{"id":577,"date":"2007-01-21T14:49:36","date_gmt":"2007-01-21T13:49:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/577\/mord-auf-ffolkes-manor.html"},"modified":"2007-01-21T14:49:36","modified_gmt":"2007-01-21T13:49:36","slug":"mord-auf-ffolkes-manor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=577","title":{"rendered":"Im Harlekinkost\u00fcm"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/mord_auf_ffolkes_manor.jpg\" align=\"right\"  hspace=\"10\" alt=\"Mord auf ffolkes Manor\" \/><strong>Gilbert Adair: Mord auf ffolkes Manor<\/strong><\/p>\n<p>Gilbert Adair ist ein Meister in der Gradwanderung zwischen literarischer Parodie und Travestie: Ob in <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eThe Key of the Tower&#8220;<\/span>(1997, dt. <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eDer Schl\u00fcssel zum Turm&#8220;<\/span>), einer schrillen Parodie auf Alfred Hitchcock, oder in <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eLove and Death on Long Island&#8220; <\/span>(1990, dt. <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eLiebestod auf Long Island&#8220;<\/span>), der ironischen Hommage an Thomas Manns Erz\u00e4hlung <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eTod in Venedig&#8220;<\/span> &#8211; gekonnt spielt Adair mit literarischen Konventionen, ohne das daraus eine alberne Klamotte wird.  Der britische Autor schl\u00fcpft in die Kleider verschiedener Genre-Muster, f\u00fcllt sie charmant mit Leben aus, \u00fcberzeichnet sie hier und da, um die Maskerade anschlie\u00dfend mit Witz, Spott und oftmals bei\u00dfender Kritik wieder abzustreifen.<\/p>\n<p>Eine Kunst, die bei (deutschen) Kritikern oft auf Unverst\u00e4ndnis st\u00f6\u00dft. Anders sind die verhaltenen Reaktionen auf Adairs letzten Roman <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eMord auf ffolkes Manor&#8220; <\/span>kaum zu erkl\u00e4ren. Da wird der Roman als \u00e2\u20ac\u017ePastiche auf Agatha Christie&#8220; bezeichnet, was er eindeutig nicht ist, da Adair reichlich Seitenhiebe gegen die sp\u00e4timperialitstische Kriminalliteratur des sogenannten \u00e2\u20ac\u017eGoldenen Zeitalters&#8220; austeilt, eine Pastiche jedoch ohne Satire oder Polemik auskommt. Noch schlimmer wird es, wenn der Roman als \u00e2\u20ac\u017enetter&#8220; Krimi im Stile von Agatha Christie gedeutet wird. Richtig grausig allerdings ist die Behauptung, <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eMord auf ffolkes Manor&#8220;<\/span> reiche bei weitem nicht an das Original Christie heran.<\/p>\n<p><!--more--> <\/p>\n<p>Auf den ersten Blick hat Gilbert Adair mit <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eMord auf ffolkes Manor&#8220;<\/span>, der im Original den wesentlich treffenderen Titel <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eThe Act of Roger Murgatroyd&#8220;<\/span> tr\u00e4gt und in dem das Wort \u00e2\u20ac\u017eAct&#8220; bereits auf eine Mehrdeutigkeit &#8211; Schauspiel, Auff\u00fchrung, Gesetz, Spiel aber eben auch Tat &#8211; hinweist, tats\u00e4chlich einen klassischen Wer-war\u00e2\u20ac\u2122s-Krimi geschrieben, kombiniert mit einem Mord in einem geschlossenen Raum, dem ber\u00fchmten \u00e2\u20ac\u017eLooked-Room-Mystery&#8220;. Formal entspricht der Plot diesen Vorgaben: Eine illustre Gesellschaft hat sich im Gutshaus der Familie ffolkes versammelt, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Neben Colonel ffolkes, seiner Frau und deren Tochter Selina, sind der \u00f6rtliche Vikar und Gattin, der \u00f6rtliche Doktor und Gattin, die Schauspielerin Cora Rutherford, die Krimiautorin Evadne Mount sowie Selinas amerikanischer Freund Don und der Klatschkoluminist Raymond Gentry anwesend. Dazu gesellt sich eine ganze Reihe von Dienstboten. <\/p>\n<p>Am Morgen des zweiten Weihnachtstages wird Raymond Gentry ermordet in seiner, von innen verschlossenen, Dachkammer vorgefunden. Niemand trauert um ihn, war Gentry zu Lebzeiten doch ein widerlicher Schreiberling, immer auf der Suche nach Klatsch und Tratsch und im Privatleben der anwesenden Personen herumschn\u00fcffelnd. Jeder im Hause ffolkes h\u00e4tte einen Grund gehabt, Gentry ins Jenseits zu bef\u00f6rdern. Da die Gesellschaft eingeschneit ist, wird der in der Nachbarschaft lebende und seinen Ruhestand genie\u00dfende Polizist Trubshaw zur Hilfe geholt. W\u00e4hrend Trubshaw die anwesenden G\u00e4ste nacheinander befragt und ihre kleinen und gro\u00dfen L\u00fcgen &#8211; von Feigheit im Kriege \u00fcber Seitenspr\u00fcnge bis hin zu Homosexualit\u00e4t &#8211; herausfindet, besch\u00e4ftigen sich auch die \u00e2\u20ac\u017ekleinen, grauen Zellen&#8220; der anwesenden Krimiautorin Evadne Mount mit der L\u00f6sung des Falls. Mount und Trubshaw liefern sich ein Wettrennen bei der Aufkl\u00e4rung des Mordes &#8211; dabei hat der M\u00f6rder schon sein n\u00e4chstes Opfer im Visier. <\/p>\n<p><strong>Dechiffrierung statt R\u00e4tsel<\/strong><\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/the_act_of_roger_murgatroyd.jpg\" align=\"right\" hspace=\"10\"  alt=\"the act of roger murgatroyd\" \/>Wesentliche Elemente eines klassischen Kriminalromans in der Tradition von Christie sind also vertreten: Eine abgeschlossene Gesellschaft, in der jeder ein Tatmotiv hat, ein einf\u00e4ltiger Polizist, der in Konkurrenz zu einer klugen Amateurdetektivin steht und nat\u00fcrlich das ganze Interieur englischer Krimikunst &#8211; vom Gutshaus bis hin zur verschneiten Landschaft. Einzig das R\u00e4tsel des verschlossenen Raumes ist von John Dickson Carr abgekupfert, was allerdings im Roman selbst ironisch thematisiert wird. Schon hier zeigt sich, dass <span style=\"font-variant:small-caps\">\u00e2\u20ac\u017eMord auf ffolkes Manor&#8220;<\/span> sich der \u00fcblichen Lesart von \u00e2\u20ac\u017eWer-war\u00e2\u20ac\u2122s?&#8220;-Krimis entzieht. \u00dcberall laueren Anspielungen, sei es in den Namen der handelnden Personen, sei es die Zeit, in der der Roman spielt. So d\u00fcrfte Cora Rutherford zum Beispiel ein deutliche Hinweis auf Margaret Rutherford sein, aber auch die Doppeldeutigkeit des Namens \u00e2\u20ac\u017effolkes&#8220;, in dem das Wort \u00e2\u20ac\u017efolk&#8220;, also Volk, steckt. Auch der zweite Weihnachtstag als Handlungszeit ist interessant. Der \u00e2\u20ac\u017eBoxing Day&#8220; &#8211; so nennt man diesen Feiertag auf der Insel &#8211; war in England traditionell der Tag, an dem die Hausangestellten von ihren Dienstherren ihre Weihnachtsgeschenke in einer Schachtel (Box) bekamen. Im Zusammenhang mit der L\u00f6sung des Falls bekommt dies eine ganz andere Bedeutung.<\/p>\n<p>Adair f\u00fchrt hier das englische Klassendenken reichlich ad absurdum und macht sich dar\u00fcber lustig. Das setzt sich in Tabuthemen, wie etwa der Homosexualit\u00e4t des ermordeten Gentry, der als \u00e2\u20ac\u017eUrning&#8220; bezeichnet wird, fort. Der schmierige, kleine Kolumnist, der nichts anderes als den Tod verdient hat, sagt mehr \u00fcber die \u00c4ngste der damaligen Gesellschaft aus, als es Christies harmlose Romane je getan h\u00e4tten. Dem t\u00f6richten Mitraten nach dem T\u00e4ter setzt Adair ein anspruchsvolles Dechiffrieren der Subtexte in klassischen Kriminalromanen entgegen. Dabei kommt &#8211; wie bei einer guten Travestie &#8211; die Demaskierung und die Kritik von innen heraus und f\u00e4llt um so \u00e4tzender und bissiger aus. Adair, der im Harlekinkost\u00fcm des klassischen Krimiautors stilistisch einer Agatha Christie weit \u00fcberlegen ist, legt die Hand genau in die Wunden der braven, englischen Krimiwelt, die so gerne \u00fcberlesen werden. Das ist auch &#8211; aber eben nicht nur &#8211; ein gro\u00dfer Spa\u00df, es ist auf keinen Fall \u00e2\u20ac\u017enett&#8220; &#8211; es ist vielmehr der kluge Versuch, alberne Kriminalliteratur mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Adair ist dies auf raffinierte  Weise gelungen &#8211; man muss ihn nur lesen k\u00f6nnen. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Gilbert Adair: <span style=\"font-variant:small-caps\">Mord auf ffolkes Manor<\/span><\/strong> : eine Art Kriminalroman \/ Aus dem Englischen von Jochen Schimmang. &#8211; M\u00fcnchen : C. H. Beck, 2006<br \/>\nISBN-10: 3-406-55065-7<br \/>\nISBN-13: 978-3-406-55065-2<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Gilbert Adair: <span style=\"font-variant:small-caps\">The Act of Roger Murgatroyd<\/span><\/strong> &#8211; London : Faber &#038; Faber, 2006<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3406550657\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3406550657\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3406550657\">\u00bb buch24.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gilbert Adair: Mord auf ffolkes Manor Gilbert Adair ist ein Meister in der Gradwanderung zwischen literarischer Parodie und Travestie: Ob in \u00e2\u20ac\u017eThe Key of the Tower&#8220;(1997, dt. \u00e2\u20ac\u017eDer Schl\u00fcssel zum Turm&#8220;), einer schrillen Parodie auf Alfred Hitchcock, oder in \u00e2\u20ac\u017eLove and Death on Long Island&#8220; (1990, dt. \u00e2\u20ac\u017eLiebestod auf Long Island&#8220;), der ironischen Hommage an [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[26,110,157,193,226,562,276,435],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/577"}],"collection":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=577"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/577\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}