{"id":591,"date":"2007-03-03T17:41:05","date_gmt":"2007-03-03T16:41:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/591\/pablo-de-santis-die-sechste-laterne.html"},"modified":"2007-03-03T17:41:05","modified_gmt":"2007-03-03T16:41:05","slug":"pablo-de-santis-die-sechste-laterne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=591","title":{"rendered":"Kafka und die Macht der Einbildungskraft"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/die_sechste_laterne.jpg\" align=\"right\"  hspace=\"10\" alt=\"Pablo De Santis Die sechste Laterne\" \/><strong>Pablo De Santis: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Die sechste Laterne<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Es war der argentinische Dichter Jorge Luis Borges, der die Literatur der &#8222;vernunftgerechten Phantasie&#8220; der Literatur des &#8222;psychologischen Realismus&#8220; gegen\u00fcberstellte. Im Vorwort zu dem 1940 erschienen Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;La invenci\u00f3n de Morel&#8220;<\/span> (dt.: <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Morels Erfindung&#8220;<\/span>) seines Freundes Adolfo Bioy Casares stellte Borges fest, das die Erstere als Kunstprodukt strengeren Formgesetzen unterworfen sei als die zur Formlosigkeit neigende &#8222;Umschreibung der Realit\u00e4t&#8220;. Die aktuelle Diskussion um &#8222;dicke Krimis&#8220; erscheint wie ein fernes Echo auf diese Unterscheidung: Realistische Krimis im Gro\u00dfklotzformat verstopfen die Regale in Buchhandlungen und so manches Leserhirn. Ausnahmen gibt es und eine dieser Ausnahmen ist Pablo De Santis, der, wie seine beiden Vorstreiter Borges und Bioy Casares, aus Argentinien stammt. Mit seinem aktuellen Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Die sechste Laterne&#8220;<\/span> beweist der 1963 in Buenos Aires geborene Autor einmal mehr, wie wunderbar pr\u00e4zise, dicht und phantasievoll Kriminalliteratur auf noch nicht einmal 300 Seiten sein kann und dabei wesentlich mehr zu erz\u00e4hlen hat als so mancher 600-Seiten-Schm\u00f6ker.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Die sechste Laterne&#8220;<\/span> ist auf den ersten Blick zun\u00e4chst nichts anderes als eine Biografie. Im Mittelpunkt steht der italienische Architekt Silvio Balestri, dessen kuriosen Lebensweg  De Santis nachzeichnet. 1889 in Rom als Sohn eines Bildhauers und Grabsteinmetz geboren, bewundert der junge Silvio die Arbeit seines Vaters und arbeitet sich vom Denkmalsch\u00fctzer langsam zum Architekten nach oben. Da seine berufliche Zukunft in Italien begrenzt ist, wandert er, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nach New York aus. Auf der \u00dcberfahrt lernt er seine k\u00fcnftige Frau Greta kennen und heiratet sie schlie\u00dflich in seiner neuen Heimat. <\/p>\n<p>Beruflich sieht es allerdings nicht so gut aus. Kaum in New York angekommen, muss sich Balestri zun\u00e4chst als Kellner durchschlagen, bevor er endlich eine Anstellung als Kopist bei dem wichtigen Architekturb\u00fcro &#8222;Moran, Morley &#038; Mactran&#8220; erh\u00e4lt. Gleichzeitig lernt er den geheimnisvollen Caylus kennen, der ein Museum f\u00fcr vergessene Dinge und Ideen betreibt. Balestri macht schon bald als Vortragsreisender von sich reden, wettert er doch gegen die Seelen- und Bedeutungslosigkeit moderner Architektur, wie sie sich auch in den Wolkenkratzern der amerikanischen Metropole widerspiegelt. <\/p>\n<p><strong>Phantasie, begraben unter Papierbergen<\/strong><\/p>\n<p>Als Architekt vermag sich Balestri allerdings nicht durchzusetzen. Alle seine Pl\u00e4ne bleiben Papier und w\u00e4ren in Caylus\u00e2\u20ac\u2122 seltsamen Museum besser aufgehoben. Kein einziger Entwurf des Italieners wird in die Wirklichkeit umgesetzt, auch nicht sein ehrgeizigstes Projekt <em>&#8222;Zikkurat&#8220;<\/em> &#8211; ein neuer Turm zu Babel.  Statt dessen bekommt er den Auftrag, innerhalb des Architekturb\u00fcros eine undichte Stelle zu finden. Geheime Pl\u00e4ne und neue Ideen aus dem eigenen Hause werden der Konkurrenz zu gespielt und Balestri soll den Verr\u00e4ter finden. Dazu r\u00fcckt er nicht nur in die obersten Etagen des Architekturb\u00fcros auf, er kommt auch dem Geheimbund der \u00e2\u20ac\u017esechsten Laterne&#8220; auf die Spur. <\/p>\n<p>Was zun\u00e4chst wie ein Spionageroman klingt, entpuppt sich schon auf den ersten Seiten als raffiniertes Spiel mit Literatur. So l\u00e4sst De Santis am Anfang des Roman den jungen Balestri eine Freundschaft mit einem Mann namens Oskar Pollak schlie\u00dfen. Oskar Pollak &#8211; Kafka-Kenner werden es wissen &#8211; war einer der Jugendfreunde des Prager Autors, arbeitete als Kunsthistoriker, meldete sich freiwillig f\u00fcr den Kriegsdienst und starb 1915 an der \u00f6sterreichisch-italienischen Front. Nahezu gleichartig verl\u00e4uft die Lebensgeschichte des Oskar Pollaks, den sich Pablo De Santis ausgedacht hat &#8211; nicht der einzige Bezug zum Leben und Werk Franz Kafkas.<\/p>\n<p>So erinnert jenes streng hierarchisch aufgebaute Architekturb\u00fcro, in dem sich Balestri vom Keller bis zu den obersten Stockwerken hocharbeitet, an die unendlichen G\u00e4nge und Labyrinthe in Kafkas Romanen <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Das Schloss&#8220;<\/span> oder <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Der Process&#8220;<\/span>. Auch die Freundschaft von Balestri zu Caylus, dem Besitzer eines Museums, in dem gescheiterte und vergessene Ideen gesammelt und aufbewahrt werden, zeigt Parallelen zur Freundschaft zwischen Kafka und Max Brod, der ja bekanntlich das literarische Werk seines Freundes aufbewahrte und f\u00fcr die Nachwelt rettete. Das Balestris Architekturpl\u00e4ne zu Lebzeiten nie umgesetzt wurden, erinnert wiederum daran, dass auch Franz Kafka zu Lebzeiten kaum ein literarischer Erfolg verg\u00f6nnt gewesen war, abgesehen von einigen kleineren Publikationen. <\/p>\n<p>Doch <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Die sechste Laterne&#8220;<\/span> ist nicht nur eine wunderbar schr\u00e4ge Hommage an den Prager Dichter und sein Leben, das Buch erweitert auch den Begriff des Kriminalromans oder &#8211; genauer gesagt &#8211; f\u00fchrt ihn auf elegante und sehr kluge Weise zu seinen fast vergessenen Urspr\u00fcngen zur\u00fcck. Die liegen n\u00e4mlich unter anderem auch in der &#8222;vernunftgerechten Phantasie&#8220;, die von ungeheuerlichen, unerh\u00f6rten und unwahrscheinlichen Begebenheiten zu berichten wei\u00df und die, von einem intelligenten Autor in strenge Form gegossen, den Leser \u00fcberzeugen und ihn in ihren Bann ziehen k\u00f6nnen. Pablo De Santis ist so ein intelligenter Autor, der zugleich einen Aspekt zu Tage f\u00f6rdert, der unter den Papierbergen von angeblich realistischer Kriminalliteratur fast vergraben und vergessen wurde: die Macht und Magie der Einbildungskraft. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Pablo De Santis: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Die sechste Laterne<\/span><\/strong> \/ Aus dem Spanischen von Claudia Wuttke. &#8211; Z\u00fcrich : Unionsverlag, 2007<br \/>\nISBN 978-3-293-00372-9<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Pablo De Santis: <span style=\"font-variant: small-caps;\">La sexta l\u00e1mpara.<\/span><\/strong>  &#8211; Buenos Aires : Seix Barral, 2005<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3293003729\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3293003729\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3293003729\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pablo De Santis: Die sechste Laterne Es war der argentinische Dichter Jorge Luis Borges, der die Literatur der &#8222;vernunftgerechten Phantasie&#8220; der Literatur des &#8222;psychologischen Realismus&#8220; gegen\u00fcberstellte. 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