{"id":581,"date":"2007-01-30T21:31:25","date_gmt":"2007-01-30T20:31:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/581\/ein-genre-schreibt-sich-nach-oben.html"},"modified":"2007-01-30T21:31:25","modified_gmt":"2007-01-30T20:31:25","slug":"ein-genre-schreibt-sich-nach-oben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=581","title":{"rendered":"Ein Genre schreibt sich nach oben"},"content":{"rendered":"<p>Frohlocket, oh Ihr Krimileser: Die Literatur kriminalisiert sich. Endlich im Buchlanden Ihres Vertrauens: Nicht nur der Krimi mit der gesunden Extraportion Literatur sondern jetzt auch die Literatur mit der scharfen W\u00fcrze von Suspense und Crime. Rosig-kriminelle Zeiten sind angebrochen, jedenfalls wenn man den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/05\/Glosse-Lit_\">zwei<\/a> <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/de\/kunst-musik\/buchtipps\/KrimiWelt\/Krimiautoren_20A-Z\/954304,CmC=955238.html\">Kommentaren<\/a> des von mir gesch\u00e4tzten <a href=\"http:\/\/www.togohlis.de\/\">Tobias Gohlis<\/a> folgt, die er anl\u00e4sslich der Bekanntgabe des Deutschen Krimipreises ver\u00f6ffentlicht hat. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Niemand wird ernsthaft das Renommee des <a href=\"http:\/\/deutscher-krimipreis.de\/\">Deutschen Krimipreises<\/a> in Frage stellen \u00e2\u20ac\u201c schlie\u00dflich quoll das deutsche Feuilleton in den letzten Tagen \u00fcber mit Besprechungen, Autorenportraits und Hintergrundberichten zu den ausgezeichneten Titeln. Auch die Bedeutung der <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/krimiwelt\">Krimiwelt-Bestenliste<\/a> soll nicht in Frage gestellt werden, wandern doch regelm\u00e4\u00dfig die Romane auf der Bestenliste hin\u00fcber in die Best<em>seller<\/em>listen der Nation. Auch wollen wir uns nicht mit der merkw\u00fcrdigen Einstimmigkeit der Urteile besch\u00e4ftigen. Alle ausgezeichneten Romane des Deutschen Krimipreises waren auch irgendwann einmal auf der Krimiwelt-Bestenliste &#8211; das entspricht dem Harmoniebed\u00fcrfnis des deutschen Feuilletons.  Lassen wir die Feuilletonisten und Leser ausnahmsweise mal am Rande stehen. Wesentlich interessanter (und tragischer) sind die Ein- und noch viel mehr die Auslassungen in den beiden Texten des Jury-Vorsitzenden der Krimiwelt-Bestenliste. <\/p>\n<p>So schreibt Gohlis zum Deb\u00fctroman \u00e2\u20ac\u017eTann\u00f6d&#8220; von Andrea Maria Schenkel in seiner <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/05\/Glosse-Lit_\">\u00e2\u20ac\u017eZeit&#8220;-Glosse<\/a>:  <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Schenkels Mittel sind modern \u00e2\u20ac\u201c eine fiktiv dokumentarische Rede in den Zeugenaussagen, Collage \u00e2\u20ac\u201c, doch nirgendwo verr\u00e4t sie den Mord an die Kunst, noch desavouiert sie die Lust des Lesers auf Entr\u00e4tselung.&#8220; <\/p><\/blockquote>\n<p>Modern also sei Schenkels Roman, weil die Autorin mit Zeugenaussagen und Collage arbeitet. Das ist ungef\u00e4hr so modern wie etwa Wilkie Collins, der schon vor fast 150 Jahren \u00e4hnlich arbeitete. <\/p>\n<p>In Gohlis <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/de\/kunst-musik\/buchtipps\/KrimiWelt\/Krimiautoren_20A-Z\/954304,CmC=955238.html\">Krimitagebuch<\/a> lesen wir das Folgende: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wer die Titel kennt, die seit anderthalb Jahren auf der KrimiWelt-Bestenliste stehen (&#8230;), wei\u00df l\u00e4ngst, dass die besten unter den zeitgen\u00f6ssischen Kriminalromanen mit Raffinesse die literarischen Verfahren, mit denen die unter Kunstanspruch stehende Belletristik experimentiert, in ihren kriminalen Stoffen und Erz\u00e4hlstrukturen verwendet. Genauer: h\u00e4rtet, auswuchtet und auf Lebens- wie Literaturtauglichkeit testet. W\u00e4hrend die avantgardistische Literatur der Moderne sich in Formexperimentierei und immer hermetischerer Seelenspiegelei zu verrennen droht(e), hat sich der Krimi der Realit\u00e4t dieser Moderne angenommen: Identit\u00e4ts- und Normverlust, Zweifel am Augenschein, Gewalt in allen ihren Formen und Ursachen.&#8220;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Aussagen haben es in sich. Kurz gesagt: Krimischreiber, bediene Dich der sprachlichen Verfahren Deiner hochgesch\u00e4tzten Belletristik-Genossen und teste sie literarisch an der Lebenstauglichkeit. Noch k\u00fcrzer: Schreibe Dich nach oben! Dann wird nicht nur der Kriminalroman eine reichhaltige Artenvielfalt entwickeln, dann werden nicht nur die &#8222;Feingeister&#8220; auf das Schmuddelgenre aufmerksam \u00e2\u20ac\u201c nein, auch der Lorbeerkranz der kritisierenden \u00c4stheten wird der Deine sein! <\/p>\n<p>Dass es diese Experimente schon l\u00e4ngst gegeben hat \u00e2\u20ac\u201c von D\u00fcrrenmatt \u00fcber Hettche bis Glavinic, um nur einige deutschsprachige Autoren zu nennen \u00e2\u20ac\u201c verschweigt Tobias Gohlis leider bzw. handelt es mit dem lapidaren Hinweis in seinem &#8222;Zeit&#8220;-Artikel ab, dass die Entwicklungen &#8222;im leicht versp\u00e4teten Deutschland&#8220; nicht wahrgenommen wurden. <strong><em>Warum ist das so und wer hat hier etwas verschlafen? <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Verwirrung als literarisches Konzept<\/strong><\/p>\n<p>Wesentlich ungl\u00fccklicher ist allerdings die fehlende Nachfrage, ob solche &#8222;Experimente&#8220; denn \u00fcberhaupt <strong><em>sinnvoll<\/em><\/strong> f\u00fcr das Genre sind und warum dies mehr oder minder <strong><em>zwangsl\u00e4ufig<\/em><\/strong> zu einer guten, wenn nicht gar besseren Kriminalliteratur f\u00fchren soll. Immerhin schr\u00e4nkt Gohlis im vorletzten Absatz ein: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Der Krimi als H\u00e4rtetest sch\u00f6ner Geister, darauf scheint es hinauszulaufen, wenn man einen Blick auf die Fr\u00fchjahrsproduktion wirft. Statt einer Literarisierung der Kriminalromane ist Kriminalisierung der fiktionalen Literatur angesagt. (&#8230;) Mal sehen, wie es ihnen gelingt.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Was Gohlis so locker-flockig mit leicht ironischem Einschlag beschreibt, gab und gibt es l\u00e4ngst, auch im deutschsprachigen Raum.  Dass dies eher selten zu wirklich guten Kriminalromanen f\u00fchrt, zeigt zum Beispiel der hoch gelobte Paulus Hochgatterer, dessen Roman &#8222;Die S\u00fc\u00dfe des Lebens&#8220; als Kriminalroman d\u00fcrftig  &#8211; oder um in der Terminologie zu bleiben: schwachbr\u00fcstig &#8211; erscheint. Die Geschichte um den mutma\u00dflichen Mord an einem alten Mann, dessen Enkelin die Tat vermutlich mit angesehen hat, daraufhin in Schweigen verf\u00e4llt und nun von einem Psychologen wieder zum Sprechen gebracht werden soll, ist unter \u00e4sthetischen Aspekten allenfalls ein Abklatsch neuer deutschsprachiger Psycholiteratur. Mit Hilfe zahlreicher Erz\u00e4hlperspektiven versucht Hochgatterer nicht nur den Fall aufzukl\u00e4ren (wobei dies immer mehr in den Hintergrund r\u00fcckt), er entwirft auch das Psychogramm einer \u00f6sterreichischen, allerdings fiktiven, Kleinstadt. Hochgatterers reichlich zerfaserter Roman bleibt ziellos: Psychogramm, Aufkl\u00e4rung, Kriminalfall, der Wahnsinn der Welt \u00e2\u20ac\u201c worum geht es hier eigentlich? Verwirrung als literarisches Konzept \u00e2\u20ac\u201c was ist daran inhaltlich wie in der sprachlichen Umsetzung neu? Die Krimielemente halten bei Hochgatterer einen armseligen Plot zusammen \u00e2\u20ac\u201c das nenne ich einen literarischen Missbrauch schlechthin.<\/p>\n<p>Dabei ist Hochgatterer, als Beispiel eines Hochliteraten, der sich in die Niederungen des Kriminalromans begibt, kein Einzelfall: Wer erinnert sich noch an die &#8222;Dunklen Seiten bei Nymphenburger&#8220;, einer Reihe, bei dem (angeblich) hochrangige Autoren sich auf das Genre Krimi einlie\u00dfen und Krimiautoren nun Hochliteratur schreiben sollten? Vermutlich kaum jemand, denn das Experiment fand fast unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit statt und leider auch in den meisten F\u00e4llen zu Recht.<\/p>\n<p><strong>Ausgeschlachtet und doch lebendig<\/strong><\/p>\n<p>Widerspr\u00fcchlich wird Gohlis Text mit folgender Aussage: &#8222;W\u00e4hrend die avantgardistische Literatur der Moderne sich in Formexperimentierei und immer hermetischerer Seelenspiegelei zu verrennen droht (e), hat sich der Krimi der Realit\u00e4t dieser Moderne angenommen (&#8230;)&#8220;. Warum, ist man versucht zu fragen, soll der Krimi sich dieser &#8222;Formexperimentierei&#8220; \u00fcberhaupt annehmen, wenn sie sich doch verrannt hat? Warum entdecken &#8222;Hochautoren&#8220; den Kriminalroman f\u00fcr sich? Weil sie die Beliebig- und Belanglosigkeit, die Form- und Haltlosigkeit ihrer modern bis postmodernen Texte leid sind und den Kriminalroman mit seinen vermeintlich klaren Strukturen als sicheren Halt und Hafen entdecken? Weil sie \u00e2\u20ac\u201c wie viele Leser \u00fcbrigens auch \u00e2\u20ac\u201c den Wunsch nach gut erz\u00e4hlten Geschichten versp\u00fcren? <\/p>\n<p>Was diese Hochliteraten \u00e2\u20ac\u201c und offensichtlich auch so mancher Feuilletonist \u00e2\u20ac\u201c \u00fcbersehen: Der Kriminalroman hat <strong><em>aus sich selbst heraus<\/em><\/strong> eine wunderbare Vielf\u00e4ltigkeit gestaltet. Er braucht keine &#8222;Feingeister&#8220;, die ihn retten oder voran schreiben, das haben Autoren wie Derek Raymond, Ross Thomas oder James Ellroy an der englischsprachigen Front, Ulf Miehe, Pieke Biermann oder Detlef B. Blettenberg auf der deutschsprachigen Seite schon vor Jahrzehnten getan \u00e2\u20ac\u201c und tun es, sofern sie noch leben, immer noch. &#8222;Identit\u00e4ts- und Normverlust, Zweifel am Augenschein, Gewalt in allen ihren Formen und Ursachen&#8220; \u00e2\u20ac\u201c f\u00fcr viele Krimiautoren schon seit Jahrzehnten und in vielf\u00e4ltiger Form Themen. Tragisch, dass eine Krimijury dies erst jetzt erkennt.<\/p>\n<p>Wenn ein Pete Dexter f\u00fcr seinen Roman &#8222;Train&#8220; von vielen Kritikern gelobt wird, dann auch, weil er vermutlich ohne den Einfluss und der Vorarbeit all dieser schmuddeligen Pulp- und Noir-Typen nie so einen Roman h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen. Jene Autoren also, die der Feuilleton-Betrieb seit Jahren mit Ignoranz bestraft \u00e2\u20ac\u201c aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. <\/p>\n<p>Es spricht ja nichts dagegen, wenn Genregrenzen (sofern es so etwas \u00fcberhaupt gibt und wer will definieren, was ein Krimi ist?) \u00fcbertreten werden, wenn sich Literaturformen gegenseitig befruchten. Wenn aber Gohlis von der &#8222;Kriminalisierung der fiktionalen Literatur&#8220; spricht, dann bef\u00fcrchte ich nichts Gutes. Zu oft haben die &#8222;Feingeister&#8220; den Kriminalroman ausgeschlachtet und sich um die Kriminalliteratur einen Dreck geschert. Dem Krimi hat es letztlich nicht geschadet, der lebt in vielen, oft durchaus kritikw\u00fcrdigen, Varianten munter, und vor allem <strong>durch sich selbst<\/strong>, weiter. Bis dies Jurys und Feuilletonisten erkennen, d\u00fcrften viele weitere Jahre ins Land gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frohlocket, oh Ihr Krimileser: Die Literatur kriminalisiert sich. Endlich im Buchlanden Ihres Vertrauens: Nicht nur der Krimi mit der gesunden Extraportion Literatur sondern jetzt auch die Literatur mit der scharfen W\u00fcrze von Suspense und Crime. 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