{"id":822,"date":"2007-07-10T23:13:02","date_gmt":"2007-07-10T21:13:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/822\/barbara-vine-aus-der-welt.html"},"modified":"2007-07-10T23:13:02","modified_gmt":"2007-07-10T21:13:02","slug":"barbara-vine-aus-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=822","title":{"rendered":"Famili\u00e4rer Schrecken"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/aus_der_welt.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Aus der Welt Barbara Vine\" \/> <strong>Barbara Vine: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Aus der Welt<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Das l\u00e4ndliche Essex Ende der 1960er Jahre: Die junge Schwedin Kerstin Kvist nimmt eine Stellung bei der Familie Cosway an. Auf deren Landsitz Lydstep Old Hall leben neben dem Familienoberhaupt Julia Cosway noch ihre drei unverheirateten T\u00f6chter Ida, Ella und Winifred sowie der psychisch kranke Sohn John. Der 39-j\u00e4hrige Mann sei schizophren, wird von Mrs. Cosway behauptet, und da sie aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters die Pflege des Mannes nicht mehr vollst\u00e4ndig \u00fcbernehmen kann, soll Kerstin ihn betreuen. Als gelernter Krankenschwester kommen der jungen Schwedin jedoch schon recht bald Zweifel an der Diagnose des Hausarztes Dr. Lombard, der nicht nur der Liebhaber von Julia Cosway, sondern auch der uneheliche Vater von Julia Cosways vierter Tochter Zorah ist. Es wird nicht das letzte Familiengeheimnis bleiben, dem Kerstin auf der Spur ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Je l\u00e4nger Kerstin, die eigentlich nur aus Liebe zu ihrem Freund Mark nach England gekommen ist, im d\u00fcsteren Landhaus der Familie Cosway lebt, desto eigenwilliger und verdrehter erscheinen ihr die Familienmitglieder. Da ist die bereits verwitwete Zorah, die ihren Hass auf ihre Mutter und ihren leiblichen Vater Dr. Lombard nur schwer z\u00fcgeln kann. Zorah, eigentlich das schwarze Schaf der Familie, konnte sich durch eine g\u00fcnstige Heirat fr\u00fch aus den famili\u00e4ren Klauen befreien, ist nach dem Tod ihres Mannes finanziell unabh\u00e4ngig und nutzt nun jede Gelegenheit, ihre Mutter zu dem\u00fctigen. Julia Cosway wiederum schikaniert ihre T\u00f6chter, die noch in ihrem Hause leben. So fristet Ida in dem d\u00fcsteren Gem\u00e4uer das Dasein einer Dienstmagd. Ella und Winifred liegen st\u00e4ndig im Streit und lieben, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, den gleichen Mann. Schlie\u00dflich ist da noch der stille John, der mit Medikamenten, die ihm Dr. Lombard verschreibt und die ihm von seiner Mutter vehement verabreicht werden, ruhig gestellt wird. <\/p>\n<p>Dieser allt\u00e4gliche Wahnsinn, an den sich Kerstin nicht gew\u00f6hnen kann und deren Gr\u00fcnde sie erst nach und nach erkundet, findet zun\u00e4chst ein Ende, als die Matriarchin Julia Cosway auf der Treppe st\u00fcrzt &#8211; angeblich geschubst von ihrem Sohn John &#8211; und f\u00fcr einige Zeit im Krankenhaus liegen muss. In dieser Zeit widersetzt sich John der Einnahme der verordneten Medizin und Kerstin unterst\u00fctzt ihn dabei, schlie\u00dflich hegt sie Zweifel an der Diagnose Schizophrenie. John kann mit Hilfe von Kerstin seine alte Gewohnheit wieder aufnehmen: Stundenlang verbringt er in der Bibliothek des Landhauses, die wie ein Labyrinth angeordnet ist. In dieser Abgeschiedenheit l\u00f6st er schwierigste mathematische Probleme, w\u00e4hrend sich die anderen Familienmitglieder weiter einen t\u00e4glichen Psychokrieg leisten. Als die Mutter wieder aus dem Krankenhaus kommt, nehmen die Spannungen immer mehr zu und ein erbitterter Streit um eine Druse f\u00fchrt sogar zu einem Todesopfer.<\/p>\n<p><strong>Fein dosierter Psychohorror<\/strong><\/p>\n<p>Barbara Vine, das Pseudonym von Ruth Rendell, unter dem sie bislang elf psychologische Romane ver\u00f6ffentlicht hat, erweist sich auch im zw\u00f6lften Band als versierte Sch\u00f6pferin von eigenwilligen Figuren. Deren Gegens\u00e4tze und seelischen Abgr\u00fcnde, ihre allt\u00e4glichen Gemeinheiten, ihre verbalen Verletzungen und Scharm\u00fczel, treiben das erz\u00e4hlerische Tempo stetig und mit einer sanften Steigerung voran. Verst\u00e4rkt wird dieser fein dosierte Psychohorror noch durch die Zeit und den Ort, an dem Barbara Vine ihre Geschichte spielen l\u00e4sst. W\u00e4hrend im London der \u00e2\u20ac\u017eSwinging Sixties&#8220; der Minirock, die Beatles und die sexuelle Revolution das Geschehen bestimmen, ticken die Uhren auf dem Lande anders. Gesellschaftlicher Stand und verlogene Moralvorstellungen sind hier wichtiger als pers\u00f6nliche Entfaltung. Die Kulisse von Lydstep Old Hall, mit seinen verschlossenen T\u00fcren und dem geheimnisvollen Bibliothekslabyrinth, verst\u00e4rkt diesen zeitlichen Bruch noch einmal. Das Kerstin im Roman englische Klassiker wie <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u017eDie Frau in Wei\u00df&#8220;<\/span>, <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u017eJane Eyre&#8220;<\/span> oder <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u017eGro\u00dfe Erwartungen&#8220;<\/span> liest oder erw\u00e4hnt, ist sicherlich kein Zufall. Verst\u00e4rken sie doch &#8211; wenn auch wenig elegant &#8211; die d\u00fcstere Grundstimmung. <\/p>\n<p>Im Vordergrund stellt die Autorin aber ihre Figuren, die ihr Leid und ihren Schrecken aus sich selbst zu sch\u00f6pfen scheinen. Der allt\u00e4gliche Familienterror und die st\u00e4ndig sp\u00fcrbare Abneigung zu einander &#8211; bei Barbara Vine kommen sie nicht von au\u00dfen, zumindest nicht prim\u00e4r. Sie sind in den Figuren fast schon un\u00fcberwindbar angelegt und steuern direkt auf eine Katastrophe zu. Nur das Eingreifen von au\u00dfen, in diesem Fall durch die junge Schwedin Kerstin, scheint Bewegung in die starren Fronten zu bringen. Allerdings mit der Gefahr, dass dies Kr\u00e4fte freisetzt, die nicht mehr kontrollierbar sind. Somit ist <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u017eAus der Welt&#8220;<\/span> kein Psychothriller oder -krimi, aber es ist eine anregende und dichte Studie \u00fcber eine zerst\u00f6rte Familie, die hilflos mit ansehen muss, wie ihre Fassade nach und nach br\u00f6ckelt und wie einige ihrer Mitglieder daran zugrunde gehen.   <\/p>\n<blockquote><p><strong>Barbara Vine: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Aus der Welt<\/span><\/strong>. &#8211; Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. &#8211; Z\u00fcrich : Diogenes, 2007<br \/>\nISBN 978-3-257-06550-3<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Barbara Vine: <span style=\"font-variant: small-caps;\">The Minotaur<\/span><\/strong>. &#8211; London : Viking Penguin, 2005<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3257065507\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3257065507\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3257065507\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barbara Vine: Aus der Welt Das l\u00e4ndliche Essex Ende der 1960er Jahre: Die junge Schwedin Kerstin Kvist nimmt eine Stellung bei der Familie Cosway an. Auf deren Landsitz Lydstep Old Hall leben neben dem Familienoberhaupt Julia Cosway noch ihre drei unverheirateten T\u00f6chter Ida, Ella und Winifred sowie der psychisch kranke Sohn John. Der 39-j\u00e4hrige Mann [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[72,157,276,420],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/822"}],"collection":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=822"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/822\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=822"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=822"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=822"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}