{"id":95,"date":"2005-03-29T22:11:02","date_gmt":"2005-03-29T20:11:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/?p=95"},"modified":"2005-03-29T22:11:02","modified_gmt":"2005-03-29T20:11:02","slug":"labyrinth-der-masken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=95","title":{"rendered":"Kubanische Aufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/bilder\/lezama_pinera.jpg\" align=\"left\" hspace=\"5\"alt=\"Jos\u00e9 Lezama Lima und Virgilio Pinera 1974\" \/><strong>Leonardo Padura: Labyrinth der Masken<\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbTods\u00fcnde, gesellschaftlich sch\u00e4dliche Abnormit\u00e4t, psychische und physische Krankheit, nirgendwo auf der Welt ist es leicht, schwul zu sein, mein Freund, Herr Polizist, das kann ich Ihnen sagen. \u00ab<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.caiman.de\/cuba\/arenas\/arenasdt.shtml\" target=\"_blank\">Reinaldo Arenas<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.cubaheritage.com\/subs.asp?sID=92&#038;cID=3\" target=\"_blank\">Severo Sarduy<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.akademie-solitude.de\/projekte\/Lezama\/\" target=\"_blank\">Jos\u00e9 Lezama Lima<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.cubaliteraria.com\/autor\/virgilio_pinnera\/\" target=\"_blank\">Virgilio Pi&ntilde;era<\/a> d\u00fcrften bei uns in Deutschland nur wenigen Lesern und Leserinnen bekannt sein. Gemeinsam ist diesen vier Autoren, dass sie Kubaner und homosexuell waren. Das Foto links zeigt \u00fcbrigens Jos\u00e9 Lezama Lima zusammen mit Virgilio Pi&ntilde;era im Jahre 1974.  Jos\u00e9 Lezama Lima, der &#8222;Dicke&#8220;, wie er auch sp\u00f6ttisch genannt wurde, d\u00fcrfte wohl der bekannteste von den vier Autoren sein. Sein monumentaler Roman <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3518392085\/ludgerslesezeich\" target=\"_blank\">&#8222;Paradiso&#8220;<\/a>, ein barockes, wucherndes Sprachkunstwerk, wurde immerhin im Zuge des &#8222;Booms&#8220; lateinamerikanischer Literatur in den 1970er und 1980er Jahren ins Deutsche \u00fcbersetzt. Sein unvollendetes Werk <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3250104787\/ludgerslesezeich\" target=\"_blank\">&#8222;Oppiano Licario&#8220; <\/a>wurde erst im letzten Jahr den deutschsprachigen Lesern und Leserinnen in einer \u00dcbersetzung zug\u00e4nglich gemacht. <\/p>\n<p>Mit Reinaldo Arenas und Severo Sarduy d\u00fcrfte es da schon schlechter aussehen: Areanas hat vor allem in der schwulen Szene mit seiner w\u00fctenden Autobiographie <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3423129867\/ludgerslesezeich\" target=\"_blank\">&#8222;Bevor es Nacht wird&#8220;<\/a> f\u00fcr Furore gesorgt.  2000 wurde diese Biographie auch unter dem englischen Titel <a href=\"http:\/\/www.finelinefeatures.com\/sites\/bnfalls\/\" target=\"_blank\">&#8222;Before Night Falls&#8220;<\/a> verfilmt. Ein Film, in dem unter anderem <a href=\"http:\/\/www.artechock.de\/film\/text\/kritik\/b\/benafi.htm\" target=\"_blank\">Sean Penn und Johnny Depp<\/a> kurze Gastauftritte hatten und der bei Kritikern ein geteiltes Echo ausl\u00f6ste.  Severo Sarduy wurde ebenfalls eher in der schwulen Szene bekannt, als seine beiden Romane <a href=\"http:\/\/www.editiondia.de\/leseprobe\/kolibri1.html\" target=\"_blank\">&#8222;Kolibri&#8220;<\/a> und &#8222;Woher die S\u00e4nger sind&#8220; in der kleinen <a href=\"http:\/\/www.editiondia.de\/index.html\" target=\"_blank\">Edition di\u00e1<\/a> erschienen. Bereits 1968 wurde der Band &#8222;Bewegungen&#8220; mit Erz\u00e4hlungen Sarduys und  ein Jahr sp\u00e4ter &#8222;Flamenco&#8220;, eine Sammlung von Gedichten, ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><strong>Literarisches Denkmal<\/strong><\/p>\n<p>Richtig d\u00fcster ist es jedoch um den Autor Virgilio Pi&ntilde;era, laut Kennern der kubanischen Literatur einer der wichtigsten Dramatiker des Landes im 20. Jahrhundert, bestellt. Gerade mal sein Roman <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3518220357\/ludgerslesezeich\" target=\"_blank\">&#8222;Kleine Man\u00f6ver&#8220;<\/a> liegt in einer (vergriffenen) \u00dcbersetzung vor. Nun mag sich mancher fragen: Ja, und? Es gibt viele, vergessene Autoren und Autorinnen &#8211; erst recht aus Lateinamerika. Immerhin: Virgilio Pi&ntilde;era erh\u00e4lt durch den neusten Kriminalroman von Leonardo Padura ein St\u00fcck der Reputation zur\u00fcck, die er vermutlich verdient h\u00e4tte. Padura setzt seinem schwulen Landsmann in <strong>&#8222;Labyrinth der Masken&#8220;<\/strong> (span.: &#8222;M\u00e1scaras&#8220;) ein literarisches Denkmal und sp\u00fcrt haargenau den Repressionen nach, denen homosexuelle M\u00e4nner in Castros Kuba ausgesetzt waren und sind. <\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/www.blog.der-buecherfreund.de\/bilder\/labyrinth_der_masken.jpg\" align=\"right\" hspace=\"5\"alt=\"Labyrinth der Masken\" \/><br \/>\nPadura erz\u00e4hlt die Geschichte vom Mord an dem jungen Alexis Aray\u00e1n, Sohn eines hohen Diplomaten, der am 6. August, am Tag der Verkl\u00e4rung Jesu, im Stadtwald von Havanna erw\u00fcrgt aufgefunden wird. Aray\u00e1n ist als Frau, genauer gesagt als Electra verkleidet, eine Figur aus dem St\u00fcck &#8222;Electra Garrig\u00f3&#8220; von eben diesem Virgilio Pi&ntilde;era. In Aray\u00e1ns After finden die Ermittler zwei Geldst\u00fccke, die sie vor ein R\u00e4tsel stellen: Warum ermordet jemand einen schwulen Transvestiten und &#8222;bezahlt&#8220; ihn dann auf diese groteske Weise?<\/p>\n<p>Dem R\u00e4tsel nachsp\u00fcren muss der m\u00fcrrisch-melancholische Mario Conde, Lesern und Leserinnen bereits aus den ersten beiden B\u00e4nden von Paduras &#8222;Havanna-Quartett&#8220; &#8211; <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/329300315X\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">&#8222;Ein perfektes Leben&#8220;<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3293003222\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">&#8222;Handel der Gef\u00fchle&#8220;<\/a> &#8211; gut bekannt. Nach einer Schl\u00e4gerei ist Teniente Conde eigentlich strafversetzt, doch sein Chef, Mayor Antonio Rangel, hat zu wenig Personal, also  soll Conde, zusammen mit seinem Kumpel Sargento Palacios, den Fall m\u00f6glichst schnell l\u00f6sen. Keine leichte Aufgabe f\u00fcr den bekennenden Schwulen- und Tuntenhasser Conde. Weibische M\u00e4nner sind ihm zuwider, doch dummerweise spielen gleich zwei schwule M\u00e4nner eine wichtige Rolle bei der Ermittlung. Da ist zun\u00e4chst der Maler Salvador K., ein verheirateter Mann, der vermutlich eine Liebesbeziehung zu Alexis Aray\u00e1n unterhielt und nach einem ersten Verh\u00f6r durch Conde wie vom Erdboden verschwunden scheint. <\/p>\n<p><strong>Poetisches Portrait und politische Positionierung<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite, zentralere Figur ist jedoch der Dramaturg Alberto Marqu\u00e9s, das Alter Ego Virgilio Pi&ntilde;eras im Roman. Bei ihm hat der Ermordete zuletzt gewohnt und in ihm findet Mario Conde, der M\u00f6chtegern-Dichter, einen Lehrer. Zwar ist Conde der alternde Dichter zun\u00e4chst ein Gr\u00e4uel, aber im Laufe der Ermittlungen weckt Marqu\u00e9s in Conde erneut die Leidenschaft f\u00fcrs Schreiben und die Abneigung des Machos weicht der Erkenntnis, einen wunderbaren, respektablen und eigensinnigen Menschen getroffen zu haben. <\/p>\n<p>In R\u00fcckblenden &#8211; ein Kunstgriff, den Padura meisterlich beherrscht &#8211; erz\u00e4hlt Marqu\u00e9s von seinen bewegten Zeiten, als sein Stern als Dramaturg immer h\u00f6her stieg, er in Paris mit Jean Paul Satre und Simone de Beauvoir verkehrte und das anr\u00fcchige Nachtleben an der Seine genoss. Leider einmal zu viel, denn als ein schwuler Freund von Marqu\u00e9s bei einer n\u00e4chtlichen Orgie von der Polizei aufgegriffen wird, bekommt die kubanische Botschaft davon Wind. Kaum nach Havanna zur\u00fcckgekehrt, erf\u00e4hrt auch Marqu\u00e9s, wie die kubanischen Sozialisten mit &#8222;dekadenten, b\u00fcrgerlichen&#8220; Feinden der Arbeiterklasse umgeht: Seine Theatergruppe schlie\u00dft Marqu\u00e9s aus und er muss schlie\u00dflich Frondienst in einer Bibliothek leisten. Dennoch brechen die Repressionen nicht seinen Willen, Marqu\u00e9s schweigt und schreibt heimlich, wie er sp\u00e4ter Conde beichtet, weiter. <\/p>\n<p>Der Kriminalroman als aufkl\u00e4rerisches Instrument &#8211; bei Leonardo Padura funktioniert dies wunderbar. Nicht nur sein sehr poetisches Portrait des alternden Dichters Alberto Marqu\u00e9s respektive Virgilio Pi&ntilde;era verleihen diesem Kriminalroman Tiefe und Bedeutung. Es ist auch Paduras klarer und scharfer Blick auf die Unterdr\u00fcckung von &#8222;andersartigen&#8220; Menschen, von Au\u00dfenseitern in der sozialistischen Gesellschaft Kubas. Ein Kapitel, das gerne in der geschichtlichen Betrachtung vergessen wird, bei Padura bekommt es jedoch Gewicht, Aufmerksamkeit und eine wohltemperierte, durchdringende Stimme. Gerade die Homophobie eines Mario Condo lassen den Roman so real, so echt erscheinen, und seine Wandlung, sein Blick hinter die Fassaden der Transvestiten auf die Menschen machen diesen Roman zu einem bewegenden St\u00fcck Kriminalliteratur. In den geschminkten Gesichtern der Ausgesto\u00dfenen  und Verwunschenen spiegelt sich auf erschreckende, schmerzhafte Weise die Absurdit\u00e4t des kubanischen Machismo und die Menschenverachtung des sozialistischen Systems. Paduras Verdienst kann nicht hoch genug eingesch\u00e4tzt werden. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Leonardo Padura: Labyrinth der Masken<\/strong> : Das Havanna-Quartett \u00bbSommer\u00ab \/ Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Mit einem Nachwort von Thomas W\u00f6rtche.<br \/>\nZ\u00fcrich : Unionsverlag, 2005 <br \/>\nISBN 3-293-00323-0<br \/>\n(metro &#8211; Spannungsliteratur im Unionsverlag)<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3293003230\/ludgerslesezeich\/\" target=\"_blank\">\u00bb amazon.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2701&#038;type=text&#038;tnb=8&#038;pid=3293003230\" target=\"_blank\">\u00bb libri.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&#038;site=2176&#038;type=text&#038;tnb=3&#038;pid=3293003230\" target=\"_blank\">\u00bb buch24.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonardo Padura: Labyrinth der Masken \u00bbTods\u00fcnde, gesellschaftlich sch\u00e4dliche Abnormit\u00e4t, psychische und physische Krankheit, nirgendwo auf der Welt ist es leicht, schwul zu sein, mein Freund, Herr Polizist, das kann ich Ihnen sagen. \u00ab Reinaldo Arenas, Severo Sarduy, Jos\u00e9 Lezama Lima und Virgilio Pi&ntilde;era d\u00fcrften bei uns in Deutschland nur wenigen Lesern und Leserinnen bekannt sein. 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