{"id":926,"date":"2008-01-17T11:00:09","date_gmt":"2008-01-17T10:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/926\/giwi-margwelaschwili-officer-pembry.html"},"modified":"2008-01-17T11:00:09","modified_gmt":"2008-01-17T10:00:09","slug":"giwi-margwelaschwili-officer-pembry","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=926","title":{"rendered":"&#8222;Es gibt keine Fiktion&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/officer_pembry.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Officer Pembry\"><strong>Giwi Margwelaschwili: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Officer Pembry<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Grenzg\u00e4nger haben der Kriminalliteratur oft gut getan. Der deutsch-georgische Autor Giwi Margwelaschwili ist ein Grenzg\u00e4nger in vielerlei Hinsicht: Er ist Schriftsteller, Philosoph und <a href=\"http:\/\/www.giwi-margwelaschwili.de\/ontotextologie.html\">&rarr; Ontotextologe<\/a>. In seiner Biografie, die ihren Lauf von Berlin, \u00fcber das sp\u00e4tere West- und Ost-Berlin bis hin nach Tiflis nahm, um 1990 wieder in Berlin anzukommen, spiegelt sich die wechselvolle europ\u00e4ische Geschichte wider. Als Autor ist Margwelaschwili ebenfalls mit verschiedenen literarischen Territorien vertraut. Grenzen \u00fcberschreitet er auch mit seinem Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Officer Pembry&#8220;<\/span>, eine literarisch-philosophische Science-Fiction- und Kriminalgeschichte,  in der Romanfiguren pl\u00f6tzlich viel lebendiger werden, als man es sonst von ihnen gewohnt ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Hundert Jahre \u00e2\u20ac\u201c sollte ich magisch oder m\u00e4rchenhaft davor setzen? &#8211; hundert Jahre sind vergangen, seit jener Roman erschien, der unserer Popkultur am Ende des 20. Jahrhunderts einen Serienm\u00f6rder zum Anhimmeln bescherte: Thomas Harris <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Das Schweigen der L\u00e4mmer&#8220;<\/span>. Nie waren Serienm\u00f6rder kl\u00fcger, begehrenswerter und schauriger als Dr. Hannibal Lecter. Nach hundert Jahren ist dieser romantische Ausflug ins Grau und Grauen der Seele nat\u00fcrlich l\u00e4ngst vergessen, w\u00e4re da nicht die prospektive Kriminalpolizei, kurz PKP, die sich um die Verhinderung von Verbrechen k\u00fcmmert, die vorzugsweise in Kriminalromanen \u00e2\u20ac\u201c wo auch sonst \u00e2\u20ac\u201c angek\u00fcndigt werden. Genau solche Verbrechen beschreibt <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Das Schweigen der L\u00e4mmer&#8220;<\/span>:  Zum Beispiel den Mord an Officer Pembry, der nun als Realperson das ausbaden soll, was sich Thomas Harris vor hundert Jahren ausgedacht hat. W\u00e4hrend des Abendessens, dass er zusammen mit seinem Kollegen Boyle dem H\u00e4ftling Dr. Lecter bringen soll, wird dieser \u00fcber beide herfallen und \u00e2\u20ac\u201c wir wissen es \u00e2\u20ac\u201c sie t\u00f6ten. Ein Mord zwischen zwei Buchdeckeln, der jetzt Wirklichkeit zu werden droht, w\u00e4re da nicht der Beamte Meinleser, der den bedauernswerten Pembry genau auf diese Szene vorzubereiten hat.<\/p>\n<p>Ein m\u00fchseliges Unterfangen, wie  Meinleser schnell herausfindet, den Pembry ist ein Angsthase und scheint dieser Aufgabe &#8211; denn vor der krimibibliologischen Parallelit\u00e4t gibt es kein Entrinnen &#8211; nicht gewachsen zu sein. So f\u00fchren Meinleser und Pembry lange Gespr\u00e4che, die zugleich die wundersch\u00f6n schr\u00e4gen Dialoge des Romans ausmachen. W\u00e4hrend die beiden also sprechen, vernimmt Meinleser immer lauter ein Raunen. &#8222;Er ist ein Esel&#8220; schallt es aus dem Buch und es wird klar, wer da mit ihm spricht: die Buchperson Pembry, die nat\u00fcrlich auch ein Interesse daran hat, dass seine Buchparallelit\u00e4t sich nicht in Realit\u00e4t verwandelt. Buchpersonen k\u00f6nnen, wer h\u00e4tte es gedacht, Kontakt zu ihren Lesern aufnehmen. So also verbindet sich die Buchperson Pembry gedanklich mit dem Beamten Meinleser um den armen, realen Pembry vor dem Tod zu retten. <\/p>\n<p><strong>Jenseits des Genres<\/strong><\/p>\n<p>Wie aber nur funktioniert das nur alles? Giwi Margwelaschwili, der hier als Ontotextologe spricht, entspinnt nicht nur eine spannende Handlung, er gibt ihr auch gleich die theoretischen Grundlagen bei. Drei Vermutungen h\u00e4lt er bereit: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Alle in der Welt entstandenen und entstehenden Kriminalromane haben \u00e2\u20ac\u201c weil sie die Mordf\u00e4lle immer als reale Geschehnisse ausgeben, also als solche, an denen so oder so Realpersonen beteiligt waren (sind) \u00e2\u20ac\u201c die Tendenz, zu Ontocodes f\u00fcr echte Realpersonen  und deren Lebensgeschichten zu werden. (&#8230;) Dann sind die Verfasser von Krimis \u00e2\u20ac\u201c weil ihre Fiktionen sich nach einer Zeit erwiesenerma\u00dfen in Faktizit\u00e4t verwandeln \u00e2\u20ac\u201c mit den alten Propheten gleichzusetzen und ihre Worte als entsprechende Vorwarnungen zu verstehen.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die zweite Vermutung lautet: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Oder man glaubt an keinen \u00dcbergang von Fiktion zur Faktizit\u00e4t, weil \u00e2\u20ac\u201c und dieser Gedanke dient hier als Begr\u00fcndung \u00e2\u20ac\u201c alle sogenannte Fiktion immer schon Faktizit\u00e4t, und zwar eine vorweggenommene, ist. Es gibt nichts absolut Fiktives, schon gar nicht in der Literatur.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Bleibt die dritte Vermutung: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Alle Verh\u00e4ltnisse, in die Menschen zueinander treten, sind trotz ihrer gro\u00dfen existenzthematischen Unterschiedlichkeit im Prinzip doch immer wieder dieselben.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Margwelaschwilis Figur Meinleser ist dieses alles zu philosophisch-spekulativ \u00e2\u20ac\u201c wie wohl so manchem Leser. Sein Augenmerk gilt vielmehr seiner Arbeit bei der PKP. F\u00fcr ihn sind die Bibliothekare, die all diese alten Kriminalf\u00e4lle aus den Bibliotheken hervorholen, viel wichtiger. Welchem Leser w\u00fcrde Meinleser da nicht aus der Seele sprechen? Eine Liebeserkl\u00e4rung an die Lekt\u00fcre, an die Fantasie und eine gro\u00dfe Hoffnung, dass Kriminalromane vielleicht auch noch in hundert Jahren gelesen werden. <\/p>\n<p>Doch vorher muss nat\u00fcrlich noch der arme, reale Pembry gerettet werden. Ob das gelingt, welche Tricks Romanfiguren sonst noch so auf Lager haben und warum man immer darauf achten sollte, an welcher Stelle man ein Buch zuklappt (oder auch zuschl\u00e4gt) \u00e2\u20ac\u201c alle Antworten gibt es in diesem wunderbar versponnen Bastard von Kriminalroman, der \u00fcber Genregrenzen hinaus eben auch eine Science-Fiction-Geschichte und eine philosophische Abhandlung \u00fcber die Macht des Lesens ist. Retrospektive Krimis \u00e2\u20ac\u201c das sind jene, bei denen die Polizei immer erst nach dem Mord, also zu sp\u00e4t, kommt \u00e2\u20ac\u201c liest man nach <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Officer Pembry&#8220;<\/span> auf jeden Fall mit andern Augen und Ohren, denn wenn man genau hinh\u00f6rt, vernimmt man vielleicht ein Raunen, dass aus den Seiten hervorkommt. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Giwi Margwelaschwili: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Officer Pembry<\/span><\/strong>. &#8211; Berlin : Verbrecher Verlag 2007<br \/>\nISBN 978-3-935843-90-4<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3935843909\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3935843909\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3935843909\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3935843909\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Links<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.giwi-margwelaschwili.de\/\">&rarr; Homepage von Giwi Margwelaschwili<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kulturkueche.de\/070910\/oktober07.htm\">&rarr; Portr\u00e4t bei kulturkueche.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Giwi Margwelaschwili: Officer Pembry Grenzg\u00e4nger haben der Kriminalliteratur oft gut getan. 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