{"id":604,"date":"2007-03-11T16:19:53","date_gmt":"2007-03-11T15:19:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/604\/peter-temple-kalter-august.html"},"modified":"2007-03-11T16:19:53","modified_gmt":"2007-03-11T15:19:53","slug":"peter-temple-kalter-august","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=604","title":{"rendered":"Australischer Stinkefinger"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/kalter_august.jpg\" align=\"right\" hspace=\"10\" alt=\"Kalter August von Peter Temple\" \/><strong>Peter Temple: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Kalter August<\/span><\/strong><\/p>\n<p><em>&raquo;Man will nicht mehr wissen warum, sondern wer.&laquo;<\/em> l\u00e4sst Peter Temple seinen Hauptcharakter Joe Cashin in einem der vorderen Kapitel seines Romans <span style=\"font-variant: small-caps;\">&raquo;Kalter August&laquo;<\/span> sagen. Cashin, ein Polizist aus Melbourne, beantwortet so die Frage seiner Mutter, warum man einen alten, wehrlosen Mann zusammenschlagen muss, wenn man ihn doch &raquo;nur&laquo; ausrauben will? Cashins knappe Antwort, gen\u00e4hrt aus jahrelangem Polizistenfrust, gibt die Richtung des Romans vor, der hierzulande euphorisch von der Kritik aufgenommen wurde: Die Psychologie im Kriminalroman spielt, wenn \u00fcberhaupt, eine untergeordnete Rolle, was z\u00e4hlt sind Fakten und Realismus. Dabei ist es gerade diese \u00dcberbetonung des Realismus, der die Schw\u00e4chen von Temples Roman aufzeigt und die geradezu exemplarisch f\u00fcr viele Polizeiromane sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist der achte Roman des in S\u00fcdafrika geborenen Peter Temple, der 1980 das erste Mal nach Australien kam und dort seit einigen Jahren lebt, eine perfekt erz\u00e4hlte Geschichte. Hauptfigur Joe Cashin ist an den Ort seiner Kindheit zur\u00fcckgekehrt, in das kleine Kaff Port Monro. Hier will er die Erinnerung an seinen letzten Polizeieinsatz hinter sich lassen, bei dem ein junger Kollege ums Leben kam und er selbst schwere Verletzungen davon trug. Um k\u00f6rperliche und seelische Schmerzen zu vergessen, will er das heruntergekommene Haus seines Vorfahren Tommy Cashin wieder herrichten. Doch dann wird Charles Bourgoyne, ein \u00e4lterer und wohlhabender Fabrikant aus dem Ort, brutal in seinem Haus \u00fcberfallen und beraubt. Cashin wird in die Ermittlungen eingebunden und lernt so auch den rassistischen Kollegen Hopgood kennen. <\/p>\n<p>Drei junge Aborigines sollen die T\u00e4ter sein, eine verschwundene Uhr des Opfers f\u00fchrt Cashin und seine Kollegen auf ihre Spuren. Als die Polizisten die Jungs auf offener Stra\u00dfe stellen wollen, kommt es zu einer wilden Schie\u00dferei bei der zwei der drei mutmasslichen R\u00e4uber sterben. Der dritte Junge \u00fcberlebt und wird zun\u00e4chst ins Krankenhaus eingeliefert. Doch dann verschwindet auch er und einige Tage sp\u00e4ter wird seine Leiche an der &raquo;Broken Shore&laquo; genannten K\u00fcste gefunden. F\u00fcr die leitenden Ermittler scheint der Fall damit abgeschlossen &#8211; die mutmasslichen T\u00e4ter sind alle tot und auch ihr Opfer, der alte Charles Bourgoyne hat mittlerweile das Zeitliche gesegnet. Allein Joe Cashin glaubt nicht an die Schuld der drei toten Jungen, sondern unternimmt eigene Nachforschungen und schon bald steht das Opfer als brutaler Kindersch\u00e4nder da, der seine gerechte Strafe bekommen hat.<\/p>\n<p><strong>Ein typischer Roman-Polizist<\/strong><\/p>\n<p>Stilistisch kann Temple durchaus \u00fcberzeugen: Seine Sprache ist reduziert und dicht, knappe Dialoge sind eingebettet in eine gradlinige, einfache Plotf\u00fchrung. Der Roman wird fast ausschlie\u00dflich aus der Sicht des Polizisten Cashin geschildert, wobei Temple chronologisch erz\u00e4hlt, nur unterbrochen durch die Erinnerungen und Flashbacks Cashins, die sehr elegant in die laufende und stetig vorantreibende Handlung eingebunden sind. Mit einfachsten erz\u00e4hlerischen Mitteln erreicht Temple eine gro\u00dfe Wirkung: Kluge und plastische Darstellung des Lebens in einem australischen Kaff &#8211; w\u00e4re da nicht ein arg platter psychologischer Realismus, der so unglaubw\u00fcrdig ist, dass man sich als Leser eher im M\u00e4rchenwald als in der trostlosen, australischen Pampa wieder findet.<\/p>\n<p>Sch\u00e4rfen wir unseren Blick auf Temples Roman durch einen Exkurs in die psychologische Figurenf\u00fchrung des Autors. Cashin ist ein gebrochener Polizist, den bereits zu Beginn des Romans Schuldgef\u00fchle plagen. Er f\u00fchlt sich verantwortlich f\u00fcr den Tod eines jungen Kollegen. Im Laufe der Handlung l\u00e4dt er &#8211; vermeintlich -weitere Schuld auf sich, schlie\u00dflich sterben drei Tatverd\u00e4chtige. Dazu kommen reichlich private Probleme: Cashin ist sich unsicher, ob er der Vater eines unehelichen Kindes ist.  Sein schwuler Bruder Michael unternimmt einen Selbstmordversuch &#8211; und dass, obwohl Cashins Mutter ihn im Vorfeld mehrfach gebeten hatte, sich um Michael zu k\u00fcmmern. Michael wird zwar gerettet, doch nun erf\u00e4hrt Cashin, dass sein Vater, dessen Tod schon l\u00e4nger zur\u00fcck liegt, Selbstmord begangen hat. Au\u00dferdem ist da auch noch ein Landstreicher, den Cashin bei sich zu Hause untergebracht hat. Kurz: Cashin ist ein typischer Roman-Polizist, der beruflich wie privat viel, viel Leid ertragen muss. <\/p>\n<p>Nun kommt ja laut einem Sprichwort ein Unheil selten allein. Mag sein. Als gebrochener Superheld bringt Cashin, trotz all des Leids, dann aber immer noch die Kraft auf, die wahren Hintergr\u00fcnde der Ermordung von Charles Bourgoyne aufzudecken, anstatt allen den Stinkefinger entgegen zu strecken. Das ist ein Menschenbild, dem wir nicht nur sehr oft in modernen Polizeiromanen begegnen sondern das schlichtweg unglaubw\u00fcrdig und gro\u00dfer Murks ist. Der Altruismus ist nicht tot, er lebt in den Figuren &raquo;realistischer&laquo; Polizeiromane weiter. <\/p>\n<p>Peter Temple mag ein guter Stilist sein, wobei auch hier leise Zweifel angebracht sind, denn Betonungen wie &raquo;Broken Shore&laquo; (gebrochene K\u00fcste) oder &raquo;Hop(e)good&laquo; (hoffe auf Gutes) als Name f\u00fcr einen rassistischen und korrupten Polizisten sind schon hart an der Grenze zum Kitsch. Nicht gelungen sind ihm auf jeden Fall realistische und glaubw\u00fcrdige Charaktere. Es kommt eben nicht nur auf das einfache &raquo;Wer?&laquo;, sondern auch auf ein nachvollziehbares &raquo;Warum?&laquo; an.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Peter Temple: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Kalter August <\/span><\/strong>\/ Deutsch von Hans M. Herzog. &#8211; M\u00fcnchen : C. Bertelsmann, 2007<br \/>\nISBN 978-3-570-00950-5<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Peter Temple: <span style=\"font-variant: small-caps;\">The Broken Shore<\/span><\/strong>. &#8211; Melbourne : The Text Publishing Company, 2005<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3570009505\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3570009505\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3570009505\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Temple: Kalter August &raquo;Man will nicht mehr wissen warum, sondern wer.&laquo; l\u00e4sst Peter Temple seinen Hauptcharakter Joe Cashin in einem der vorderen Kapitel seines Romans &raquo;Kalter August&laquo; sagen. 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