{"id":953,"date":"2008-03-03T23:17:44","date_gmt":"2008-03-03T22:17:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/953\/frank-goehre-mo-der-lebensroman-des-friedrich-glauser.html"},"modified":"2008-03-03T23:17:44","modified_gmt":"2008-03-03T22:17:44","slug":"frank-goehre-mo-der-lebensroman-des-friedrich-glauser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=953","title":{"rendered":"Leben schreiben"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/mo_der_lebensroman_des_friedrich_glauser.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\" alt=\"Mo Der Lebensroman des Friedrich Glauser\"><strong>Frank G\u00f6hre: <span style=\"font-variant: small-caps;\">MO &#8211; Der Lebensroman des Friedrich Glauser<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Himbeersirups\u00e4tze. Manchmal ist es so ein Wort, das einem im Ged\u00e4chnis bleibt.  Ein Wort, das von Friedrich Glauser stammt oder stammen k\u00f6nnte. Der Hamburger Autor Frank G\u00f6hre l\u00e4sst es in seinem Lebensroman <span style=\"font-variant: small-caps;\"><strong>&#8222;MO&#8220;<\/strong><\/span> den Friedrich Glauser schreiben, in einer Tagebuchnotiz: <em>&#8222;Die Wettbewerbsjury, die meine Geschichte abgelehnt hat, pr\u00e4miert Himbeersirups\u00e4tze&#8230;&#8220;<\/em> Ob Glauser dies wirklich so geschrieben hat, k\u00f6nnte man  \u00fcberpr\u00fcfen, in seinen nachgelassenen Dokumenten, in seinen Briefen, in seinen Notizheften. Aber \u00fcberpr\u00fcfbare Texte, Fakten oder Nachweise sind f\u00fcr den Romanbiografen Frank G\u00f6hre gar nicht so entscheidend. G\u00f6hre begegnet Glauser nicht als literaturwissenschaftliches Objekt, wie zum Beispiel Gerhard Saner, dessen 1981 erschienene Biografie akribisch den Lebenslauf des Schweizers mit Geburtsort Wien nachzeichnet, sondern G\u00f6hre sieht in Glauser einen \u00e2\u20ac\u201c seinen &#8211; Zeitgenossen, einen Schriftstellerkollegen und vor allem einen Menschen, dem er sich literarisch ann\u00e4hert.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Notizen, Briefe, Erinnerungen \u00e2\u20ac\u201c Friedrich Glauser hat viele Dokumente hinterlassen, die \u00fcber sein Leben Auskunft geben und seine Biografie l\u00e4sst sich \u00e2\u20ac\u201c mit einigen L\u00fccken \u00e2\u20ac\u201c  recht gut nachvollziehen. Geburt in Wien, fr\u00fcher Tod der Mutter, Konflikte mit dem Vater, Aufenthalt im Landerziehungsheim, Selbstmordversuch, Drogen, Morphium, Entzug, Bekanntschaft mit Dadaisten, zahlreiche Beziehungen zu Frauen, Aufenthalt in verschiedenen Kliniken und Irrenh\u00e4usern, Fremdenlegion, schriftstellerische Erfolge, &#8222;Wachmeister Studer&#8220;. Dazu Lebensstationen unter anderem in Wien, Pre\u00dfburg, Genf, Z\u00fcrich, Mannheim, Gourrama, Paris, M\u00fcnsingen, Witzwil, Waldau, in der Bretagne und schlie\u00dflich Tod in Nervi bei Genua. Alles dies und mehr innerhalb von 42 Lebensjahren. Wie also k\u00f6nnte man sich als Biograf einem solchen intensiven Leben, mit vielen Tiefpunkten, mit psychischen Krisen, Abh\u00e4ngigkeiten und einer unglaublichen Lebenssucht n\u00e4hern? Frank G\u00f6hre findet in seiner Romanbiografie eine eigene, literarisch anspruchsvolle und sehr lesenswerte Antwort. Die reinen Fakten werden von ihm nicht verbogen, dienen als grobes Ger\u00fcst, bleiben aber Ausnahmen. G\u00f6hre erz\u00e4hlt das Leben des Friedrich Glauses chronologisch, vermeidet aber \u00e2\u20ac\u201c entgegen den \u00fcblichen Gepflogenheiten von Biografen &#8211; Jahreszahlen oder Daten. Dennoch ist man als Leser nie verloren, wei\u00df w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre jederzeit, im welchem Lebensstadium Frank G\u00f6hre den Menschen Glauser gerade begleitet. <\/p>\n<p><strong>Neugier und Wissen<\/strong><\/p>\n<p>Statt Zahlen verkn\u00fcpft G\u00f6hre in einer Collage Bilder, Dialoge, Atmosph\u00e4re, Tagebucheintr\u00e4ge, Tr\u00e4ume, Notizen, Krankenakten. Er bleibt immer nah am Original, bleibt immer nah an der Person, aber er nimmt sich die k\u00fcnstlerische Freiheit, Friedrich Glauser durch sich sprechen zu lassen. Ein wagemutiger Versuch der rundum gelingt, weil Frank G\u00f6hre ein kluger Kollege des Friedrich Glausers und ein Bruder im Geiste ist. Er findet klare, eindrucksvolle Bilder, durch die nach und nach ein Portr\u00e4t des Schriftstellers, des Morphiums\u00fcchtigen, des Liebhabers, des Sohnes, des psychisch Kranken entsteht. Ein Portr\u00e4t, das vielleicht nicht jedes literarische Geheimnis des Schweizer Autors l\u00fcftet, das nicht verzweifelt f\u00fcr jedes geschriebene Wort eine biografische Entsprechung oder Erkl\u00e4rung sucht \u00e2\u20ac\u201c das aber gerade dadurch dem Menschen Friedrich Glauser n\u00e4her kommt, als es eine faktenreiche Biografie je vermag. Andererseits widerspricht G\u00f6hres Glauser-Roman auch jenen, die einer reinen werkimanenten Analyse das Wort reden. Wer nicht zumindest den Versuch unternimmt dem Menschen Glauser ein wenig n\u00e4her zu kommen, dem wird sich auch dessen Werk, dem werden sich die Figur des Wachmeisters Studer, die Ereignisse in <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Gourrama&#8220;<\/span>, dem Roman aus der Fremdenlegion, oder die wundervollen Kriminalgeschichten wohl nicht g\u00e4nzlich erschlie\u00dfen. Glausers Leben und Werk sind eng mit einander verkn\u00fcpft, G\u00f6hre wei\u00dft noch einmal explizit am Ende seines Romans  lakonisch darauf hin. Das G\u00f6hre jenen schwierigen Spagat zwischen Fakten und Fiktion, zwischen langj\u00e4hrigem Wissen und frischer Neugier auf den Autor Glauser so m\u00fchelos und elegant schafft, ist eine gro\u00dfe, schriftstellerische Kunst. <\/p>\n<p>Wer Texte von Glauser kannte, der wird sie nach der Lekt\u00fcre von <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;MO&#8220;<\/span> sicher mit anderen Augen sehen und vermutlich auch noch einmal lesen wollen. Wem Glauser bislang nichts oder nur wenig sagt, dem bietet Frank G\u00f6hres Romanbiografie einen guten Einstieg in das Werk des Autors, der zu Recht als eine Leitfigur der deutschsprachigen Kriminalliteratur gilt. Kriminalliteratur, die angesichts der aktuellen, schaurig-schlechten Blut- und Busenthriller, der geschmacklosen Leichenschnippeleien und oberfl\u00e4chlichen Psychopornos fast schon vergessen scheint. Kriminalliteratur,  bei dem der Mensch, das menschliche Drama und die psychologische Figurenf\u00fchrung im Mittelpunkt steht. Und schlie\u00dflich Kriminalliteratur, die ohne Himbeersirups\u00e4tze auskommt. Noch eine Gemeinsamkeit: Himbeersirups\u00e4tze fehlen sowohl bei Friedrich Glauser als auch bei Frank G\u00f6hre. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Frank G\u00f6hre: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Mo : Der Lebensroman des Friedrich Glauser<\/span><\/strong>. &#8211; Bielefeld : Pendragon, 2008<br \/>\nISBN 978-3-86532-085-81<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3865320856\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3865320856\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3865320856\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3865320856\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a><\/p>\n<p>Link:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.frankgoehre.de\/\">&rarr; Frank G\u00f6hre &#8211; offizielle Homepage<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank G\u00f6hre: MO &#8211; Der Lebensroman des Friedrich Glauser Himbeersirups\u00e4tze. 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