{"id":90,"date":"2005-03-21T16:58:28","date_gmt":"2005-03-21T15:58:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=90"},"modified":"2005-03-21T16:58:28","modified_gmt":"2005-03-21T15:58:28","slug":"krimi-vs-realitat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=90","title":{"rendered":"Krimi vs. Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><em><\/p>\n<blockquote><p>Was ist eigentlich \u00e2\u20ac\u0153realit\u00e4tst\u00fcchtig&#8220;? \u00dcber den Realismusbegriff sind in den 80er und 90er Jahren Doktorarbeiten geschrieben worden, die schon damals ziemlich l\u00e4cherlich waren. Realit\u00e4t ist das, was in einem Text steht. Punkt. Wenn zwei Engel am Horizont fliegen und die Wei\u00dfw\u00fcrste nach Bier schmecken und Muckis machen, dann ist das halt die WIrklichkeit des Romans. Meinetwegen auch des Krimis. <\/p><\/blockquote>\n<p><\/em><\/p>\n<p>schreibt dpr in seinem <a href=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/index.php?p=88#comments\">Kommentar<\/a> zu meinen Eintrag zur <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/index.php\" target=\"_blank\">Crime-School<\/a>.<br \/>\nNun, die Diskussion um Realismus im Krimi ist in der Tat schon alt. Der Begriff &#8222;realit\u00e4tst\u00fcchtig&#8220; fiel mir in einigen Rezensionen von <a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/woertche.htm\">Thomas W\u00f6rtche <\/a> auf. Ich <strong>interpretiere<\/strong> diesen Begriff in Bezug auf Kriminalliteratur vor allem als eine Aussage in Bezug auf Plausibilit\u00e4t und Glaubhaftigkeit. Kriminialliteratur wird &#8211; sp\u00e4testens seit dem Aufkommen des sogenannten Soziokrimis &#8211;  immer wieder (auch) als Gesellschaftsroman gesehen. Einige Interpreten gehen sogar soweit zu sagen, dass er die einzige, moderne Form des Gesellschaftsromans sei und\/oder behaupten, der Kriminalroman k\u00f6nne die menschlichen Realit\u00e4ten glaubw\u00fcrdig kritisieren. <a href=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/index.php?p=24\">Sj\u00f6wall\/Wahl\u00f6\u00f6 <\/a>etwa nutzten die Form des Kriminalromans, um Kritik am schwedischen Polizeisystem und letztlich an der Politik ihres Landes zu \u00fcben. Das hier die &#8211; bis dahin oft recht simple Form der Spannungsliteratur &#8211; manchmal \u00fcberfordert war, scheint mir nicht von der Hand zu weisen. Andererseits gab dies dem Kriminalroman neue Impulse und Richtungen &#8211; der Kriminalroman und seine \u00c4sthetik wuchs  an der Aufgabenstellung, gesellschaftspoltische Positionen zu beziehen. <\/p>\n<p><strong>Der verklemmte Krimileser<\/strong><\/p>\n<p>Heute wird dar\u00fcber gerne die Nase ger\u00fcmpft, weil Kriminalliteratur ja vor allem als Unterhaltungsliteratur gesehen wird. Ich denke, diese Trennung zwischen reiner Unterhaltung und sogenannter &#8222;hoher&#8220; Literatur hat sich \u00fcberlebt &#8211; auch wenn es nat\u00fcrlich nach wie vor f\u00fcr beides Bespiele gibt. Es spricht ja nichts dagegen, wenn mich ein Krimi gleichzeitig unterh\u00e4lt <strong>und<\/strong> aufkl\u00e4rt, spannend<strong> und <\/strong>schlau zugleich ist. Realismus oder &#8222;realit\u00e4tst\u00fcchtig&#8220; ist in diesem Zusammenhang vor allem eine Frage der Logik, der Nachvollziebarkeit, der Glaubhaftigkeit. Das tats\u00e4chliche Morde im Polizeialltag eher tragisch, traurig und trist, meistens aber nicht spannend sind, wird wohl kaum jemand bestreiten. Eigentlich kein Stoff also  f\u00fcr eine Spannungsgeschichte. Also hat Kriminalliteratur nichts mit Realit\u00e4t zu tun? Da habe ich meine Zweifel. Um als Geschichte packend zu sein, muss er schon glaubhaft und &#8222;echt&#8220; wirken. Wenn zwei Engel durchs Bild fliegen, dann mag das die Realit\u00e4t des Textes sein, mit meiner Leserwirklichkeit hat das nichts zu tun. Bleibt die Frage, was mit oft surrealen, absonderlichen, schr\u00e4gen Texten, wie zum Beispiel von Heinrich Steinfest, ist. \u00dcberzogene oder \u00fcberspitzte Darstellung von Realit\u00e4t im Text kann sehr wohl auf die Wirklichkeit des Lesers zur\u00fcckgreifen oder sie ihm erst dadurch verdeutlichen, Sinne und Verstand sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Bin ich damit ein &#8222;verklemmter&#8220; Krimileser, wie es <a href=\"http:\/\/www.anne-chaplet.de\" target=\"_blank\">Anne Chaplet<\/a> in ihrem Artikel <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/data\/2005\/03\/18\/612381.html\" target=\"_blank\">&#8222;Berichte aus dem prallen Leben&#8220; (Welt) <\/a>behauptet? Frau Chaplet schreibt:<br \/>\n<em><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Literatur bildet nicht Wirklichkeit ab, sonst w\u00e4re sie Kolportage. Sie verdichtet Realit\u00e4t, h\u00f6chstens. Vor allem kennt sie keinen Herrn &#8211; weshalb mir scheint, der Verweis auf die Realit\u00e4tsn\u00e4he eines Krimis ist nichts als der g\u00e4ngige Vorwand f\u00fcr den verklemmten Krimileser. Das Genre selbst hat ihn nicht n\u00f6tig. &#8222;<\/p><\/blockquote>\n<p><\/em><\/p>\n<p>\nKriminalliteratur hat also nichts mit der Wirklichkeit zu tun? Autoren und Autorinnen fristen lebensfern ein Dasein im Elfenbeinturm der hohen Literatur?  Woher nehmen sie ihre Figuren, ihre Geschichten, ihre Sprache? Wirklichkeit beeinflu\u00dft nicht? Ich kann es nicht glauben. <\/p>\n<p><strong>Mythos statt Wirklichkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Andererseits:  <a href=\"http:\/\/www.jerry-cotton.de\/\" target=\"_blank\"> Jerry Cotton<\/a> &#8211; als Figur in den Heftchenromanen &#8211; hat nicht unbedingt viel mit der Wirklichkeit eines Agenten des FBI zu tun. Dennoch hat es diese Figur zu einem Mythos geschafft &#8211; jenseits der Wirklichkeit. Auch ein <a href=\"http:\/\/www.crimelibrary.com\/serial_killers\/weird\/lecter\/1.html\" target=\"_blank\">Hannibal Lecter <\/a> ist deutlich \u00fcberzogener und k\u00fcnstlicher, als es wirkliche Serienm\u00f6rder sind. Auch er ein moderner Mythos &#8211; der eben vielleicht deshalb \u00fcberhaupt zum Mythos werden konnte,  weil er nichts oder nur wenig mit der Realit\u00e4t zu tun hat. In der Tat zeigt sich, dass viele gro\u00dfen Figuren der Kriminalliteratur ( zum Beispiel Sherlock Holmes, Miss Marple oder Sam Spade) kaum etwas mit realen Menschen zu tun hatten. K\u00fcnstlichkeit als Mittel zum Ruhm? Auch da habe ich meine Zweifel, denn viele dieser Figuren sind in ihrem Mythos gefangen und haben nur wenig mit meiner Lese- und Leserwirklichkeit zu tun. Sie sind, kurz gesagt, Pornografie f\u00fcr den geistigen Eskapismus. Das mag mal unterhaltend sein, doch wie bei den beliebten bunten Heftchen nutzt sich der <strong>Effekt<\/strong> schnell ab und neue Reize m\u00fcssen her. Das ist allenfalls Gebrauchsliteratur, die einen Zweck zu erf\u00fcllen hat. Anregung jenseits des kurzen Kicks oder Sch\u00e4rfung der Sinne findet so gut wie nicht statt. Die bed\u00fcrfen des Realit\u00e4tsbezugs &#8211; die Kriminalgeschichte muss auch etwas mit mir, meinem Leben zu tun haben &#8211; sonst kann sie nicht in mein Denken eingreifen oder meine Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, dass mir bislang egal oder schlicht unbekannt war. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich \u00e2\u20ac\u0153realit\u00e4tst\u00fcchtig&#8220;? \u00dcber den Realismusbegriff sind in den 80er und 90er Jahren Doktorarbeiten geschrieben worden, die schon damals ziemlich l\u00e4cherlich waren. Realit\u00e4t ist das, was in einem Text steht. Punkt. Wenn zwei Engel am Horizont fliegen und die Wei\u00dfw\u00fcrste nach Bier schmecken und Muckis machen, dann ist das halt die WIrklichkeit des Romans. 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