{"id":839,"date":"2007-08-12T18:07:34","date_gmt":"2007-08-12T16:07:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/839\/gillian-flynn-cry-baby.html"},"modified":"2007-08-12T18:07:34","modified_gmt":"2007-08-12T16:07:34","slug":"gillian-flynn-cry-baby","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=839","title":{"rendered":"Platzpatrone: Psycho-Papp-Thriller"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/cry_baby.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Cry Baby Gillian Flynn\" \/><strong>Gillian Flynn: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Cry Baby<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Seit einiger Zeit bringt der Frankfurter Scherz-Verlag seine Hardcover-Krimis und -Thriller mit metallisch gl\u00e4nzenden Schutzumschl\u00e4gen heraus. Ob Elizabeth Corleys letzter Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">Sine Culpa<\/span>, Andrew Gross Thriller <span style=\"font-variant: small-caps;\">Blut und L\u00fcge<\/span> oder Gillian Flynns vielgelobtes Deb\u00fct <span style=\"font-variant: small-caps;\">Cry Baby<\/span> &#8211; es sind Hochglanzprodukte in edlen Gew\u00e4ndern, very stylish. \u00c4u\u00dferlich. \u00e2\u20ac\u017eDon\u00e2\u20ac\u2122t choose a book by its cover&#8220; &#8211; diese alte Leserweisheit gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Edelschwarten aus dem Hause Scherz und vor allem f\u00fcr Gillian Flynns <span style=\"font-variant: small-caps;\">Cry Baby<\/span>. Der Roman, dessen Originalausgabe <span style=\"font-variant: small-caps;\">Sharp Objects<\/span> f\u00fcr mehrere Krimipreise nominiert war und sogar den \u00e2\u20ac\u017e<a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/819\/duncan-lawrie-dagger-2007-die-gewinner.html\">Ian Fleming Steel Dagger&#8220;<\/a> der britischen Crime Writers Association (CWA) abr\u00e4umen konnten, ist exakt das, was der Kritiker Thomas W\u00f6rtche als <a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/woertche\/einzelteile\/design.htm\">\u00e2\u20ac\u017eDesigner-Krimi&#8220;<\/a> bezeichnet: Zur hohlen Form verkommenes Easy-Reading, hier mit der Extraportion Abartigkeit.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Diese Abartigkeit liegt zun\u00e4chst in der Art der Morde: Innerhalb von mehreren Monaten werden in dem kleinen Kaff Wind Gap, im US-Bundesstaat Missouri gelegen, zwei M\u00e4dchen ermordet. Beiden wurden die Z\u00e4hne gezogen. Die Zeitungsjournalistin Camille Preaker, selbst in dem Ort aufgewachsen, wird von ihrem Vorgesetzten in die Stadt geschickt, um \u00fcber die Morde Reportagen zu schreiben. F\u00fcr Camille bedeutet dieser Auftrag eine Reise in ihre eigene Vergangenheit und vor allem eine Konfrontation mit ihrer herrschs\u00fcchtigen Mutter. Adora verabscheute ihre erstgeborene Tochter, w\u00e4hrend sie ihre zweite Tochter Marian abg\u00f6ttisch liebte. Doch Marian ist tot, an einer mysteri\u00f6sen Krankheit gestorben. Als Camille ihre Familie wiedersieht, begegnet sie auch ihrer Halbschwester Amma, die dritte Tochter von Adora. <\/p>\n<p>Die aufs\u00e4ssige Amma, gerade mal 13 Jahre alt, terrorisiert ihre Familie und ihre Freundinnen. Als h\u00fcbsches M\u00e4dchen schart sie eine Gruppe von M\u00e4dchen um sich, die wie b\u00f6sartige Hexen durch den kleinen Ort ziehen und jeden verspotten. Nur eine der psychischen St\u00f6rungen, die Gillian Flynn f\u00fcr ihr Tochter-Mutter-Drama aus dem Hut zaubert. Da w\u00e4re zum Beispiel Camilles selbstverletzendes Verhalten (SVV), das sie w\u00e4hrend ihrer Teenagerzeit an den Tag legte. Bis auf ihr Gesicht ist ihr ganzer K\u00f6rper mit Narben \u00fcbers\u00e4t. Mit spitzen Gegenst\u00e4nden &#8211; daher auch der Originaltitel &#8211;  hat sie sich alle m\u00f6glichen W\u00f6rter in die Haut geritzt. Dabei verzichtet Autorin Flynn nicht auf die platte und d\u00fcmmliche Verbindung, in der sie der schreibenden Autoaggression ihrer Hauptfigur durchaus eine Orientierung f\u00fcr die Entscheidung Camilles, Journalistin zu werden, zuschreibt. Aus dem Lehrbuch der Psychologie stammt dann auch die St\u00f6rung, unter der Camilles Mutter leidet: Das M\u00fcnchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Marian, Camilles zweite Schwester, ist n\u00e4mlich nur deshalb gestorben, weil Adora ihre &#8211; eigentlich gesunde &#8211; Tochter zu Tode gepflegt hat, um selbst Aufmerksamkeit zu bekommen. K\u00f6nnte also Camilles Mutter auch die M\u00f6rderin der beiden M\u00e4dchen sein? Die Antwort findet sich in einem Puppenhaus, in dem die Z\u00e4hne der ermordeten M\u00e4dchen entdeckt werden&#8230;<\/p>\n<p><strong>Widerliche Wichsvorlage<\/strong><\/p>\n<p>Blutende Hautnarben, ausgezogene Z\u00e4hne, eine mordende Mutter &#8211; all das wird von Autorin Flynn stilstisch glatt geb\u00fcgelt aufbereitet. Gelegentlich wird es eklig und manchmal muffelt es auch, etwa wenn Camille Sex (!) mit dem ermittelnden Polizisten hatte, aber ansonsten sind diese mordenden und b\u00f6swiligen Furien zur sterilen Psychofratze verkommen. Trotz all der ach so abscheulichen Morde, trotz der Scheinheiligkeit hinter den Fassaden einer amerikanischen Kleinstadt, trotz all der exotischen und tabuisierten Geisteskrankheiten, bleibt der Roman so harmlos wie eine Fahrt in der Geisterbahn. Mit reichlich Psychopopanz inszeniert Flynn eine fade und vorhersehbare Geschichte, die eigentlich nur eines ist: Eine widerliche Wichsvorlage zur seelenlosen Befriedigung der Sensationslust des Lesers. <\/p>\n<p>Es geht der Autorin nicht darum, ernsthaft Menschen mit wirklichen Problemen darzustellen, es geht ihr auch nicht um die fiktive Aufbreitung von Kriminalit\u00e4t, es geht ihr noch nicht einmal darum, eine spannende Geschichte zu erz\u00e4hlen. Gillian Flynn geht es nur darum, aus vermeintlich totgeschwiegenen Themen wie weiblicher Autoaggression schriftstellerisches Kapital zu schlagen. Welche au\u00dfergew\u00f6hnliche Psychost\u00f6rung wurde noch nicht durch gehechelt? Welche perverse Mordmethode fehlt noch im Reigen der Psycho-Papp-Thriller? Und wie kann man das alles sch\u00f6n sauber an die Leser bringen, ohne dass es ihnen weh tut? B\u00fccher wie <span style=\"font-variant: small-caps;\">Cry Baby<\/span> sind einfach nur zum Kotzen &#8211; da hilft die Hochglanzaufmachung des Schutzumschlages auch nicht. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Gillian Flynn: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Cry Baby<\/span><\/strong> : Thriller \/ Aus dem Amerikanischen von Susanne Goga-Klinkenberg. &#8211; Frankfurt am Main : Scherz, 2007<br \/>\nISBN 978-3-502-10094-2<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Gillian Flynn: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Sharp Objects<\/span><\/strong>. &#8211; New York : Shaye Areheart Books, 2006.\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gillian Flynn: Cry Baby Seit einiger Zeit bringt der Frankfurter Scherz-Verlag seine Hardcover-Krimis und -Thriller mit metallisch gl\u00e4nzenden Schutzumschl\u00e4gen heraus. 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