{"id":972,"date":"2008-03-26T10:48:53","date_gmt":"2008-03-26T09:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/972\/treffsicher-in-der-gimmick-holle.html"},"modified":"2008-03-26T10:48:53","modified_gmt":"2008-03-26T09:48:53","slug":"christiane-geldmacher-hells-bells","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=972","title":{"rendered":"Treffsicher in der Gimmick-H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/hells_bells.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\" alt=\"Hells Bells\"><strong>Christiane Geldmacher (Hg.): <span style=\"font-variant: small-caps;\">Hell&#8217;s Bells<\/span> : Kriminalgeschichten<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Hells Bells&#8220; \u00e2\u20ac\u201c so nennt sich eine weibliche Coverband der Hardrockband AC\/DC. Die Ladys stammen alle aus Deutschland und tun das, was Coverbands so tun: Sie spielen die Lieder ihrer Vorbilder nach. <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Hell\u00e2\u20ac\u2122s Bells&#8220;<\/span> \u00e2\u20ac\u201c diesmal mit einem Apostroph \u00e2\u20ac\u201c nennt sich eine Anthologie von f\u00fcnfzehn deutschsprachigen Kriminalgeschichten, die von der Wiesbadener Autorin Christiane Geldmacher zusammen gestellt wurde. Und auch hier wird etwas nachgespielt \u00e2\u20ac\u201c gute Kriminalgeschichten. Literarische Eigenst\u00e4ndigkeit findet sich leider nur in einer der Geschichten \u00e2\u20ac\u201c die ist daf\u00fcr dann aber auch wirklich h\u00f6llisch gut. <\/p>\n<p>Die vierzehn anderen Geschichten hingegen bewegen sich irgendwo zwischen mehr oder weniger unterhaltsamen Klamauk, sprachlicher Spie\u00dfigkeit und &#8211; im schlimmsten Fall \u00e2\u20ac\u201c einem stilistischen Fegefeuer. &#8222;Suspense&#8220; sollen laut der Herausgeberin die Geschichten eigentlich bieten und zwar in dem Sinne, wie Patricia Highsmith diesen Begriff verwendete. Doch was hat die gro\u00dfe Dame der misanthropischen Kriminalliteratur unter &#8222;Suspense&#8220; verstanden? Ein Blick in ihren gleichnamigen Werkstattbericht zeigt auf, warum vierzehn der f\u00fcnfzehn Geschichten an diesem \u00e2\u20ac\u201c \u00fcberfrachteten &#8211; Anspruch scheitern.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Suspense-Stories sind Geschichten, in denen physische Gewaltanwendung und Gefahr drohen oder  tats\u00e4chlich stattfinden. Ein weiteres Charakteristikum der Suspense-Story liegt darin, da\u00df sie Unterhaltung \u00e2\u20ac\u201c meist in lebhaftem und oberfl\u00e4chlichen Sinne \u00e2\u20ac\u201c liefert.&#8220;<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser recht simplen Definition der Highsmith, die sie den US-amerikanischen Buchh\u00e4ndlern abgeschaut hat,  setzt Christiane Geldmacher \u00fcberfrachteten Existenzialismus entgegen: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die geschilderten Ereignisse verweisen auf komplexe Probleme, die weit \u00fcber die Geschichten hinausweisen. Was z\u00e4hlt, ist die immerw\u00e4hrende Frage: K\u00f6nnte mir das auch passieren oder Wie weit w\u00fcrde ich gehen?\u00e2\u20ac\u0153<\/em> <\/p><\/blockquote>\n<p>Lebhafte Oberfl\u00e4chlichkeit vs. existenzielle Fragen \u00e2\u20ac\u201c in diese Konflikt st\u00fcrzt sich mutig die Herausgeberin, wenn sie mit einem solchen Anspruch an die Zusammenstellung der Kurzgeschichten herangeht. Ein interessanter Ansatz \u00e2\u20ac\u201c w\u00fcrden die Geschichten denn tats\u00e4chlich \u00fcber sich hinausweisen. Genau das aber bleibt den meisten versagt. Fast alle Geschichten sind das, was die gute Pat &#8222;Masche&#8220;- oder &#8222;Gimmick&#8220;-Geschichten nannte.<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die Suspense-Kurzgeschichte kann (wie viele Krimis) auf einer &#8218;Masche&#8216; aufgebaut sein, einem Kniff bei der Flucht (von irgendwo), auf einer Information, die im allgemeinen nur \u00c4rzte, Juristen oder Astronauten bekannt ist und die den Laien erstaunt und am\u00fcsiert.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Es geht um kuriose Fakten, die einen Keim zu einer Geschichte bilden k\u00f6nnen. Das kann eben kurzweilig geschrieben werden \u00e2\u20ac\u201c bleibt aber in der Regel kaum l\u00e4nger im Ged\u00e4chtnis h\u00e4ngen und wirkt schon gar nicht \u00fcber eine Geschichte hinaus. Es geht hier \u00e2\u20ac\u201c \u00e4hnlich wie bei einem Witz \u00e2\u20ac\u201c um gut gesetzte Pointen und straffe Erz\u00e4hl\u00f6konomie. Treffsicher nannte man das fr\u00fcher.  Sabine Ludwigs <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Beutezug&#8220;<\/span>, in dem es um einen diebischen und m\u00f6rderischen Weihnachtsmann im Kaufhaus geht, ist so eine &#8222;Gimmick&#8220;-Geschichte. Auch Elke Schr\u00f6ders Verfolgungsstory <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Eine runde Sache&#8220;<\/span> z\u00e4hlt zu dieser Kategorie. Das ist am\u00fcsant \u00e2\u20ac\u201c mehr aber auch nicht. Man mag am Ende schmunzeln, Fragen nach der eigenen kriminellen Energie l\u00f6st so etwas aber wohl kaum aus. Zudem schrammen beide Geschichten dicht an Lese-D\u00e9j\u00e0-Vus vorbei. <\/p>\n<p><strong>Ein h\u00f6llisch guter Text<\/strong><\/p>\n<p>Noch deutlicher wird dies in Arthur Gordon Wolfs Serienkiller-Story <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Jack is back&#8220;<\/span>. In einer h\u00f6lzernen Prosa wird hier die langweilige Geschichte vom blutgierigen und mordenden Polizisten heruntergeleiert. Als sei dieses Motiv nicht schon sp\u00e4testens seit Agatha Christie ein alter Hut. Aber es geht noch schlimmer. Ausgerechnet die erste Geschichte des Bandes ist zugleich auch die schlechteste. Sebastian Spenglers Story <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Der Wald reicht bis ans Haus&#8220;<\/span> versucht sich in einer literarischen Spielerei, in dem der Erz\u00e4hler ein kleines Kind namens Mariah penetrant anspricht und vom fernen Vater erz\u00e4hlt, der irgendwo in den verschneiten W\u00e4ldern Kanadas seinem gef\u00e4hrlichen Job nach geht. Solche grausigen Schreib\u00fcbungen sollten lieber in unzug\u00e4nglichen Schubladen versteckt bleiben oder gleich im (elektronischen) Papierkorb landen. <\/p>\n<p>Dennoch darf man sich davon nicht abschrecken lassen. Wer weiterbl\u00e4ttert st\u00f6\u00dft auf die zweite Geschichte: Norbert Horsts wundervolle Einbrechergeschichte <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Nah&#8220;<\/span>. Hier ist sie, die kriminalistische H\u00f6lle. Denn Horsts Text schafft das, was den anderen Autorinnen und Autoren versagt bleibt: Sein knapp formulierter Text wird aus zwei Perspektiven \u00e2\u20ac\u201c Opfer und T\u00e4ter &#8211; erz\u00e4hlt und l\u00e4sst der Phantasie des Lesers gen\u00fcgend Raum, steuert dabei unerbittlich auf ein nervenaufreibendes Ende zu. Die hier geschilderte Bedrohung springt auf den Leser \u00fcber. Das ist eben nicht nur Suspense \u00e2\u20ac\u201c das ist kunstvoller Thrill, vorgetragen mit einer eigenen Stimme. Denn auch darauf hat schon die Highsmith hingewiesen: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;M\u00f6rder, Psychopathen, n\u00e4chtliche Herumstreuner; das sind alles alte H\u00fcte, wenn man nicht auf ganz neue Art dar\u00fcber schreibt.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Gegl\u00fcckt ist das bei <span style=\"font-variant: small-caps;\">&#8222;Hell&#8217;s Bells&#8220;<\/span> nur einem: Norbert Horst. Der Rest sind Coverversionen. <\/p>\n<blockquote><p>\n<strong>Christiane Geldmacher (Hg.): <span style=\"font-variant: small-caps;\">Hell&#8217;s Bells<\/span> : Kriminalgeschichten.<\/strong> &#8211; Leipzig : Poetenladen, 2008<br \/>\nISBN 978-3-940691-02-6<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/394069102X\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=394069102X\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=394069102X\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=394069102X\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christiane Geldmacher (Hg.): Hell&#8217;s Bells : Kriminalgeschichten &#8222;Hells Bells&#8220; \u00e2\u20ac\u201c so nennt sich eine weibliche Coverband der Hardrockband AC\/DC. 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