{"id":825,"date":"2007-07-15T16:13:33","date_gmt":"2007-07-15T14:13:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/825\/jan-costin-wagner-das-schweigen.html"},"modified":"2007-07-15T16:13:33","modified_gmt":"2007-07-15T14:13:33","slug":"jan-costin-wagner-das-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=825","title":{"rendered":"Kaltes Kunstprodukt"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/das_schweigen.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Das Schweigen von Jan Costin Wagner\"> <strong>Jan Costin Wagner: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Das Schweigen<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Der Titel h\u00e4lt, was er verspricht: Auf den \u00fcber 280 Seiten des neuen Romans von Jan Costin Wagner herrscht eisiges Schweigen vor. Kein Geplapper, kein \u00fcberfl\u00fcssiges Wort, daf\u00fcr knappe, funkelnde Deskription von Seelenzust\u00e4nden und wohlgeschliffene Dialoge in Halbs\u00e4tzen. Angesichts der Verbrechen, die im Roman beschrieben werden, ist jene beredete Stille verst\u00e4ndlich. Sinikka Vehkasalo, ein junges M\u00e4dchen aus dem finnischen Turku, ist verschwunden und zwar genau an jener Stelle, an der vor 33 Jahren schon einmal ein M\u00e4dchen, Pia Lehtinen, verschwand.  Monate sp\u00e4ter wurde ihre Leiche aus einem See gezogen. Ein Kreuz auf dem Feld, auf dem Pia vergewaltigt und ermordet wurde, erinnert nicht nur den damals ermittelnden Kommissar Ketola dran, dass der Fall nie aufgekl\u00e4rt wurde. 33 Jahre sp\u00e4ter ist Ketola im Ruhestand und sein ehemaliger Kollege Kimmo Joentaa soll nun die verschwundene Sinikka finden. Blutspuren an jener Stelle, an der schon Pia starb, lassen vermuten, dass auch Sinikka nicht mehr lebt. Ob es der gleiche M\u00f6rder wie damals war oder ob ein Nachahmungst\u00e4ter am Werk ist, muss Joentaa kl\u00e4ren. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Doch Kimmo Joentaa erscheint nach wie vor lethargisch: Schon in seinem ersten Fall \u00e2\u20ac\u017eEismond&#8220; trauerte er um seine an Krebs verstorbene Frau Sanna und Jan Costin Wagner zieht dieses Motiv auch im aktuellen Roman durch. In Tagtr\u00e4umen und Erinnerungsfetzen erscheint dem traurigen Kommissar seine Frau immer wieder. Es ist ein belastendes, ein l\u00e4hmendes Gedenken. Auch Timo Korvensuo plagen Erinnerungen: Er ist der Mitt\u00e4ter, der vor 33 Jahren regungslos der Ermordung von Pia zugesehen hat und dessen Gedanken im Wechsel mit der Perspektive von Joentaa geschildert weden. Korvensuo ist mittlerweile Familienvater und erfolgreicher Immobilienmakler. Gleichzeitig sammelt er aber auch Kinderpornos auf seinem Computer. Fernsehberichte \u00fcber die verschwundene Sinikaa lassen in ihm die Bilder von fr\u00fcher wieder aufsteigen. Verzweifelt sucht er den eigentlichen M\u00f6rder auf, doch auch bei ihm findet er keinen Seelenfrieden. Schlie\u00dflich spricht er mit der Mutter der ermordeten Pia  und  ger\u00e4t so in eine raffiniert aufgebaute Falle, die der Ex-Kommissar Ketola zusammen mit Pias Mutter ersonnen hat. <\/p>\n<p><strong>Erstarrte Psychogramme<\/strong><\/p>\n<p>Das alles mag zun\u00e4chst so klingen, als habe Jan Costin Wagner einen der g\u00e4ngigen Psycho-Thriller geschrieben. Davon ist das Buch jedoch genauso weit entfernt, wie von guter (Kriminal-)Literatur. \u00e2\u20ac\u017eDas Schweigen&#8220; ist ein hochgez\u00fcchtetes Kunstprodukt und zwar im negativen Sinne. Man mag zun\u00e4chst begeistert sein, wie wohldurchdacht nicht nur der auf das Notwendigste reduzierte Plot gestrickt ist, sondern auch, wie in fast jedem einzelnen Satz eine gewisse Spannung liegt. Genau das entwickelt sich aber zu einem der Schwachpunkte des Romans. Nicht nur, dass ein solches Stilmittel auf Dauer erm\u00fcdet, Wagners S\u00e4tze erscheinen zudem derart r\u00e4tselhaft und bedeutungsschwanger, dass man versucht ist, hinter jedem Punkt zu fragen, was uns der Autor damit wohl sagen wollte. Die Antwort ist klar: Hier wird gro\u00dfe Literatur geschrieben, die sich mit den letzten Dingen besch\u00e4ftigt. Dagegen gibt es keinen Einwand, doch Wagner produziert, ausgestattet mit \u00fcberbordendem Ehrgeiz, ein gro\u00dfes, steriles Vakuum.<\/p>\n<p>Stilistische Mittel wie innerer Monolog oder verknappte Dialoge werden von Wagner derart strapaziert, dass kaum Platz f\u00fcr Handlung und seinen Figuren nicht ein Hauch zum Atmen bleibt. Das ist vielleicht der gr\u00f6\u00dfte Widerspruch des Romans: Trotz der Beschreibung von Gef\u00fchlen wie Angst oder Wut und der immer in Bruchst\u00fccken dargestellten Seelenlandschaften, erschafft der Autor blutleere Charaktere, zu Papier erstarrte Psychogramme, die jeglichen Bezug zur Wirklichkeit und echten Menschen verloren haben. Es sind Figuren, die vom Autor auf ihre Funktionalit\u00e4t eingeengt und reduziert wurden und keinen Freiraum lassen, weder sich selbst noch dem Leser. <\/p>\n<p>Wagners Welt ist ein eiskalter Kunstkosmos, der alle Br\u00fccken zu realen Verbrechen, zu echten T\u00e4tern und Opfern abgebrochen hat. Die Grenzen zur fiktionalen Erh\u00f6hung, zur Verdichtung oder zur literarischen Zuspitzung hat Wagner weit hinter sich gelassen. So wie Figuren nur noch funktionieren, so ist die Methode dem Autor wichtiger, als das, was er mit ihr erz\u00e4hlen will. Daher ist es auch letztlich egal, ob es sich bei \u00e2\u20ac\u017eDas Schweigen&#8220; noch um einen Krimi handelt. Entscheidender ist die Frage, ob es sich \u00fcberhaupt noch um Literatur handelt, oder ob es nur noch ein Zerrbild von Literatur ist, ein zur Sprachpose verkommenes Kunstprodukt. Ich denke, dass ich meine Antwort gefunden habe. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Jan Costin Wagner: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Das Schweigen<\/span><\/strong>. &#8211; Berlin : Eichborn Berlin, 2007<br \/>\nISBN-13: 978-3-8218-0757-7<\/p>\n<p><strong>Link:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.jan-costin-wagner.de\/\" target=\"_blank\">&rarr; Die Homepage von Jan Costin Wagner<\/a><\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3821807571\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3821807571\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3821807571\">\u00bb buch24.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Costin Wagner: Das Schweigen Der Titel h\u00e4lt, was er verspricht: Auf den \u00fcber 280 Seiten des neuen Romans von Jan Costin Wagner herrscht eisiges Schweigen vor. 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