{"id":838,"date":"2007-08-08T22:52:38","date_gmt":"2007-08-08T20:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/838\/jenni-mills-grab-aus-stein.html"},"modified":"2007-08-08T22:52:38","modified_gmt":"2007-08-08T20:52:38","slug":"jenni-mills-grab-aus-stein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=838","title":{"rendered":"Unterirdisches Schattenspiel"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/grab_aus_stein.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Grab aus Stein von Jenni Mills\" \/><strong>Jenni Mills: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Grab aus Stein<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Stillgelegte Minen und vom Einsturz bedrohte H\u00f6hlen sind ein ziemlich sicherer Garant f\u00fcr G\u00e4nsehaut, zumindest aber f\u00fcr ein gewisses Unwohlsein bei den meisten Menschen. Wer &#8211; au\u00dfer einigen wenigen Geologen oder H\u00f6hlenforschern &#8211; steigt schon gerne in die dunklen und engen G\u00e4nge hinab, um dort zum Beispiel Ammoniten oder andere urzeitliche Sch\u00e4tze ans Tageslicht zu holen. Ein stillgelegter Kalksteinbruch als Schauplatz f\u00fcr einen Krimis ist somit eigentlich eine gelungene Szenerie und ein guter Ausgangspunkt f\u00fcr eine spannende und unterhaltende Geschichte. Doch der Schauplatz ist eben nicht alles, wie man zum Beispiel an dem Deb\u00fctroman der britischen Autorin Jenni Mills schnell erkennen muss.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u017eGrab aus Stein&#8220;<\/span> vor allem unter Tage spielt, sorgt zun\u00e4chst einmal f\u00fcr ein spannende Grundstimmung. Auch der Beruf von Hauptfigur und Ich-Erz\u00e4hlerin Kit Parry ist raffiniert gew\u00e4hlt: Jenni Mills gibt ihrer Heldin den sch\u00f6nen und seltenen Job der Bergbauingenieurin. Trotz Emanzipation ist Bergbau auch heute noch eine echte, kernige und gef\u00e4hrliche M\u00e4nnerangelegenheit. Kaum hat Kit ihren Job in Bath angetreten, um dort mit einem Team die unter der Stadt liegenden alten Steinbr\u00fcche zu f\u00fcllen und zu stabilisieren, bekommt sie auch schon \u00c4rger. Die Bergarbeiter weigern sich, mit ihr unter Tage zu gehen, weil Frauen &#8211; ein alter Aberglaube bei Bergleuten &#8211; in Mienen und Sch\u00e4chten nur Ungl\u00fcck bringen. Der Geschlechterkonflikt setzt sich auch \u00fcberirdisch fort: Kit erh\u00e4lt einen anonymen Brief mit widerlichen, pornografischen Fotos, auf denen Frauen gequ\u00e4lt werden. Dies weckt in der jungen Frau Erinnerungen an ihre ungl\u00fcckliche Kindheit, die sie ausgerechnet in Bath verlebt hat und in der sie von ihrem j\u00e4hzornigen Vater gr\u00fcn und blau geschlagen wurde. <\/p>\n<p>Womit wir bei der zweiten Erz\u00e4hlebene des Romans w\u00e4ren. Ausf\u00fchrlich wird von der Autorin Kits Martyrium w\u00e4hrend ihrer Kinder- und Jugendtagen geschildert. Ihre Mutter, so die vom Vater gepflegte Legende, habe Mann und Tochter einfach sitzen gelassen und sei mit einem Soldaten geflohen. Die junge Kit macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter und durchsteht gleichzeitig die ersten Leiden der Pubert\u00e4t. W\u00e4hrenddessen geht ihr Vater ein Verh\u00e4ltnis mit einer jungen Bibliothekarin ein. Die Lage spitzt sich zu, als Kit nach einer gemeinsamen Party, die ihre Freundinnen Trish und Poppy f\u00fcr sie arrangiert hatten, vor ihrem pr\u00fcgelnden Vater fl\u00fcchtet und ausgerechnet in den unterirdischen Kalksteinbr\u00fcchen von Bath eine grausige Entdeckung macht. <\/p>\n<p><strong>Lustlos postiert<\/strong><\/p>\n<p>Wem das noch nicht Schauer genug ist, bekommt von Autorin Mills noch eine kleine Portion Mystery auf den Weg. Die allerdings spielt wiederum in der Gegenwart und handelt von einem alten Mithras-Tempel, der m\u00f6glicherweise in dem alten Kalksteinbruch verborgen liegt. Kit entdeckt w\u00e4hrend ihrer Arbeit Zeichnungen an den Kalkw\u00e4nden. Sie erz\u00e4hlt ihrem &#8211; schwulen &#8211; Freund Martin, seines Zeichens Arch\u00e4ologe, davon. Der l\u00e4sst nicht locker und seine Neugier f\u00fchrt ihn in die engen und gef\u00e4hrlichen G\u00e4nge unter der Stadt und fast sogar in den Tod. Showdown, Ende. <\/p>\n<p>Reicht das an Klischees? Wenn nicht, es g\u00e4be da noch einige mehr, die ich noch nicht erw\u00e4hnt habe. Etwa die wiedergefunden Jugendliebe von Kit: Gary Bennet, einst unnahbarer Nachbarsjunge, ist jetzt der Vorarbeiter, mit dem Kit als Bergbauingenieurin zusammen t\u00e4tig ist und nat\u00fcrlich erkennt er sie nicht wieder. Oder er tut zumindest so. Auch die garstige Trish &#8211; erst Freundin, sp\u00e4ter wird sie sogar noch Stiefschwester &#8211; die Kit ihren ersten Mann Nick ausspannt, w\u00e4re da zu nennen. <\/p>\n<p>Was bei Jenni Mills sehr schnell deutlich wird, ist ihre Unf\u00e4higkeit, reale Figuren zu schaffen. So gruselig und beklemmend die Szenerie der unterirdischen H\u00f6hlen und G\u00e4nge auch sein mag, so schablonenhaft sind die Charaktere, die Mills in dieser Szenerie agieren l\u00e4sst.  Diese Ansammlung von Stereotypen ist um so bedauerlicher, da die Autorin eine ganz passable Erz\u00e4hlerin ist, wenn es um reine Deskription geht. Das westenglische Bath und seine Landschaft, die Kluft zwischen l\u00e4ndlichem Mief und sexueller Aufbruchsstimmung in den 1970er Jahren sowie das ahnungsvolle und betretene Schweigen der Erwachsenen, die wissen, dass Kit von ihrem Vater misshandelt wird aber nicht eingreifen, schildert Mills recht anschaulich. Leider scheitert sie dann aber an der F\u00fchrung ihrer Charaktere, die sie reichlich lustlos in ihre Romanlandschaft postiert.<\/p>\n<p><strong>Romanfigurendarstellerin in der Opferrolle<\/strong><\/p>\n<p>Wo ihre Vorg\u00e4ngerinnen und vermutete Vorbilder wie Barbara Vine oder Joan Aiken, die im Klappentext als Vorreiter der englischen \u00e2\u20ac\u017eSuspense Schule&#8220; genannt werden (was immer man sich unter \u00e2\u20ac\u017eSuspense Schule&#8220; nun auch vorstellen soll), mit psychologischen Seelenzeichnungen aufwarten, mit Charakteren, die durch Tiefe sowie durch Ecken und Kanten zu \u00fcberraschen und in der Regel auch zu \u00fcberzeugen wissen, beherrschen bei Mills eindimensionale Figuren aus dem Horrorkabinett des Kriminalromans das Geschehen. Vom besten, schwulen Freund \u00fcber einen schmierigen, perversen Kollegen bis hin zur verschm\u00e4ten Jugendliebe, geistern ausgestanzte Gestalten durchs Bild &#8211; keine Menschen.<\/p>\n<p>Besonders abgegriffen wirkt aber die Hauptdarstellerin &#8211; Romanfigurendarstellerin w\u00e4re eigentlich das richtige Wort &#8211;  der Geschichte, Kit Parry. Als M\u00e4dchen vom Vater geschlagen, als Frau von ihrem Ehemann betrogen, als Ingenieurin in der M\u00e4nnerwelt gemobbt &#8211; mehr Opferrolle geht nun wirklich nicht und vor allem ist das auch ihre einzige Funktion, auf die sie die Autorin reduziert. Fazit: Eine interessante B\u00fchne alleine recht eben nicht, wenn flache Figuren darin h\u00f6lzern agieren &#8211; es bleibt ein langweiliges Schattenspiel ohne Sch\u00e4rfe und Kontur. Schade.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Jenni Mils: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Grab aus Stein<\/span><\/strong> \/ Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder von der Tann, Alice Jakubeit und Margarete L\u00e4ngsfeld. &#8211; K\u00f6ln : Dumont, 2007<br \/>\nISBN 13: 978-8321-8008-9<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Jenni Mills : <span style=\"font-variant: small-caps;\">Crow Stone<\/span><\/strong>. &#8211; London : HarperCollins, 2007<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3832180087\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3832180087\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3832180087\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenni Mills: Grab aus Stein Stillgelegte Minen und vom Einsturz bedrohte H\u00f6hlen sind ein ziemlich sicherer Garant f\u00fcr G\u00e4nsehaut, zumindest aber f\u00fcr ein gewisses Unwohlsein bei den meisten Menschen. 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