufm\u00e4rsche und Pr\u00fcgeleien bilden den kontrastreichen Hintergrund f\u00fcr das pers\u00f6nliche Schicksal der beiden Motorradrennfahrer. Das ist mit Sorgfalt recherchiert und wird detailliert geschildert. Der eigentliche Krimiplot bleibt dabei auf der Strecke und eiert wie eine lahme Ente durchs Bild. Birkefeld und Hachmeister zeigen &#8211; fast schon exemplarisch &#8211; warum viele historische Kriminalromane scheitern. Die genaue Kenntnis des sozialen, kulturellen und politischen Hintergrunds sowie der Sprache ist zwar zwingend notwendig, will ein Krimierz\u00e4hler nicht als Dilettant erscheinen, doch das alleine reicht nicht f\u00fcr eine spannende, f\u00fcr eine gute Kriminalgeschichte. Die kommt, wie die Dramaturgie schon zeigt, bei Birkefeld und Hachmeister erschreckend einfach gestrickt daher und bewegt sich auf l\u00e4ngst ausgelatschten Bahnen. <\/p>\n<p>Interessant wird unter diesem Aspekte eine Aussage, die Birkefeld und Hachmeister in einem <a href=\"http:\/\/www.eichborn.de\/s2\/default.asp?id=540&#038;tid=1813\">Interview<\/a> getroffen haben. Dort hei\u00dft es:<br \/>\n<em><br \/>\n&raquo;Im Mittelpunkt unserer Romane steht weniger die Beziehungskriminalit\u00e4t als vielmehr die politisch oder strukturell definierte Gewalttat. Diese entwickelt sich aus dem historischen Kontext und gibt uns viel dezidierter Aufschluss \u00fcber den Zustand des behandelten Zeitabschnitts.&laquo;<\/em><\/p>\n<p>Ein Paradigma des fr\u00fchen sozialkritischen Krimis wird hier unreflektiert und unbearbeitet aus der Mottenkiste geholt und auf einen historischen Kontext \u00fcbertragen. Wir schreiben Soziokrimi, jetzt auch im Breitwandformat mit viel historischem Gepl\u00e4nkel, das uns die jeweilige Epoche n\u00e4her bringt. In dieser Form ist das v\u00f6lliger Unsinn und kann nur ins Leere laufen. Daf\u00fcr gibt es Geschichtsb\u00fccher.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die Ursachen der \u00e2\u20ac\u017epolitisch oder strukturell definierten Gewalttaten&#8220; bei Birkefeld und Hachmeister aufgrund der ausschweifenden historischen Schilderungen erdr\u00fcckt werden und kaum als solche erkennbar sind. Die M\u00f6rder, einer von ihnen ist ein fanatischer Anh\u00e4nger der Rassenhygiene, t\u00f6ten im Wahn, im ausladend erz\u00e4hltem Blutrausch. Politische Kontexte, wie die Dolchsto\u00dflegende oder der Irrglaube an die \u00e2\u20ac\u017ereine Rasse&#8220;, nutzen die Autoren als Vehikel oder Knalleffekte, um das Motiv des ach so beliebten Serienkillers in die Zeit der Weimarer Republik zu transportieren. Vor bombastischen Kulissen spielt sich ein irrelevanter Popanz ab, der letztlich nichts \u00fcber Kriminalgeschichte der jeweiligen Zeit aussagt. Danksagungslisten und Filmabsp\u00e4nne erz\u00e4hlen mehr. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Richard Birkefeld und G\u00f6ran Hachmeister: Deutsche Meisterschaft<\/strong> : Roman. &#8211; Frankfurt am Main : Eichborn, 2006<br \/>\nISBN 10: 3-8218-5767-3<br \/>\nISBN 13: 978-3-8218-5767-1<\/p>\n<p><strong>Buch bestellen bei:<\/strong><br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3821857676\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3821857676\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3821857676\">\u00bb buch24.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard Birkefeld und G\u00f6ran Hachmeister: Deutsche Meisterschaft Lange Listen mit Danksagungen in Kriminalromanen erstaunen mich immer wieder. 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