{"id":986,"date":"2008-04-13T14:42:08","date_gmt":"2008-04-13T12:42:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=986"},"modified":"2008-04-13T14:42:08","modified_gmt":"2008-04-13T12:42:08","slug":"alfred-hellmann-vor-den-hymnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=986","title":{"rendered":"Die Katalyse der Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/vor_den_hymnen.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Vor den Hymnen\"><strong>Alfred Hellmann: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Vor den Hymnen<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Nichts ist so wie es scheint. F\u00fcr Alfred Hellmanns aktuellen Kriminalroman <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Vor den Hymnen\u00e2\u20ac\u0153<\/span> gilt dies im besonderen Ma\u00dfe. Schon die Er\u00f6ffnungsszene des Buches ist eine eindringliche Illusion: Maskierte und bewaffnete M\u00e4nner stehen vor dem Haus von Leonard Gantas im Berliner Stadtteil Grunewald und bereiten offenbar eine Erst\u00fcrmung vor. Gantas, der sich im Haus aufh\u00e4lt,  betreibt ein kleines Textilunternehmen und steht vor dem Ruin. Seine Frau ist tot, sein Sohn soll die angeschlagene Firma demn\u00e4chst \u00fcbernehmen und Gantas selbst steht im Verdacht, vor einigen Jahren ein Kaufhaus erpresst zu haben. Vor Gericht konnte ihm die Tat zwar nie nachgewiesen werden, doch Gantas hat immer noch einen Vorrat der Tabletten, mit denen er damals Johannisbeersaft einer bestimmten Marke vergiften wollte \u00e2\u20ac\u201c oder vergiftet hat? Gantas selbst will jetzt die Konsequenzen ziehen und bereitet seinen Selbstmord vor. Dazu wird er allerdings nicht mehr kommen, denn einer der bewaffneten M\u00e4nner erschie\u00dft ihn, als Gantas mit einem Telefon in der Hand vor die Haust\u00fcr tritt. Was wie ein t\u00f6dlicher Fehler beim Einsatz eines Sondereinsatzkommandos der Polizei aussieht, entpuppt sich schon bald als kaltbl\u00fctig geplante Abrechnung.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAnhand einer packenden Ermittlung, bei der T\u00e4ter und Hinterm\u00e4nner nach und nach \u00fcberf\u00fchrt werden, unternimmt Alfred Hellmann spannende Abstecher in die bundesdeutsche Wirklichkeit. Seine Kommissare Viktor Land und Irina Heinrichs, die bei der Berliner Polizei mit der Aufkl\u00e4rung des Todes von Gantas beauftragt werden, entdecken bald, dass es offenbar jemand auf Kaufhaus- und Lebensmittelerpresser abgesehen hat. Wer in die Zeitungen schaut wei\u00df, dass zum Beispiel Aldi, Lidl oder Rewe in den letzten Jahren mindestens einmal Opfer solcher Erpresser wurden. Reale Vorg\u00e4nge, die Hellmann als Vorlage f\u00fcr  ein durchaus be\u00e4ngstigendes Bild nimmt: Wie viele dieser Erpressungen werden wirklich publik? Schlie\u00dflich kann eine Erpressung f\u00fcr einen Supermarkt oder einen Lebensmittelhersteller existenzbedrohend werden. Schweigen und Zahlen ist f\u00fcr die betroffenen Unternehmen oftmals die bessere Alternative. Und was, wenn es eine Versicherung g\u00e4be, die Firmen gegen die finanziellen Folgen solcher Erpressungen absichern w\u00fcrde? <\/p>\n<p>Dabei ist Epressung, so die Lesart von Hellmann, unter Kriminellen zu einer Art Volkssport geworden und entsprechend unterschiedlich sind auch die T\u00e4ter, die der Autor in seinem Roman pr\u00e4sentiert: Eine verarmte Million\u00e4rin, deren Verm\u00f6gen beim ersten Absturz der New Economy mit den Bach hinunter ging. Nun glaubt sie alles Recht der Welt zu haben, sich die verlorenen Millionen bei den gro\u00dfen Supermarktketten zur\u00fcckzuholen. Oder der vorbestrafte, kleine Gauner, der die Globalisierung und ihre Folgen als Kriegserkl\u00e4rung an den einfachen Mann versteht und meint, sich mit versteckten Bomben in Milcht\u00fcten wehren zu m\u00fcssen \u00e2\u20ac\u201c mit t\u00f6dlichen Folgen f\u00fcr ein kleines M\u00e4dchen. Da ist Leonard Gantas, der f\u00fcr seine angebliche Erpressung mit dem Tod bezahlt hat und noch eine ganze Reihe von weiteren F\u00e4llen in Dortmund, Hamburg und M\u00fcnchen.  Ein Muster l\u00e4sst sich erkennen, wonach offenbar mehrere M\u00e4nner eines angeblichen SEK die mutma\u00dflichen Erpresser bedrohen. Doch kaum haben Land und Heinrichs dieses Muster erkannt und nehmen den den allglatten Versicherungsmanager Johann Widera ins Visier, dessen Firma Superm\u00e4rkte und  Lebensmittelhersteller  gegen solche Erpressungsversuche finanziell absichert, wird ein dubioser Anwalt, der zu DDR-Zeiten ein Stasi-Spitzel war, ermordet. So recht will dieser Mord nicht ins Muster passen und den Kommissaren Land und Heinrichs wird klar, dass hier etwas gef\u00e4hrlich aus dem Ruder l\u00e4uft. Nicht zuletzt eine Spur, die bis zu einem Staatssekret\u00e4r im Innenministerium f\u00fchrt, sorgt f\u00fcr zus\u00e4tzliche Brisanz. <\/p>\n<p><strong>R\u00fcckbesinnung auf klassische Elemente<\/strong><\/p>\n<p>Kunstvoll bricht Alfred Hellmann bundesdeutsche Wirklichkeit auf einen spannenden Kriminalfall herunter, der nicht nur glaubw\u00fcrdig erz\u00e4hlt wird, sondern der auch durch eine ausget\u00fcfftelte Dramaturgie zu \u00fcberzeugen wei\u00df. Hellmann setzt seine Figuren gekonnt in Szene, portr\u00e4tiert sie kurz, aber eindringlich. So wird die einstige Sucht seines Kommissars Viktor Land zwar angerissen, dient aber lediglich zur genaueren Zeichnung des Charakters und wird gl\u00fccklicherweise vom Autor nicht in die Breite gew\u00e4lzt. Statt D\u00e4monen der Vergangenheit setzt Hellmann auf humorvolle Dialogfetzen, zum Beispiel \u00fcber die Qualen der Raucherentw\u00f6hnung. Seine Kommissare sind im klassischen Sinne endlich wieder das, was sie im Kriminalroman einst waren:  Katalysatoren der Kriminalhandlung und nicht der Nabel der erz\u00e4hlten Welt. Gerade viele deutsche Autoren haben das in den letzten Jahren vergessen oder schlicht nicht begriffen.  <\/p>\n<p>Figuren, Dialoge, Dramaturgie \u00e2\u20ac\u201c sie f\u00fcgen sich bei Hellmann zu einem kompakten und klugen St\u00fcck Kriminalliteratur, das zudem durch eine lakonische Erz\u00e4hlweise gl\u00e4nzt. Stilistisch und sprachlich zeigt sich der Autor auf der H\u00f6he der Zeit, gerade durch seine R\u00fcckbesinnung auf klassische, erz\u00e4hlerische Elemente des Kriminalromans. <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Vor den Hymnen\u00e2\u20ac\u0153<\/span> ist ein gelungener, deutscher Spannungs- und zugleich im besten Sinne auch ein Gesellschaftsroman. Ein Gesellschaftsroman, der ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, wie wir es etwa von so manchem  \u00e2\u20ac\u0153Soziokrimi\u00e2\u20ac\u0153 kennen. Ein Gesellschaftsroman, der vielmehr auf die Wirkung von erz\u00e4hlter Wirklichkeit setzt, die dank eines gewitzten Erz\u00e4hlers spannend unterh\u00e4lt. Die aber auch beunruhigt, verunsichert und verst\u00f6rt. Denn nach der Lekt\u00fcre von Hellmanns Roman wird man im Supermarkt  genauer hinsehen, ob die Milcht\u00fcte oder der Joghurtplastikbecher vielleicht eine Einstichstelle aufweist. Schlie\u00dflich ist nichts, wie es scheint. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Alfred Hellmann: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Vor den Hymnen<\/span>.<\/strong> &#8211; K\u00f6ln : Emons, 2008<br \/>\nISBN 978-3-89705-557-5<br \/>\n(Berlin Krimi)<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3897055570\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3897055570\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3897055570\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3897055570\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alfred Hellmann: Vor den Hymnen Nichts ist so wie es scheint. 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