{"id":546,"date":"2006-11-05T13:00:54","date_gmt":"2006-11-05T11:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/546\/thomas-kastura-der-vierte-morder.html"},"modified":"2006-11-05T13:00:54","modified_gmt":"2006-11-05T11:00:54","slug":"thomas-kastura-der-vierte-morder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=546","title":{"rendered":"Vom Seelengem\u00e4lde zum R\u00e4tselbilchen"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/der_vierte_moerder.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\" alt=\"Der vierte M\u00f6rder\" \/><br \/>\n<strong>Thomas Kastura: Der vierte M\u00f6rder<\/strong><br \/>\nDer psychopathische und gleichzeitig sympathische M\u00f6rder meuchelt munter durch die Kriminalliteratur. Sp\u00e4testens seit Patricia Highsmith hat der nette Typ von nebenan, der freundlich und unauff\u00e4llig durchs Leben streift, dabei aber geh\u00f6rig einen an der Waffel hat, auch in h\u00f6here literarische Kreise Einlass erhalten. Was bei Highsmith noch als Symptom einer Welt ohne Moral erdacht wurde, hat durch die nachfolgenden Adepten zahlreiche Variationen und kuriose Kombinationen erfahren. Eine der aktuellen Kuriosit\u00e4ten stammt von dem Bamberger Autor Thomas Kastura, dessen neuer Roman \u00e2\u20ac\u017eDer vierte M\u00f6rder&#8220; die Perspektive des T\u00e4ters und einer Gruppe Verd\u00e4chtiger als aufwendig inszeniertes Seelengem\u00e4lde ausbreitet, um dann durch einen unsauberen Strich als harmloses R\u00e4tselbildchen zu enden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>K\u00f6ln in der Vorweihnachtszeit: Die Polizei sucht einen Mann, der Beh\u00f6rden und Bev\u00f6lkerung mit Drohbriefen in Angst und Schrecken versetzt. Zitate aus Schillers \u00e2\u20ac\u017eGlocke&#8220; k\u00fcndigen einen Brandanschlag auf die U-Bahn am Tag vor Heiligabend an. Parallel dazu sorgen Brandstiftungen und Morde an den ehemaligen Mitgliedern der Rockband \u00e2\u20ac\u017eBarbarossa&#8220; f\u00fcr Unruhe. Komissar Klemens Raupach, strafversetzt ins Polizeiarchiv, und seine Kollegin ermitteln zun\u00e4chst im Geheimen. W\u00e4hrend Raupach einige Tage braucht, um auf die Spur des T\u00e4ters zu kommen, wissen die Leser l\u00e4ngst, wer hinter den Drohbriefen und den Morden an den Musikern steckt. <\/p>\n<p>Die Drohbriefe stammen von Johan Land, ein unauff\u00e4lliger Buchh\u00e4ndler, der unter Folie \u00e0 deux, dem \u00e2\u20ac\u017eWahnsinn zu zweit&#8220; leidet. Seine Frau Marta, eine Videok\u00fcnstlerin, litt unter paranoider Schiziophrenie und \u00e2\u20ac\u017esteckte&#8220; ihren labilen Mann damit an. Marta ist tot, sie starb vor drei Jahren, als sie von einem Unbekannten vor die U-Bahn gesto\u00dfen wurde. Ihr unges\u00fchnt gebliebener Tod l\u00e4sst Johan zu einem Racheengel werden. <\/p>\n<p>Rache ist auch das Motiv f\u00fcr die Morde an den Bandmitgliedern. Valerie Braq, wie es der Zufall so will eine Nachbarin von Johan, war mit dem Bandleader von \u00e2\u20ac\u017eBarbarossa&#8220; liiert. Der starb vor einem Jahr angeblich an seinem Erbrochenen &#8211; der Leser erf\u00e4hrt jedoch bald, das Valerie seinem Tod nachgeholfen hat. Valeries 13-j\u00e4hrige Tochter Sheila startet zusammen mit dem T\u00fcrsteher Luzius einen Rachfeldzug gegen die ehemaligen Bandmitgliedern, denn Sheila wurde von allen Musikern vergewaltigt. Am Ende des Romans wird Kommissar Raupach jedoch jemand ganz anderen als M\u00f6rder verhaften.<\/p>\n<p><strong>Zweifelhafte Wendung<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Kastura verwebt in seinem dritten Kriminalroman auf komplexe Weise die tragischen Lebensgeschichten von vier Personen. Johan und Valerie treffen im Laufe des Romans aufeinander, Sheila st\u00f6\u00dft gleich zu Beginn des Buches auf die ermittelnden Polizisten. Der Zufall feiert bei Kastura fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde. Jeder ist jedem schon mal \u00fcber den Weg gelaufen, die pers\u00f6nlichen Verflechtungen und fl\u00fcchtigen Begegnungen sind in der anonymen Gro\u00dfstadt ausgepr\u00e4gter, als man gemeinhin denken mag. Erz\u00e4hlt wird dies alles durch die wechselnden Perspektiven der Figuren. Nach und nach l\u00e4sst Kastura seine Charaktere ihre Verbindungen aufdecken &#8211; bis es schlie\u00dflich zur Aufl\u00f6sung kommt. Was als fragiles und differenzierte Geflecht gesponnen und in einem ruhigen, fast meditativen Ton beschrieben wurde und bis dahin spannend zu lesen war, zerst\u00f6rt Kastura mit einer zweifelhaften Wendung und pr\u00e4sentiert einen T\u00e4ter, dessen Motive in wenigen Zeilen abgehandelt werden. Wozu treibt Kastura bis kurz vor Schluss ein exzellentes Verwirrspiel um T\u00e4ter und Opfer und entwirft fesselnde Psychogramme, um dann dem eigentlichen T\u00e4ter kaum Raum in seiner Erz\u00e4hlung zu zusprechen? <\/p>\n<p>Es zeigt sich, dass die Kombination aus psychologischer Figurenzeichnung, Darstellung polizeilicher Arbeit und schlichtem R\u00e4tselkrimi bei Kastura nicht funktioniert. Ein Vergleich mit Patricia Highsmith, die Kastura <a href=\"http:\/\/www.krimi-forum.net\/Datenbank\/Interviews\/i001232.html\">in einem Interview<\/a> erw\u00e4hnt, deutet an, woran das liegt: Es sind zu viele Perspektiven, die dem Autor hier aus den H\u00e4nden gleiten. Konzentrierte sich Highsmith etwa bei ihren bekannten \u00e2\u20ac\u017eRipley&#8220;-Romanen weitgehend auf eine Ansicht, sind es bei Kastura gleich zwei T\u00e4terduos, dazu noch die Perspektive der Polizisten, die hier in einem Wechselspiel zu Wort kommen. Was Kastura \u00fcber fast 500 Seiten an Spannungsb\u00f6gen, Verschleierungen und Andeutungen zu einem logischen Ermittlungsende f\u00fchren will, bei dem der Leser auch immer mit raten darf, verliert sich in einer \u00dcberfrachtung von Motiven, die den tragischen Lebensumst\u00e4nden der Figuren entspringen.<\/p>\n<p>In seinem Scheitern zeigt Kastura allerdings auf ein Problem, mit dem viele psychologische Krimis und Thriller k\u00e4mpfen: Wie vorhersehbar ist das Verhalten von T\u00e4tern, die unter schweren, psychischen St\u00f6rungen leiden? Wie glaubw\u00fcrdig sind die T\u00e4terprofile der unz\u00e4hligen Profiler, der selbstverst\u00e4ndlich auch bei Kastura auftaucht, die in Psychokrimis ihr Analysen pr\u00e4sentieren? Wie psychologisch fundiert und wie realistisch sind psychologische Krimis und Thriller? <\/p>\n<blockquote><p><strong>Thomas Kastura: Der vierte M\u00f6rder<\/strong> \/ Roman. &#8211; M\u00fcnchen : Droemer, 2006<br \/>\nISBN-10: 3-426-19726-X<br \/>\nISBN-13: 978-3-426-19726-4<br \/>\n<strong>Buch bestellen bei:<\/strong><br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/342619726X\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=342619726X\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=342619726X\">\u00bb buch24.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Kastura: Der vierte M\u00f6rder Der psychopathische und gleichzeitig sympathische M\u00f6rder meuchelt munter durch die Kriminalliteratur. 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